Das Unpro-Prinzip oder wie wir alle unfähig oder überbezahlt werden

BLOG: WILD DUECK BLOG

Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
WILD DUECK BLOG

Es gibt so wunderbar satirische Bücher wie das Peter-Prinzip und das Dilbert-Prinzip. Das Petersche sagt, dass Menschen so lange befördert werden, bis sie zum ersten Mal nicht mehr fähig sind, den neuen Job zu stemmen. Nach Dilbert versucht man, die Unfähigen dadurch zu entsorgen, dass man sie befördert, am besten ins Management, damit sie ja nicht arbeiten und somit Schaden anrichten! Da muss ich nachlegen: Ich behaupte, dass wir alle bald unfähig oder überbezahlt sein werden, wenn wir einfach nur tüchtig arbeiten.

Viele junge Leute, das habe ich auf Nachfrage bemerkt, kennen das Peter-Prinzip nicht! Es wurde erstmals 1969 im Buch The Peter Principle  Laurence J. Peter und Raymond Hull fornuliert. Original: „In a hierarchy every employee tends to rise to his level of incompetence.“ Oder auf Deutsch: „In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“ Die Logik ist bestechend einfach. Wenn jemand in seinem Beruf gut arbeitet, wird er befördert. Wenn sie weiterhin gut arbeitet, wird sie wieder befördert. Wenn er nochmals gut arbeitet, wird er neuerlich befördert. So geht das weiter. Irgendwann aber kommt der Tag, wo sie oder er mit dem jetzt schon ziemlich verantwortungsvollen Job überfordert ist. Dann wird sie/er nicht mehr befördert, weil sie/er unfähig ist. Deshalb steigt die Anzahl der Unfähigen mindestens nach oben hin immer stärker an. In den hohen Positionen sind fast nur noch Unfähige, unten warten noch einige Fähige darauf, endlich in einen höheren Job befördert zu werden, den sie nicht ausfüllen können.

Darüber haben wir damals alle gelacht, als das Buch ein viel zitierter Bestseller war. Wir waren überrascht, wie gut diese witzige Theorie die Lebenswirklichkeit trifft. Warum eigentlich? Die Antwort: Es gibt viele Beförderungen, die in eine Stelle führen, in der andere persönliche bzw. charakterliche Fähigkeiten verlangt werden, die nicht mehr bei der Arbeit erworben werden oder sogar nicht mehr gut erworben werden können. Zum Beispiel könnte man (das kommt gaaanz oft wirklich vor!) den besten Lehrer in der Schule zum Direktor der Schule befördern. Dann betritt er beruflich ein neues Gebiet, was ihm meist nicht klar ist. Ein Lehrer muss die vielen hyperaktiven, unzuverlässigen und störenden Kinder für Bildung interessieren und charakterlich auf den Pfad der Tugend bringen. Dazu hat er eine gewisse Autorität, die ihm die Kinder und Eltern meist noch zugestehen. Wird er aber Direktor, so muss er sich mit einem „Lehrerkollektiv“ auseinandersetzen, also mit Leuten, die von Amts wegen oder in ihrer Selbstvorstellung immer Recht haben… Ich will jetzt nicht drastisch werden – Sie verstehen, dass man leicht mit Lehrern überfordert sein kann, wenn man bisher nur mit Kindern üben durfte? Sie verstehen auch, dass es nur EINEN Direktor gibt und sehr viele Lehrer unter ihm auf die Chance lauern, die Stufe ihrer Unfähigkeit zu erklimmen? Die sind dauersauer und eben nicht teamglücklich.
Dieses Phänomen sehen wir sehr oft in der Politik. Da sind wundervolle Politiker, die sofort kläglich versagen, wenn sie Minister werden. Manche schaffen es nach 100 Tagen, in den größeren Schuh hineinzuwachsen, die meisten aber nicht. Es ist eher selten, dass sie im Amt wachsen, also die neu verlangten charakterlichen Führungsfähigkeiten ausreichend schnell erwerben. Wer zögert, wer also vor einer Beförderung zittert, weil er das Peter-Prinzip kennt, wird immer in Watte gepackt: „Ach, sei nicht feige, das schaffst du schon.“ Und schwupps, ist wieder ein wertvoller Mensch für die Menschheit erledigt. Es ist ja nicht so, dass unfähige Beförderte lediglich ein Ausfall sind – oh nein, schlimmer! Immer weiter hinauf schaden sie der Menschheit enorm! Wer unfähig ist, wird ja nervös und aggressiv und nutzt seine Macht, respektiert zu werden, obwohl man ihn in seiner Rolle nicht mehr respektieren kann…

So. Und jetzt das Unpro-Prinzip. Ich behaupte, dass wir alle mehr oder weniger unfähig oder überbezahlt enden und auf jeden Fall geprügelt werden. Das steht im Prinzip in meinem Buch Professionelle Intelligenz. Die Technisierung und Industrialisierung aller Arbeiten beschleunigt sich noch immer. Die einfachen Arbeiten erledigt ein Computer schon fast von selbst, zum Beispiel alle einfachen Reisebuchungen, Rechtsfragen, Diagnoseprobleme, Wissensfragen, Steuerlagen usw. Eine regionale Bank hier in der Gegend gab gerade bekannt, dass sie allen Geldkleinkram bis vielleicht 10.000 Euro einfach „auslagert“, also von Billigkräften woanders erledigen lässt, die dann alles mit guter Software und einem Flachbildschirm hinbekommen. Dann verbleibt in der Bank oder im Reisebüro nur noch der schwierige Teil für die Berater übrig. Die haben bisher zu großem Teil einfache Arbeiten erledigt  und zum kleineren Teil komplizierte Anfragen beantwortet. Jetzt sind aber nur noch schwierige Aufgaben für die nicht Ausgelagerten da!
Folglich erkennt man nun bei der Zweiteilung der Arbeit, wer eigentlich wirklich fähig ist, wer also den ganzen Tag ohne Hilfe anderer Kollegen  mit schwierigen Arbeiten fertig wird, die ja auch höhere charakterliche Fertigkeiten verlangen: Kundenansprache, emotionale Intelligenz, Verkaufstalent! Einfache Arbeiten lassen sich fast allein mit Fachkenntnissen schaffen, die man erlernen kann, aber bei Top-Kunden sollte man zusätzlich noch Sympathieträger usw. sein, oder? In einer normalen Teammischung gibt es praktisch kaum Mitarbeiter, die locker den ganzen Tag erfolgreich nur schwierige Arbeiten erledigen können. DAS ist das Problem! Auf der höheren Stufen der vollen Professionalität gibt es kaum genügend Professionelle.

Da behilft man sich so, dass die weniger guten Leute NUR  noch die einfachen Aufgaben bekommen. Dafür sind sie aber eigentlich überqualifiziert! Trotzdem, sie dürfen nur noch Einfaches machen. Deshalb sind sie überbezahlt! Und jetzt werden sie gequält, doch Lohnverzicht zu üben und Niedriglohnjobber mit Zeitvertrag zu werden.
Die besseren Leute dagegen müssen jetzt NUR noch schwierigen Arbeiten erledigen. Das können sie von der Persönlichkeit her meist nicht, sie sind überfordert, reagieren gereizt und nervös und versuchen, vom Kunden und vom Chef respektiert zu werden, obwohl es da Gegenargumente gäbe. Dadurch, dass sie nur noch schwierige Anfragen beantworten, sind sie OHNE JEDE Beförderung dem Peter-Prinzip zum Opfer gefallen und jetzt unfähig geworden.

Ich fasse zusammen: Die Aufteilung einer Arbeitsanfallserie in den einfachen Teil (der ausgelagert oder outgesourct wird) und in einen schwierigen Teil, der viel Kraft und Persönlichkeit erfordert, teilt die Menschen implizit in Überbezahlte und Überforderte.
Auf beide Teile wird nun eingedroschen. Die Überbezahlten sollen weniger verdienen, die Überforderten mehr leisten („Employability“).
Ja, und was bedeutet das für uns? Wir müssen eigentlich entscheiden, ob wir Boreout mit Geldmangel bevorzugen oder Burnout mit Karotten-Bonusversprechen vor der Eselsnase.
Das ist das Unpro-Prinzip. Unpro wie Unprofessional. Niemand hat eine Chance. Das ist die effizienteste Lösung der so genannten Arbeitsteilung, die den Menschen vom Tier unterscheidet.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

8 Kommentare

  1. Interessanter Ansatz dieses Unpro_Prinzip. Wer also qualifiziert ist und nur langweilige und unterbezahlte Tätigkeiten bekommt, der kann sich ja auch kaum profilieren. Der wird sich da schwer tun aus dieser Schiene wieder herauszufinden, erstens weil man bei der Erledigung einfacher Tätigkeiten nicht auf sich aufmerksam machen kann für höhere Aufgaben, was jemand vielleicht anfangs noch versucht, andererseits weil er sobald er das Prinzip verstanden hat gelangweilt und frustriert die Tätigkeit routiniert abspult und letztlich abschaltet.
    Das Peter-Prinzip ist einleuchtend, der beste Schuhverkäufer wird wahrscheinlich Filialleiter und dort versagt er. Management by Blue Jeans (an jeder Stelle eine Niete) ist die Folge.

    Sowohl Peter-Prinzip als auch das Unpro-Prinzip verkennen jedoch, dass Stellenbesetzungen auch in hohem Maße von sozialen Beziehungen geprägt sind. So wird oft nicht nach Qualtifikation entschieden sondern nach Gruppenzugehörigkeit – Loyalität (Familie, Partei, Verein, etc. ) Die Entscheider sitzen “oben” und holen sich “gleiche”.
    Insofern werden die beiden Prinzipien abgemildert, weil sie ihre Durchbrechungen erfahren. Dass die Durchbrechungen zu besseren Ergebnissen führen sei damit nicht gesagt.

  2. Schmerzensgeld

    Früher habe das Geld, daß ich für meine Arbeit bekam, gern als Schmerzensgeld bezeichnet. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich für langweilige Routinearbeiten sehr viel Geld bekam und für das, was mich wirklich interessierte, gab es kein Geld.

    Heute verdiene ich gerade so viel, daß ich gut leben kann und über die Runden komme. Dafür arbeite ich 4-8Stunden in der Woche. Den Rest habe ich Zeit, mich mit den Sachen zu beschäftigen, die mir wichtig sind. Ich lese sehr viel, lerne immer neue Sachen dazu, spiele mit Programmiersprachen und Algorithmen.

    Meine Frau hatte sich 40 Jahre lang als Krankenschwester für andere aufgeopfert. Nachdem sie in Rente ging, ist sie nach 6 Jahre Rente gestorben. Zum Glück konnte ich diese Jahre intensiv mit ihr zusammenleben, ohne ständig bei irgendwelchen auswärtigen Kunden zu arbeiten. Es lohnt sich nicht, sich für andere kaputt zu arbeiten. Diese Einstellung bekommt aber leider erst, wenn man älter wird oder einen die Natur zwangsweise stoppt.

    Beide Prinzipien zeigen im Grunde, daß unsere heutige Arbeitswelt menschenunwürdig ist. Es zeigt aber auch, daß die Unternehmen, aber auch die Mitarbeiter noch sehr viel in sozialer und emotionaler Kompetenz zu lernen haben. Auch betriebswirtschaftlich ist das ein riesiger Kostenfaktor, denn die einen sind überbezahlt und die anderen unterbezahlt. Es sind einfach nicht die richtigen Menschen am richtigen Platz.

  3. Sehr platt

    Der Text geht pauschal davon aus, daß alle Führungspositionen generell von Mitarbeitern besetzt sind, die, entsprechend ihres Talentes, zu hoch befördert wurden. Ich zweifle daran, daß dem so ist. Es gehört schon eine professionelle Personalstrategie und -entwicklung dazu, daß die richtigen Menschen ausgesucht und vorbereitet werden. Diese habe ich in einer Reihe von Unternehmen durchaus angetroffen.

    Zum zweiten geht der Text pauschal davon aus, daß ab Management-Ebene nur noch einfache Dinge zu erledigen sind. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen bei IBM erging, aber ich kenne durchaus jede Menge verantwortungsvolle Managementaufgaben, die sicherlich in einem anderen Bereich liegen als die zuvor ausgeübte Spezialistentätigkeit, die dem Einzlenen sehr viel abverlangen. Auch hierauf müssen die Betreffenden vorbereitet werden. Mir ist die Grundlage dieses Textes einfach viel zu plakativ. Sie bedient lediglich festgefügte Bilder einer in der Regel außenstehenden Öffentlichkeit.

  4. Immer wieder schön

    Viele junge Leute, das habe ich auf Nachfrage bemerkt, kennen das Peter-Prinzip nicht!

    Für diejenigen sei die “Trilogie” als Lesetipp für den Urlaub empfohlen.

    Im Rowohlt-Verlag

    1) Das Peter-Prinzip
    oder die Hierarchie der Unfähigen

    2) Das Peter-Programm
    Der 66-Punkte-Plan, mit dem man Problemen, Pannen und Pleiten Paroli bieten kann

    3) Die Peter-Pyramide
    EBGO: Die Einheitlich Bürokratische GrundOrdnung

    😉

  5. @all @Dueck

    Naja Herr Dueck schreibt immer sehr zugespitzt, worüber ich mich auch schon öfters geärgert habe. Dass Leute auch auf andere Arten und Weisen befördert werden ist auch klar, es geht hier lediglich um den Effekt und seine quantitative Bedeutung, auch wenn Dueck das außen vor lässt.

    Vielleicht sollten Sie, Herr Dueck, von einem UNPRO-Effekt reden. Das aber nur als schlichtungsversuch.

    Was das Unpro-prinzip angeht, könnte ich mir gut vorstellen, dass das in manchen Betrieben, Branchen oder Abteilungen ganzer Branchen ein massives Problem darstellt. Einerseits wegen der schwere der Folgen und andererseits wegen der Möglichkeit, dass es quantitativ richtig bedeutsam ist. Vielleicht kann man Boreout noch beikommen, indem man sich andere Herausforderungen sucht, aber Burnout ist ein riesiges Problem. Da läuft einem der Schauer über den Rücken.

    Dass Leute an Problemen scheitern die nicht lernbar sind, wage ich zu bezweifeln. Es kommen schlicht und einfach bestimmte Qualifikationen in der Ausbildung zu kurz und es werden Inhalte gelehrt die früher mal von Bedeutung waren. Ich denke da bspw. an das auswendiglernen von Texten, das heute obsolet ist, aber früher sehr wichtig war. Ein aktuelles Beispiel ist das Erlernen von Schreibschrift. Das ist heute längst obsolet, aber wird noch immer gelehrt. Das hat wahrscheinlich auch etwas damit zu tun, dass die Idee von Lehrstoffen davon abhängig ist, was man selber in der Schule gelernt hat. Deswegen ist Lehrplanpolitik grundsätzlich konservativ und je schneller sich die Welt verändert, desto schlechter ist jede konservative Strategie.

  6. @Dueck Frage

    Gerade Projektmanager leiden unter einer hohen Arbeitsbelastung, nicht weil die Einzelprobleme so schwer wären, sondern weil sich die Summe der Aufgaben nur sehr schlecht aufteilen lässt ohne größere Einbußen im Endergebnis zu haben. Dementsprechend sind Verantwortung und Arbeitszeit außergewöhnlich hoch.

    Sehen Sie das aus ihrer beruflichen Erfahrung auch so?

  7. Danke.

    Ich zumindest danke für die oben beklagte Überspitzung, sie ist gerade nicht das Ärgerliche im Artikel, sondern das Erfreuliche:

    (M)ein Eckpfeiler zur weiteren Orientierung, ein neuer Merk-an-satz: Outsourced/Inbound (Heißt das so?). Überbezahlt/Überfordert. Boreout/Burnout.

    Vielen Dank, Herr Dueck.

  8. Gesellschaftssysteme

    Ich behaupte, dass wir alle mehr oder weniger unfähig oder überbezahlt enden und auf jeden Fall geprügelt werden.

    Weil diese Prügel im Blog-Artikel nicht näher beschrieben wurden, würde dieser Leser nun davon ausgehen wollen, dass die gegebenen Gesellschaftssysteme ideal sind – bis die Prügel beschrieben werden.

    MFG
    Dr. Webbaer

Schreibe einen Kommentar