Deflation durch Inflation der Sklaverei

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Am Anfang hieß es Reengineering, als man begann, die betrieblichen Abläufe infrage zu stellen. „Jeder Arbeitsablauf muss auf den Prüfstand“, so sagte man und nannte es später Lean Management. Auf Deutsch: Die Manager verschlankten die Arbeitsabläufe. Das taten sie so sehr, dass die Abläufe dann oft gar nicht mehr funktionierten. Zu „lean“ sollte es denn auch nicht zugehen.
Damit aus dem Mager-Model-Prozessen keine ernsthaft Magersüchtigen entstehen, musste man zu den Managern, die mehr lean auf Kosten der Arbeitsergebnisse hinschwindelten, eine Art Gegenpolizei entwerfen, die bald das so genannte Qualitätsmanagement betrieb und für alle Arbeiten Mindestqualitäten definierte. Das Ziel war nun, alles beliebig billig zu machen, aber eben alles zur definierten Mindestqualität zu liefern.
Diese Mindestqualität kann durchaus sehr hoch angesetzt sein – manche Firmen tun das und verordnen sich einen Exzellenzstandard, andere behaupten es wenigstens noch.

Nach dem Lean Management und dem Qualitätsmanagement begann das Outsourcing. Man sagte, dass alle Arbeit von Leuten verrichtet werden müsste, die es am besten könnten – die aber habe man oft nicht im Unternehmen selbst. Deshalb kaufte man sich Expertise von außen zu, zum Beispiel Strategieberater, Designer oder Zeitarbeitsgärtner für die Hydrokulturen in den Großraumbüros. Alle diese Ideen betrafen die bessere Organisation der Arbeit und deren Aufteilung unter den verschiedenen Arbeitskräften.

Dann aber begann man, von den Outgesourcten immer mehr Leistung zu verlangen. Aus Prinzip! Man drückte brutal die Löhne und verlangte dafür stets die definierte Mindestqualität. Man drückte die eigene Verantwortung weg, die Mindestqualität einzuhalten – die musste geliefert werden. Wie genau das geschah, unter Kinderarbeit, Hungerlohn oder sonst wie, sah man sich selbst nicht an, es war ja von allen „Lieferanten“ unterschrieben worden, alles ethisch sauber herzustellen. Man begann auch, alle solche Arbeiten outzusourcen, bei denen die Auslastung schwankte, was ein Beschäftigungsrisiko für ein Unternehmen bedeutete. Alle diese Risiken und die Verantwortung für die interne Art der Erbringung der Arbeiten wurden nach außen gegeben.

So etwa bis 1990 arbeiteten wir echt nur 35 Stunden und hatten es gemütlich dabei. Heute arbeiten wir ungemütlich stressig unsere bald 50 Stunden und mehr und leisten in dieser Zeit wie früher in 70 Stunden. Da haben wir unseren Output doch fast verdoppelt? Bekommen wir mehr Geld? Nein, nur die Inflation wird ausgeglichen. Nun haben wir ja gerade leider gar keine Inflation mehr, dann werden die Löhne wohl noch gar sinken?? Was ist – so fragen wir uns – mit unserer irren Mehrleistung geschehen?
Wir wissen alle, dass die Menschen in Asien noch viel rüder behandelt werden. Die bezeichnen wir ja inzwischen wütend als „moderne Sklaven“ – und wir finden, dass sich das nicht gehört, Menschen so zu behandeln. Aber Sie sollten bei Ihrer Wut auch sehen, dass die „Sklaven“ in Asien ja jedes Jahr mehr Geld bekommen, während man uns hier ja nach und nach erst in die moderne Sklaverei tiefer und tiefer hineindrückt.
Diejenigen, die davon nicht betroffen sind, schauen weg oder finden, die Prekären könnten sich mehranstrengen und weiterbilden. Das Ansteigen der Armut hierzulande wird als statistisches Phänomen wahrgenommen, es geht uns aber „oben“ gar nicht nahe. Wir merken schon, dass die Qualität der Waren sinkt, wir streiten ja um diese „Mindestqualitäten“ mit dem Chef bei der Arbeit. Hier in Mannheim war Chirurgenbesteck nicht richtig desinfiziert (Skandal!) – „wir schaffen die Mindestqualität nicht mehr zu jeder Zeit, es sind aber Einzelfälle, und eine Gefahr für Menschen bestand zu keiner Zeit“. Das Pferdefleisch in der Lasagne gefährdete auch niemanden. Banken und Versicherungen müssen Beratungsprotokolle anfertigen, damit sicher ist, dass sie eine Mindestqualität geliefert haben…

Wir arbeiten mehr, verdienen eher weniger, die Produkte werden auf Mindestqualität herunterge-dimmt. Die Preise fallen, weil wir ja nicht so viel Geld haben und vor allem, weil die Qualität ja sinkt…

Irgendwie lesen die Volkswirte jetzt Deflationsgefahren aus diesem Kaffeesatz. Dabei gibt es doch eine tolerierte Entwicklung zu moderner Sklaverei und die Ausweitung der Arbeiterarmut, zu der später noch die Altersbitterarmut kommt. Wieso – bitteschön – sollen jetzt die Preise wieder steigen? Warum nicht die Qualität der Waren, die Auswahl dabei und der Anteil der nach Erdbeer schmeckenden Pilze im Joghurt? Wer soll denn die höheren Preise bezahlen?

Wir schauen weg und hoffen. „Deutschland geht es noch immer mit am besten.“ – „Dass die Armut steigt, bedauern wir sehr, aber das wird vorübergehen.“ – „Die junge Generation Y will ja gar nicht mehr hart arbeiten, die wollen nur genießen.“ Hilfe! Die Jungen haben keine Vergangenheit und keine richtige Zukunft, da haben sie nur die Gegenwart.

Noch nie hatten wir so wenig Vergangenheit wie heute. Noch nie hatten wir so wenig Zukunft wie heute. Weil wir wegschauen und bald Kredite aufnehmen – wir, das Volk – damit die Volkswirte damit irgendwie doch noch eine Inflation anzetteln, damit die Gewinne steigen.

Deflation, Inflation, Schulden hin und her: Wir müssen auskömmliche Arbeitsplätze schaffen – aber das wissen wir alle. Es ist nur viel zu viel Arbeit gegenüber dem Schuldenmachen und Verlotternlassen aller Infrastrukturen.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

9 Kommentare

  1. Recht schön den ablaufenden Prozess seit Beginn der 90´ger beschrieben. Doch nun ist die Generation ausgebrannt und die nächste Generation hängt also in ihren eigenen Seilen – aber ohne Perspektive, die irgendwie im Zusammenhang mit der Gesellschaft selbst sei – denn eine ganze Vorgängergeneration ist ja ausgebrannt. (übrigens merkt man das auch an den Beiträgen in diesem Portal und anderswo, dass die Luft raus ist – das war vor 2-3 Jahren noch ganz anders – auch quantitativ mehr).

    Diese Generation Y hat jetzt nur noch die Perspektive, die von der neoliberalen Vision der vergangenen 15 Jahre erzeugt wurde (die oben recht gut beschrieben zu sein scheint) – also das Neue; Systemgewordene Prinzip. Und das ist alles andere, als verlockend. Da kann man schon mal “etwas” unmotiviert sein.

    Und was eigentlich ist mit der ausgebrannten Generation? Nach denen fragt man ja noch weniger. Alteisen rostet vor sich hin.

  2. Wenn ein Durchblicker und optimistischer Technikfreund wie Sie, in seinen letzten Veröffentlichungen konstante Trübsal bläst, werde ich hellhörig. Dann ist die Kacke am dampfen. Doch was können wir tun?

  3. @ Edm. Kaiserhof: Lesen Sie mal heute Seite 2 in der SZ zu e.on, so ist das an vielen Stellen. Man ist überrascht, dass man keinen satten Gewinn mehr mit dem teuren Industriestrom macht, den die Industrie meist um Mittag herum macht. Man erkennt, dass Sonne und Wind tatsächlich um Mittag herum aktiv sind und so….man hat keine Ahnung von Privatkunden, keine von Krise, keine von Altlastenbewältigung… Was kann man tun, fragen Sie. Ja, wenn die Chefs alle jetzt überrascht sind? Wahrscheinlich ist für die die Zerschlagung von Google die Lösung aller Probleme.

  4. Das QM wird in der BRD doch tatsächlich vom TÜV zertifiziert, wer das mal miterlebt hat, weiß Bescheid: Der “Dritte Weg” ist bereits da.
    MFG
    Dr. W

  5. Wohlfeiler Ziegefinger: Zuerst hat Dueck mitgeholfen Tausende in Banken, Versicherungen und Verwaltungen zu entlassen und durch Lizenzkosten zu ersetzen und jetzt meckert er über Effizienzsteigerungen durch die Knute. Seltsam, dass alle alles mitmachen, da sie doch mindestens zwei Leasingraten, das Haus und das Studium der Tochter abzahlen müssen. Wer sich selbst an die Kette legt, soll nicht auf die Schmiede zeigen

  6. Ich habe auch dabei mitgemacht. Einer meiner ersten großen Aufträge sorgte dafür, daß in einer Abteilung von 17 Mitarbeitern 14 überflüssig waren! Zum Glück war es ein öffentlichrechtliches Unternehmen, so daß die Mitarbeiter nicht entlassen wurden. Ähnliches ist dann immer wieder passiert.
    Es ist nun mal so, daß wir einen technischen Fortschritt, bzw. einen Produktivitätsfortschritt haben. Das Dumme ist nur, daß die erzeugten Mehrwerte nicht an die Produzenten – sprich die Arbeitnehmer – fließen. Sie fließen als leistungsloses Einkommen an Kapitalbesitzer oder den Staat.

  7. Genauso ist es!
    “Das Dumme ist nur, daß die erzeugten Mehrwerte nicht an die Produzenten – sprich die Arbeitnehmer – fließen. Sie fließen als leistungsloses Einkommen an Kapitalbesitzer oder den Staat.”

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