Ing Wer?

Von Menschen und Mäusen

Das Thema Ernährung wird gerne mit viel Leidenschaft diskutiert. Gerade in den letzten Jahren sind Ernährungsweisen die besonders extrem(istisch?) anmuten in Mode, Medien und Münder gekommen – ich sage nur Paleo. Selbstverständlich versuche auch icg mich gesund zu ernähren, ich halte mich dabei an die einfache Faustregel von fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag. Klappt ganz gut. Aber für mich soll Essen in erster Linie eines, und das ist schmecken. Sorry, aber Schokolade mit Stevia statt Zucker bringt es einfach nicht. Ich hab es probiert und es schmeckte fürchterlich. Die angebrochene Tafel gammelt vermutlich immer noch in irgendeiner Küchenschublade vor sich hin.

Bestimmten Lebensmitteln werden gerne ganz besondere Fähigkeiten zugeschrieben. Beliebt sind dabei vor allem Eigenschaften wie entzündungshemmend, antioxidierende Wirkung, keine Transfette oder ein hoher Gehalt an ungesättigten Fettsäuren. Dadurch werden immer mal wieder Nahrungsmittel ausgegraben, die nicht unbedingt bei allen auf Gegenliebe stoßen, z.B. Rosenkohl. In Amerika wird Grünkohl, dort kale genannt, gerade besonders gehyped. Ich glaube, dass ich auf Grünkohlpizza verzichten kann.

Ich finde es schade, dass solche Informationen meist ohne einen wirklich wissenschaftlich fundierten Hintergrund einfach so abgeschrieben und weiterverbreitet werden. Das möchte ich an dieser Stelle einfach mal durchbrechen und habe mir eine meiner Lieblingszutaten rausgesucht – Ingwer.

Ingwer über Wikimedia Commons (Oxfordian Kissuth)
Ingwer. Credit: Oxfordian Kissuth über Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0

Ingwer werden vor allem die oben genannten entzündungshemmenden Eigenschaften zugesprochen. Hat sich von euch schon mal jemand Gedanken gemacht, was das eigentlich bedeutet? Ich erkläre es euch gerne.

Als erstes möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass eine Entzündung ein ganz normaler und nützlicher Vorgang ist, der dazu dient Giftstoffe oder Gewebeschäden zu entfernen und normale physiologische Vorgänge und Strukturen wiederherzustellen. Bei diesem Prozess werden spezialisierte Immunzellen an den Ort der Entzündung gelockt, die dann den Schadstoff oder die beschädigten Zellen aufnehmen und abbauen (phagozytieren). Diese Aufgaben werden meistens durch sogenannte neutrophile Granulozyten und Makrophagen übernommen. Der Einstrom dieser beiden Immunzelltypen geht einher mit einer erhöhten Durchlässigkeit der Blutgefäße im umgebenen Gewebe, was zu einer Rötung und Schwellung führt. Der meist spürbare Schmerz wird durch bestimmte Botenstoffe hervorgerufen, die am Ort der Entzündung ausgeschüttet werden. Das letzte Merkmal – Wärme – ist bedingt durch eine erhöhte Stoffwechselaktivität. Und irgendwo in diesem Prozess mischt jetzt der Ingwer mit.

Die Entzündung wird zu einem großen Teil durch die Synthese von Prostaglandinen vermittelt. Von denen gibt es verschiedene, die alle aus Arachidonsäure (eine Fettsäure aus der Zellmembran) gebildet werden. Die beiden verantwortlichen Enzyme heißen Cyclooxigenasen, oder kurz COX1 und COX2.

COX1 kommt in den meisten Zellen vor und hat dort u.a. protektive Funktionen. COX2 hingegen wird gezielt auf entzündliche (inflammatorische) Reize hin gebildet. Trotzdem tragen beide Enzyme zur Bildung der Prostaglandine und somit zur Ausbildung der Entzündungsreaktion bei. Da diese Prozesse Schmerzen verursachen und auch an der Entwicklung von chronischen Entzündungen beteiligt sind, liegt es nahe Substanzen zu finden, die in der Lage sind diese beiden Enzyme zu hemmen. Die gibt es natürlich auch. Sie werden NSAID (nicht-steroide anti-inflammatorische Medikamente) genannt und der bekannteste Vertreter findet sich in den meisten Haushalten – Acetylsalicylsäure (einigen vielleicht eher geläufig als Aspirin oder kurz ASS). Tatsächlich gab es den Wirkstoff bevor die Wirkweise bekannt war. Der therapeutische Effekt dieser und anderer Substanzen beruht auf der Inhibierung der COX-Funktion. Gewünscht wäre dabei eine selektive Hemmung von COX2, da die Hemmung von COX1 zu toxischen Nebeneffekten der Medikamente führt.

Aus Arachidonsäure können sowohl Prostglandine als auch Leukotriene gebildet werden.
Aus Arachidonsäure können sowohl Prostglandine als auch Leukotriene gebildet werden.

Die Inhibition der COX-Enzyme hat aber noch einen weiteren Effekt. Aus der Arachidonsäure können neben den Prostaglandinen auch Leukotriene gebildet werden. Leukotriene vermitteln ebenfalls Entzündungsreaktionen, sie sind aber vor allem dafür bekannt Asthma und verwandte Symptome im Atmungsapparat hervorzurufen. Wenn also die COX-Enzyme gehemmt werden, kommt es zu vermehrter Bildung von Leukotrienen. Dadurch erklärt sich auch die Warnung vor der Einnahme von ASS bei Asthmapatienten.

Ingwer enthält über 400 identifizierte chemische Substanzen. Die anti-entzündlichen Eigenschaften werden allerdings hauptsächlich drei Substanzen zugeschrieben – Gingerol, Shogaol und Paradol. Durch die Abspaltung von Wasser enthält getrockneter Ingwer dabei mehr Shogaol als das thermisch labile Gingerol. Ihr ahnt es wahrscheinlich schon – Ingwer gehört zu den NSAID und hemmt die Bildung von Prostaglandinen. Verantwortlich dafür sind die beiden unten markierten Gruppen.

Gingerol-Shogaol-Paradol
Das flüchtige Gingerol wird über Dehydratisierung in Shogaol umgewandelt . Daraus kann wiederum Paradol gebildet werden. Die funktionellen Gruppen sind markiert.

 

Eine bekannte Nebenwirkung von unselektiven COX-Inhibitoren sind gastrointestinale Probleme. Das ist schlau für Magenprobleme. Wenn mir der Bauch zwickt, trinke ich aber gerne Ingwertee. Anders als andere NSAID hat Ingwer also auch noch einen nicht näher bekannten protektiven Effekt gegen die toxischen Auswirkungen der COX1-Hemmung. Das ist aber noch nicht alles. Ingwer hemmt nämlich auch das Enzym das für die Bildung der Leukotriene verantwortlich ist, die Lipooxygenase (kurz LOX).

Durch die balancierte Inhibierung von sowohl COX als auch LOX erklären sich also die entzündungshemmenden Eigenschaften des Ingwers ohne einige der Nebenwirkungen, die durch NSAID hervorgerufen werden. Und weil draußen immer noch Winter ist, habe ich für euch eine dazu passende Ingwersuppe. Lasst sie euch schmecken!

Ingwersuppe

 

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Claudia Davenport

Claudia Davenport hat in Potsdam und Hannover Biochemie studiert und promoviert mittlerweile über Insulin-produziernende Surrogatzellen aus embryonalen Stammzellen zur Behandlung des Diabetes Typ 1. Wenn sie gerade mal nicht im Labor am Durchbruch arbeitet, der die Welt verändern wird, ist sie gerne im Grünen, radelt durch die Gegend oder geht Kaffee trinken.

4 Kommentare

  1. Hallo Claudia!
    Unglaublich, was Du alles über Ingwer weißt! Ich such schon seit fast einer Woche nach einer so guten Erklärung wie Deiner. Ich schreibe für den NWT-Unterricht eine Hausarbeit über Ingwer, seine Bestandteile, Geschichte, Wirkung… dadurch, dass ich mich durch einige schwer verständliche englische Websites gequält habe, habe ich herausgefunden, dass das alles irgendwie mit gingerol und shogaol zusammenhängt, mehr aber auch nicht. Von Paradol wusste ich noch gar nichts. Du hast gerade meine Hausarbeit gerettet! Endlich jemand, der alles verständlich, aber wissenschaftlich fundiert erklären kann. Tausend Dank!

  2. Hallo Claudi,

    ein wirklich sehr informativer Bericht, der mir viel Neues gebracht hat. Ich liebe Ingwer auch sehr und habe ihn fast immer zu Hause. Meist wandert er in den Tee oder einen Smoothie oder ein warmes Gericht (Möhrensuppe etc.)
    Das Rezept von dir habe ich mir auf jeden Fall abgespeichert und werde es einfach weil es lecker klingt nachkochen.

    Liebe Grüße und vielen Dank für die vielen Infos 🙂

    Sabine

  3. Liebe Claudi,

    fürs Rezept habe ich mir auch ein Lesezeichen gemacht, da wir Ingwer ebenfalls mögen.

    Gruß, Annete

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