Die Effizienz-Singularität

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Die Zukunftsforscher spekulieren seit längerer Zeit über die so genannte technologische Singularität. Sie stellen sich vor, dass Computer bald so sehr schlau werden, dass sie sich selbst neu weiterentwickeln. Sie warten dann nicht mehr auf menschliche Programmierer, sondern sie entwickeln ihre Programme selbstständig weiter.
Da wir die Computer vorher so programmieren, dass sie sich schneller selbst programmieren können als wir es vermögen – ach, das ist eigentlich klar, dass sie schneller sein werden – so wird sich die Weiterentwicklung der Computer so affenartig beschleunigen, dass wir dann im Vergleich zu den Computern so aussehen wie der Mensch zum Affen.
Über dieses Thema kann man kaum vernünftig diskutieren, es kommt ja geradlinig auf uns zu. Es hat keinen Sinn, dass Ob oder Warum zu besprechen. Die Zukunftsforscher schwelgen aber in ihren ganz kühnen Vorstellungen, um uns damit gehörig Angst zu machen. Sie rechnen damit, dass Angst in Bestellungen von Keynotes umgemünzt werden kann.
Also: Werden die Computer echt bald schlauer sein als wir? Auch schlauer als wir mit Abitur? Ich denke, sie sind auf dem Wege. Die ersten Pflegeroboter umkosen schon die schweren Demenzkranken…

Nach dieser Einstimmung komme ich schon nach einer halben Text Seite zum Punkt (loben Sie mich einmal): Ich glaube ja, dass die Computer, die sich noch nicht selbst weiterentwickeln können, im Gegenteil uns Menschen entwickeln! Ja, uns! Und zwar machen sie uns dümmer, damit wir in die schwarmdummen Geschäftsprozesse als eine Art Prozesssklave eingebunden werden können, ohne dass wir groß murren. Das habe ich schon an verschiedenen Stellen thematisiert – dass wir nämlich oft nur noch Flachbildschirmrückseitenberater oder –bediener sind, und dabei eigentlich nur den Anweisungen des Computers folgen. Das nämlich ist das Ziel der Computer – egal, ob es ihre eigene Absicht ist oder die der BWLer dahinter – sie wollen uns in ihren Dienst stellen. Und dazu müssen wir natürlich am besten auf einer niedrigeren Stufe stehen als sie selbst. Daher automatisieren sie uns halbwegs in Prozesse hinein und vermeiden es dadurch, dass wir irgendwelche Talente oder Begabungen einsetzen müssen. Die stören in den Prozessen, weil sie nicht gut kalkulierbar sind und zu unterschiedlichen (!) Ergebnissen führen. Das ist ärgerlich. Stellen Sie sich vor, sie gehen bei derselben Bank in zehn verschiedene Filialen, lassen sich beraten und bekommen echt zehn verschiedene Ergebnisse! So etwas gefällt Computern nicht und Ihnen wahrscheinlich auch nicht so ganz. Der menschliche Faktor muss raus – der Computer macht aus uns einen schlechteren Computer als er es selbst ist.

In dem Augenblick, in dem der Computer damit Erfolg gehabt hat, sage ich: Jetzt ist der Zeitpunkt der Effizienz-Singularität eingetreten. Natürlich tritt er nicht für alle Menschen gleichzeitig ein, weil sich manche noch sträuben und sich diszipliniert weiterbilden anstatt sich den Prozessen zu fügen. Wir sollten vielleicht einmal nachmessen, für wie viel Prozent der Menschen eines Landes die Effizienz-Singularität schon eingetreten ist.
Da frage ich mich: Wie groß darf der Effizienz-Singularitätsgrad sein? Wie hoch wollen wir ihn? Sollten wir darüber demokratisch abstimmen? Dürfen da alle mitmachen oder nur die, für die die Singularität noch nicht eintrat? Was passiert mit Politikern oder Managern, bei denen sie eintrat? Diese werden wahrscheinlich vorschlagen, dass der Effizienz-Singularitätsgrad höchstens 60 Prozent des Bruttoinlandspersonals sein darf und nicht um mehr als 3 Prozent wachsen sollte, wegen der Inflation der Computer nach dem Mooreschen Gesetz.
Die Mathematik zu dem allen ist ja schon sauber entwickelt, nämlich bei den Schulden. Da funktioniert das Zählen dessen, was bekannt ist, schon ganz gut. Wenn wir also den Effizienz-Singularitätsgrad messen, können wir zugucken, wie er steigt. Wie bei den Schulden.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

16 Kommentare

  1. Gunter Dueck schrieb (4. Juni 2015):
    > dass die Computer, die sich noch nicht selbst weiterentwickeln können, im Gegenteil uns Menschen entwickeln! Ja, uns! Und zwar machen sie uns dümmer […]

    Alle Computer?
    Oder zumindest mit Ausnahme solcher (Computer), die in ihrem jeweiligen SciLog schon nach ungefähr einer halben Textseite zum Thema kämen und (credit where credit is due) der geneigten Leserschaft schnurstracks die (singuläre) Russelsche Friseur-Totengräber-Symbiose vor Augen führten? …

  2. “Das nämlich ist das Ziel der Computer –…sie wollen uns in ihren Dienst stellen. Und dazu müssen wir natürlich am besten auf einer niedrigeren Stufe stehen als sie selbst. ”

    Das war ja schon immer das Ziel der Maschinen. Es schien zu Beginn der Fliessbandära schon beinahe erreicht. Es kam anders. Vielleicht klapps ja bei einem der nächsten Anläuf.
    😉

    “Wie groß darf der Effizienz-Singularitätsgrad sein?”
    Ist ja wieder was für Mathematiker. Jedenfalls proportional zu einem gesetzlich garantierten bedingungslosen Grundeinkommen für alle?

  3. Eine Studie zeigt, dass Menschen ganz gern Instruktionen von einem Roboter entgegennehmen Die Voraussetzungen für die Effizienz-Singularität sind also bei vielen schon da. Detaillierter geht der BBC-Artikel Are we too see the rise of robot bosses? darauf ein, der auch Beispiel aus der heutigen Praxis aufführt wie: “In some warehouse jobs, workers are kept to a timetable by a handheld device which counts down the time they have to complete a task (Rex Features)””

    The writer Mac McClelland, for example, recently described her time spent working in an online retailer’s warehouse. Each worker was given a handset that told them where to go in the warehouse to pick up an item to prepare it for delivery. McClelland told how the handset would count down how many seconds she had to reach her destination, as well as tracking her underperformance if she overran its timing. While a human boss was ultimately responsible for her line management, for most of the day, it was the machine that was in charge.

    Im gerade zitierten Beispiel ist der Roboter noch der Unteroffizier eines menschlichen Bosses. Doch das ist womöglich nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zum Roboter als Boss und Entscheider generell und auf allen Stufen. Menschen werden dann vom Entscheiden und Denken entlastet und damit auch von der Verantwortung befreit. Sie können dann ein besseres Leben führen weil sei durchs Leben geleitet werden.

    Vielleicht ist ja etwas daran, dass Menschen die besseren Roboter und Roboter die besseren Menschen sind und irgendwann steht uns allen ein Rollenwechsel bevor.

  4. Letztlich läuft es wohl auf das uralte Spiel raus , wie überlebensfähig eine Gesellschaft ist , ob mit intelligenten Maschinen oder ohne.
    Die Frage ist schon richtig gestellt und trifft den Kern der heutigen Zeit , wieviele Menschen (und später vielleicht auch Maschinen ) verträgt eine Gesellschaft , die bereit sind , sich “den Prozessen zu fügen” , wobei immer diejenigen die größte Modernität behaupten , die gerade den Zeitgeist hinter sich glauben , unabhängig von der Realität.
    Je mehr in dieselbe Richtung rennen und je schneller sie es tun , desto näher ist der Exitus.

  5. Lucy und so, Chappie nicht zu vergessen etc. – insgesamt scheint die sogenannte Singularität aus Sicht des Schreibers dieser Zeilen und primatenseits oft “nicht wirklich” durchdacht als Abstraktum.
    SciFi-Leser wissen hier mehr, bspw. dass eine derartige “Singularität” einen Willen benötigt, oder dass Welten Welten gebären könn(t)en, dass vielleicht diese Welt eine gedachte Welt, als eine Art Singularität, ist, etc.

    • Zitat: “dass eine derartige “Singularität” einen Willen benötigt, ” Nein, Roboter und KI’s erlangen einen Eigenwillen in der Singularität. die Singularität selber ist nur der Name für den Zustand, der sich ergibt, wenn Maschinen zu den eigentlichen Akteuren werden.
      Eine solche Singularität muss aber nicht zur Konfrontation zwischen Mensch und Maschine führen. Auch eine Koexistenz ist möglich. Schliesslich koexistieren wir Menschen ja auch mit Ameisen. Solange uns die Ameisen nicht zu lästig werden lassen wir sie leben. Ebenso könnten superintelligente Maschinen uns Menschen links liegen lassen, solange wir ihnen nicht in die Quere kommen.

      • Das Zu-Den-Eigentlichen-Akteuren-Werden benötigt offensichtlich einen Willen, ohne Willen handelt es sich schlecht.

        So ein Wille ist zudem schwer zu definieren, im wissenschaftlichen Kontext könnte mit der sogenannten Singularität die Eigenschaft von Maschinen gemeint sein bestimmte Entwicklung selbst zu betreiben, bspw. ihre Replikation und Aufgabeneffizienz betreffend, wobei hier irgendwie eine Art Wille [1] entstehen könnte.

        Die Borg von Star Trek scheinen gar nicht so schlecht konzipiert in diesem Sinne, sie haben aber einen Willen entwickelt; wie das geht, erklärt ST natürlich nicht.
        Ansonsten könnte sich zukünftig “singuläre” Maschinerie vielleicht so vorgestellt werden, wie die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten selbst “handeln”, die Maschinerie wird da sein und womöglich nicht mehr von erkennenden Subjekten direkt steuerbar.

        MFG
        Dr. W

        [1]
        Also in etwa so wie der Apfel auf den Erdboden fallen “will”. – Erkenntnisphilosophisch interessant die Frage: Was will die Welt (außer walten)?

  6. “Da wir die Computer vorher so programmieren, dass sie sich schneller selbst programmieren können als wir es vermögen – ach, das ist eigentlich klar, dass sie schneller sein werden – so wird sich die Weiterentwicklung …”

    – SO wird Mensch / der Sinn / der Ursprung / der Geist des Lebens zur absoluten Absurdität, des nun “freiheitlichen” Wettbewerbs um …!? 🙂

  7. Sehr geehrter Herr Dueck, ich habe Ihren Begriff der Effizienz-Singularität, ich bezeichne die mal mit /es/, nicht richtig verstanden, meinten Sie, wenn ich mich dem Willen aller Rechner füge, die mir heute begegnen (ich nummeriere die mal durch von i=1…n), dann ist die es(n)=1? Aber am nächsten Tag, wenn die Rechner mein Geld ausgegeben haben und ich mich geärgert habe, und ich nun die Software aller dieser n Rechner von gestern modifiziere, so dass ich mein Geld wiederbekomme, ist es dann es(n)=-1?

  8. @alexander II: Ich wollte nur zart andeuten, dass die Ingenieure dabei sind, den Computer überlegen zu machen und die BWLer mit dem Versuch, den Menschen unterlegen zu machen, schneller dran sind!

    • ja, wär doch schön, wenn wir das “sauber entwickeln” könnten. Dann verstünden wir es mit allen Einflussfaktoren und asymptotischer Entwicklung, dann könnten wir es dauernd messen, bei uns und den Computern, wir könnten es beeinflussen und schließlich könnten wir mit Mathematik vielleicht doch schlauer sein als alle Software?

    • Ich würde gern die Gelegenheit hier nutzen, um den Begriff /Singularität/ zu hinterfragen. Auf keinen Fall will ich den Artikel oder der Autor Gunter Dueck in Frage stellen; ich komme aus einem ähnlichen Fachgebiet und da hat der Begriff eine ganz andere Bedeutung – und das ist mir aufgefallen und diese Bedeutung erlaube ich mir anzusprechen in der Hoffnung auf einen Erkenntnisgewinn.

      Von einer Singularität sprechen Astrophysiker, wenn sich die Raum-Zeit unbegrenzt “aufwirft”: “The beginning of a singularilty is a place where the warping of space and time grows without bound. Where space warps and time warps become infenitely strong”, schreibt Kip Thorne in dem populärwissenschaftlichen Buch /The Science of Interstellar/. Er und Stephen Hwaking haben den Begriff für das Zentrum des Urknalls und Schwarze Löcher wesentlich geprägt. Dabei gründen sich ihre Worte auf die (mathematische) Katastrophentheorie. Diese beschreibt diffenzierbare Mannigfaltigkeiten, die an einigen, singulär genannten Stellen nicht differenzierbare Punkte oder Kurven oder Durchdringungen hat. Das wurde von René Thom wesentlich entwickelt, er erhielt dafür die Fieldsmedaille.

      Ja, und bei den von Gunter Dueck beschriebenen Vorgängen finde ich zwei Aspekte:

      Wenn wir die Aktionen, die auf einen Menschen einströmen, nach ihrer Herkunft und ihrer Auswirkung bewerten, dann haben wir – einfach gesagt – m Einflüsse von Menschen für eine feste Zeit, nehmen wir mal einen Tag. Diese rufen Reaktionen hervor: Geld ausgeben oder Zeit damit verbringen, und wenn ich m mit diesen Dingen wichte, also mit entsprechenden Gewichten multipliziere, so sei das M. Dann gibt es das Gleiche computergeneriert mit c und C und Nichtklassifierbar o. verschleiert mit n und N. Da meine Zeit und mein Geld endlich sind, sind das immer diskrete, beschränkte Zahlen.

      m+c+n

      ist die Summe der Ereignisse auf mich an einem Tag,

      M+C+N

      ist die (gewichtete) Summe der Reaktionen von mir darauf.

      1. Aspekt: Im Laufe der Zeit wird die Summe der Ereignisse auf mich immer größer, so dass ich es nicht mehr schaffe. Aber sie bleibt natürlich endlich. Wir können dann wegen der Diskretheit keine differenzierbare Funktion aufschreiben und eine Singularität feststellen, es wird einfach eine Schmerzgrenze S geben, bei der ein kritisches Verhalten meinerseits auftritt:

      m+c+n=S

      2. Aspekt: Im Laufe der Zeit wird der Anteil von C und N immer größer werden sowohl relativ als auch absolut, es wird eine kritische Größe

      K_abs = M+C+N

      geben, die mich überfordert und eine kritische Größe

      K_rel = M/K_abs,

      die klein wird, so dass ich unmotiviert werde, weil ich nicht mehr mit Menschen sinnvoll kommuniziere.

      Das würde ich aber nicht Singularität nennen. Das sind nur kritische Größen, die man messen kann und für Leute mit vergleichbaren Tätigkeiten, wie dem von Martin Holzherr/Mac McClelland erwähnten Arbeiter eines Kaufhauses im Mittel bestimmen kann.

      Wird K_rel=0 und K_abs>>1 in allen Wertschöpfungsketten einer Wirtschaft, dann kann schon etwas Entscheidendes passieren…

    • Wikipedia, hm?

      “In den 80er Jahren begann der Mathematiker und Autor Vernor Vinge von einer Singularität zu sprechen, 1993 veröffentlichte er seine Ideen in dem Artikel Technological Singularity.[6] Daraus stammt auch die häufig zitierte Prognose, dass wir „innerhalb von 30 Jahren über die technologischen Mittel verfügen werden, um übermenschliche Intelligenz zu schaffen. Wenig später ist die Ära der Menschen beendet.“

      2023 ist die Menschheit zuende? Ich wollte gerne an diesem Blog teilnehmen, Wikipedia verbessern, wozu ich viel Zeit brauche, KI verstehen und forcieren und und und, aber ich hab nur noch 8 Jahre? Halten Sie das für seriös?

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