Big Data Prävention oder „Human Predictive Maintenance“

„Vorbeugen ist besser als heilen“, das sagen sie alle. Alle. So oft und an so vielen Stellen, dass wir es kaum mehr hören mögen. Jesus verheißt ein ewiges Leben für so etwa achtzig Jahre Anständigsein! Das ist rational besehen ein großartiger Deal, aber wir sündigen. Wir sollen lebenslang lernen, haben aber die größte Angst, einmal den Beruf zu wechseln. Na, und wir sollten besser gesund leben: Obst essen, uns bewegen und Kreuzworträtsel lösen, aber nicht auf dem Tablet, denn dann schleicht nämlich die Demenz in uns hinein! Schlimmer noch: die Rätsel-App kann den Fortschritt unserer Verkalkung messen, wenn wir zum Beispiel vergessen haben, was ein fränkischer Hausflur ist – dabei ist dieses kurze Wort wohl das Bekannteste von Franken überhaupt.
Ja, und schließlich sollen wir uns unbedingt selbst erkennen und uns auf unsere inneren Werte besinnen. Denn die kennen wir meist selbst nicht so genau und halten sie mangels besserer Einsicht für übertrieben gut, was uns äußere Beobachter regelmäßig bestätigen.
Nachhaltig, achtsam! Weil wir absolut nicht tun, was wir sollen, wird für das Vorbeugen alle paar Jahre ein neuer Name erfunden, mit dem wir wieder einmal für ein paar Wochen angestupst werden können – genudgt, sagen die Amerikaner. Dieser werbende Dauerwechsel mit immer anderen Schlagworten bringt dann auch letztlich die Religionen zu Fall, die den Nachteil nicht wettmachen können, sich nicht jährlich häuten zu können.

Wer also nicht vorbeugen mag, bekommt irgendwann die Quittung in Form harter Daten über seine gegenwärtigen beruflichen Leistungen, über Schulnoten, Quartalszahlen, sein Gewicht oder schreckliche Blutzuckerwerte. Solche Daten zwingen uns am Ende, wenigstens das kommende Desaster zu sehen – was aber dann doch meist noch beruhigend weit in der Zukunft zu liegen scheint.

Na, Sie wissen, all das trifft nur auf eine kleine Großmasse von Menschen zu, nicht auf Sie oder äh mich. Daher können wir entspannt darüber reden. Wir sind ja nachhaltig um unsere inneren Werte bemüht! Da sollten wir über neue Präventivtechniken nachdenken, wie sie uns bald von Apple & Co. zur Verfügung gestellt werden. Ich versuche mir das vorzustellen, nachdem ich die Untersuchungswerte meines letzten Checks vor mir liegen habe: Drei Seiten mit komplizierten Werten, die ein Computer aber unbedenklich fand. Ich bin also nicht krank, aber doch schon normal alt. Über Prävention sagen die Daten nichts, man nutzt nur die darin enthaltenen Warnsignale der Ärzte und offenbar besonders der Pharmaindustrie. Ich stelle mir eigentlich lieber vor, ich hätte einen Chip im Körper, der alle diese Werte nicht alle Jahre erhebt, sondern sie mir über Bluetooth stets aktuell auf mein Smartphone überträgt.

Könnte ich da nicht besser vorbeugen? Hätte ein Arzt im Notfall nicht eine tolle Datenbasis für bessere und schnellere Diagnosen? Könnte Big Data nicht ziemlich oft Leben retten? Ich weiß, ich weiß, die Daten verrät man wieder ganz arglos irgendwelchen Apps, bei denen man schnell alle Einblicke in uns freigibt – ja, schnell akzeptiert gedrückt und verraten und verkauft. Das ist gefährlich, weiß ich, aber der Tod droht mir doch auch? Ich bin jetzt in einem solchen Alter, wo das Vorbeugen immer vordringlicher wird, besonders weil es jetzt zu spät ist.

Ich stelle mir vor, ich gehe zum Arzt und verlange, er soll mir alle zwei oder vier Wochen meine Daten erheben – Dauervorsorgeuntersuchung! Da kommt bestimmt „zahlt die Kasse nicht, weil Sie gesund sind“. Aber die Krankenkassen sind doch selbsternannte Gesundheitskassen? „Kerngesunde haben hier nichts zu suchen. Schauen Sie ins Wartezimmer, ich muss erst die Kranken behandeln.“ – „Aber die Gesunden finanzieren doch eigentlich das ganze System?“ – „Sie halten nur die Beitragssätze niedriger, das ist nicht gut für die Gesundheitsindustrie.“

Sarkasmus beiseite: Per Big Data könnten wir uns besser um uns selbst kümmern, oder?
Diese Gedanken kamen mir neulich, als ich eine Mail eines Hausarztes erhielt, der mir von kerngesunden Menschen berichtete, die in seiner Praxis genau das von ihm verlangten, was ich hier gedanklich vorbereiten wollte: ihre Daten, mit denen sie als aufgeklärte Gesunde ihr Leben besser gestalten wollten. Die Big Data Leute reden doch alle bei Maschinen über „Predictive Maintenance“, warum denken wir das nicht für uns Menschen durch?

Wächst da eine nachhaltigere Teilgeneration heran?

(Und jetzt sei Ihnen nahegelegt, noch den Artikel zu lesen, der mich inspiriert hat:

Über die Berührungspunkte mit der Amazon-Mentalität in der (Hausarzt)-Praxis

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

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