Wenn Tiere zum Produkt werden

Die Verknüpfung von Tierwohl und Produktivität in dem Sinne, dass nur glückliche Kühe viel Milch geben, wird in der Welt der Tierwohl-Wissenschaft nicht gerne gesehen. Das kann ich verstehen. Trotzdem habe ich mich schon öfter dieser Argumentation bedient – eine kurze Begründung (die zweite Hälfte ist nur die englische Variante):

Tiere gut zu behandeln und zu halten bedeute schlicht das Richtige zu tun. Die Verknüpfung von Tierwohl und Produktivität reduziere die Tiere zu einer Ware, schrieb Tierwohl-Wissenschaftler Jeremy Marchant Forde vor einigen Tagen auf Twitter und verlinkte auf den Artikel “Comfy Cows make more milk“.

Ich stimmte Forde zu und teilte seinen Tweet – nur um wenige Sekunden später festzustellen, dass ich jene kritisierte Argumentation auch schon öfter verwendet habe, sie sogar für essentiell wichtig halte. Dabei hatte ich nie die Absicht Tiere zu einer Ware zu degradieren. Vielmehr lag das an meiner gedanklichen Herkunft. Ich bin Stadtmensch – und als solcher wusste ich natürlich aus den Medien, dass die Agrar-Industrie von Skandalen geprägt, Massentierhaltung furchtbar ist und Tierquälerei eben normal sei, wenn das Fleisch billig sein müsse. In den folgenden Jahren musste ich dann durch mein Studium und eigene Recherchen – das Thema Tierwohl habe ich mir weitgehend selbst beigebracht – zusehen, wie sich meine Sicht auf die Dinge zunehmend in Luft auflöste. Das ist kein schönes Gefühl, aber als Wissenschaftsblogger hatte ich keine andere Wahl. Wieder bei Null zu beginnen hatte den Vorteil, dass ich einiges neu denken konnte. Was bedeutet eigentlich “gute Tierhaltung”? In dieser Situation hat mir der US-amerikanische Pragmatismus sehr geholfen. Stockmanship – also der stress-freie Umgang mit Tieren – wird in den dortigen Fach-Magazinen schlicht deshalb empfohlen, weil die Tiere dann sich und die Mitarbeiter weniger verletzen. Durch den vermiedenen Stress können auch schlimmere Krankheiten vermieden werden. Hustende und ausgemergelte Rinder sind in niemandes Interesse.

Bad handling is bad business

Ich habe einige Zeit gebraucht bis ich diesen Satz wirklich verstanden und angenommen hatte, weil ich – wie Forde – ein Problem mit der kritisierten Verküpfung von Tierwohl und Leistungen wie Milchmengen, Zunahmen etc und der damit einhergehenden Degradierung des Tieres zum Produkt hatte.

Gleichzeitg hilft mir diese vereinfachte Darstellung aber bei der Einordnung von Problemen. Wann immer ich seitdem über Skandale in der landwirtschaftlichen Tierhaltung lese, denke ich nicht als erstes an Bestandsgrößen oder die “industrialisierte Landwirtschaft”, sondern an gesundheitliche Probleme des Landwirts und seiner Familie. Das soll natürlich nicht vom Leid der Tiere ablenken oder dieses gar kleinreden, aber die Hintergründe einer guten Tierhaltung zu kennen hilft zu verstehen, dass derlei schlechte Zustände eben weder notwendig noch hilfreich sind, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Es MUSS also Probleme an anderer Stelle geben, die dann zu den schlimmen Zuständen im Stall geführt haben.

Das alles steht natürlich in keinerlei Widerspruch zu einer guten Behandlung der Tiere, weil sie eben fühlende Lebewesen sind. Dazu habe ich gerade zwei neue Studien bekommen, die ich demnächst besprechen möchte.


When animals become a product

Treating animals well simply means to do the right thing. The combination of animal welfare and productivity reduces animals to a commodity, animal welfare scientist Jeremy Marchant Forde wrote a few days ago on Twitter and linked to the article “Comfy Cows make more milk“.

I agreed with Forde and shared his tweet – only to realize a few seconds later that I have used this criticized argumentation more than once, even consider it essential. I never intended to degrade animals to a commodity though. Rather, it was because of my background. I am a city person – and as such, of course, I knew from the media that the agricultural industry is characterised by scandals, mass animal husbandry being terrible while cruelty to animals is normal when the meat has to be cheap. In the following years, through my studies and my own research – I largely taught myself the subject of animal welfare – I had to watch how my view of things increasingly vanished into thin air. My assumption from what I learned were completely wrong. That’s not a nice feeling, but as a science blogger, I had no choice. To start again from scratch having the advantage that I could think some things anew. What does “good animal husbandry” actually mean? US pragmatism has helped me a lot in this situation. Stockmanship – the stress-free treatment of animals – is simply recommended in the ag magazines there because the animals then injure themselves and employees less and even worse diseases are avoided as a result of the stress avoided. Coughing and emaciated cattle are in nobody’s interest.

Bad handling is bad business

It took me some time to really understand and accept this sentence because I actually had the same problem Forde had with the linking of animal welfare and performance such as milk quantities, muscle growth etc. and the associated degradation of the animal to be the product.

At the same time, however, this simplified presentation still helps me to classify problems. Whenever I read about scandals in agricultural animal husbandry since then, I am not thinking first of herd sizes or “industrialized agriculture”, but of health problems of the farmer and his family. Of course, this should not distract from the suffering of the animals or even talk them down, but knowing the background of good animal husbandry helps to understand that such bad conditions are neither necessary nor helpful to be economically successful. So there MUST be problems elsewhere that have led to the bad conditions in the stable.

Of course, all this does not contradict a good treatment of the animals, because they are sentient beings. I have just received two new studies, which I would like to discuss later.

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der entscheidende Punkt ist doch, dass Thema nicht auf “Bad handling is bad business” zu reduzieren und andere Gründe die Tiere gut zu behandeln auszublenden. (Eine Tendenz die man oft und bei vielen Themen beobachten kann)

    Wenn es nämlich wie im Falle von Hühnern doch “good business” ist in möglichst kleinen Käfigen so viele und so schnell wie möglich aufzuziehen, dann braucht man doch einen anderen Grund, wenn man Mindeststandards die dem Tierwohl gerecht werden, aber wirtschaflich schlechter sind, durchsetzen will.
    Und die müssen dann auch mit “Gewalt” (Staatsgewalt) durchgesetzt werden, denn wenn der Nachbar sich nicht dran hält, dann entzieht er denen die sich dran halten, die Geschäftsgrundlage.
    (Race to the bottom – Ein überall in der Wirtschaft auftauchendes Grundproblem.)

    • Das ist ja die interessante Frage, ob eine gute Behandlung der Tiere tatsächlich nur wirtschaftliche Relevanz hat. Meiner Erfahrung nach ist das nicht so, gibt auch eine interessante Studie dazu, die ich hoffentlich noch verbloggen werde.

      Kleine Korrektur: kein Geflügel wird in Käfigen aufgezogen. Mastgeflügel lebt ausschließlich in Bodenhaltung.

  2. Als ich eben diesen Artikel

    https://www.theguardian.com/environment/2018/may/21/human-race-just-001-of-all-life-but-has-destroyed-over-80-of-wild-mammals-study

    las, fiel mir dieser Blog ein. Ich kann (zumindest fachlich überhaupt) nicht beurteilen ob der Artikel “objektiv” ist. Schließlich IST das eben so. Man MUSS essen um zu überleben. Dass unsere Vorfahren Fleisch gegessen haben, kann ich nachvollziehen (und das, vereinfacht gesagt, steckt in unseren Genen – erscheint uns selbstverständlich/natürlich). Sie sahen ja, dass die Tiere andere Tiere aßen/”fraßen”. Warum dann nicht auch sie/wir? Außerdem schmeckt Fleisch ja recht gut (angenehmes Essgefühl). Und weiterhin geht die Welt davon nicht unter – das Leben immer weiter. Und vll. würden ja, wenn wir die Tiere nicht töten, diese überhandnehmen und uns töten (verzehren, fressen) …

    • Wir vergessen immer noch, welche Riesenrolle die Evolution spielt! Und die Millionen Jahre zwischen unseren Primaten-Anfaengen als Pflanzenfresser ! Fleisch war wegen Eiszeiten unsere Notnahrung zum Ueberleben! Erst viel spaeter also entwickelten wir uns zu Fleischfressern, oder besser gesagt, Aasfressern – mit gesundheitlichen Spaetfolgen wie Darmkrebsrisiko und Herzinfarkt…. denn unser Verdauungstrakt ist nun mal in seiner Riesenlaenge nicht der eines Carnivoren, sondern gleicht immer noch eher dem eines veganen Gorillas! Siehe : Prof. Colin Campbell, The China Study u.v.a.

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