Der Höherwertigkeitskomplex und Postzenitis

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Alfred Adler, der Urvater der Individualpsychologie, hat uns den Begriff Minderwertigkeitskomplex als Fachwort geschenkt. Menschen empfinden bei Unvollkommenheiten und Fehlern dieses nagende Gefühl, nichts wert zu sein: nicht schön, nicht klug, nicht witzig, nicht befördert. Alleweil zucken sie bei einem neuen Anzeichen von eigenem Minderwert und werden dann in verschiedensten Formen zum sozialen Ekel. Insbesondere hassen sie die Höherwertigen und kritteln lustvoll an ihnen herum. Kein Zureden hilft: „Nobody is perfect!“, wird ihnen oft erfolglos zur Beruhigung eingetrichtert.

Das Wort Höherwertigkeitskomplex gibt es gar nicht wirklich. Es kam in jüngster Zeit als italienische Übersetzung ins Deutsche, weil Silvio Berlusconi sich selbst einen Höherwertigkeitskomplex attestierte. Er wird zitiert: „Wenn ich mich umblicke, sehe ich keine bessere Regierung als meine eigene. Ich habe einen Höherwertigkeitskomplex, den ich nur schwer im Zaum halten kann.“

Es gibt unvollkommene Menschen und auch ziemlich vollkommene. Sie können im Prinzip ihre Schwächen und Stärken einschätzen lernen und damit vernünftig leben. Oft aber leiden sie eben darunter. Es ist klar, dass man unter Minderwertigkeit leiden kann – fast jeder hat diese schreckliche Krankheit zum Seelentode schon mitgemacht.
Ganz genauso stelle ich mir aber auch ein Leiden an einem Höherwertigkeitskomplex vor. Sehen wir das nicht an den mindestens zeitweise als vollkommen wahrgenommenen Stars? Die werden als „perfekt“ verehrt, umjubelt und gefeiert. Insbesondere werden Menschen als perfekt angese-hen, die sich ständig verbessern (!). Wenn sie nicht mehr besser werden oder sogar abfallen, beginnen wir, an ihnen herumzukritteln. „Er hat seine beste Zeit gesehen.“ – „Der Lack ist ab.“ – „Jede Madonna wird alt.“ – „Ist gut, immer noch, aber out.“ Das tut weh!

Schauen Sie um sich herum: Die Unternehmen erklären sich wie die Stars für perfekt. Eltern sind Sonne und Sterne der Kinder. Kleine blicken zu Großen auf, zu Kindergärtnern und Lehrerinnen. Neueingestellte nehmen sich in vollem Saft stehende Koryphäen zum Vorbild, Studenten staunen ihre Professoren an. In allen diesen Lebenslagen kommen leicht Momente im Leben, an denen der Lack abblättert. Kinder werden (z.B. 1965 als Pop-Fans und heute als Digital Native) groß und sehen die Eltern und Lehrer mit anderen Augen. Unternehmen, die einst Marktführer waren, werden von technischen Revolutionen und neuen Marktmoden düpiert. Manager werden irgendwann einmal nicht mehr befördert – also nicht mehr vollkommen! Spitzensportler erringen keine neuen Rekorde mehr… Ja, und wir alle werden ganz einfach wirklich alt – auch Madonna, und wir erleben den Abschwung.
Wer damit nicht umgehen kann, leidet daran. Das ist der Höherwertigkeitskomplex. Der einst Vollkommene wird krank, weil er „es“ nicht wahrhaben will. Jede realistische Einschätzung von außen wirkt auf ihn wie ätzende Kritik. Der nun Kranke zuckt nun bei jeder Äußerung, die seine Vollkommenheit in Frage stellt. Er wehrt sich, verliert alle Kritikfähigkeit und nutzt alle Restmacht der Vollkommenheitszeit aus, sich rächend zu behaupten.
Eltern stellen sich den Heranwachsenden nicht mehr und attestieren ihnen lieber „Pubertät“. Einst führende Unternehmen höhnen über das Neue. Verlage lachen über unhaptische Elektronik, Banken über die fehlende Beratung im Internet, alt gewordene Unternehmer über die neuen Gedanken der neuen Generation – sie trauen den Töchtern und Söhnen nicht über den Weg, wenn die etwas ändern wollen. Professoren hadern mit den jungen Forschern, die sich in absurde Modefächer verlieben. Apple schießt in den Himmel und ein paar Monate später kommt Samsung – und man merkt, dass Apple beginnende Anzeichen eines Höherwertigkeitskomplexes zeigt – den Sony oder Microsoft schon vor geraumer Zeit an den Tag legten…

Schauen Sie sich um – noch einmal: Wir sind vom Höherwertigkeitskomplex geradezu über-schwemmt! Merkt das keiner? Warum erst Berlusconi – ganz unbewusst? Leiden denn nicht alle Erwachsenen, Alten, Eltern, Manager, Höheren, Marktführer, Ambestenwisser, Schönen, Stars, Sportler irgendwann daran? Früher wurde das mit dem Wort „Vergänglichkeit allen Seins“ bezeichnet – ich muss dabei immer an Andreas Gryphius denken, dessen Namen mein damaliges Gymnasium neben das Wort Vergänglichkeit gepflanzt hat. Vertragen Sie vier Zeilen aus „Alles ist eitel“?

Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist morgen Asch und Bein
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Damals klagten die Dichter und litten so tränenreich. Sie hatten die Vergänglichkeit erkannt! Aber die „Eitlen“ litten unberührt unter dem Höherwertigkeitskomplex, vor dem die Dichter sie bewahren wollten und Demut vor dem Ewigen predigten.
Heute redet niemand von Vergänglichkeit mehr, wir betreiben Lebensverlängerung. Wir überqueren trotzdem unseren Zenit und werden davon krank. Wir versuchen, uns an die einstige Vollkommenheit zu klammern, wir schminken uns, verlachen das Kommende, bekämpfen es bald und beißen für lange Zeit schon vor dem Tode grimm ins Gras.

Warum gibt es den Höherwertigkeitskomplex noch nicht als heilbare Krankheit? Postzenitis? Brauchen wir nicht eine Behandlung für den Moment, an dem hoher Mut ins Hochmut umschlägt?
Höherwertige aller Farbschattierungen: Es gibt Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Und Ewiges gibt es auch – außerhalb des eingebildet Vollkommenen.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

4 Kommentare

  1. Ja, … so ist es.

    Andernfalls wir uns die Köpfe einschlagen würden, wir anstatt nicht lieber, aber gezwungenermaßen verbal denunzieren und demontieren, was immer der eigene Intellekt hergibt.
    Ich jedenfalls habe mein Leben damit verbracht, in Ausreden nicht verlegen zu sein und habe dadurch wohl eine Kulturtechnik unbewusst in besonderer Kunstform ausgeformt. Ich bin dabei so schmerzfrei, dass es schon wieder weh tut. Und selten komme ich dabei an meine Grenzen. Tja, vielleicht akzeptiere ich keine?

    Aber das ist auch klar:

    Die ganze ICD 10 und ihre 100 psychischen Störungen sind sonderbar virtuos konstruiert. Nicht dass da letztlich nichts zutreffen würde – aber es wird immerzu eine bestimmte Perspektive eingenommen, die leider nie einer realen Begebenheit entspricht und auch noch ungerecht amSubjekt kleben bleibt. Da wundert es mich auch nicht, dass es den Begriff “Höherwertigkeitskomplex” nicht gibt – denn es würde bedeuten, dass ein “minderwertiger” erstens solche Begriffsbedeutungen entwickeln kann und zweitens den Mut aufbringt, diesen Begriff auch noch jemanden ins Geicht zu rufen.

    Das aber sei ja gemäß “Minderwertigkeit” gar nicht so wahrscheinlich, dass sowas irgend wann einer könnte und sich auch noch traut.

    Das diesem dann sicher nicht zugehört werden würde, kommt dann auch noch als dritte Hürde dazu.

    Den minderwertigsten Psychowracks hört man ja auch nicht zu – das Subjekt ist nicht existent; und noch weniger, wenn man einschlägig Diagnostiziert ist.

    Man sollte dem Berlusconi eigendlich einen Nobelpreis für Ehrlichkeit verleihen.

    Der leidet nämlich nicht pathologisch an einem “Höherwertigkeitskomplex”, wahrscheinlich ist er es nämlich tatsächlich – irgend höherwertig.

    Denn die Chuspe muß man erstmal haben, das so zu sagen und dann auch noch “nicht” abgesägt zu werden.

    Denn für alle Minderwertigeren gilt: Gebe deinem Gegner niemals Angriffsfläche, wenn du den Angriff wahrscheinlich nicht souverän parrieren kannst.

    Unterm Strich steht, dass die Welt sich unterhält, indem sie nachplappert, was einmal irgendwo gesagt oder geschrieben stand. Das lässt an der Wahrscheinlichkeit “eigener” Gedanken zu haben arg zweifel aufkommen; lässt es schrumpfen – nämlich auf die Anzahl der Worte und Bedeutungen, die jeder irgendwo nachschlagen kann. Deswegen sind “Ismen” auch so beliebt (bei pseudo-Intellektuellen), weil sie suggerieren, man habe alle Bedeutung dieses Ismusses auch verstanden oder gar selbst verbockt.

    In etwa halte ich es deswegen (und vielen anderem) mit Nietzsche und seiner Umwertung aller Werte. Denn der Mensch belügt sich selbst in einem Gefängnis des Dualismus. Das man da eigendlich ziemlich sicher ins Schwarze trifft, wenn man nur jede Bedeutung in sein Gegenteil verdreht… und dem anderen unverblümt an den Scheitel spuckt, ist eine unschlagbare Strategie (Siehe Berlusconie). Denn damit haben sie in jeden Fall zu lange zu kämpfen, weil es denen zu unerwartet daher kommt – oder es schlicht nicht begreifen.

  2. Berühmt werden / Karriere machen

    Ist das nun eine Neurose, oder auch wieder nur eine zeitgeistlich-angepaßte Psychose für die Symptomatik des “freiheitlichen” Wettbewerbs um …, die sie mit solchen Texten ausbrüten, bzw. in den Regeln der neuzeitlichen Ränkespiele umschreiben???

    Das menschenUNwürdige System von Ausbeutung und Unterdrückung funktioniert im reformistisch-populistischen Wachstums- / Größenwahn (unterstützt von gebildeter SKM auf Sündenbocksuche), da ist Neusprech, in Verschleierung von herkömmlich-gewohntem, absolut nichts neues – Bsp: Globalisierung der “Dienstleistungsgesellschaft”, im Tititainment (Brot & Spiele), bedeutet, Armut soll nun ZUNEHMEND nicht mehr nur auf die Länder der “Dritten Welt” begrenzt werden, indem die Versklavung der Lohnabhängigen mit Ernährung und Unterhaltung auch bei uns rationalisierend mit Konfusion und Neusprech organisiert wird (“Entwicklungshilfe” wird zu Beschaffungs-Maßnahmen von “Sozialfonds”)!!!

    Die Höherwertigkeit (ignorante / menschenverachtende Arroganz) wird es also wie die Postzinitis (Bewußtseinsschwäche) WIEDER noch bis zum TOTALEN …, weil … !?

  3. ‘Höherwertigkeitskomplex’

    Warum gibt es den Höherwertigkeitskomplex noch nicht als heilbare Krankheit?

    …, den gibt es als Megalomanie und die gilt grundsätzlich als therapiefähig.

    Allerdings wird diese “Krankheit”, zumindest in abgeschwächter Form, auch Leistungsträgern oder sogenannten Hochleistern zu gesprochen, gar in sozialverträglicher Form.

    Insofern ist das primäre Merkmal dieser “Krankheit” auch nicht die höhere Wertigkeit, die sich der Betroffene gegenüber anderen zuspricht, sondern die falsche oder richtige Einschätzung gegenüber anderen besser zu sein, bestimmte Bereiche meinend.

    HTH
    Dr. W

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