Die Barnum-Babbler wüten unter uns – merken wir denn nichts?

Horoskope treffen ja so oft irgendwie doch auf uns zu. Erstaunlich? Nein, man muss Voraussagen so verfassen, dass sie durchaus etwas prophezeien, dass sie aber das Ganze an möglichst vage Bedingungen knüpfen, die sehr weiten Spielraum zur Interpretation lassen.
Bertram R. Forer legte 1948 vielen Menschen einen Text vor (allen denselben). Sie sollten beurteilen, ob der Text auf sie zuträfe, auf einer Skala von 0 bis 5. Ja, sagten die Leser im Durchschnitt mit 4 Punkten: trifft zu. Hier der Text (Wikipedia):

„Sie sind auf die Zuneigung und Bewunderung anderer angewiesen, neigen aber dennoch zu Selbstkritik. Ihre Persönlichkeit weist einige Schwächen auf, die Sie aber im Allgemeinen ausgleichen können. Beträchtliche Fähigkeiten lassen Sie brachliegen, statt sie zu Ihrem Vorteil zu nutzen. Äußerlich diszipliniert und selbstbeherrscht, neigen Sie dazu, sich innerlich ängstlich und unsicher zu fühlen. Mitunter zweifeln Sie stark an der Richtigkeit Ihres Tuns und Ihrer Entscheidungen. Sie bevorzugen ein gewisses Maß an Abwechslung und Veränderung und sind unzufrieden, wenn Sie von Verboten und Beschränkungen eingeengt werden. Sie sind stolz auf Ihr unabhängiges Denken und nehmen anderer Leute Aussagen nicht unbewiesen hin. Doch finden Sie es unklug, sich anderen allzu bereitwillig zu öffnen. Manchmal verhalten Sie sich extrovertiert, leutselig und aufgeschlossen, dann aber auch wieder introvertiert, skeptisch und zurückhaltend. Manche Ihrer Erwartungen sind ziemlich unrealistisch.“

Der Effekt, dass sich viele von solchen Horoskop-Texten „angesprochen“ fühlen, wurde nach dem Kuriositätenkabinettbetreiber Phineas Taylor Barnum benannt („a little something for everybody“).
Der Barnum-Effekt lässt sich gut aus „mal sind Sie extrovertiert, mal introvertiert“ ersehen. Man drückt einfach aus, dass Sie sich zwischen zwei Extremen befinden – und das stimmt ja auch. Zur Auslenkung zwischen den Polen sagt ein solcher Text natürlich schlauerweise nichts.

Ich fühle mich zunehmend von Barnum-Sektenmitgliedern umgarnt und manipuliert. Seit ich von dem Barnum-Effekt erfahren habe, beobachte ich ihn überall!

Börsenprognosen: „Der Kurs ist verdächtig konstant, ein baldiger Ausbruch ist daher nicht ganz unwahrscheinlich. Wird die Korrektur nach oben oder unten erfolgen? Die Fakten sehen sehr verteilt aus. Es spricht einiges für beide Richtungen. Lesen Sie die folgenden Für- und Widerargumente, damit Sie besser entscheiden können.“
Politik: „Wir wollen die sozialste Partei von allen sein, aber dabei auf keinen Fall die aufstrebenden Wirtschaftskräfte hindern, uns allen unsere Prosperität zu sichern.“
Konferenzwerbung: „Wer Zukunft haben will, muss die Kosten im Griff haben und gleichzeitig kreativ und innovative Ideen fördern. Das ist einfacher als gesagt! Deshalb bieten wir ihnen ein buntes Programm rund um diesen Spagat, von dem Sie nur die frühzeitige Anmeldung bei uns trennt.“
Unternehmenshomepage: „Wir stellen den Kunden konsequent in den Mittelpunkt – von allem was wir tun. Wir streben nach absoluter Exzellenz. Wir arbeiten mit geduldiger Hingabe und brennender Leidenschaft an der Lösung Ihrer Probleme. Unsere erfahrene Servicemannschaft betreut Sie rund um die Uhr und lässt Sie niemals mit unseren komplexen Produkten im Stich.“
Arbeitsdirektor: „Wir wollen hohe Mitarbeiterleistungen stets belohnen, wobei wir natürlich auch an unsere Aktionäre denken müssen, die stets so zufrieden sein müssen, dass es Boni regnet – auf den Org-Chart, meine ich, der wie ein Regenschirm über Sie gespannt ist. “
Sportberichte: „Rechnerisch reist der HSV ohne Hoffnung nach München, aber die Vergangenheit zeigte so oft, dass gerade stark angeschlagene Mannschaften zu Sternstunden fähig sind. Wir können uns also auf eine Überraschung freuen, obwohl die Karten klar verteilt zu sein scheinen.“
So genannte „Entscheider“: „Wir wissen, dass von uns eine klare Richtung erwartet wird. Senken wir die Kosten oder investieren wir in neue Märkte? Wir wollen das eine tun, ohne das andere zu lassen. Wir wollen uns in den jetzt herrschenden volatilen Märkten die volle Flexibilität erhalten und stets blitzschnell entscheiden können, ob wir etwas tun oder nicht.“
Arzt: „Offensichtlich sieht das alles sehr bedenklich aus, aber mit Ihrer gezeigten Einstellung kann es durchaus wieder aufwärtsgehen. Viele Patienten mit Ihren Symptomen sind so alt geworden, dass ich mir das mit meiner Behandlung kaum erklären kann.“
Berlin: „Wenn wir den Termin nicht wieder verschieben müssen, findet die Eröffnung pünktlich statt. Dafür haften wir mit unserem guten Namen. Wir bitten um Ihr volles Vertrauen und natürlich auch um Ihr Verständnis. Wenn wir vorher gewusst hätten, dass es so lange dauert, hätten wir es schneller geschafft.“
Krisenmanager: „Unsere Stärke war immer, in entscheidenden Momenten über uns selber hinauszuwachsen und unsere Energien zu bündeln. Die jetzige ernste Krise ist daher fast schon ein Garant, dass wir die uns jetzt bietenden Chancen erfolgsgewohnt nutzen und ja, der Konkurrenz das erste Mal in unserer Geschichte vorauseilen werden. Die Konkurrenz macht satte Gewinne, das lullt sie ein. Wir sind aber von unserer Krise getrieben. Wir hatten allezeit die Option, die Chancen zu nutzen, aber nun, da es eine Frage des Überlebens geworden ist, gibt es keinerlei Zweifel, dass wir alle die hohen Erwartungen erfüllen, die man zu Recht in uns setzt. Wir haben uns daher das ganze Wochenende über an einen Kassensturz gemacht, der viele Probleme offenlegte und oft laute Empörung Einzelner auslöste. Ich musste oft beruhigend eingreifen. Ich sagte unermüdlich: Lassen Sie uns doch nicht alles schlechtreden. Unsere Firma gibt es doch schon so lange, das ist ein Beweis dafür, dass nicht alles schlecht gewesen sein kann. Es ist daher keineswegs sicher, ob wir wirklich die einschneidenden Maßnahmen ansetzen müssen, zu denen eine bloß vordergründige Vernunft rät. Es ist immer leicht zu sagen, dass wir alles zum Besseren verändern müssen. Aber das Tagesgeschäft will ja nun auch erledigt werden, damit verdienen ja unser Geld. Wir wollen also energisch sein, ohne gleich in Hysterie zu verfallen. Wir gehen in eine nicht einfache Zeit, aber seien Sie vergewissert, an Ihrem Arbeitsplatz verändert sich zunächst nichts.“

Ach ja. Die Kunst ist es, sich nicht festnageln lassen. Wer sie beherrscht, lebt als Barnum-Babbler ganz unbeschwert.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Würde der Schreiber dieser Zeilen ähnlich sehen wollen, auch wenn er nicht jedem Aspekt zuzustimmen vermag, bisher nicht!, bleibt dieser dankenswerterweise bereit gestellte WebLog-Eintrag aus seiner Sicht wichtig und relevant, gerade gesellschaftlich, dem so fortzusetzenden Diskurs unterworfen, nein : diesen anleitend!

  2. Ein Mensch sollte seine Willenskraft und Liebe vergrößern. Es ist wichtig, gesundheitsbewusst zu leben und sich unegoistisch zu verhalten. Es ist sinnvoll, die körperliche Leistungsfähigkeit zu vergrößern, diverse Herausforderungen zu meistern, die Natur zu schützen usw. Und dann sollte man sich morgens unmittelbar nach dem Aufwachen auf einen Wunsch konzentrieren und sich (nochmal) in den Schlaf sinken lassen. Durch Traumsteuerung (oder im halbwachen Zustand nach dem Aufwachen) kann man zu mystischen Erfahrungen (und Heilen wie Jesus) gelangen. Der Mensch (genauer: das Ich-Bewusstsein) kann mystische Erfahrungen nicht bewirken, sondern nur vorbereiten. Bestimmte Meditations- und Yoga-Techniken, Hypnose, Präkognition usw. sind gefährlich. Traumsteuerung ist auch ohne luzides Träumen (das u. U. gefährlich ist) möglich. Man sollte sich nur dann einen luziden Traum wünschen, wenn man durch Traumdeutung herausgefunden hat, dass man dafür die nötige Reife hat. Oder man kann sich vor dem Einschlafen wünschen, dass sich nur Dinge ereignen, für die man die nötige Reife hat. Es ist gefährlich, während eines luziden Traumes zu versuchen, den eigenen schlafenden Körper wahrzunehmen. Luzide Träume dürfen nicht durch externe Reize (Drogen, akustische Signale usw.) herbeigeführt werden. Man kann sich fragen, ob eine Zeitdehnung in Träumen möglich ist. Zudem, wie sich Schlaf-Erlebnisse von Tiefschlaf-Erlebnissen (und Nahtod-Erlebnissen usw.) unterscheiden. Die Bedeutung eines symbolischen Traumgeschehens kann individuell verschieden sein und kann sich im Laufe der Zeit ändern.
    Es bedeutet eine Entheiligung der Natur, wenn Traumforscher die Hirnströme von Schlafenden messen. Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung der Beschaffenheit des Willens seinen freien Willen verliert. Zudem besteht die Gefahr, dass ein Mensch psychisch krank wird, wenn er sich fragt (wie schon vorgekommen), ob das Leben nur eine Illusion ist. Das Leben ist real. Es kann in Teilbereichen auf wissenschaftlichen (und technischen) Fortschritt verzichtet werden. Es ist z. B. falsch, Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen. Es sollte lange Sabbatzeiten (u. a. für Berufsgeschädigte) anstatt Rentenzeiten geben (es gibt kein biologisches Altern). Nicht-Berufstätige sollten in relativ kleinen Orten (insbesondere in Dörfern) wohnen. Berufstätige eher (aber nicht nur) in relativ großen Orten. Es ist sinnvoll, dort zu wohnen, wo man arbeitet (in Verbindung mit wirtschaftlicher Subsidiarität). Diese und weitere Maßnahmen (Hotelaufenthalte für Weiterqualifizierungen, Fernkurse, Fahrräder, Taxis usw.) führen dazu, dass fast alle Privatfahrzeuge (nicht Firmenfahrzeuge) überflüssig werden. Es ist sinnvoll, überflüssige Dinge (hohe Bevölkerungsdichte, nicht-leistungsgerechte Vermögen, Kreditwesen, Werbung, Urlaubsindustrie, Kirchengebäude, Luxusgüter, Rüstung usw.) abzuschaffen. Der MIPS muss gesenkt werden (neue Verfahren erhöhen die Recyclingquote, ein Nano-Akku hält über 300 Jahre, ein Öko-Auto fährt über 3 Mio. km, ein 1-Liter-Zweisitzer spart Sprit usw.). Ein Mensch kann im superbilligen 3-D-Druck-Haus (klein, einstöckig, Wandstärke 9 cm) mit Nano-Wärmedämmung wohnen. Wenn die Menschen sich ökologisch verhalten, kommt es zu einer günstigen Erwärmung im Winter (siehe Wikipedia „Zeitreihe Lufttemperatur“, Messwerte in Dekaden). Das Klima ist (so wie das Leben) in der Lage, sich weiterzuentwickeln. In der Medizin sollte u. a. die Linsermethode gegen Krampfadern (auch dicke) eingesetzt werden. Es ist wichtig, den Konsum von tierischen Produkten (und Süßigkeiten und Eis) zu reduzieren oder einzustellen. Hat man eine bestimmte Reife, kann man sich vegan ernähren oder von Urkost ernähren (oder sogar fast nahrungslos leben). Die berufliche 40-Stunden-Woche kann durch die 4-Stunden-Woche ersetzt werden (ohne Lohnausgleich). Wenn die Menschen tatkräftig und klug sind, werden berufliche Probleme immer mehr – und zusätzlich beschleunigt – abnehmen.

  3. Wenn ich das richtig verstehe, sind die großen Reden vieler Politiker also ein parteiübergreifendes Konvolut nichtssagender Tageshoroskope,zusammengesetzt und koordiniert von Käptn Blaubär und Hein Blöd ….

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