Die Besichtigung der Melone

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Neulich mussten wir wieder vor der Besichtigung einer kleineren Ein-Minuten-Sehenswürdigkeit eine gute halbe Stunde räumlich vor ihr in der stechenden Sonne eine trockene Erklärung eines verfalteten Reiseführers aushalten. Der zählte unglaublich schnell Fakten in feinster Sprache auf und blickte dabei die ganze Zeit nach unten. Daraus kann man schließen, dass er sicher ein früherer Professor war! Bestimmt hatte der nach der Emeritierung den Job angenommen, über sein Gebiet sprechen zu dürfen, diesmal gegen Vorauszahlung. Er hatte die komplette Sehenswürdigkeit, die wir eigentlich sehen wollten, ganz im Kopf – er gab uns nur den Rest. 

„Hier in diesem Landstrich werden die allergrößten Melonen gezüchtet. Es freut mich sehr, dass Sie sich alle für dieses Wissensgebiet interessieren und sich extra für diese Führung entschieden haben. Es ist nicht leicht, sich auf Melonen zu konzentrieren, wenn man am Tag vorher einen Dom besichtigen musste. Alle Achtung, was Sie in diesen Tagen auf sich nehmen!

Wir stehen hier vor dem kleinen Museum. Leider passt diese Gruppe gerade noch so hinein, so dass wir uns wegen der vielen anderen Gruppen, die die Riesenmelone ebenfalls sehen möchten, nur eine kleine Zeitscheibe sichern konnten, für die Sie diese horrende Eintrittssumme zahlen mussten. Ich habe gute Beziehungen zum Museum, so dass wir wahrscheinlich kurz nach Mittag hineinkönnen, vielleicht schon um zwei Uhr. Es war deshalb gut, dass wir um vier Uhr morgens aufgestanden sind und fast als erste hier waren. Melonen wachsen auf Feldern und brauchen viel Wasser und Sonne. Deshalb stehen wir hier ganz ohne Schatten und erleben hautnah die natürlichen Lebensbedingungen der Melone. Das Wasser können Sie gegen Vorlage von Kreditkarten erwerben, außer Visa, Amex und Master, die zu hohe Gebühren nehmen. Heute ist es sehr, sehr heiß. Ich bin froh, dass ich Ihnen unser Land unter vollkommen echten Bedingungen zeigen kann. Sie werden sehr schwitzen, weil Sie das nicht gewohnt sind. Ich finde es heute ganz normal. Sehen Sie? Mir geht es gut. Sie sollten es ebenso machen. Wir haben noch einige Stunden Zeit. Ich bin bereit, Ihnen solange etwas über die Melone zu erzählen. Die Melone ist eine Pflanze. Sie gehört zu den Kürbisgewächsen. Das ist eigentlich nicht schwer zu begreifen, weil Kürbisse ebenfalls sehr groß sind.

Es gibt aber einen Unterschied. Kürbisse sind ganz sicher ein Gemüse und bestimmt kein Obst. Melonen sind aber für die meisten Menschen kein Gemüse, sondern Obst. Genau genommen sind Melonen auch nicht wirklich Obst, sondern etwas anderes, etwas Drittes. Wissenschaftler haben schon hunderte Studien darüber verfasst, was Melonen nun eigentlich sind. Biologisch sind sie Gemüse, dann aber dürfte man sie nicht zum Nachtisch essen. Was ist richtig? Ich will Ihnen die ganze verzwickte Geschichte heute erzählen. Sie werden mich danach fragen, auf welche Seite ich mich selbst stelle. Ist sie Obst oder Gemüse? Ich meine: Eine Melone ist eine Melone. Sie ist die einzige Pflanze, die nur sie selbst ist. Deshalb habe ich mich ganz den Melonen verschrieben.

Ich lebe ja von Ihnen, ich meine von ihnen! Kehren wir zu den Melonen zurück. Sie denken wahrscheinlich bei Melonen immer an die dicken grünen. Aber es gibt eine unabsehbare Artenvielfalt unter den Melonen. Ich selbst kenne über 300 verschiedene Arten. Es gibt wasserreiche und auch süße, zum Beispiel die Zuckermelone. Die ist aber eigentlich schon nicht mehr ein Kürbis, sondern eher eine Gurke. Sie sehen, die Forschung ist noch nicht sehr weit gekommen. Gurken sind auch ein Gemüse, Zuckermelonen aber ganz sicher nicht. Sie sehen, es ist ganz verwickelt.

Die Melone wurde vor einigen Jahrhunderten aus Afrika eingeführt, über die Jahreszahl wird noch gestritten. Die damaligen Früchte waren noch beerenmäßig klein und können aus heutiger Sicht gar nicht als Melonen gelten. Der berühmte Wissenschaftler Waxby datiert die Erfindung der Melone mit 1715 in England, das Standardwerk von Sombon weist Spuren schon 1642 in Frankreich nach. Hunderte Studien konnten aber heute keinen Zusammenhang mit den damaligen Behauptungen herstellen, es stimmt also nichts, gibt aber einen guten Anhalt. Es könnte auch sein, dass man die erste Melone für den Gral gehalten hat, weil sie ganz aus Wasser besteht. Dann wäre die Melone fast schon urgeschichtlich. Da es den Gral wissenschaftlich nicht gibt, können wir eine solche Annahme nicht durchhalten, denn dann gäbe es ja auch wissenschaftlich gesehen keine Melonen, aber es gibt ja tatsächlich welche.

Hier im Museum vor Ihnen wird die berühmte Riesenmelone von 1740 gezeigt, die neben einem Abwasserkanal in Süditalien gefunden wurde und für damalige Verhältnisse ungeheuer groß war. Sie wurde damals in einer Lake konserviert und später von Napoleon erbeutet. Unter großen Wirren, die ich seit Jahrzehnten als Historiker zu klären versuche, gelangte sie in dieses Museum. Sie schwimmt in einem großen Bassin von Alkohol, Zucker und wahrscheinlich Rizinusöl. Die Mischung ist geheim und wird seit Jahrhunderten von Mönchen immer gleich hergestellt und nachts erneuert. Es kann sein, dass Soldaten von Napoleon aus Durst von der Mischung tranken und deshalb während der Schlacht bei Waterloo, Sie wissen schon, vom Kämpfen die Nase voll hatten. Damit schreibt diese Melone höchstwahrscheinlich Weltgeschichte.

Leider verdarb sie über die Jahrzehnte, weil niemand ihren Wert erkannte. Sie verfiel. Melonen bestehen zu fast 95 Prozent aus Wasser und nur zu einem Prozent aus Fasern. Diese Fasern sind noch erhalten oder wurden behutsam von Historikern durch gleichwertige ersetzt. Wir haben aus wissenschaftlichem Stolz heraus nicht versucht, sie genau zu rekonstruieren, weil wir diese Melone nicht unnatürlich verfälschen wollten. Sie sehen sie jetzt gleich in einem Naturzustand, wie sie wäre, wenn man sie damals 1740 eine Woche lang hätte verfaulen lassen. Wir freuen uns sehr, sie nach so langer Zeit noch in diesem guten Zustand gegen hohen Eintritt zeigen zu können. Neben der Fasermasse in der Flüssigkeit hängt ein zeitgenössisches Ölbild, das eine Melone so zeigt, wie man sie damals kannte. Es stellt wahrscheinlich nicht die hier ausgestellte Original-Riesenmelone dar. Aber das macht nichts, Sie sehen auf dem Bild im Museum historisch genau, wie Melonen damals aussahen, nämlich rund und grün.

Der heute verfaulten Melone werden beträchtliche Heil- und Insektenvernichtungskräfte zugeschrieben. Große Rizinusölhersteller und Melissengeistkonzerne gehören zu den Sponsoren des hiesigen Klosters. Sie können sich schon heute hier im ausliegenden Buch als Freund der Melone eintragen und erhalten von Zeit zu Zeit Angebote mit Echtheitsrabatt. Wenn Sie den zehnfachen Preis zahlen, gibt es eine Gratisurkunde mit den amtlich bestätigten Phosphor- und Harnsäuregehalten dazu. Ich habe im Museum heimlich ein bisschen von der weißgelblichen Lagerflüssigkeit abgezapft und verkaufe sie Ihnen in Probesprühern zu 5 Milliliter. Sie kosten 29 Euro. Ich bitte Sie um 30 Euro, damit wir beim Wechseln keine Probleme bekommen und ich dadurch auch ein kleines bisschen dabei verdiene. Im Grunde könnten wir dann schon gehen. Es ist viel zu heiß und wir müssten noch lange warten.

Ein benachbartes Restaurant hier in der Nähe bietet frische Melonen zusammen mit einer Diashow an, wo Sie ganz ohne Hitze und Faulgeruch alles anschauen können. Ich bekomme ein Bestechungsgeld, wenn ich Sie dahin führe. Es ist dieselbe Regelung wie gestern, als wir den dunklen Dombesuch durch Postkartenkaufen ersetzten und so Zeit für Latte Espresso in einer befreundeten Cafeteria herausschinden konnten. Ich verstehe nicht, warum Sie so anstrengende Reisen im Voraus bezahlen.

Sonst würden wir uns als Reiseleiter noch einen Clou einfallen lassen müssen, eine Schlusspointe, einen Gag, etwas zum Freuen! Aber so lassen wir Sie nur in der Hitze schmoren, so dass Sie jede noch so beliebige Geschichte dämmernd hinnehmen. Ich weiß, dass ich auch jetzt zu lange geredet habe. Wenn ich zu kurz und schlecht rede, nehmen Sie es mir übel. Bin ich schlecht und zu lang, sind Sie erleichtert, wenn ich aufhöre. Das ist positive Emotion pur. So üben wir Reiseleiter das alle in vielen Rhetorik-Seminaren, um professionell zu bleiben. Ich danke Ihnen für heute Morgen. Ich gehe jetzt mit einer ausgehöhlten halben Melone herum und sammle Geld ein. Damit erleichtere Sie nochmals.“

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Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

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