Über die typische Freiwahrheits-Piraten-Psyche oder über „INTP“

Viele Berufe haben einen speziellen „Charakter“, auch Unternehmen haben so etwas. Man nennt es dort „Kultur“. Man kennt archetypische Mathematiker, DEN Beamten, DEN Oberlehrer, DEN Grünen. Ich glaube ja, der typische Pirat ist ein INTP (ein Testergebnis des MBTI), so ein brillanter Geist, etwas schizoid – äh, ich meine, er hat eine Haltung, die so hirngetrieben ist, dass das Herz als App simuliert werden muss oder auch nicht. Wenn das alles so ist – was bedeutet das? Das will ich hier für Sie erahnen.

Ich habe ja schon über die „Bloggerpsyche INFP“ geschrieben. Blogger haben oft ein weltbekümmertes und menschbesorgtes Herz, was wahrscheinlich zu Zorn über die Welt und deren Sinnlosigkeit führt, wenn man zu genau hinschaut. Blogger lieben den kleinen Prinzen von Saint-Exupéry, deshalb sehen sie mit dem Herzen gut, wenigstens versuchen sie, mit dem Herzen zu sehen oder sehen zu lernen.
Piraten aber diskutieren alles aus. Der archetypische Pirat scheint zu denken: „Der Mensch sieht nur mit dem Gehirne gut.“

Im Jahre 2005 habe ich einmal einen Aufruf gestartet, mir die Ergebnisse vom psychologischen MBTI Test zu schicken (den Link zu einer Gratis-Variante finden Sie zu Ihrer Selbsterfahrung auf meiner Homepage). Da haben massenweise Informatiker ihre Ergebnisse geschickt. Gut die Hälfte der Einsender waren „NT“, was „intuitive thinking“ bedeutet und auf „Rationalist“ hinausläuft. Ich schildere hier einmal ganz kurz, was INTP bedeutet, Sie können das überall im Netz nachlesen, in der Wikipedia nachschlagen oder eben hier:

INTP Charakterisierung

INTP leben einen Großteil ihrer Zeit im Kopf. In ihrem Kopf  sind Ideen, Optionen, Theorien, Neuigkeiten, technologische Visionen, nicht aber ein siebter Himmel mit Frauen und Festmählern. INTP lieben das Problemlösen im Kopf. Sie wissen (sichtlich!) selbst, dass sie brillant sind, so wie schöne Frauen sichtlich wissen, dass sie schön sind. INTP sind überaus sicher, alles mit ihrem Verstand lösen zu können. Während andere noch unsicher sind, haben sie die Lösung der Probleme längst als Theorie im Kopf.
Und jetzt kommt der heikle Punkt: INTP sind mit der Vorstellung der richtigen Welt im Kopf schon ganz zufrieden. Sie können sich „die Durchführung“ oder „den Rest“ schon gut vorstellen. Sie zeigen deshalb oft die Wesensschwäche, an der Realisierung ihrer Ideen nicht wirklich zu arbeiten. Die Vorstellung reicht! Sie arbeiten dann nicht in der Realität weiter, sondern wollen mehr – mehr – mehr Neues im Gehirn! Neue Theorien, neue Technologien!
Und sonst? Sie sind oft „goofy“, sehen Kleidung als bloße Körperbedeckung an (langes T-Shirt reicht), verstehen Menschen nicht, die nicht logisch wie sie selbst sind. Sie haben Probleme mit den Gefühlen anderer und ganz bestimmt mit den eigenen, die sie lieber nicht benutzen, die sie sich nicht leisten wollen oder deren bloße Existenz sie eher leugnen. Sie versuchen die Gefühlsseite zu intellektualisieren…
Wenn sie etwas Neues erfahren, wird es unbedingt auf Wahrheit abgeklopft. Es wird bezweifelt, hinterfragt, kritisiert, widersprüchlichkeitssuchend weichgeschossen, herausgefordert, aus allen Perspektiven beäugt, nach dem Haar in der Suppe gesucht.
Andere Charaktere mögen Nörgler, Korinthenkacker oder Erbsenzähler sein – INTP sind in ihrer Wahrheitssuchestrategie für andere oft wie Haarspalter. Das treibt die anderen zur hellen Verzweiflung, denn sie wollen nicht dauerdebattieren und alles weichschießen. Sie wollen etwas tun, endlich handeln, umsetzen, hinaustragen! Da sagen die anderen, sie wollen es nicht weiter bereden. Stop. Aufhören. Tun. Das macht die INTP misstrauisch, dass ein anderer nicht weiterdiskutieren will. Hat der etwas zu verheimlichen? Ist da eine Leiche im Keller? Der INTP vermutet Intransparenz, Lüge, Seilschaft… Er will, dass alles geklärt wird, bis es klar ist, ohne Gefühle und ohne Gefühl für Gefühle.

Und ich frage mich: Was, wenn der typische Pirat ein INTP wäre?
Ich meine, so ein einzelner Haarspalter im Team ist ja ganz okay. Manche andere Leute haben Ideen, andere handeln, wieder welche rechnen und verkaufen – ja und einige müssen auf Wahrheit und Konsistenz schauen. Aber wenn bei den Piraten nun so – sagen wir – zu 30 Prozent oder nur 10 Prozent INTP wären (statt 2 bis 3 Prozent oder so in der Bevölkerung), was dann?
Dann wäre die Haarspalterei definitiv nicht auszuhalten, weil nun nicht einfach der Haarspalter alle anderen normalen Menschen glattbügelt, sondern auf Haufen anderer Haarspalter trifft, die ja alle einzeln intellektuell brillant sind und jeweils in ihrem Kopf eine schon lange vorgedachte beste Welt in sich herumtragen, die bitteschön andere verwirklichen sollen oder auch nicht.
Stellen Sie sich vor, eine große Masse von Kopfmenschen trifft sich zum Wahrheitssuchen, also zu einem Parteitag wie damals die Ritter zu Turnieren?

Wenn die typischen oder wenigstens maßgeblichen Piraten INTP wären, würde immer nur verbal auseinandergesetzt und überall da Transparenz gefordert, wo der Verstand allein nicht durchdringt. Gefühle würden ignoriert und deshalb überall dort ignorant verletzt, wo sie eine Rolle spielen – also wo? Im „typisch Weiblichen“, im Psychologischen, bei Angelegenheiten der Herzenswärme und bei der Zuneigung zum Wähler. (Etwa drei Prozent der Männer sind INTP, aber weniger als 1 (!!) Prozent der Frauen, weshalb eine repräsentative INTP-Community überaus männerlastig sein muss – auch das noch!)
Gefühlsorientierte würden die Piraten kalt finden, Feminine nicht der Partei beitreten, Parteiführer, die in ihrer Rolle Einheit herstellen und präsentieren müssen, an den Diskussionsmultiduellen zerschellen. Dann würde die Piratenpartei von den Frauen oder den emotional intelligenten Herzmenschen verlassen, die Redeweise würde ruppiger und allen außen würde es mehr und mehr chaotisch vorkommen… Dann aber dreht sich die Todesspirale: Denn nun finden alle Menschen, die selbst nur chaotisch sind und in anderen Parteien ihre seltsamen Ideen nicht äußern können, die neue Möglichkeit sympathisch, dass sich überhaupt jeder zu allem bei den Piraten melden kann und alles als Antrag stellen darf.
Wenn sich Superintelligenzen zu sehr zerdiskutieren, werden davon alle Superseltsamen der Welt wie Motten vom Lichte angezogen, weil die Seltsamen ihre Partikularitäten, Weltverbesserungsschrullen und überhaupt alles Außerirdische mit Superintelligenz verwechseln… Nun wird der schon ruppige Ton ungeduldig, denn bei den Piraten darf jeder etwas sagen, aber natürlich nur etwas Großartiges im Sinne des INTP… Bei normalen Parteien gewinnt bei den Abwärtsspiralen das Mittelmaß, hier aber das bloß Skurrile, das auffallend und unangemessen Unkonventionelle.

Ich will sagen: Piraten, ich trage Kummer.

Was kann man tun? Sascha Lobo hat zum Jahresanfang auf SPON geschrieben: „Die Piratenpartei hätte für das Internet sein können, was die CSU für Bayern ist. Ihre Allergie gegen das eigene Führungspersonal hat jedoch dazu geführt, dass sie Themen nicht setzt, sondern verwaltet. Aber Wähler werden nicht durch Themen überzeugt, sondern durch Haltungen – und dafür braucht man Köpfe.“ Sascho Lobo ist ENTJ, glaube ich. Kennen Sie ihn besser als ich? Trifft dies?

ENTJ Charakterisierung

Personen können ein Ganzes zusammenhalten und Richtung geben. Eine Vision kann das auch, das habe ich zum Beispiel lieber, weil ich INTJ bin. Welches Prinzip auch immer: Eine klare Richtung und ein Ziel muss her, und eine fühlbare mitreißende Leidenschaft in sichtbaren Personen, dorthin zu gelangen. Das wird gewählt! Und kein endlos ausdiskutierter Themenpark(platz).
Überspringen die Piraten die INTP-Hürde bei den nächsten Landtagswahlen? Merkt man, dass allein das Herz von Marina Weisband das vielleicht gekonnt hätte?

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Havarie?

    Schad drum , wir hätten sie brauchen können.
    Gute Erklärung für den von außen so verwunderlichen Drang zur Selbstzerfleischung.

    Vielleicht liegt die Zukunft der Piraten in so einer Art Hybridfunktion , als (eine der ) Nahtstelle(n) zwischen außerparlamentarischen Kräften und der Parteipolitik .
    Für so ein Konstrukt könnte Bedarf bestehen und es könnte beitragen , die Kluft Politik – Normalbürger zu überbrücken.

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