Abschreckende Wirkung von Kursen – und von Logik erster Ordnung

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Fast jeden Tag lese ich Artikel, in denen nur „Wenn-Dann-Logik-erster-Ordnung“ vorkommt – ja – und letztlich Unsinn propagiert wird. Am 9.9.2009 titelt das Handelsblatt einen Artikel der Serie Wissenschaft & Debatte mit „Abschreckende Wirkung“, Untertitel: „Entrepreneurship-Kurse sollen Lust auf Selbstständigkeit machen. Doch sie bewirken womöglich das Gegenteil.“ Was ist passiert?

Es wird viel Geld ausgegeben, Entrepreneurship an Hochschulen und anderswo zu lehren. Wir wollen ja viele Jungunternehmer für das neue Land. Zig Millionen fließen in Kurse und über zwei Dutzend neue Lehrstühle. Alles richtig soweit, aber jetzt kommt wieder so eine Studie mit einem „spektakulären Ergebnis“: Die Teilnahme an Kursen SENKT die Lust, sich selbstständig zu machen. Über dieses Ergebnis sind die niederländischen Autoren der Studie selbst überrascht – sie wollten ja herausfinden, wie sehr die Lust steigt, nicht sinkt. Das niederländische Ministerium zeigte sich „geschockt“ angesichts der beträchtlichen staatlichen Förderung. Und das Handelsblatt traut dieser Studie das Potenzial zu, die gesamte „Entrepreneurship-Education“ in ihren Grundfesten zu erschüttern. Und dann werden etliche Fachleute mit Vorschlägen zitiert, solche Lehrgänge vielleicht erst für die Zeit nach der Uni anzubieten. Andere Experten versuchen die Ergebnisse zu relativieren, weil ja nur die Gründungsabsicht vor und nach dem Kurs abgefragt wurde – und man weiß ja nie, was später passiert, wofür man aber keine Daten hat! Noch andere finden, dass so etwas wie Bilanzanalysen sowieso verschrecken und wieder andere, der Unterricht müsste verbessert werden – dann werde alles gut. Zudem gibt es auch die Meinung, dass die Fragen zum falschen Zeitpunkt gestellt wurden.

Nur die Wuppertaler Professorin Christine Volkmann vermutet, dass die Studenten einfach durch die Kurse realistischer werden und Risiken besser verstehen.

Ich habe das zuhause vorgelesen – dass die Kurse vermeintlich schaden. Antwort: „Na, klar! Sie merken, dass es mit dem Reichwerden nicht so einfach ist und lassen es lieber!“ Ich erinnerte mich, dass ich selbst vorab bei der IBM Entrepreneurschulung gefragt wurde: „Sind Sie bereit, alles Herzblut, alle Energie, all Ihr Geld und alle Zeit zu opfern und Klagen der Familie auszuhalten? Sind Sie wirklich bereit?“

Noch ist nichts verloren, dachte ich, wenn man das auch ohne Studie sieht. In vielen Studiengängen, etwa bei Mathematik, Informatik, Ingenieurwissenschaften etc. ändern um die HÄLFTE der Studenten nach einem Semester ihre Lebenspläne. Sie schaffen es nicht, oder sie sehen, dass dieses Studium doch nicht ihr ersehntes Zwischenziel ist oder finden ein besseres Studienfach.

Ich warte jetzt auf eine Studie, die die schädliche Auswirkung des ersten Studiensemesters an Universitäten in so gut wie allen Fächern feststellt und empfiehlt, alle Studiengänge konsequent mit dem zweiten Semester zu beginnen, weil dieser Schadenseffekt dort nicht mehr eintritt.

Ich sehe auch im Fernsehen, dass sich dort so etwa 10.000 lausige Möchtegernstars bei Dieter Bohlen in endlos qualvollen Vorrunden filmreif lächerlich machen. Ich warte auf eine Studie, die belegt, dass Leute, die sich von einer Jury haben begutachten lassen, hinterher viel weniger Lust haben, ein Star zu werden.

Sarkasmus beiseite: Warum sind so viele Stellen über solch eine Studie „geschockt“ und sehen diesen einfachen Punkt nicht? Warum nur Prof. Volkmann? Warum sind die Initiatoren der Studie überrascht? Hat noch nie jemand „drum prüfe, wer sich ewig bindet“ vernommen? Stellen Sie sich einmal vor, dass alle, die bei Dieter Bohlen vorsingen, dann auch Verträge bekommen und im Radio singen! Stellen Sie sich vor, alle würden ein Unternehmen gründen, die einen Kurs hinter sich haben. Damals, als jeder, der etwas auf sich hielt, im Internetboom schnell eine dot.com Firma gründete, war das wohl so. Da hatten die Kurse wohl keine abschreckende Wirkung, weil die Kurse ja am Anfang so stark stiegen – DAS hätte abschreckende Wirkung haben können! Ist aber vergessen. Und was wir am Handelsblatt-Artikel vielleicht nicht vergessen, ist der Titel: „Abschreckende Wirkung“. Das ist nicht OK! Das muss ich wohl noch sehr oft sagen: Die Leser schauen kurz drüber und merken sich Unsinn.

Und ich spekuliere, dass jemand, der die Lehrgänge bezahlt, gerne wissen will, dass sein Geld gut angelegt sehen will. Naiv fragt er, ob die Kurse wohl massenhaft Unternehmer hervorbringen. Das kann er leider erst viel später wissen. Er will es aber sofort und wissen und fragt sich: „Ist der Unternehmergeist nach dem Lehrgang gestiegen?“ und gibt eine Umfrage in Auftrag. Dann kommt das schockierende Ergebnis, dass bis hierher kaum nachgedacht worden ist?!

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

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