Design Being! Über proaktive Lebensgestaltung und Design Thinking

BLOG: WILD DUECK BLOG

Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Dieser Tage wird so oft über Design Thinking philosophiert oder mehr noch – davon geschwärmt. Oh, und ich lästere dann, dass danach ja wieder doch nichts passiert.
Wir könnten doch die Idee des Design Thinkings, wenn sie denn so gut ist, auch auf unser Leben anwenden. Wir gestalten unser Leben einmal so, dass für „den Kunden“ alles perfekt passt. Der Kunde sind wir selbst.
Schaffen wir das?
Es gibt da absolut grundlegende Irrtümer, was für Menschen und Kunden gut ist. Die sind Gegenstand meines Buches Topothesie – Der Mensch in artgerechter Haltung. Dort habe ich den Grund des allgemeinen Irrsinns in einer Allegorie skizziert. Ich zitiere:

Die Muschel liegt im fließenden Wasser und filtert Nahrung aus dem klaren Strom. Tagein, tagaus. Ihr Leben ist frisch und reich. Da wird sie eines Tages verletzt. Ein Fremdkörper drang in sie hinein. Sie wird von Schmerzen überflutet, die so stetig wie der Strom in ihr fließen. Sie versucht, den Fremdkörper durch einen Perlmuttüberzug zu isolieren und unschädlich zu machen. Schmerzwellen auf Schmerzwellen. Langsam wächst eine Perle heran, wunderschön. Bei aller Schmerzverzerrung beginnt die Muschel, sich an ihrem entstehenden Lebenswerk zu freuen. „Gott will, dass Muscheln Perlen erschaffen!“, denkt sie und sieht ihr Leben erfüllt. Wenn sie an der Wunde einst stirbt, war das gerade ihr Lebenssinn.

Wir Menschen sehen das ähnlich. „Gott will, dass der Mensch nach Leibeskräften schuftet.“ So legen die Herrschenden die Bibel aus. Ich zitiere aus meinem Buch:

Wenn ein Mensch Glück hat, wächst er bei liebenden Eltern auf und hat eine frohe Kindheit. Da wird er eines Tages planmäßig verletzt, was er gar nicht merkt, weil die Eltern ihm zur Ablenkung eine Schultüte schenkten. Daraus werden bald Prüfungen und Stufen, schließlich Shareholder-Value und Globalisierung. Er versucht, die Verletzungen durch einen Überzug zu isolieren. Überzüge sind: Karrieren, Werke, Kunst, Siege. Langsam wachsen glänzende Überzüge über die Verletzungen. Sie sehen wunderschön aus. In allem Schmerz beginnt der Mensch darin die Erfüllung seines Lebens zu sehen… Wenn er einst stirbt, weiß er wofür. Oder weswegen. Gott wollte den Glanz.

Natürlich schaffen es nur wenige Muscheln, überhaupt je eine Perle zu erzeugen. Sie sterben unter Umständen gleich einen Seelentod. Bei den Menschen klappt es ja auch eher seltener als häufiger, nicht wahr? Ich habe damals für das Buch die Erfolgsprozentsätze für Muscheln recherchiert. Ich zitiere einen dritten Absatz aus meinem Buch:

Im 19. Jahrhundert sannen die Menschen nach, ob sie die Muscheln nicht künstlich verletzen könnten, um Perlen zu ernten. Man setzte Muscheln einen Fremdkörper ein, den man Kern nannte. Etliche versuchten, den Muscheln ganz winzige Buddhafiguren einzupflanzen, um die dann heilige Perlen entstünden. Erst knapp nach der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert gelang es in Japan, die ersten brauchbaren Zuchtperlen zu ziehen. In die Muscheln (vorzugsweise Mississippi-Austern) gibt man einen Perlmuttkern zusammen mit einem Stück Mantelschleimhautgewebe einer anderen (geopferten) Auster hinein, bindet sie wieder fest zu, damit der Kern nicht abgestoßen wird, und wartet.
Zwanzig Prozent sterben.
Dreißig Prozent stoßen den Kern erfolgreich aus.
Zwanzig Prozent schaffen es, ganz kleine, ziemlich wertlose Perlen auszuscheiden.
Dreißig Prozent erzielen vernünftig gute Perlen, eine oder zwei von hundert sind richtig schön.

Na – die Spekulation liegt nahe, dass die Quoten bei Menschen nicht so viel anders sind. Ich will sagen: Design Thinking würde uns zu Karrieren, Überstunden und Stress raten, um Perlen zu produzieren. Aber niemand denkt nach, was für eine Muschel gut ist. Wir denken nach, wozu sie nütze ist.

Es gibt also einen echten Sinn des Lebens und einen „Pseudosinn“, dem wir huldigen. Produzieren Sie denn auch Perlen? Verzweifeln Sie vielleicht, dass keine entsteht? Oder freuen Sie sich über eine, die ganz gut zu werden verspricht? Die einen sind depressiv, dass ihr Leben ohne Perle pseudosinnlos ist. Die anderen freuen sich, dass ihr Leben einen Pseudosinn hat. Die ersteren können sich so etwas wie einen Sinn des Lebens nicht mehr vorstellen und siechen im Gefühl des Neides und der Ohnmacht, sich selbst helfen zu können. Die anderen haben keinen Grund, über den Sinn nachzudenken, weil sie den Pseudosinn, ihre Perle, für eben diesen Sinn halten.

Design Being könnte ja vielleicht helfen? Das konzentrierte Kümmern um das Wesentliche? Wirklich ein gutes Sein zu gestalten? Kann das denn noch jemand, ohne den Kopf voller Perlenphantasien zu haben? Sind wir denn nicht von Perlenberatern umgeben, die uns ein Pseudoleben als perlendes Dasein verkaufen wollen? Ich will jetzt nicht sagen, dass es ganz ohne „Lebensunterhalt“ geht… Ich erinnere an das Lukas-Evangelium: [Jesus] aber sprach zu ihnen: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ So viel Pseudosinn wie nötig, so viel Sinn wie möglich.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

4 Kommentare

  1. Gänzlich bekloppt, Opi W. schätzt derartige Nachricht, hoffentlich verkauft sie sich auch gut, Opi W. spielt hier rein spaßeshalber wie folgt ein:
    -> https://www.youtube.com/watch?v=DgEiDc1aXr0
    -> https://www.youtube.com/watch?v=n_56ep729TE

    Cohen natürlich “nicht so der Bringer”; abär gar nicht so schlecht – bevor andersartig eingespielt wird.


    Ansonsten natürlich alles wieder vely schlau angemerkt, ein Exkurs mag vielleicht dennoch festgestellt werden – hoffentlich geht es Ihnen gut -, hmm, Opi Webbaer räumt an dieser Stelle gerne ein auf Hochprozentiges (auf anderes: sowieso) vor einigen Jahrzehnten verzichtet zu haben.

    Leichtbier mit Stammwürzegehalt zwischen sieben und zehn Grad muss, wohldosiert, nicht schlecht sein, alternativ.

    MFG
    Dr. Webbaer

  2. Bonuskommentar hierzu:

    Design Thinkings, wenn sie denn so gut ist, auch auf unser Leben anwenden. Wir gestalten unser Leben einmal so, dass für „den Kunden“ alles perfekt passt. Der Kunde sind wir selbst.
    Schaffen wir das?
    Es gibt da absolut grundlegende Irrtümer, was für Menschen und Kunden gut ist. Die sind Gegenstand meines Buches Topothesie – Der Mensch in artgerechter Haltung. Dort habe ich den Grund des allgemeinen Irrsinns in einer Allegorie skizziert.
    […]
    Na – die Spekulation liegt nahe, dass die Quoten bei Menschen nicht so viel anders sind. Ich will sagen: Design Thinking würde uns zu Karrieren, Überstunden und Stress raten, um Perlen zu produzieren. Aber niemand denkt nach, was für eine Muschel gut ist. Wir denken nach, wozu sie nütze ist.

    Opi Webbaer denkt nach, nicht immer willkommen und gelegentlich auch segregiert – Ihr Kommentatorenfreund hält sich zurzeit, nicht nur spaßeshalber an der Musik fest, Burt Bacharach und so, im übertragenden Sinne natürlich nur, Opi W schon ein wenig älter (abär gu-ut).

    MFG
    Dr. W

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