Wohlbefinden für alle

Statt bei Problemen in der Tierhaltung über Massentierhaltung oder eine entzauberte Bio-Landwirtschaft zu lamentieren, brauchen wir dringend einen holistischen Ansatz unserer Tierwohl-Betrachtungen. Einseitige Fokussierungen auf die Tiere oder die Menschen führen zu nichts.

Das Thema Tierwohl hat mich in der letzten Zeit ziemlich angemüdet. Wirtschaft und Politik befinden sich nur noch in einem verrückten PR-Wettrennen um das beste Label oder die schnellste Initiative, während sich die Wissenschaft im philosophischen Kleinklein bestehender Modelle verliert. Das stört mich nicht nur, weil es völlig albern ist. Es werden dabei schlicht wichtige Aspekte ausgeblendet.

Fachlich unbeleckte Menschen erfahren über Tierwohl meist nur, dass es da keine einheitliche Definition gebe. Das stimmt, Tierwohl ist nun mal nicht der Satz des Pythagoras. Stattdessen gibt es verschiedene Herangehensweisen. Am ehesten werdet Ihr wohl noch etwas über die 5 Freiheiten erfahren, was einer der ersten und auch rudimentärsten Ansätze zum Thema war.

Ich habe für mich mittlerweile entschieden, dass ich mit Grandin und Fraser ganz gut klarkomme. Grandin füllt dabei den praktischen „on Farm“-Bereich aus, während Fraser für den Kontext zuständig ist. Trotzdem ist die Situation für mich immer noch etwas unbefriedigend.

Klar, Tierwohl definiert sich an den Tieren, die wir halten, weshalb es bspw. sinnvoll ist zu wissen, wie eine Kuh tickt, um Stress für das Tier zu vermeiden. Aber wie steht es eigentlich um das Wohl der Landwirte und Mitarbeiter der Betriebe? Es gibt zwar schon seit Jahrzehnten Forschungen zu Mensch-Tier-Interaktionen, die die wichtige Rolle qualifizierter und motivierter Tierhalter für einen guten Umgang mit den Tieren bestätigen – siehe dazu Hemsworth, Coleman, Seabrook oder kauft Euch den Roman „Log of a Cowboy“ von Andy Adams aus den 1880er Jahren, da steht das Wesentliche auch schon drin – was mir aber fehlt, ist eine holistische Betrachtung. Tierwohl kann ohne „Bauernwohl“ schließlich nicht funktionieren! Das gilt ebenso vice versa.

Praktisch kann ich als Landwirt perfekt ausgebildet sein, den für meine Tiere besten und modernsten Stall gebaut haben und trotzdem können die Tiere plötzlich in ihrer eigenen Scheiße verwahrlosen. Statt jetzt das Hirn auszuknipsen und empört mit dem Finger auf die Massentierhaltung zu zeigen oder zu lamentieren, dass Bio eben auch nicht besser sei, schauen wir uns doch mal die tatsächlichen Gründe für derlei Umstände an. David Fraser hat dazu zwei Studien in einem Vortrag zitiert:

Hoppla! Von Doofheit, Bestandsgrößen oder Verwahrlosung aus Profitgier steht da jetzt nix. Wäre ja auch Unsinn. Niemand möchte kranke und sich quälende Tiere – die Gesellschaft mag das ethisch zweifelhaft finden, für die Landwirte ist es auch ökonomisch völlig Banane. Wenn die tatsächlichen Gründe für schlimme Zustände in den Ställen zu hoher wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Druck sind, kann die Antwort zur Verhinderung wohl kaum in noch mehr Druck bestehen.

Wohlbefinden für alle

Da setzt „One Welfare“ an. David Fraser hatte diesem Ansatz Anfang dieses Jahres ein längeres YouTube-Video gewidmet. Es soll dabei um einen Weckruf gehen. Es sei Zeit, dass wir uns die Zusammenhänge zwischen Tierwohl, dessen menschlichem Äquivalent und der Umwelt vergegenwärtigen. In der Praxis sollen sich verschiedene Servicestellen besser miteinander vernetzen – ich vermute mal, dass es hier um Ansprechpartner für Tiermediziner oder Berater geht, sollten sie während ihrer Besuche Unstimmigkeitenwie Nachlässigkeiten im Betrieb feststellen, die sich nicht mit fehlendem Wissen erklären lassen. In diesen Fällen ist schnelles Handeln wichtig, damit es eben nicht zum Äußersten kommt und wir mal wieder eine Debatte über Massentierhaltung aufgetischt bekommen, obwohl es eigentlich um die mentale Situation jener Menschen geht, die sich um die Tiere kümmern.


Quellen und Verweise

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Einen holistischen oder ganzheitlichen Ansatz findet man derzeit in erster Linie in Öko-Landwirtschaftsbetrieben. Wie das bei den ganz großen Tierhaltern laufen soll ist mir ein Rätsel, schließlich kümmern die sich ja nicht selbst um ihre Tiere. In der industrialisierten Tierhaltung sind meist Arbeitskräfte aus Osteuropa beschäftigt, die für geringe Löhne Schwerstarbeit leisten und sich nicht wehren können, wenn Arbeitsschutzgesetze verletzt werden.
    Es ist aber schon mal ein Ansatz sich darüber Gedanken zu machen, wie es anders gehen könnte. Grandin und Fraser sind sicherlich Idealisten was die Tierhaltung betrifft, denn in der Praxis erfüllen manche Bundestaaten in den USA oft nicht mal die in der EU üblichen Mindeststandards. Eine Verbesserung scheint unter der Regierung Trump nicht in Sicht, es wurden sogar mehrere Gesetze zur Haltung von Nutztieren wieder zurückgenommen. Zudem dürfen Großanbieter das Fleisch aus ihrer Massentierhaltung als „biologisch zertifiziert“ verkaufen.

    • Hallo Mona,

      Grandin als Idealistin zu bezeichnen, ist schon hart. Viel praktischer in Bezug auf Verbesserungen ohne massive finanzielle Investitionen geht es nicht mehr. Und ich kann Dich beruhigen: ich lese regelmäßig US-amerikanische Magazine für die Landwirtschaft. Dort ist Animal Handling/Stockmanship immer ein wichtiges Thema – weniger Verletzungen und weniger Stress wirken sich sehr angenehm auf den Geldbeutel aus. Und Fraser ist nun mal Wissenschaftler.

      Die Trennung zwischen Tierhaltern, die sich um die eigenen Tiere kümmern, und Mitarbeitern verstehe ich nicht. Eigentlich schon, aber letztlich ist das egal. Ein schlechtes Management wird immer bestraft. In den USA gibt es übrigens viele Lehrgänge und Materialien zum täglichen Umgang mit Tieren – auch auf Spanisch.

      Es stimmt, dass unter Trump einige Gesetze aus der Nutztierhaltung entfernt wurden. Über die Auswirkungen müsste ich mich aber noch mal genauer informieren.

      • Es stimmt, dass unter Trump einige Gesetze aus der Nutztierhaltung entfernt wurden. Über die Auswirkungen müsste ich mich aber noch mal genauer informieren.

        Ich denke die Auswirkungen auf das Tierwohl sind verheerend. Vergan.eu berichtet außerdem, dass das US-Amerikanische Landwirtschaftsministerium ohne Ankündigung tausende bisher öffentlich zugängliche Dokumente zu den Ergebnissen von Inspektionen und anderen Beobachtungen über die Behandlung von Tieren in Forschungslaboratorien, Zoos, Zuchtbetrieben und anderen Einrichtungen abrupt entfernte.

        • Wie gesagt, ich will da nix schönreden. Allerdings funktioniert eine Holstein-Kuh in den USA kaum anders als hier und – ich wiederhole mich – ein guter Umgang mit den Tieren ist nicht nur ein ethisches Argument, sondern auch recht lukrativ, indem man Tierarztkosten spart. Das heißt, die Spirale abgeschaffter Auflagen ist keineswegs nach unten offen.

  2. Es ist wichtig, den Konsum von Fleisch, Süßigkeiten und Eis stark zu reduzieren oder einzustellen. Zudem benötigen wir u. a. Landwirtschaft ohne Pflug (bitte googeln). Mehr dazu auf meiner Internetseite (bitte auf meinen Nick-Namen klicken).

  3. Sehr angenehm der Vortrag (Vorsicht, wenn hier “geklickt” wird, kann es -browserabhängig bzw. von den Einstellungen des Browsers abhängig, direkt zu einem Download kommen!) von David Fraser, sehr angenehm der WebLog-Artikel, es geht nämlich auch unaufgeregt und “ganzheitlich”, vielen Dank.

    MFG + schöne Mittwoche,
    Dr. Webbaer

  4. Egal ob Ökolandwirtschaftsbetriebe oder konventionelle. Letztlich zählt für den Landwirt ob er überleben und profitieren kann. Im Öko-/Bio- und Freilandbereich gibt es nicht wenige Tierhalter, die Bio vor allem, oder nur deshalb machen, weil sie dort mehr verdienen, weil ihr Bio-Ei beispielsweise mehr Erlös erzielt.
    Der Artikel Tierrechtler dokumentieren Tierquälerei und massive Gesetzesverstöße in mehreren Bio- und Freilandställen weist auf solche Fälle, in denen die Tierhaltung in Freilandbetrieben aus Gewinngründen geschieht und die Tiere nicht wesentlich anders gehalten werden als in konventionellen Betrieben (Zitat):
    Pro Jahr werden rund 1,2 Milliarden Bio-Eier in Deutschland verzehrt. Ein Großteil der Bio- und Freilandeier stammt aus den Niederlanden.
    Die aktuelle Undercover-Recherche vom Deutschen Tierschutzbüro zeigt auf, wie Hühner in Bio- und Freilandställen gehalten werden. 8 Ställe wurden in Deutschland und in den Niederlanden dokumentiert. “Betriebe mit 35.000 und mehr Tieren sind offenbar völlig normal, auch im Biosektor”, so Jan Peifer, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Tierschutzbüros. ..
    Aber auch in den Ställen sieht es nicht nach Bio-Idylle aus. Auf mehreren Etagen, übereinandergestapelt, werden die Hühner teilweise gehalten. Über Förderbänder werden das Futter und die Eier transportiert “Bio ist mittlerweile auch Massentierhaltung”, so Peifer.

    • Hallo Herr Holzherr,

      ich will das, was passiert ist oder vielleicht noch irgendwo passiert, nicht schönreden. Aber so wie sich mit die Situation darstellt, ist das eher ein Laben-Betrug, oder? Ansonsten sehe ich nur wieder die typische Art mit großen Zahlen zu arbeiten oder etwas zu beschreiben, was Menschen gruselig finden könnten.

  5. Der Dreh- und Angelpunkt bleibt der Verbraucher. Und hier muss man kleine Brötchen backen. Verbrauchergewohnheiten ändern sich nur langsam. Deshalb begrüße ich den hype für vegan und vegetarisch, da wird wenigstens der Fleischkonsum verringert. Schlimm steht es um die Fische, seit Flüsse als Abwasserkanäle angesehen werden und die Meere zugemüllt werden. Wer hat Mitleid mit Fischen?

    • Verringerung des Fleischkonsums klingt immer irgendwie gut. “Weniger Fleisch, aber dafür gute Qualität” taucht in diesem Zusammenhang auch immer auf. Wie Du schon richtig schreibst, passiert ein Wandel nicht einfach von heute auf morgen. Aber wie sollen sich Tierhalter auf einen langsamen Wandel einstellen, während Politiker immer neue Debatten anstoßen, Auflagen ankündigen etc? Das erzeugt alles ziemlich großen Druck – womit wir wieder beim Artikel wären 😉

      Was Flüsse angeht, werden die – wenn mich mein Eindruck da nicht täuscht – immer sauberer, weil die Industrie eben nicht mehr alle Abwässer und sonstigen Dreck einfach ableiten dürfen. Zudem werden viele Gewässer wieder renaturiert und damit die Fehler der Vergangenheit korrigiert.

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