Die Bastille, das Westfernsehen und Facebook

BLOG: WILD DUECK BLOG

Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
WILD DUECK BLOG

Die Französische Revolution begann mit dem Sturm auf die Bastille. Das Volk konnte den Kontrast des adligen Lebens mit dem eigenen nicht ertragen. Immer dann versammeln sich die Massen, aufgepeitscht durch ideale Ideen. Der reine Geist und die brutale Wut brechen sich gemeinsam eine Bahn. Die Machthaber müssen beide bekämpfen. Die Ideen werden verhaftet und die versammelte Wut in den Straßen wird zerstreut und nach Hause geschickt. Was tut man aber gegen Facebook?

Die Zeit 2.0 zieht ein. Das Internet bewirkt etwas wie der Buchdruck im 15. Jahrhundert, aber viel schneller. Es dauerte über dreihundert Jahre vom Buchdruck bis zum Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789, das Datum des Nationalfeiertages in Frankreich. Der Buchdruck begünstigte eine von Italien ausgehende „Wiedergeburt aus dem dunklen Mittelalter“ oder die Renaissance, dann eine Reformation im Zuge von Luthers Thesen. Die Gegenreformation löste den 30jährigen Krieg aus, der Deutschland verwüstete. Unter anderem Lessing in Deutschland und vor allem Voltaire in …Frankreich (nicht wirklich, er lebte auch in den Niederlanden, in Deutschland, England und der Schweiz und schrieb auch selbst in Italienisch) trieben die Aufklärung voran, die zu einem wichtigen Wegbereiter der Französischen Revolution wurde. Voltaire starb 1778, Lessing 1781…

Es dauerte für unsere heutigen Verhältnisse schrecklich lange, bis sich neue Ideen Bahn brachen und dann oft in blutigen Revolutionen niederschlugen, die nicht selten die auslösenden Ideen mit in den Abgrund zogen.

Die neuen Medien beschleunigen diese Entwicklungen. Zur Zeit des Kalten Krieges nach dem zweiten Weltkrieg wurden ganze Propagandaschlachten über das Radio ausgetragen. Deren Wirkung war noch ganz beschränkt durch die sprachlichen Einschränkungen aller Seiten – Englisch verstand ja kaum jemand. Wir Westkinder schauten uns damals das viele nettere Ostsandmännchen an (jetzt, wo ich dies schreibe, summe ich wieder diese wundervolle Melodie und denke an den glitzernden Sand). Meine Eltern ließen sich jede Woche einmal schwer durch den Schwarzen Kanal provozieren, und im Osten empfingen die Menschen Bilder aus dem Westen und bekamen einen Eindruck vom Wohlstand durch Werbefernsehen und anderem. Das gegenseitige Fernsehen hielt zusammen, was zusammengehörte und dann im Zuge der Wende wieder zusammenkam und seitdem langsam zusammenwächst.

Jetzt aber haben wir das Internet, das mit seinen globalen Freiheitsideen das Absolutistische und Machtbeharrende, das Unterdrückende und Ausbeutende unaufhörlich reizt, ärgert und langsam zermürbt. Die Ideen einer neuen Aufklärung nisten sich überall ein. Die Smartphonejugend der Welt versteht die herrschenden Strukturen nicht mehr und will eine Zeit 2.0.

Das Volk muss gar nicht mehr auf die Straße gehen. Es blogt und twittert. Der Aufmarsch in Kairo ist nur noch das sichtbare Ende einer Bewusstseinsentwicklung.

Die Machthaber konnten früher die Intellektuellen einsperren, verbrennen oder verbannen. Sie konnten die Plätze leer schießen. Was aber tun sie gegen WikiLeaks, Facebook & Co? Das Internet abschalten, das gleichzeitig das wichtigste Herzstück der Ökonomie darstellt? Wie könnte eine Gegenreformation aussehen? Wird es gleich hell und bleibt hell? Oder wird es Internetkriege geben? Wie könnten die aussehen?

Immer noch zerstreuen 1.0 Soldaten die Massen mit Gewalt. Sie verhängen Ausgehverbot. Sie drohen mit Arbeitsplatzverlust. Sie verbrennen die Bücher. Aber sie haben gar keine Waffen in World 2.0, oder? Hey, das haben die Machthabenden vergessen! Es gibt kein Internetausgehverbot! Keine virtuellen Schüsse! Lasst uns die Zeit nutzen. Für eine Aufklärung 2.0, ja, genau.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

9 Kommentare

  1. Aufklärung 2.0

    “Die Gedanken sind frei” könnte der Slogan der Aufklärung gewesen sein. siehe auch: http://de.wikipedia.org/…/Die_Gedanken_sind_frei
    “Die Informationen sind frei”, könnte der Slogan von Aufklärung 2.0 werden.

    Grenzenlos geleakte, geblogte, getwitterte Information erweitert die Aufklärung 1.0.

    Vielleicht ist es aber gar nicht in erster Linie die Information, sondern die im Prinzip unbegrenzte Kommunikation, die Information erst transportiert und verarbeitet, und so eine Aufklärung 2.0 erst schafft. Somit wäre in der Aufklärung 2.0 die Gedankenfreiheit um die Informations- und Kommunikationsfreiheit erweitert.

  2. Vertrauen

    Es ist ja nicht so, als ob dank Internet alles transparent wäre. Im Gegenteil vertraut man oft auf Meinungen absolut Fremder. Mir fällt das da auf, wo bei Amazon und Reiseveranstaltern User-Bewertungen im großen Stil manipuliert werden. Auch auf politischer Ebene kann man durch ähnliche Maßnahmen bestimmt viel verwischen, Gerüchte streuen, manipulieren. Denn so frei und unkontrolliert das Internet auch ist- so ungeschützt ist es z.B. auch gegen Söldner-Blogger und Twitterer, gegen unsachliche Berichterstattungen und falsche Informationen. Wo vorher gut ausgebildete Journalisten nur Artikel veröffentlichten, die doppelt abgesichert waren, um einer Verleumdungsklage zu entgehn oder dem Ruf der Zeitung nicht zu schaden, werden heut kostenlose Blogs von unbekannten und unausgebildeten Fremden gelesen, die Informationen selten überprüft, bei falschen Gerüchten niemand haftbar gemacht. Das Internet hat vielerorts das Niveau eines großen Stammtischs- mit dem Unterschied, dass man sich am Stammtisch kennt und weiß wer der andere ist. Im Internet vertraut man im Prinzip Phantomen. Ein Internetkrieg fängt vielleicht da an, wo man nicht mehr weiß, welche Information aus dieser riesigen Fülle von Informationen überhaupt noch ernst zu nehmen sind.

    Oder wo ich nicht mehr weiß, wer sich Zugriff auf die Google- oder Facebook-Server verschafft und mich mit Informationen erpresst von denen ich selbst nicht mal wusste, dass sie mich irgendwann belasten könnten.

  3. Sicherheit im Netz

    Natürlich ist das Internet eine wunderbare Sache. Aber ich muss auch @Lukas hier rechtgeben, denn gerade wenn man Kinder hat, dann gruselt es einem oft, wenn man mitbekommt, welche vertraulichen Daten da ins Internet gestellt werden. Und da ich mich heute schon mit einem Nachbarblogger über Verbraucherschutz ausgetauscht habe, stelle ich noch die Linksammlung “Vorsicht im Netz” ein. Denn “Verbraucher müssen im Internet genauso wachsam sein wie im wirklichen Leben”.

    http://www.vorsicht-im-netz.de/…fe/linksammlung/

  4. Revolution 2.0

    Wenn die Revolutionäre 2.0 irgendwann im real life angekommen sind und sich dann auch noch mit den pauperisierten Massen verständigen können müssen sich die Machthaber fürchten. So lange die Revolutionäre 2.0 Second Life oder Facebook spielen können sich die Machthaber ruhig zurücklehnen.
    Die Wurzel und Basis für die Unruhen und Aufstände in Ägypten und Tunesien waren nicht Facebook und Co sondern ganz klassisch streikende Arbeiter. Die Kommunikation im Betrieb funktioniert aber nicht mit Facebook sondern immer noch ganz klassisch von Mund zu Mund.

  5. Ich meinte eigentlich weniger kinder, die nicht wissen wie sie mit den privatsphäre-einstellungen bei facebook umzugehen haben, sondern regierungen/geheimdienste, die sich zugriff selbst auf “geschützte” daten von google, facebook o.ä. verschaffen. Und das wie in den usa sogar offiziell dürfen:
    http://heise-online.mobi/…-2-Update-1165760.html
    Dass man damit revolutionäre schnell mundtot machen kann weiß jeder der ähnliche vorgehensweisen durch die stasi in der ddr durchleben musste.

  6. es sind viele!

    Ich gebe zu, was ich bei Twitter so lese, das verschlägt mir auch oft den Atem. Es ist eine Art stille Post. Niemand liest genau, wenige denken über das nach, was sie geschrieben haben. Ich ja auch oft nicht!
    Doch langsam scheine ich zu lernen mit den Informationssplittern umzugehen. Sie sind natürlich mit dem Charakter und Meinungen eingefärbte Ahnungen der Realität. Bei S21 kann man das sehr schön sehen. Die Anders Denkenden bringen mich aber auf Punkte, die ich selbst noch nicht bedacht habe. Wenn ich eine solche Meinung lese, dann durchforste ich das Internet nach Informationen. Und nach langer Mühe kommt dann eine Wahrheit heraus. Für mich! Nicht DIE Wahrheit. Und so lerne ich andere Meinungen wert zu schätzen, auch wenn ich beschimpft werde, weil ich verstehe, wie diese Meinung entstand!
    Es ist eben mehr Arbeit, weil ich selber denken muss und nicht auf die Meinung von professionellen hören kann, weil so viele andere noch hörbar sind. ich muss jede Erkenntnis fast bis auf meine Grundprämissen zurück führen, um zu überprüfen, ob es für mich konsistent ist. Das bedeutet, dass Meinungsfindung mehr Zeit braucht. Dass ad hoc Aussagen immer weniger Wert haben!
    Früher ließen wir uns in der Kirche sagen, was gut oder böse ist. Dann waren es die Print-Medien und das TV. Nun im Zeitalter des Internets müssen wir vielleicht mehr denn je unseren Kopf anstrengen? Ist doch schön! Erst sagte einer, was wir denken sollen, dann einige, und jetzt sagt jeder seine Meinung und wir werden uns mehr denn je bewusst, dass unsere Meinung so gewichtig ist, wie jede andere auch. Schön anstrengend!
    Die Kinder müssen endlich lernen selbst zu denken!

  7. Neue Aufklärung- neue Verklärung?

    Ist doch schön- wenn alle so reflektiert und weise sind- und auch so viel Zeit zum Meinung bilden haben, in einem so entschleunigten Zeitalter. Dann haben wir ja nichts zu befürchten. Jetzt erzählen wir das noch den 2,9 Mio BILD-Lesern, dass sie genau wie sie bei der BILD-Zeitung alles hinterfragen auch im Internet jeden RSS-Feed, der aufs Handy geschickt wird noch gründlich nachrecherchieren sollen, und jeder weiß, was er glauben kann.

  8. @Lukas

    ja, da haben Sie Recht! Das sind die beiden Möglichkeiten. Doch man stolpert im Web doch eher mal auf unterschiedliche Meinungen, als beim BILD-Zeitung lesen.
    Man muss sicher beides sehen, die Gefahren UND die Möglichkeiten. Das war ja nur, was ich aus meinen Internetausflügen mitgenommen habe. Akzeptanz anderer Meinungen und das eigene Überprüfen, ob eine Aussage meinen Grundprämissen zuwider ist, oder nicht. Natürlich nicht bei jeder Kleinigkeit, aber bei den mir wichtigen Dingen.
    Und ich denke so für mich, dass es gut für jeden ist, wenn er einen Umgang findet mit der Informationsflut umzugehen. Eine neue Technologie macht keine neuen Menschen. Aber sie kann gewisse Strömungen in ihm fördern oder eher unterdrücken.

Schreibe einen Kommentar