Aha, Suchmaschinen wie Google machen dumm und Frank Schirrmacher will noch eine – wo bleibt der höhere Mensch?

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Eine kürzlich in Science publizierte Studie über Google Effects on Memory von Betsy Sparrow, Jenny Liu und  Daniel M. Wegner zeigt, dass wir uns tendenziell Dinge nicht mehr genau merken, wenn wir wissen, dass wir sie uns auch ergoogeln können. Wir merken uns zwar die konkreten Dinge nicht mehr, wissen aber, wo sie sind, wenn wir sie brauchen. Frank Schirrmacher hat daraufhin in der FAZ die Gefahr einer Auslagerung unseres Gedächtnisses an die Wand gemalt und eine Debatte losgetreten. Er befürchtet, dass unser Gedächtnis bei Google lagert und möchte dann lieber eine europäische Suchmaschine, in der es dann aber auch abgelegt ist. Uiih, ich fürchte, die Debatte bleibt im Maschinenraum stecken. Was passiert mit Urwaldindianern, denen man erstmals Gewehre gibt, also ihre Jagd-Fähigkeiten auslagert?

In der Studie selbst wird schon zart angedeutet, dass sich Leute wie ich verschiedene Dinge ganz sicher nicht merken, weil sie zum Beispiel verheiratet sind. Ich weiß nicht, wie man wäscht und was für Kleidung die Leute auf der Party anhatten, aber ich kaufe alles ein und kenne jede Quelle für Küchenzutaten. An meinem Arbeitsplatz gibt es Controller und Super-Techies, deren Gehirne vollkommen anderes befüllt und sogar anscheinend anders formatiert sind. Man sagt, wir alle seien ein Team oder besser Schwarm, in dem alles kollektiv gewusst und gekonnt wird. Es kommt auf das Netzwerk der Menschen an, gemeinsam das Wissen und seine Anwendung arbeitsteilig zu organisieren. Die sogenannte Teamarbeit ist so schwierig, weil wir sehr viele Fähigkeiten an andere Teammitglieder ausgelagert haben und uns auf sie verlassen müssen. Teamarbeit scheitert oft an der Integration verschiedener ausgelagerter Fähigkeiten zu einem Ganzen.
Jetzt haben wir noch Google dazu! Google weiß irgendwelche Antworten – die sind oft unklar, diffus, oder widersprüchlich – genauso, wie wenn ich einen Arbeitskollegen bei einem schwierigen Geschäftsprozessproblem um eine konkrete Auskunft bitte. Er redet und redet, und ich muss herausfiltern, ob ich etwas gebrauchen kann. Ich bekomme dann oft einen Hinweis von ihm, bei welchen anderen Menschen (menschlichen „Links“) ich weitersuchen soll. Dann frage ich tapfer weiter, von Pontius zu Pilatus (das sind die beiden, die meist involviert sind), bis ich endlich eine Informationslage habe, mit der ich weiterarbeiten kann.
Ich will sagen: Wir sind daran gewöhnt, in Menschennetzwerken zu googeln. Jetzt aber googlen wir echt. Es geht schneller und meistens ganz gut, oft sogar besser, denn in den meisten Fragen kennen wir ja ganz und gar keinen Menschen, den wir fragen könnten. Wir haben so viele Fragen über die ganze Welt des Wissens! Da müssten wir die halbe Welt kennen. Dank Google ist nun ein gewisses Äquivalent dazu geschaffen worden.

Wir haben früher unser Gedächtnis an Menschen in unserem Umfeld ausgelagert – auch an Bibliotheken. Das Wissen war ja auch früher immer irgendwo. Nur dauerte die Suche so lange, sie war umständlich und kostete Nerven und Geld. Jetzt ist alles im Smartphone! Zack, da! Fakten, die wir per Halbtagsbesuch in der Bibliothek gesucht hätten, sind sofort bei der Hand. Erfahrungen, für die wir uns früher von Mensch zu Mensch hangelten, bekommen wir nun nach und nach durch Surfen und dann auch manchmal von einem dabei gefundenen Menschen.

Diese ganze Entwicklung hat nichts mit Google an sich zu tun, mit Bing, Amazon oder Ebay, nichts mit Amerika oder Europa. Das Internet hält nun – in welcher Form oder unter welchem Geschäftsmodell auch immer – das Wissen und oft auch die Erfahrung anderer bereit. Überall und für jeden. Nun entsteht, so sehe ich es, eine neue Welt.

Stellen Sie sich vor, man gibt Urwaldindianern, die mühselig von der Jagd leben, plötzlich Gewehre. Bum! Bum! Und schon ist genug zu essen da. Was tun sie nun den ganzen Tag? Sie könnten die Zeit auf Bauten oder Landwirtschaft verwenden und sich zu hohen kulturellen Leistungen aufschwingen! Oder sie verkaufen überschüssig erbeutetes Fleisch gegen Getränke und erinnern sich bei ihren Streitigkeiten an die Gewehre. Kurz: Ein solcher Einschnitt wie in meinem bewusst fiktiven Beispiel verlangt nach einer neuen Orientierung des Menschen und seiner Lebensform. Es hilft nicht, die Parole „Gewehre machen fett, träge und aggressiv“ auszugeben oder „Google macht dumm“.
Mit dem Internet haben wir nun mehr, ja viel mehr als früher – und wir müssen nachdenken, welcher Segen darauf liegen könnte. Wie gestalten wir das Leben mit dem Internet, wenn das ganze Wissen der Welt auf einem Handy gespeichert werden kann?

Und genau dazu fällt mir ein: Wissen ist nicht Können. Ich koche ja zu Hause, und wir haben eigentlich heute schon ganz überflüssigerweise zwei Meter Kochbücher im Regal. Was könnten wir Leckeres essen? Wir blättern. Nein, eigentlich nicht mehr. Wir surfen bei Chefkoch.de im Internet, wo andere Leute schon wissen, wie es schmeckt, und wo einige schon sinnvolle Abwandlungen des Rezeptes anmerken, also ihre Erfahrungen mitteilen. Und jetzt – Frank Schirrmacher, Günter Jauch und sonstige Befürchter – jetzt muss ich doch noch kochen, oder? Das ist eine Fähigkeit oder gar Kunst. Das Rezept ist das Wissen, das frei im Internet ist. Aber auch die besten Rezepte brauchen noch die Kunst an sich. Wer nur Rezeptzutaten zusammenmischt, kocht herzlich durchschnittlich. Wer Doktorarbeiten aus Zitaten anmischt, erschafft keine Wissenschaft. Wer als Politiker verspricht, was bei Facebook oder in der Bouelevardpresse am meisten geliked wird, ist nur durchschnittlicher Listenplatzhalter.

Das Internet verhilft fast jedem, das Durchschnittliche oder besser das Mäßige ohne große Vorkenntnisse oder Fähigkeiten hinzubekommen. „Google erledigt alles bis zur oberen Unterschicht“, also ziemlich viel. Für das Exzellente, Gehobene oder die Premium-Qualität aber ist das Wissen im Netz ein Segen, noch besser und gehaltvoller zu werden. Wer richtig gute Wissenschaft betreiben will, wer Meisterkoch werden will, wer sich um Kunst und Architekturen bemüht, wer etc. etc. wirklich den Olymp stürmen will, für den ist das Internet eine wunderbare Inspirationsquelle und über die Foren, Blogs, Twitter oder etwa Google+ eine einzigartige Möglichkeit, sich mit den wahren Meistern aller Zünfte zu vernetzen.

Wir können also Google benutzen, um (ja, Frank Schirrmacher!) unser Gedächtnis auszulagern und dann herzlich durchschnittlich als Nur-Googlegebildeter ein durchschnittliches Leben zu führen. Wir können aber auch einen Segen daraus machen.
Wir müssen nicht mehr so viele Rezepte auswendig können, wir können uns auf die Kochkunst konzentrieren. Man muss Malkunst beherrschen, nicht alle früheren Bilder im Kopf haben. Man muss Dichtkunst beherrschen, nicht alle Literatur gelesen haben. Wo das Wissen überall frei da ist, kann nun überall das Können wachsen. So wie die Jagd mit Gewehr oder die Landwirtschaft mit Trecker andere Welten möglich machen, so müssen wir nun die neue Welt des Internets wirklich fruchtbar erschließen.

Wir brauchen zu der höheren Bildung (die uns mit dem Internet leichter fällt) nun auch das höhere Können, das Hochprofessionelle, mehr Empowerment zusätzlich zum Enlightenment. Wenn die Rezepte, die Fahrpläne, die Straßennamen getrost bei Google ausgelagert sein können, dann können wir die freiwerdende Hirnkapazität für Höheres einsetzen. Was könnte dieses Höhere sein? Das, was wir nach Google auslagern, ist das Einzelne, das separat Abrufbare. Das Höhere ist das Gesamte. Wir brauchen Leute, die systemisch denken und handeln, die emotional intelligent sind, unternehmerisch handeln, nachhaltig agieren, Sinn für Sinn haben, kreativ sind, offen und neugierig sind und die die Dinge vorantreiben, die führen und verhandeln können, die gehört werden und andere dazu bringen können, mit ihnen fruchtbar zu sein.
Was davon wird in der Schule gebildet? Was davon an der Universität?

Da kann ich endlos weiterschreiben. Das tue ich auch. Das nächste Mal vielleicht.

PS:
Is Google Making Us Stupid?
Google Effects on Memory: Cognitive Consequences of Having Information at Our Fingertips (PDF)
Wir brauchen eine europäische Suchmaschine (FAZ)
TV-Kritik: Schirrmacher bei Beckmann "… und dann ist man leer" (Süddeutsche)

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

14 Kommentare

  1. Evo

    Wenn man für ein neues eigenes Projekt neuerdings 80% des nötigen Know-How zügig zusammensammeln kann (und die selbstgefundenen 20% dann ebenfalls zur Verfügung stellt, versteht sich), dann muß Homo sapiens schon gewisse Turbulenzen durchmachen (cf. Copyright-Geistesverwirrungen allseits) bevor sich brauchbare Best Practices (wie heißt das auf Deutsch?) etablieren. Vorher gibts das zu jedem Evolutionsschub gehörende Ausprobieren und teilweise -sterben.
    Nichts neues unter der Sonne…

  2. Wenn man für ein neues eigenes Projekt neuerdings 80% des nötigen Know-How zügig zusammensammeln kann (und die selbstgefundenen 20% dann ebenfalls zur Verfügung stellt, versteht sich), dann muß Homo sapiens schon gewisse Turbulenzen durchmachen (cf. Copyright-Geistesverwirrungen allseits) bevor sich brauchbare Best Practices (wie heißt das auf Deutsch?) etablieren. Vorher gibts das zu jedem Evolutionsschub gehörende Ausprobieren und teilweise -sterben.
    Nichts neues unter der Sonne…

  3. Ergänzung

    Zum Erlernen des Könnens gehört das Vorzeigen durch einen Meister, und das macht bereits YouTube bei vielen Themen.

    Viel geordneter und qualitativ hochwertiger als Google ist die Enzyklopädie Wikipedia.

    Jetzt müssen wir nur noch alle unerwünschten Tätigkeiten an Maschinen und Roboter auslagern, und das angenehme Leben kann beginnen.

    Als Science-Fiction-Geschichte getarnte Überlegungen:

    Übergangszeit

    http://www.e-stories.de/…geschichten.phtml?28160

  4. Vergessen – ganz einfach

    Ich gehöre auch zu den Menschen, die sich lieber den Ort merken, wo sie etwas finden, als die eigentliche Information.
    Dummerweise ist Google wie das menschliche Gehirn, es ändert sich fortlaufend. Ich habe es jetzt schon ein paar Mal erlebt, daß ich eine Information, die ich hatte, nicht mehr wiedergefunden habe. Das ist so, als hätte jemand ein Buch aus der Bibliothek genommen.

  5. Hallo Gerhard Quell,

    aus trüber Erfahrung heraus, speichere ich alle interessanten Internetadressen, das kostet nicht viel Speicherplatz, und bei wirklich guten Internetseiten speichere ich auch die Internetseite auf der Festplatte.

    —–

    Wenn man den Ort notiert hat, an dem steht wo man den Ort notiert hat, an dem steht wo man den Ort notiert hat, an dem steht wo man den Ort notiert hat, an dem die gesuchte Information steht, dann sieht die geschachtelte Indizierung in GW-BASIC ungefähr so aus:

    A( B( C( D( E ) ) ) )

  6. das angenehme Leben

    > Jetzt müssen wir nur noch alle unerwünschten Tätigkeiten an Maschinen
    > und Roboter auslagern, und das angenehme Leben kann beginnen.

    (Insgesamt leicht vom Thema ab)
    Dieser Prozess ist ja jetzt schon seit vielen Jahrzehnten in vollem Gange aber je weiter er fortschreitet um so entscheidender wird es, dass man auch ohne einer “unerwünschten Tätigkeit” nachzugehen vernünftig an der Gesellschaft partizipieren kann.
    Aber diesbezüglich geht es ja jetzt auch schon einige Jahrzehnte und zuletzt mit mächtig Dampf so ziemlich nur in die entgegengesetzte Richtung.

  7. @Günter

    Mir schmerzt immer das Herz, wenn die Super-Schlauberger der Tageszeitungen wieder das (setze beliebige Wörter hier ein) verstanden haben und an die Leute die sie damit erreichen.
    Ich kann mich noch gut an die Schulzeit erinnern, wo man solche Schwachsinnsdiskussionen führen musste, weil der Lehrer wieder dies und jenes gelesen hatte.

    Ihre Kritik hier ist wirklich einfach nachzuvollziehen und man muss trotzdem zuschauen, dass viele Leute es nicht einsehen. Da frag ich mich: Wann bin ich Opfer solcher ideologischen/naiven Fehlschlüsse in den Medien? Wann pass ich nicht auf oder Durchblicke etwas nicht, weil ich mich damit einfach nicht gut genug auskenne. Wenn der Teil, den ich wirklich Beurteilen kann so schlecht ist, wie schlecht sind dann die Teile die ich nicht beurteilen kann?
    Auffällig ist zum Beispiel, dass insbesondere der Wirtschafts- und Politikteil (die klassischen Hauptteile einer Zeitung) so stark verkürzen, dass Argumentationen zum Großteil rein assoziativ erfolgen. Das gilt nicht nur für Übersichtsartikel sondern auch für Artikel und Diskussionen(Presseclub bspw.) die nur wenige Fragen abarbeiten.
    Das macht mir Angst und treibt mich in die Hände von peer review a la wikipedia und wissenschaft.

  8. Hallo Anton Maier,

    in den Händen von Wikipedia, und vor allem in den Händen der Wissenschaft, ist man sehr gut aufgehoben.

    —–

    Warum schreibe ich “Hallo” und nicht “@”?

    Weil ich ein Mensch und keine Maschine bin.

    Das hat nichts mit meiner Vorliebe für HALO zu tun.

  9. Nachtrag:

    Ein wenig Zeit, um einen Index anzulegen, kann bei Google desktop sechs Stunden dauern, aber das passiert nur einmal am Anfang.

    Danach ist Google desktop sehr schnell.

  10. Suchmaschinen steigern Wissen

    Meiner Meinung nach macht die Nutzung von Suchmaschinen keineswegs dumm, denn um die optimalen Ergebnisse zu finden muss man auch die richtigen Suchbegriffe verwenden und diese zu erkennen muss erst gelernt werden. Außerdem enthalten die Ergebnisse auch häufig sehr interessante Elemente.
    Ich habe in dieser Branche gearbeitet und habe während meiner Suchläufe häufig Seiten gefunden, durch deren Content ich was neues gelernt habe.

  11. Sinngemässe Übersetzungen

    Wenn man eine zuverlässig sinngemässe Übersetzung eines Begriffes sucht, dann hilft es, zwischen den verschiedenen Sprachversionen von Wikipedia hin und her zu wechseln, was ganz einfach funktioniert.

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