World Rhino Day 2011 – oder auch die sechste Art

BLOG: Vom Hai gebissen

Notizen aus dem Haifischbecken
Vom Hai gebissen

Heute ist der World Rhino Day – oder auch ein Tag, der für mich keineswegs so ist wie jeder andere auch. Und natürlich muss ich da auch einen Artikel schreiben, sind mir diese ulkigen Tiere mit ihren Hörnern auf der Nase doch mittlerweile sehr ans Herz gewachsen. Für jene, die noch nicht ganz so lange hier mitlesen, möchte ich nochmal auf meinen ersten Nashorn-Artikel hinweisen, der aufgrund seines recht großen Twitter-Erfolges bei mir den Anstoß gegeben hat, mich doch mal etwas stärker mit den Tieren und der Materie an sich zu beschäftigen. Sie sind es auch, die mich bisher ein wenig davon abgehalten haben, mich voll und ganz als Agrarblogger zu bezeichnen, wirklich schlimm finde ich das aber nicht. Ich möchte den heutigen Tag aber nicht für eine Rekapitulation meiner Artikel zu den Nashörnern nutzen, sondern vielmehr eine Studie besprechen, die ich schon eine Weile im Auge hatte. Es geht um das nördliche Breitmaulnashorn und die genetischen Unterschiede zur südlichen Art. Geht los!

"Bei dem nördlichen Breitmaulnashorn handelt es sich um eine Unterart der Breitmaulnashörner. Dazu gehört auch das südliche Breitmaulnashorn. Die mitochondriale DNA beider Arten unterscheidet sich nur geringfügig (1-4%)." Diesen Satz habe ich schon einmal geschrieben und zwar ziemlich genau in meinem ersten Artikel zum nördlichen Breitmaulnashorn. Nicht erwähnt habe ich dabei die tatsächlichen Unterschiede zwischen beiden Formen, was aber jetzt geschehen soll. Beginnen möchte ich dabei mit einer schnöden Vermessung der Tiere: südliche Männchen erreichen dabei eine Höhe von 165-188cm, während die Weibchen mit 155-185cm ein kleines Stück kleiner sind. Die nördliche Form ist mit 151-166cm bei den Männchen und 150-160cm bei den Weibchen ingesamt etwas kleiner. Auch in der Körperlänge zieht die nördliche Form den Kürzeren mit 266-271cm bei den Männchen, während die südliche Form auf 259-284cm männliches Nashorn und 166-185cm weibliches Nashorn kommen. Weitere äußerliche Unterschiede finden sich am Schädel, die Entwicklung des "Kau-Bereiches" unterscheidet sich zwischen den beiden Formen, allerdings liest sich das eher wie ein Anatomie-Buch, weshalb ich Euch das ersparen möchte. 

Jetzt gibt es aber nicht nur körperliche, also phänotypische, Unterschiede zu betrachten, sondern auch die Ernährungsweise ist unterschiedlich. Leben die südlichen Tiere in feuchteren Gebieten und können so auf kürzeres Grass zurückgreifen, welches deutlich nahrhafter ist, müssen die Tiere der nördlichen Form in trockeneren Gebieten mit langen Gras-Arten zurechtkommen. Es wirkt nur wie ein kleines Detail, aber die Ol Pejeta Conservancy war schon ein verdammt guter Ort für die vier nördlichen Breitmaulnashörner, entspricht Kenia doch ungefähr ihrem geografischen Lebensraum, den sie zuvor innehatten.

Jetzt muss ich zu meiner Schande auch noch zugeben, dass ich noch nie ein Nashorn gestreichelt habe – oder zumindest nicht so wie einen Hund, weshalb ich diesen recht amüsanten Unterschied zwischen nördlicher und südlicher Form recht amüsant finde: es geht um Haarwuchs. Den soll es nämlich unter südlichen Breitmaulnashörnern geben, während die Nördlichen eher haarlos sind. Sehr interessant ist hierbei die Tatsache, dass Nasi – aufmerksame Leser wissen vielleicht noch, dass es sich dabei um ein hybrides Weibchen aus nördlichem und südlichem Breitmaulnashorn handelt (1977 geboren, 2007 ist sie gestorben) – ebenfalls Haare aufwies.

Fassen wir zusammen, dass es durchaus deutliche Unterschiede zwischen der nördlichen und südlichen Form des Breitmaulnashorns gibt. Um daraus zwei verschiedene Arten zu machen, reichen die Unterschiede dann aber doch nicht. Schließlich verstehen die südlichen Weibchen in der Ol Pejeta Conservancy sehr gut, was Sudan will, wenn er freudig erregt vor ihnen steht. Das war übrigens auch ein Ergebnis der Studie, dass sich die nördliche und südliche Form in ihrer Fortpflanzungsphysiologie kaum bis gar nicht unterscheiden, aber das wussten wir ja schon. Die Wissenschaftler vermuten dabei übrigens eine Trennung der beiden Formen, die mehr als eine Million Jahre gedauert haben dürfte. Vielleicht hätte Sudan eine Fortpflanzungsbarriere dazu gebracht, sich doch mal verstärkt mit seiner Alten zu beschäftigen, was ich keineswegs abwertend meine. Damit möchte ich vielmehr meinen Unmut über sein Sexualleben äußern, habe ich doch schon seit geraumer Zeit einen fertigen Artikel hier liegen, den ich aber nicht loswerde, weil er nicht unbedingt aktuell ist. Eine Schwangerschaft von Fatu oder Najin, den beiden noch fortpflanzungsfähigen Weibchen der verbliebenen nördlichen Breitmaulnashörner, könnte dieses Problem natürlich sehr elegant lösen. Und Sudan stöpselt fremd. Argh! Darüber kann man sich zwar ärgern – und das tu ich öfter – aber es ändert nichts. Da hilft nur warten und hoffen, weshalb ich mir die Zeit mit Videos über künstliche Besamungen bei Nashörnern vertreibe:

Was bleibt an diesem besonderen Tag noch zu sagen? Eigentlich nur, dass die Nachrichten über die Situation der Nashörner aus aller Welt mitunter schlicht Bungee-Jumping mit meiner Laune spielen. Einerseits freue ich mich über jede positive Nachricht aus der Wissenschaft, die es vielleicht ermöglicht, den Tieren auch wieder eine Zukunft außerhalb von Zoos und Reservaten zu gewähren, wenn der Wahnsinn des Horn-Handels vielleicht irgendwann mal endet. Andererseits sind es eben jene Nachrichten über neue Abschuss-Rekorde in Südafrika, die mich daran zweifeln lassen. Ausgerechnet auf der Facebook-Seite zum World Rhino Day 2011 fand ich dann ein Zitat von Dr. Jane Goodall:

"Even if it seems possible, don´t give up" Wenn das nicht positiv stimmt, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Und immer dran denken: a rhino´s horn belongs in one place and one place only – ON A RHINO!

In diesem Sinne vergesst mir nicht die Nashörner.

Happy Rhino Day!

 


The Sixth Rhino: A Taxonomic Re-Assessment of the Critically Endangered Northern White Rhinoceros

Colin P. Groves1*, Prithiviraj Fernando2, Jan Robovský3

1 School of Archaeology & Anthropology, Australian National University, Canberra, Australian Capital Territory, Australia, 2 Centre for Conservation and Research, Rajagiriya, Sri Lanka, 3 Department of Zoology, Faculty of Science, University of South Bohemia, České Budějovice, Czech Republic

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Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

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