Cyber-Nanni, Cyber-Manni

BLOG: WILD DUECK BLOG

Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Mein Schachcomputer spricht mit mir, er heißt wohl Fritz (der Achte, wenn Ihnen das etwas sagt). „Turmtausch nach Schablone!“, mault er enttäuscht oder, vom Warten auf mich nervös geworden: „Soll ich dir mal einen guten Zug vorschlagen?“ Da kam mir eine geniale Idee! Die Schachstimme oder die abgehackt sprechende Frau in meinem Navi sind so etwas wie ein anders gepoltes Tamagotchi, oder? Eine Cyber-Nanni passt auf mich auf!

Das ist die Idee! Tamagotchis sind Kunstwesen, die wir wie Haustiere halten und bemuttern können. Sie waren Ende der 90er Jahre groß in Mode und kamen in neuerer Zeit nochmals auf. Wenn man sie nicht genug küsst oder füttert, können sie glatt sterben, es gibt im Internet virtuelle Friedhöfe für Tamagotchis. Bei meinem Navi ist es anders herum. Die künstliche Frau da drin sagt immer Achtung, wenn ich zu schnell fahre. Allerdings habe ich das im Navi selbst eingestellt. Sie soll das tun. Ich kenne das Gleiche von Beifahrerinnen, die mir aber zu unzuverlässig reagieren und oft einen kränkenden oder sogar verzweifelten Unterton in der Stimme haben, als würde ich sie umbringen wollen. Meist ärgern sie sich aber, dass ich zu langsam fahre, denn es ist oft von angeblich unnötigen 137 PS die Rede, die mein kleiner Volvo hat.

Es fasziniert mich, dass ein normaler Schachcomputer, der mich nur über meine paar Züge und die verbrauchte Bedenkzeit kennt, der also über sehr wenige Daten über mich verfügt, zu so sehr treffenden Bemerkungen über meine Spielweise imstande ist, dass er so etwas wie ein ätzender Freund wurde. Auch die Frau im Navi kennt mich kaum, sie hat nur geringe Kenntnisse von mir. Sie weiß, wohin ich normalerweise will, und sie weiß um meine gewöhnlichen Reaktionen auf ängstliche Routenänderungsvorschläge, um einen befürchteten Stau zu umfahren. Ich finde sie im Großen und Ganzen zu synthetisch, ich möchte eine neue Navi-Frau. Allenfalls ihre Aufforderung „Jetzt bitte wenden!“ klingt ein bisschen emotionaler, so wie bei Fritz.

Mit ein wenig Liebe zum Detail könnte sie sich doch ordentlich aufregen, wenn ich im Auto ans Handy gehe oder Apfelschorle am Steuer trinke. Sie könnte sich der Situation anpassen und auch mal fröhlicher sprechen. „Du fährst aber schwungvoll, wie viel hast du getrunken?“ Dann sage ich es ihr und sie erzählt Witze, damit ich wach bleibe.

Das brachte mich auf den Gedanken, eine Cyber-Nanni zu erfinden, die alle Daten über mich aus dem Netz, aus dem Navi oder von mir selbst über Sensoren kennt und mir dann dabei hilft, ein ganz normales Leben zu führen. Viele Erziehungsberechtigte schaffen es ja auch mit einem relativ eingeschränkten Idiomsatz, ihre Kinder oder Schüler zielgenau zu steuern. „Pass auf. Was habe ich gesagt! Du hörst nicht zu. Das darf man nicht. Nicht denken, machen. Man kann sich auf dich nicht verlassen. Andere sind besser. Das kannst du nicht. Okay, ich versuche es einmal anders herum: Danke! Aber du musst es jetzt sofort honorieren, wenn ich ausnahmsweise relaxed mit dir umgehe.“ Damit kamen wir auf dem Bauernhof auch bei Hunden und Pferden aus.

Wir erfinde ich eine Cyber-Nanni? Ich könnte doch ein wahnsinnig gutes Business daraus machen. Die normale schlechte Erziehung von Kindern ist defizitorientiert, sagt man. Sie schimpft über abweichendes Verhalten. Das ist ja im Navi schon drin! Loben dagegen muss einen Sinn für das Gute, das Wesentliche oder Eigentliche haben, das ist schwer zu programmieren. Natürlich kann ich künstliches Loben einbauen, also die Cyber-Nanni immerfort brabbelnd dann loben lassen, wenn keine Abweichungen zu bemeckern sind, wenn also, wie es im ernsten Leben hieße, „die Zahlen stimmen“.

Ich beschloss, meine Idee nicht geheim zu halten und mich einem Freund anzuvertrauen, der alle paar Jahre ein neues Unternehmen gründet, weil er reich werden will. Dabei ist er wahrscheinlich für wirkliches Arbeiten nur zu verspielt. Ich erzählte ihm von meiner Idee – und er reagierte wechselnd errötend, peinlich berührt und auch jauchzend begeistert. Er wusste nicht, ob und was er sagen sollte, dann gestand er mir schließlich, dass er streng geheim an eben einem solchen Weltunternehmen arbeiten würde. Er konstruiert nämlich seit einiger Zeit einen Cyber-Manni, einen automatischen Manager. Er hatte den Gedanken an eine automatische Erziehung verworfen, weil die Erziehung zwar allgemein defizitorientiert ist, aber als absichtliches Produkt wahrscheinlich auf die Kritik der Verbraucherverbände und möglicherweise auch der Kirchen stoßen würde.

Dagegen ergaben seine Marktuntersuchungen, dass praktisch alle Beratungsmethoden im Management nach so genannten „Pain Points“ beim zu Beratenden suchen und ihm diese gegen einen hohen Preis unter die Nase reiben. Auch das gängige Verfahren des „Management by Review“ sei fast punktgenau defizitorientiert. Diese schon vollkommen eingeübten und erprobten Methodologien könnten relativ leicht in einen Cyber-Manni einprogrammiert werden. Normalerweise seien die verfügbaren Leistungsparameter über einen Mitarbeiter nicht viel informativer als die Kenntnisse von Fritz über mich beim Spielen.

Mein Freund grübelte noch über einem Business-Modell. Wie käme er an eben diese ganz wenigen Unternehmensdaten heran, damit der Cyber-Manni defizitorientiert agieren könnte? Er befürchtete, dass er für jedes Unternehmen eigene Schnittstellen zu Daten einrichten müsste. Ich riet ihm, diesen Gedanken fallen zu lassen. Er könne den Cyber-Manni doch so einstellen, dass er den Mitarbeiter einfach selbst fragt, ob er Defizite habe – so wie mein Navi erst mich selbst nach meinen Promille fragen könnte. Und wenn der Mitarbeiter sich selbst schlecht finde, werde er automatisch beschimpft! Und Manager, die schlechte Zahlen hätten, kämen automatisch von der Karriereleiter für ein Jahr auf die Stille Treppe. Wir redeten hin und her, tranken Rotwein und wurden immer optimistischer. Wir würden den Cyber-Manni entlang simplifizierender Minimalerziehung konzipieren.

Im Grunde brauchen wir ein defizitorientiertes „Schlechtes Gewissen“, oder? Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Man muss Cyber-Skinner-Boxen erfinden! Mit Pavlovian Yield-Award-Optimization! „Weißt Du was“, fiel mir ein – und ich starrte an die Decke und verstummte. Auch der Religion und dem Menschsein an sich würden sich ganz neue Wege eröffnen…

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

8 Kommentare

  1. xytrblk meint: KI auf dem Vormarsch

    Lieber Gunter Dueck:
    Ich hätte fast gelacht, als ich Ihre amüsanten Beobachtungen las. Nur ist mir das Grinsen dann gefroren, weil mir klar wurde, was uns da mit rasanter Geschwindigkeit (und Beschleunigung! Moores Gesetz!) wirklich blühen dürfte. OCR und Diktiersoftware wie der DRAGON (den ich sehr empfehlen kann) sind zusammen mit Navi, den Bankomaten und schon sehr weit entwickelten Hörgeräten (ich hab zwei davon – sind wirklich super) nur ein paar Beispiele, wie Künstliche Intelligenz (KI) in einem Ausmaß in unser Leben marschiert, dass uns noch Hören und Sehen vergehen wird (blöde Floskel – aber sehr anschaulich).
    Was in den 1960-er Jahren befürchtet wurde – nämlich Massenverlust von Arbeitsplätzen durch Automatisierung (vulgo: KI) wurde ja durch die Entstehung neuer Arbeitsplätze im IT-Bereich etc. abgefedert. Aber was JETZT im Entstehen ist, mittels weit besserer und immer besser werdender KI, wird uns das Lachen (s.o.) noch vergehen lassen.
    Und wer hat den Vorteil davon? Wäre mal der Diskussion in den SciLogs wert.
    Meine These: Profitieren werden die Hochbegabten, weil man deren Kreativität noch eine Weile brauchen dürfte. Aber dann?
    Werden die KI unseren Job übernehmen? In 20, 30 Jahren? “Matrix” und “Terminator” lassen grüßen. Nur bescheuerte SF-Phantasien?
    Ich rate mal, was uns allen bleiben wird: Brot und Spiele – wenn es gut geht. Man lese mal, was die Science Fiction der 1950-er und 1960-er Jahre darüber zu phantasieren wusste. Die Zeitungen sind inzwischen voll davon, wie KI und ihre technische Umsetzung in Robotern marschieren. In Nürnberg fährt inzwischen die erste fahrerlose U-Bahn. Sie ist natütrlich nicht fahrerlos: ein Computer fährt. Asimov mit seinen Robotern – here we go!
    Zeit für einen KI-Robo-Blog!

  2. @ von Scheidt

    Ja!!!
    Hab ich ja alles schon in meinem neuen Buch AUFBRECHEN im Kapitel “Ende der Dienstleistungsgesellschaft” beschrieben. Da ist auch ein Kapitel gegen die Tendenz “Elite & Slum”. Ich habe versucht zu beweisen, dass man auch die Bildung viel höher bekommt (mit Internet), so dass eben alle studieren MÜSSEN und das auch S C H A F F E N.
    Stößt auf polare Ablehnung oder Jubeln.

    Mehr auf meiner Homepage…

  3. Duecks Schach-Computer-Domina

    Ich fasse zusammen: Herr Dueck versucht durch zu langsames Fahren seine Beifahrerinnen umzubringen (Tod durch Alterschwäche im Volvo?). Die Stimme seines Schachcomputers weckt in ihm das Verlangen eine automatisierte Ersatz-Mutti zu bekommen, die sein Leben normalisiert. Diese soll auch gleich McKinsey und den Papst ersetzen.

    Was ist so schlimm am Konzept des Erwachsenwerdens und selbst Verantwortung zu übernehmen? Ich selbst sehe mich lieber eher in der Rolle des Diktators, der über ein Heer von devoten Robotern herrscht. Oder noch besser: ein paar Roboter -Kumpel (á la Bender) mit denen mal um die Ecken zieht.

  4. avatar, nur umgekehrt

    hallo, werte dueckianer und duecknannies,

    ja, wie in dem 3d-film mit den schlanken schlümpfen, nur umgekehrt … so dürfte es tatsächlich kommen, was die übergangszeit anbelangt.
    ich schätze, die KI wächst von ihren fähigkeiten und features nun in der geschwindigkeit von jungen menschen … in 15 jahren dürften roboter adultes menschenniveau erreicht haben.
    der mensch wird dann wohl zum haustier dieser neuen, cleveren systeme werden. und einige dekaden später muss man ihn dann wohl zum schutz in eine art biologisch-evolutives museum oder reservat sperren, weil der planet freiluftmäßig nicht mehr geeignet sein wird. entweder leben dann alle biologischen prototypen unter glas in zooartigen städten, oder gleich unter der erde in künstlichen welten.

    ein desaster wie die aktuelle ölkatastrophe zeigen schon deutlich: maschinen drillen, maschinen versagen, und maschinen bräuchte man, um die katastrophe zu stoppen: der mensch ist ingesamt zu “klein” geworden.

    langfristig wird der gesamte planet zu einem intelligenten lebewesen mutieren, sofern nicht – um es einmal auf umgangssprache herunterzubrechen – “kritische massen” verletzt werden, die zu einer planetaren mini-nova führen …

    der einzelmensch ist innerhalb dieser neuen makrostruktur bestenfalls bauteil. seine ameisenhafte bedeutung muss ihn aber keineswegs beschämen. er tut, was ihm zu tun obliegt. er ist selbst werkzeug, um goethe zu paraphrasieren …

    in kosmischen oasen (wie auf diesem planeten) findet eine permanente verdichtung von intelligenz pro raumeinheit statt, und dies geschieht nicht nur im menschen und dessen gehirn selbst, sondern auch in der oase selbst.

    was die idee vom ferngelenkten menschen angeht: die ist ja so neu nicht … spätestens mit den ersten handys in den 90ern sprachen die spötter von den “ferngesteuerten”. inzwischen spotten nur noch wenige …

    im rahmen der semantic-web-forschung wird längst am personal-manager gearbeitet.
    ich selbst betreibe seit 2 jahren privates data-mining … die (lebens)datenmenge ist inzwischen ausreichend, um mir heute erste neue ansätze zu eröffnen, mit hilfe dieses tools kann ich meine persönliche lebensführung optimieren.

    solch ein selbst-management-system allerdings ist und bleibt letztendlich nichts weiter als ein quantifizierungstool von “vergangenheiten”. denn will ich diese daten nutzen, gehe ich davon aus, dass das vergangene auch in zukunft der fall sein wird. allerdings mag mitunter schon ein wesentlicher parameter genügen, der plötzlich geändert oder aus dem algorithmus gekürzt wird, und dieses “künstliche gedächtnis” wird in einer konkreten frage unbrauchbar …

    diese brauchbarkeit muss ich noch immer selbst überprüfen.
    denkbar, dass die breite menschenmasse der zukunft diese überprüfung nicht mehr für wichtig erachtet. tools wie das meine können dann global verbreitet sein und erkenntnisse sogar verallgemeinern: was XY gerne liest (siehe amazon), könnte auch ihnen gefallen …
    wer sich diesem gruppenurteil dann beugt, wird in der tat zum avatar des der berechnung zugrundeliegenden algorithmus.

    … als zwischenfazit, um nicht noch weiter auszuschweifen: der mensch selbst muss die korrelationen oder prognosen bewerten. ein ki-system mit gedächtnisfeature kann somit zwar helfen, einzelne zusammenhänge transparent zu machen, aber der gesamtzusammenhang lässt sich in einer korrelation kaum bewerten.

    lg!

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