Die Realität ist alternativlos – Welche Überzeugung könnte ich haben?

BLOG: WILD DUECK BLOG

Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
WILD DUECK BLOG

(Hab’ ich vor der Wahl für meine Homepage geschrieben – da wurde der Blog hier technisch umgestellt – ist aber zeitlos, oder?)

„Hallo? Ist da diese Londoner Kanzlei?“ – „Yes, ja, klar. Sie sind aus Deutschland? Brauchen Sie ein Gesetz?“ – „Nein, nein, nicht vor der Bundestagswahl. Stimmt es, dass Sie alle Gesetze für alle Länder in der Welt als Auftragswerk schreiben?“ – „Ja, schon. Wir leben davon. Wir beraten gründlich. Da wir alle Gesetze für alle Länder schreiben, können wir gut abkupfern. Da haben wir einen Vorteil. Eine Regierung kennt ja allenfalls die eigenen Landesgesetze, na, wahrscheinlich auch nicht. Die meisten Regierungen machen irgendetwas, dann schauen die Gerichte, ob es erlaubt ist. Ach, ich mache schon wieder Reklame für uns. Sind Sie von der Presse?“ – „Nein, ich will eine Parteiabsplitterung ausgründen. Ich weiß noch nicht, ob nach rechts oder links. Haben Sie da auch etwas? Ich meine, verkaufen Sie auch Visionen?“

„Hmmh, es kommt auf den Fall an, eigentlich machen wir das nicht, oder es ist geheim.“ – „Ja, natürlich soll es geheim sein. Ich zahle auch gut. Haben Sie auch die Parteiprogramme der jetzigen Parteien geschrieben?“ – „Das ist doch immer geheim!“ – „Ich meine es nur, weil die Programme alle so ähnlich aussehen, da können Sie doch auch abkupfern und verdienen sich eine goldene Nase?“ – „Ja, also, wissen Sie, es ist geheim. Wir arbeiten also für keine Partei, Sie verstehen mich?“ – „Ich möchte eine Vision, ist egal welche, ich will nur gewählt werden, geht das?“ – „Hmmh, es sind nur noch wenige mögliche Visionen im Angebot, die noch keiner hat. Wir empfehlen Visionen nicht mehr so stark. Sie sollten einfach vage auf die Mitte zielen, weil da die meisten Stimmen zu holen sind. Die Mitte jedes Volkes hat ganz schwammige Ansichten, die müssen Sie bedienen. Das empf… es ist geheim.“
„Wenn ich jetzt eine schwammige Vision haben möchte, wie gehe ich konkret vor?“ – „Sehen Sie, die Mitte ist heute in Deutschland gut attackiert. Ich erkläre es Ihnen. Deutschland ist christlich geprägt und leidet unter einem harten Arbeitsethos, das als himmelsöffnend gilt. Sie können also „christlich“ direkt als Vision nehmen oder in etwas weltlicherer Form als „sozial“. Ja, oder Sie betonen die „Freiheit“, aber die erwartet keiner mehr so arg, das ist schon dritte Wahl, da bekommen Sie kaum fünf Prozent, das empfehlen wir nicht. Die Christen kennen ja den Freitag als Fastentag, an dem man vorrangig fastet (genau das ist die Idee daran) – als erste Grundregel isst man kein Fleisch. Wer es pervers sieht, frisst sich am Freitag mit Pflanzen voll – es ist aber eigentlich das Fasten gemeint. Diese christliche Sitte kann man zum Beispiel als Veggie-Day ummodeln, das ist dann eine Art Wahlversprechen, dass man nur noch Pflanzen essen soll, aber nicht mehr fasten muss. Wir könnten etwas in dieser Art für Sie als neuartige Überzeugung designen.“ – „Haben Sie denn den Veggie-Day auch designt?“ – „Nein. Klares Dementi. Es ist geheim, alles ist geheim. Haben Sie selbst eine Idee? Die könnten wir Ihnen doch auch verkaufen, so wie bei den Gesetzen?“
„Ja, nein, ich weiß nicht. Vielleicht selbstfahrende Autos, die computergesteuert immer Vorfahrt haben, wenn ein Besserverdiener drinsitzt?“ – „Uiih, danke! Das ist eine gute Idee. Kaufen Sie die?“ – „Das ist doch meine eigene!“ – „Aber sie hat etwas mit ‚Leistung muss sich lohnen‘ zu tun, da kommen Sie anderen Parteien ins Gehege, da müssen wir noch hart dran arbeiten, wer jetzt welche Zielgruppe haben darf.“ – „Wieso?“ – „Na, Sie kämpfen dann um eine gleiche Zielgruppe, die ist schon verkau… das ist geheim.“
„Und wie viel kostet das?“ – „Wir bekomm… das ist geheim, äh, wir verlangen einen Anteil an den Staatsgeldern pro Stimme. Moment, da fällt mir ein: Wir haben noch eine Vision ‚rettet die kleinen Fische‘, wie wäre das?“
„Hmmh nein. Kleine Fische, Anwalt der Armen, die gehen dann nicht wählen, weil sie an Versprechungen nicht mehr glauben. Wie wäre es mit NSA? Ich könnte eine Partei gegen das Ausspionieren durch die NSA gründen, da komme ich möglicherweise locker über die 5-Prozent-Hürde.“ – „NEIN! LASSEN SIE DAS!“ – „Oh, sie echauffieren sich ja! Ist diese Überzeugung denn schon verkauft?“ – „Oh, dafür ist unsere Kanzlei zu klein. Da kann ich wütend werden, da kommen jetzt Leute ins Business, ich sage Ihnen, wo bleibt der Anstand! – Das bleibt nicht geheim, sagen ich Ihnen… Entschuldigung, ich zittere ein bisschen, Sie hätten nicht NSA sagen dürfen, da sind ja alle verwickelt und wir bekomm… Das ist geheim. Die Altparteien, ich meine… Ach…
Was wollte ich sagen? Genau, zur Hauptsache! Wollen Sie eine Farbe kaufen? Die Farbe ist bei einer Partei das Allerwichtigste. Daran erkennt man sie sofort und man muss nur halb so viel über Wahlplakate nachdenken, weil damit schon das meiste ausgefüllt werden kann. Schauen Sie, alle Parteien gehen den Weg, sich Teile der christlichen Grundüberzeugung zum Leitbild zu machen. Deshalb unterscheiden sie sich kaum, auch deshalb nicht, weil sie sich im Alltag dann nicht so genau daran halten. Aus diesen Gründen kommt der Farbe der Partei eine ganz überragende Rolle zu. Durch sie allein differenzieren sich die Parteien vollkommen eindeutig. Wenn die Wähler auf ein Plakat schauen, sehen sie meist schwarz oder rot, da ist gleich vollkommen klar, was es geschlagen hat. Es gibt noch Blau im Angebot, wollen Sie Blau?“

„Die blaue Partei ist doch beim Karneval in Köln!“ – „Düsseldorf, Mist, Sie wissen da etwas. Mist, Blau wird einfach nicht gekauft. Kommen Sie, nehmen Sie Blau. Nur Blau-Weiß geht nicht, Blau-Weiß ist derzeit top.“ – „Das liegt an der Maut! Die sind da im Süden vollkommen verrückt, sie glauben, sie können Maut für Fremde einführen und gewinnen die Wahl! Man könnte glauben, die sind echt überzeugt, dass das überhaupt geht. Oder kaufen die ein Gesetz bei Ihnen? Geht das? Ist diese Überzeugung einer Maut auch von Ihnen?“ – „Nein, bitte, Hilfe, nein, das ist geheim. Unter uns: So eine doofe Überzeugung würde uns Juristen hier im Traum nicht einfallen, das wird uns jetzt zum Vorwurf gemacht. Da ist jetzt eine Wahl mit einer unabgestimmten unbezahlten Amateurüberzeugung und mit eigenem Brustton gewonnen worden! Das gibt Ärger, weil das ganze Gewerbe darunter leidet, wenn es jemand ohne jede Beratung schaffen kann. Es ist ein Desaster. Ich meine, wir hier operieren international, da trifft es uns nicht so hart. Aber für normale Visionen wird es jetzt schwer. Ich denke, wegen dieses Wahlsieg-Gaus mit Eigenunsinn wird es wieder eine Hinwendung zu speziellen eigenen Überzeugungen kommen – wenigstens für ein paar Monate, bis sie damit scheitern. Es war eine Ausnahme!!“

„Kann ich denn nicht eine ganz kleine eigene Vision kaufen, wovon ich echt überzeugt bin?“ – „Warum wollen Sie so etwas?“ – „Sie ist viel billiger, oder?“ – „Hilfe, es ist dann doch eine Sonderanfertigung! Eine eigene Meinung! Einzelanfertigung! Kein Abkupfern! Eine eigene Meinung ist im Gegenteil ungeheuer viel teurer – was denken Sie denn! Sie müssen die Realität anerkennen!“

„Aber ich will als Marktlücke die Realität nicht anerkennen! Ich meine, das tun doch die jetzigen Parteien auch nicht. Sie zeigen sich Stinkefinger, dementieren bewiesene Altlasten oder fordern Ausländer-Maut. Ich nehme dann die NSA-Affäre, die erkennt ja auch nicht die Realität an.“ – „Hilfe, das wird zu teuer, das… das ist geheim! Verstehen Sie doch: Die Realität ist alternativlos. Wenn Sie davon fest überzeugt sind, gewinnen Sie.“

„Ich will doch zuerst nicht gewinnen, nur eine eigene Überzeugung haben – eine kleine ganz eigene, nur für den Anfang, es ist auch ein bisschen Eitelkeit dabei!“ – „Okay, da gibt es aber keine Staatszuschüsse. Dann sind Sie auch kein Kassenkunde. Dürfen wir Sie als Selbstzahler annehmen oder haben Sie eine Psycho-Versicherung?“

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

3 Kommentare

  1. Die Realität meint die Sachlichkeit, beides könnte konstruiert sein.

    Besser vielleicht: ‘Natur’, ‘Physik’ oder ‘Welt’.

    HTH
    Dr. W

  2. “Deutschland ist christlich geprägt und leidet unter einem harten Arbeitsethos, das als himmelsöffnend gilt. ”

    Wohl wahr…

    Schöne Satire , und erschreckend , daß es tatsächlich egal ist ,ob sie vor oder nach der Wahl geschrieben wird.

  3. Besser als die Realität ist die selbsterfüllende Vision. Besonders toll wird’s aber wenn das was von andern als Antirealität dargestellt wir die neue Geschäftsgrundlage ist.
    So berichtet SPON Bestätigung für Seehofer: Pkw-Maut ist mit europäischem Recht vereinbar.
    Seehofers Spinnerei, sogar von der Kanzlerin als unverhandelbar geoutet, erweist sich nun als EU-kompatibel. Das wirkt doch wie bestellt und lässt die vermeintlich Besserwissenden als nur schlecht vernetzt aussehen

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