Das Hänschen ist noch hochbegabt – der Hans hat mal ein Hirn gehabt

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Nein, das ist keine Kolumne über digitale Demenz. Dann hätte sie einen anderen Titel, zum Beispiel: „Was Hänschen nicht spitz kriegt, liest Hans dann beim Spitzer.“ Oder: „Internet wirkt wie D-Menthol!“ Sie klagt aber doch über den offensichtlich fehlenden Schwung oder Unternehmergeist in Erwachsenen. Fehlt der? Ich glaube, er ist irgendwohin entschwunden. Wohin?

Mir liegt immer noch Fritz Riemanns Gegenüberstellung der Zwanghaften („obsessive compulsives“) und der Hysterischen („histrionics“) aus seinem Kultklassiker „Die Grundformen der Angst“ im Magen. Riemann stellt hier außerdem die Depressiven den Schizoiden gegenüber, aber das ist ein anderes Thema. Ich habe im Internet und in Büchern geschaut, was das eigentlich ist: zwanghaft und hysterisch (seit einiger Zeit sagt man offiziell histrionisch zu hysterisch, Riemann starb 1979). Es klingt sehr krank, oder? Nicht ganz so extrem und vernich-tend formuliert man es so:

Zwanghafte Persönlichkeit: Sie zielt auf Recht und Ordnung, wahr und falsch, jede Frage hat eine richtige Antwort, sie liebt Kontrolle, Macht und Beherrschung. Alles muss perfekt sein. Sie ist gewissenhaft, ehrgeizig, ausdauernd, hartnäckig, sauber und sachlich. Sie strebt nach Sicherheit und Eigentum, ist deshalb vorsichtig und sparsam. Sie ist bodenständig, konservativ, konsequent und immer zuverlässig.

Hysterische Persönlichkeit: Sie möchte ein anregendes, interessantes, spannendes Leben voller Abwechslung und Abenteuer, dafür sind ihr auch Risiken recht („no risk, no fun“). Sie ist impulsiv, unternehmungslustig, liebt die Show, das Stehen im Mittelpunkt und den damit verbundenen Applaus. Sie giert nach Kontakten, begeisternden Momenten, neuen Ideen. Gleichzeitig ist sie unstet, oft oberflächlich und immer auf der Suche nach Neuerungen.

Eine Persönlichkeitsstörung liegt erst dann vor, wenn jemand stur perfekt ist oder ausrastend aufschäumend! Zwanghaft sind die, die Angst vor der Veränderung haben – hysterisch die, die sich quälend langweilen, wenn alles so bleibt, wie es ist.
Fallen Ihnen Beispiele ein? Controller sind zwanghaft, oder? Künstler sind hysterisch! Deutsche sind zwanghafter als Amerikaner! Was mir aber gerade nicht aus dem Kopf geht, ist:

•    Hänschen ist noch ganz hysterisch.
•    Hans ist zwanghaft geworden.

Lesen Sie doch die Charakterisierungen nochmals Punkt für Punkt! Kinder wollen alles neu erfahren. „Den Rasen mähen kann ich auch!“ – „Spaghetti kochen will ich selbst!“ – „Ich wasche heute ab!“ Sie wollen alles probieren und selbst können. Sie mähen aber nur einmal den Rasen, waschen einmal ab und kochen einmal. Dann können sie es und wollen weiter, immer weiter – unersättlich mehr haben und anderes erleben. Die Eltern sollten Event-Manager sein!
Erwachsene mähen immer den Rasen und waschen stets nach dem Essen ab. Das ist ein wichtiger Unterschied. Sie haben jetzt so viele Pflichten und Regeln, dass sie Neues kaum noch verkraften. Sie wehren das Neue eher ab.

Warum verändern wir uns so sehr? Wir WOLLEN es so. Das Zwanghafte ist der Deutschen Wunschvorstellung. Deshalb geben sie sich als Eltern meist zwanghaft, auch wenn sie es selbst nicht sind. Deshalb haben wir so viele zwanghafte Lehrer (histrionische leiten die Theater AG). Das Zwanghafte wird auch „Conforming Pattern“ genannt. Im Buch „Disorders of Personality“ schreiben Millon & Davis: „A major force behind the tightly structured world of compulsives is their fear of disproval and their concern that their action will not be frowned on, but severely punished. This fear can be understood given their likely history of exposure to demanding, perfectionistic, and condemnatory parents. “ Kurz in Deutsch: Zwanghafte können oft auf eine Geschichte zurückblicken, die durch perfektionistische, oft tadelnde Eltern charakterisiert ist, die immer ihr Bestes wollten… Millon/Davis unterscheiden verschiedene Erwachsenen-Typen von Zwanghaften: Übergewissenhafte, Puritanische, Bürokratische, Geizige und „Bedeviled Compulsives“ (das sind innerlich sehr gequälte Menschen, die gleichzeitig sehr konformistisch/selbstverleugnend sind und auf der anderen Seite sehr auf ihren Vorteil gedacht – immer im Spagat, der Egoismus darf um keinen Preis auffallen).

Unsere Erziehung produziert Zwanghafte. Zwanghafte Lehrer sind Teil des Systems. „Was man Hänschen nicht lehrt, macht Hans stets verkehrt“ und „Wenn Hänschen nicht lernt, wird Hans bald entfernt.“
Natürlich gibt es auch etliche Erwachsenenvarianten der hysterischen Seite: Theatraliker, Infantile (!), Leuchtend-Bunt-Begeisterte, Unaufrichtig-Listige und Tobend-Leidenschaftliche.

Ach ja. Wir betreten die Schule als mehr Hysterische und verlassen sie als Zwanghafte. Dann studieren wir ohne jede Persönlichkeitseinwirkungsversuche in der Gleichgültigkeit der Bachelormühle und beginnen die zwanghafte Arbeit.
Und da quälen sie uns jetzt. „Hallo, Zwanghafte, bleibt schön zwanghaft, gewissenhaft, kostengeizig, puritanisch und bürokratisch. Was euch aber fehlt, das ist die Begeisterung! Die Leidenschaft, die ‚Passion for the Business‘! Habt keine Angst vor unserem Stirnrunzeln, habt keine Angst vor Fehlern! Es ist normal, Fehler zu machen, für die man natürlich auch bestraft wird. Seid selbstverleugnend gegenüber der Firma, aber ego-getrieben hinter eurem Bonus her! Wenn man ab und zu einmal unaufrichtig-listig dem Kunden etwas aufschwatzt, ist es gut für den Bonus.“

Ich liebe es, wenn Manager sagen: „Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.“ Manchmal ist es wie eine Aufforderung, innerlich ein Tauziehen zu betreiben. Sie wollen irre Kräfte nach links und irre Kräfte nach rechts. In Physik lehrten sie uns, es käme der Nullvektor heraus. Psychologen begreifen nicht, was ein Nullvektor ist. Sie nennen es Burnout.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

15 Kommentare

  1. Nein, wir “wollen” es nicht “so”.

    Wir wollen als sogenannte Erwachsene auch immer nur unerreichbare Ideale – weil wir sie inzwischen kennen / beigebracht bekamen. Wie das Kind ein Bonbon will und nichte Einzelne Bestandteile dessen. So will der sogenannte Erwachsene auch immer das Beste – wobei die Alternativen meistens nicht bewusst sind oder/und nicht wählbar. Solch eingeschränkter Wille ist fürn Arsch und sollte sich Zwang nennen. Passend ist, dass das Zwanghafte also nur unter Zwängen hergestellt werden kann. Jaja, da ist der Mensch auch gut drin. Sich die Welt in seinem Resumee darüber schön zu reden.
    Fragen sie einen Menschen, ob er bereit sei, seinen Spaß am Leben und seine Inspiration zu verlieren, um endlich Zwangshaft routiniert perfekt und automatengleich Gleiches zu tun. Dann “will” bestimmt keiner, was sie meinen, dass wir “wollen”. Anzubieten, dass er auf ein Paar Bereichen des Lebens grandiose Leistungen verbringen kann, wirkt da schon gleich anders.

    Das ist Rhetorik.

    Ansonsten war der Generationenvertrag wohl das modernste Argument, seinen Nachwuchs sich selbst gleich zu machen – oder gar noch besser als… und so richten sie noch heute ihren Nachwuchs ab, damit er auch ja die Rente für mich einzahlt.

  2. “Das Zwanghafte ist der Deutschen Wunschvorstellung.”

    Volltreffer , deshalb sind sie auch die bravsten und geradezu fanatischsten Arbeitnehmer.

    “Hallo, Zwanghafte, bleibt schön zwanghaft, gewissenhaft, kostengeizig, puritanisch und bürokratisch. Was euch aber fehlt, das ist die Begeisterung”

    Geradezu wies paßt , aber genau hier muß das System zwangsläufig scheitern , Freiheit gibt es oder es gibt sie nicht , sie läßt sich auf Dauer aber nicht einseitig domestizieren.
    Übrigens gab es noch nie so viele Bücher wie heute , die den Sinn unseres Verständnisses von Arbeit ganz grundsätzlich in Frage stellen….

  3. Sie schreiben: “Unsere Erziehung produziert Zwanghafte. Zwanghafte Lehrer sind Teil des Systems” und es laufe – im System der Zwanghaften – auf ein Phänomen hinaus, welches als “Burnout” bezeichnet werde. Ist das empirisch abgesichert?
    Habe über die psychische (also kognitive, emotionale und motivationale) Situation von Schüler/innen und Lehrer/innen vor einigen Tagen geschrieben: https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-lernen/froh-zu-sein-emotion-motivation-und-schule/

  4. @Michaela Brohm: Nein! Ich kenne aber etliche mit Burnout, alles Hochleister, bei denen sich nichts bewegt, obwohl sie mit aller Kraft ziehen – Nullvektor. Bei vielen davon bewegt sich deshalb nichts, weil sie ein Utopiesyndrom nach Watzlawick haben, sie versuchen etwas Unerreichbares zu erreichen und lehnen jede Diskussion über die Erreichbarkeit ab. Ich habe schon eine Fortsetzung zu diesem Beitrag hier geschrieben, den stelle ich eine in ein paar Tagen hier ein, er ist jetzt erst einmal für Abonnenten meines Newsletters auf meiner Homepage. Ich möchte unterscheiden zwischen MENSCHEN, die ihre Ordnung zwanghaft befolgen und einem SYSTEM, das von allen VERLANGT, SEINE Ordnung zu befolgen. Das Problem ist also, dass eigentlich nicht Disziplin und Fleiß, sondern Gehorsamkeit und Einheitlichkeit bei Verweigerung von Sinnforderungen gefordert werden. DAS macht krank. Finde ich…

  5. @ DH Zitat:
    “Übrigens gab es noch nie so viele Bücher wie heute , die den Sinn unseres Verständnisses von Arbeit ganz grundsätzlich in Frage stellen…”

    Tatsächlich?

    Mir würde schon reichen, wenn man das zwanghafte Überzeugen und Anpreisen von “Arbeit” in Form von “Teilhabe an Gesellschaft” sein lassen würde. Es ist einfach richtig, weil es zwar auch stimmt, aber eben blöd ist, wenns nur noch so ginge. da zeigte sich wieder die Zwanghafte Seite überzivilisierter Gesellschaften.

    Diese WINWIN-Situation, die sie ja ist (Nein, es ist eine WinWinWinWin-Situation, weil Teilhabe, Versorgung, Mehrwertschöpfung und Altersversorgung dabei herrausspringt. Um mehr scheint es eh nicht mehr zu gehen – in der schönen neuen Welt der dementen Übermacht…)
    … diese allumfassende Gewinnersituation hat eben den Verlierer vorprogrammiert – das Subjekt; und der merkt es nicht mal.

  6. @ Brohm

    Eher wenig wahr, das der Artikel am 13. veröffentlicht wurde. Ich habe sozusagen in Echtzeit gescannt. Ihr Artikel war nicht dabei.

    Positive Psychologie … alles schön und so.
    Das ignoriert aber auch etwa die Ursache von Burnout und was es überhaupt ist. Das sieht auch der Blogbetreiber hier oben falsch. Das beschriebene ” bei denen sich nichts bewegt, obwohl sie mit aller Kraft ziehen – Nullvektor” ist noch nicht der Burnout. Das ist erst die psychische Überbelastung – eine Art aktive Störung, die zur affektiven Unfähigkeit führt – wobei die Unfähigkeit nur eigene Entscheidungsfähigkeit betrifft. Nicht dessen gewohnte Fachkompetenzen. Der Burnout folgt aus bisher öffentlich unbekannten Gründen erst danach. Aus wohlbedachten Gründen offenbar – als Burnout von Neuro-Kapazität, die erst zu den im Artikel beschriebenen Einfältigkeit und nachlassenden Inspiration führt – die vollendete Depression.

  7. Ach, zum Erwachsenen-Syndrom im Artikel (wo “Hans” plötzlich nicht mehr Kreativ und fehlender Schwung Charakter-Eigenschaft ist), … das nannte ich schon mal “spät-adulte Demenz”.

    Erfahrungsgemäß hat das nichts besonderes mit dem Digitalen zu tun – denn sowas gabs schon vor aller Digitalisierung – also hier speziell das 17 Zoll-Fenster zur Welt. Diese unauffällige Demenz kann auch schon viel früher auftreten – warum aber nur? Ich glaube nicht, dass hier was rein psychologisch erklärbar ist – nur beschreibbar.

    • Wegen Eintellungen nicht mich fragen. Ich bin Leser.

      Anyway, ich habe den Beitrag nicht gesehen. Es gab ihn also nicht auf der Hauptseite.

  8. Die Aussage, dass der in D Eingeschulte die Schule ‘hysterisch’ oder ‘histrionisch’ betreten und ‘zwanghaft’ verlassen soll, bleibt Ihrem Kommentatorenfreund ein Rätsel.
    Auch nach mehrmaliger Durchschau, nett auch dieser antideutsche Einschub: ‘Das Zwanghafte ist der Deutschen Wunschvorstellung.’, allein!, die Nachricht bleibt unklar.
    Oder ist sowieso alles egal?
    MFG
    Dr. W

  9. “Mir würde schon reichen, wenn man das zwanghafte Überzeugen und Anpreisen von “Arbeit” in Form von “Teilhabe an Gesellschaft” sein lassen würde. ”

    Ebenfalls Volltreffer. Hauptsache Arbeit , der Schritt ist da nicht mehr so weit zu “Arbeit macht frei”.
    Als ob jeder Drecksjob Erfüllung bringen würde , auffällig , daß diese Sichtwise immer von hochprivilegierten Leuten kommt , silberner Löffel und so.
    Es ist absurd- jahrhundertelang träumte der Mensch davon , die früher oft brutal harte Arbeit nicht mehr verrichten zu müssen , heute sind wir dem partiell nahe , und beschweren uns über zu viele “Freigestellte”, zum Teil auch von links.

    • Wenn man “Arbeit macht frei” von seinem populären Kontext löst, und gewisse Grundlagen neurologischer und psychologischer Art betrachtet, stimmt der in ganz anderem Kontext um so mehr.

      Mir gilt die Aussage dazu, Begriff und Bedeutung nochmal zu überdenken. Was ist Arbeit? Ökonomisch intendiert – also gegenwartskulturel etabliert, eben Das Leisten von Arbeiten gegen Entgeld.
      Physikalisch ist es dann spätestens schon “Arbeit”, wenn morgens die erste Bewegung uns aus dem Bett befördert. Wie und zu welchem Zwecke wir uns bewegten (arbeit verrichten) einen anderen Kontext brauchte.

      Mir kommt da der DH Chef in den Sinn, der sich fürs BGE einsetzt, weil damit eben der Kontext der “Arbeit” verändert werden könnte. Verlockend, bleibe aber skeptisch. Mit dem Kontext passen sich auch immer alle anderen Bedingungen an. Hier die sogenannte “unsichtbare Hand” des Marktes und der Denkweise darüber, wie dieser neue Kontext in alte-bewehrte Bahnen geleitet werden kann.

  10. @ chris

    Sie meinen vermutlich den DM-Chef , eine erfolgreiche Drogeriekette kann ich leider nicht vorweisen…

    Der eingeengte Arbeits-Begriff treibt auch seltsame Blüten innerhalb der Arbeitswelt , oft gilt derjenige als fleißig , der am meisten danach aussieht , mit drastischen Folgen , nicht selten ist es eine der Kernkompetenzen in den Führungsebenen , möglichst wichtig zu wirken , mit Anglizismen herum zu schmeißen oder ellenlange und weitgehend sinnlose Besprechungen abzuhalten , die dann natürlich als “meetings” bezeichnet werden müssen ,

    Und wenn der einfache Arbeitnehmer mal rumsteht , weil gerade nichts anfällt , riskiert er seinen Job , dümmer gehts echt nicht mehr.

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