Bulimie-Präsentieren oder PowerPoint-Bulimie

Es gibt schon lange ein Krankheitsbild für erfolgreiches Bestehen von Prüfungen. Man spricht von Bulimie-Lernen, wenn Studenten wenige Tage bis einige Stunden vor einer Prüfung möglichst viel Wissen in sich hineinstopfen – und nach der Prüfung gleich wieder vergessen. Natürlich vergessen sie es, weil es verschlungen wurde und sie nicht gründlich durchgekaut hatten.

Bulimie stammt aus dem Griechischen, es heißt dort „Ochsenhunger“. Man bekommt eine Art Esswut, schlingt ungeheure Mengen herunter und erbricht sich am besten zeitnah, um wieder normal weiterzuleben – bis zum nächsten Essanfall.

Dieses Bild der bekannten Essstörung hat man in die Lern-Psychologie eingeführt. Lernen-Vergessen-Lernen-Vergessen – man braucht es sowieso nicht mehr. Da ist etwas Wahres dran, wenn ich mir vor Augen führe, was ich selbst so an einst Gelerntem wirklich brauchen konnte. Das Verstehen der Zusammenhänge – ja, das brauche ich jeden Tag. Aber das konkrete Wissen nicht so sehr.

Ich möchte ein neues Krankheitsbild in die Psychologie einführen, das weitaus verbreiteter und gefährlicher ist: Das Bulimie-Präsentieren.

Es ist heute üblich geworden, dass alles und jedes präsentiert werden muss. Man muss heute in Meetings nichts mehr diskutieren oder verstehen, ja, nicht einmal zuhören. Man wartet die Präsentationen geduldig ab und geht in die Kaffeepause. Das war’s. Vergessen. Oft vergeht ein voller Tag damit: Präsentation-Vergessenspause-Präsentation-Vergessenspause. Nachhaltigkeitsbericht – vergessen. Gleichstellungsbericht – vergessen. Öko-Zahlen – vergessen. Man muss das alles nicht wissen, weil alle PowerPoints ähnliche Kernbotschaften haben:

  • Alles ist gut, weil ich da bin – oder:
  • Alles ist schlecht, aber jetzt auf gutem Weg, weil ich da bin.
  • Ich will dies und das, damit alles gut wird, weil ich da bin.

Das ist meistens irgendwie gelogen, ach, das sagt man nicht, also geschönt. Daher kann man es vergessen. Früher war das Erdulden von Präsentationen keine einfache Sache, weil einem dabei vor kurz nicht schlafenden Kollegen die Augen zufielen, aber heute kann man vorgeblich alles mittippen – äh, im Internet surfen, bei eBay steigern oder twittern.

Quelle: Adobe Stock Photo

Damit die Meetings aber so lange dauern können und geordnet stattfinden, müssen ja Menschen verurteilt werden, die Präsentationen zu erstellen. Die meisten wissen, dass Präsentationen keinen Sinn haben und drücken sich. Man findet aber immer wieder Greenhorns, die an das Zuhören glauben, „weil ich da bin“. Es gibt Leute, die schon alles andere versucht haben und nun doch präsentieren – und dann leiden wir an Präsentationen aus dem höheren Management und von den Programm-Leitern aus den Stäben, die allesamt glauben, dass Präsentationen dann doch etwas nützen, wenn sie mit geringsten Variationen oft wiederholt werden. „Wir stellen den Kunden in den Mittelpunkt.“ – „Wir wollen Nummer Eins werden, weil ich da bin.“ – „Jeder soll agil sein und an der kostenlosen Zeckenimpfungsaktion teilnehmen.“

Vor den Präsentationen geht es zu wie bei der Bulimie. Nach einigen ratlosen Basteleien kommt das Datum der Präsentation näher. Die Präsentatoren glauben, sie würden von den Zuhörern bei ihrer Vorstellung kritisch beäugt und heiß gegrillt, ob wohl sie wissen, dass alle schlafen. Das steigert die Angst! Sie bereuen das Prokrastinieren im Vorfeld der Präsentation. Jetzt folgt eine Nachtsitzung wie bei heroischen Junior-Beratern, die glauben, für eine Präsentation befördert zu werden, weil sie so fein alle Logos ersetzt haben. Eine Präsentation muss vor allem schick aussehen, sonst glaubt niemand an die Inhalte, logo, das ist gewiss. Was sind eigentlich die Inhalte? Man muss die PowerPoints mit Inhalten vollstopfen und mit möglichst allem Wissen füllen, das man noch in der Nacht in anderen Präsentationen finden kann! Das bedeutet Arbeit bis zum Morgengrauen. Wenn alles zusammen ist und beinahe schick aussieht, wird noch schnell ein Executive Summary erarbeitet: zwei, drei Fakten vorn drauf und eine Forderung. Das wollen die Zuhörer so, sie können danach dösen.

Präsentationen kosten titanische Anstrengungen im Vorfeld! Sie belasten psychisch sehr. Wird es gut gehen? Es geht gut.

Als Eltern besuchten Sie doch auch einmal die Aufführungen ihrer Kleinkinder. Sie klatschten und vergaßen. Sie hören jedes Jahr die Sternsinger grauenhaft vortragen, spenden artig und vergessen. Sie hören das Konzert im Gymnasium, es klingelt in den Ohren und wird vergessen. Alle haben es so gut gemacht, wie sie nur konnten. Das denkt der dösende Boss bei den Präsentationen auch: Alle haben es so gut gemacht, wie es in der Nacht nur ging…

Schlafen Sie jetzt nicht ein, ich versuche den Spannungsbogen zu halten. Manchmal ist es richtig gut, wenn alles schnell vergessen ist. Das Bulimie-Präsentieren schützt ja den Vortragenden. Niemand weiß mehr, was Sie versprochen haben, niemand erinnert sich an den Endtermin, den Sie nannten. Viele kaufen ein konferenzpräsentiertes Produkt dann doch, weil sie die abgrundschlechten PowerPoints längst beim Huhn-Fisch-Ravioli-Einheitscatering-Fraß vergessen haben.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was war das jetzt ?
    wurde hier quergedacht ? Wurden hier Wahrheiten verkündet ?
    Sehen wir es mal positiv, im Gegensatz von Herrn Dueck, der bei Präsentationen leidet . Zitat; “Man wartet die Präsentationen geduldig ab”.
    Nein, man genießt die Präsentationen als willkommene Unterbrechung des täglichen Einerleis.
    Und man erwartet keine weltbewegenden Neuigkeiten, die würden nur die Ruhe stören.
    Was bleibt, das Mitgefühl für den Präsentator, der diesesmal dran glauben musste.

  2. Diese Bulimie- Präsentationen erinnern mich an manche Reden von Politikern in TV Talk Sows. Da wird eine Präsentation einer politischen Meinung dem Publikum zur Verdauung vorgeworfen, die aus Versatzstücken von bereits von anderen Politikern geäußerten Meinungen, Phrasen und Worthülsen besteht. Frei nach dem Motto: Nur nichts sagen, aber viel erzählen, um nichts zu sagen. Und der Zuschauer gähnt bestenfalls und sucht vielleicht dahinter ein krankhaftes Bulimie-System dieser Elite…

  3. Präsentationen kommen ja wie der Präsens von ‘praeesse’, von vor Ort sein, also im Speziellen die Menge meinend, um zu promovieren, die Werbung zu suchen, die Fortbewegung eines Produkts generell.

    So dass die Entwickler meist auf derartige Präsentation verzichten und die Werbe-Kräfte zu Power-Point greifen, als sog. Influencer.

    Besser wär’s oft natürlich schriftlich, denn der audiovisuelle Konsum von Produktbeschreibung kostet mehr Zeit, ist auch seiner Natur geschuldet sequentiell und womöglich eher denjenigen Abnehmern geschuldet, die nicht so-o gerne lesen.
    Dr. W mag insofern Präsentierende, wenn die generell “was drauf” haben, gute Schwätzer sind, auch mal aus sich heraus gehen, leiblich werden, auch mal ein wenig auf der Bühne herum springen und gute Gags können, auch selbstironische; ja, die gibt es – und, hey!, wer will immer schon lesen?, wenn sich erst einmal vorab informiert und gar vergnügt werden kann, wenn die Präsentierenden gut sind?

    MFG
    Dr. Webbaer (der bspw. bei Gunter Dueck mal zuschauen möchten würde, auf der Bühne und so)

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