Warum Tierschutz – Bedeutung und Hintergründe

Vom Hai gebissen

Das Thema "Ökologische Tierhaltung" beschäftigt mich ja nun schon etwas länger, was sich hier zwar erst in zwei Artikeln niedergeschlagen hat, allerdings werden da noch einige folgen. So stoße ich auf meinen täglichen Streifzügen durch die Weiten des Internets immer wieder auf interessante Artikel, neue Erkenntnisse und Videos. Da ich mir natürlich nicht alles merken kann, habe ich mir für dieses Problem ein neues Blog eingerichtet, wo ich meine Ausbeute einfach lagern und meinen Lesern – zumindest über Twitter – sofort zugänglich machen kann. Hier werde ich dann – wenn nötig – einfach auf diese Fundstücke verweisen. So, jetzt aber genug der selbst-darstellenden Einleitung…In diesem Beitrag möchte ich mich mit einem ethischen Thema beschäftigen, welches auch eine – durchaus wichtige – Rolle in der ökologischen Tierhaltung spielt – dem Tierschutz. Oder anders formuliert: Warum sollten wir uns eigentlich um Tierschutz bemühen oder eine grundsätzliche Ethik-Debatte zu verschiedenen Themen führen? Dazu mache ich mir persönlich zwar auch hin und wieder meine Gedanken, allerdings habe ich mir für diesen Artikel ein wenig Hilfe geholt von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Genauer gesagt war Dr. Uta Eser so freundlich, mir ihren Vortrag zu dem Thema Tierschutz und Ethik zuzusenden, den sie auf der 15. Internationalen Fachtagung zum Thema Naturschutz am 25. Februar gehalten hat und auf den hier ich auszugsweise näher eingehe.

Drei Gründe, warum wir uns um Tierschutz bemühen sollten

Zum einen wäre da die Klugheit. Schließlich brächten Tiere in artgerechter Haltung bessere Leistungen, lebten länger und wären seltener krank. Das bezieht sich wohl auf Nutztiere, allerdings kann man dieses Argument auch auf Tiere im Zoo übertragen, wo sich die Zufriedenheit der Tiere sehr oft in der Anzahl der Geburten und dem Verhalten der Tiere äußert. So profitiert der Mensch von dieser Klugheit einerseits durch bessere Leistungen im Nutztierbereich und kann andererseits durch Attraktionen in Tierparks, die ihrerseits wieder Geld für weitere interessante Projekte im Natur- und Tierschutz einspielen, der Natur wieder auf die Sprünge helfen, wo sie unter dem Menschen zu sehr gelitten hat.

Sehr interessant finde ich den zweiten Punkt: Tugend, die – nach Dr. Eser – den Eigennutz für den Menschen in den Hintergrund stellt. Stattdessen kommt hier die Empathie einiger Menschen zum Tragen. So essen zum Beispiel manche Menschen kein Fleisch, weil ihnen der Gedanke an das Töten der Tiere und das womöglich vorhergehende Leid den Appetit verdirbt. Sehr interessant finde ich dabei den Zusatz des Vortrages, dass dieser Verzicht auf Fleisch eine individuelle Entscheidung sei, die aber keine Verpflichtungen derjenigen nach sich ziehe, die die Entscheidung nicht teilen. Interessant deshalb, weil ich in den letzten Tagen auf dieses Video hingewiesen wurde, in dem die durchaus – auf den ersten Blick – beeindruckenden Effekte dargestellt wurden, die eine vegane Ernährung der Menschheit auf den Planeten hätte. Aber ist das realistisch? Natürlich nicht. Schließlich kann man nicht eine ganze Weltbevölkerung zu einer bestimmten Lebensweise zwingen – nicht mal überreden – das ist komplett utopisch. Ob ich mich nun vegetarisch, vegan oder eben von all dem ernähre, was der Supermarkt so hergibt, bleibt letztlich eine individuelle Entscheidung.

Der dritte und letzte Punkt zu der Frage nach dem Warum ist mit Pflicht überschrieben und damit kommen wir dann auch in den ethischen Bereich. Genauer gesagt geht es dabei um die normative Ethik, deren Ziel es ist – unabhängig von individuellen Haltungen – Rechte und Pflichten zu formulieren. Und das ist gar nicht so einfach, da Menschen miteinander anders umgehen als mit Tieren. Beispiele aus dem Vortrag sind zum Beispiel der Handel mit Tieren, während Menschenhandel verboten ist. Außerdem optimieren wir Tiere durch Züchtung oder Gentechnik. Auch Sterbehilfe – bei uns Menschen sehr strittig – ist bei Tieren normal, wenn es keine Aussicht auf Besserung des Gesundheitszustandes gibt.

Definition des Tierschutzes

Um nochmal zu erwähnen, wie schwierig es momentan ist, wissenschaftliche Definitionen zum Tierschutz aufzustellen, zitiere ich aus einem Artikel von Reinhard Breuer zu diesem Thema:

Es geht also um Leiden und Schmerz. Und das Tierwohl wird oft gesehen als Abwesenheit von Stress und Schmerz. Das klingt plausibel und wirft doch sogleich Probleme auf. Wie stellt man das fest? Wie misst man das Leiden von Tieren oder reicht einfach der äußere Eindruck? Und: Schützt man eher die subjektiven Gefühle, die Bedürfnisse oder die Integrität eines Tieres? Die Forscher sind sich darüber uneins.

Hier einige Definitionen: Der Brite Donald Broome von der Cambridge University, auch einer der Tagungsredner, dekretierte 1986: Das Wohlbefinden eine Individuums hänge davon ab, inwieweit es mit seiner Umwelt zurechtkomme. Ian Duncan sagte 1993: Es gehe nicht um Gesundheit oder Mangel an Stress, sondern das Tierwohl hänge davon ab, was Tiere fühlen. Und die Verhaltensforscherin Marian Dawkins von der Oxford University meinte 2005: Das Tierwohl hänge von seiner Gesundheit ab und davon, ob es bekomme, was es möchte.

Jeder dieser Begriffe ist in der Szene umstritten, denn subjektive Gefühle sind notorisch schwer objektiv zu messen.

Nach dem Warum widmet sich Dr. Eser in ihrem Vortrag der Frage, um wen bzw. was es eigentlich geht, wenn wir über Tierschutz reden.

Zum einen wäre da der Tauschwert als ökonomische Größe, also der Wert, den wir für ein Tier verlangen bzw. bekommen, wenn wir es verkaufen. Als nächstes folgt der Nutzwert. Der kann zwar durchaus ökonomisch betrachtert werden – und wird es auch – geht aber durchaus auch darüber hinaus, da ein Nutzwert auch darin liegen kann, dass das Tier einem Menschen Gesellschaft leistet und damit zwar keinen finanziellen Nutzen, aber einen seelischen Nutzen hat. Persönlich möchte ich dabei noch solche Tiere erwähnen, die Menschen helfen, ihren Alltag zu bewältigen, wie zum Beispiel Blindenhunde.

Als letztes möchte ich noch auf den Punkt des Eigenwertes eingehen, weil dieser mir persönlich auch sehr am Herzen liegt. Nach Dr. Eser besteht der Eigenwert eines Tieres darin, dass ich es um seiner selbst willen schätze. Im Mittelpunkt dieser Wertschätzung stehe ihrer Meinung nach die Beziehung zu einem Tier. Sie schreibt, wer ihr nach dem Tode ihres Hundes vorschlage, sie solle sich doch einen neuen zulegen, der habe das nicht verstanden. Dem kann ich auch eigener Erfahrung nur bedingt zustimmen. Natürlich wirkt das extrem hart, wenn man so etwas direkt ein paar Tage nach dem Tode des geliebten Gefährten zu hören bekommt. Dennoch sollte die Trauer nicht allzu lange dauern. Als vor mittlerweile drei Jahren unser Schäferhund starb, war ich erstmal ziemlich niedergeschlagen, schließlich hatte ich zu dem Zeitpunkt einen Großteil meines Lebens mit diesen Tier verbracht und plötzlich fehlte da etwas. Nun ist es so, dass ich aus Studiengründen nicht mehr zu Hause lebe. Gut zwei Monate nach dem Tod unseres Hundes besuchten meine Eltern ein Tierheim und holten wieder einen Hund – womit ich erstmal gar nicht einverstanden war. Irgendwie war doch noch sehr viel Trauer in mir. Doch als ich diesen "neuen" Hund kennenlernte und erfuhr, welch schlimmes Leben er bisher kennengelernt hatte, wurde mir plötzlich eines klar: dieser Hund brauchte uns bzw. meine Eltern – eine verständnisvolle Familie, die ihn auf seinen ersten Schritten in ein neues Leben begleitet. Hätten meine Eltern – so wie ich – noch länger getrauert, hätte dieser Hund nur länger Tierheim verbracht. Unsere Schäferhündin, die uns fast 13 Jahre begleitet hat, war tot. Wir konnten nichts mehr für sie tun.

Aber dieser Hund lebte.

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

19 Kommentare

  1. Tiere sind keine Menschen, aber ich finde es gut, daß überlegt wird wie eine Ethik des Tieres aussehen kann. Weil wir Menschen zu Ethik fähig sind, sollten wir den Tieren als empfindende Wesen auch eine gestatten. Doch wenn eine Ethik fürs Tier einen wirtschaftlichen Nachteil bedeutet, dann wird das wohl verhindert werden.

    Das ist schon etwas seltsam. Manch Haustier bekommt feinstes Essen und medizinische Behandlung und Friseur etc. Und andere kennen nur die Massentierzucht.

  2. Die Zeit macht es…

    Hallo Martin,

    Danke für Deinen Kommentar. Wenn man schreibt, dass etwas sehr komplex ist, wird das gerne zu Anlass genommen, demjenigen fehlende Kompetenz vorzuwerfen. Aber es ist tatsächlich so. Es gibt viele Faktoren, die da mit reinspielen. Ich denke, das wird ähnlich weitergehen, wie in den Tierparks, wo sich auch nach und nach ein anderes Denken durchgesetzt hat, auch wenn zwischen Nutztieren und Zootieren ein großer Unterschied besteht. Ich hatte dazu ja schon mal eine Diskussion mit Balanus, der der Meinung war, dass wir billige Lebensmittel von den Konzernen vorgesetzt bekommen. Dabei hat es doch der Verbraucher in der Hand, was er kauft und was nicht. Auf jeden Fall wäre eine zumindest teilweise Rückkehr zum Sonntagsbraten als Fleischration ein durchaus interessanter Weg.

  3. Ich meine, ein kilo Paprika (nicht drei verschiedene Schoten abgepackt in einer Hülle sondern lose) im Supermarkt ist teurer als ein kilo Fleisch. Das kann doch gar nicht sein.

    Energetisch betrachtet ist hoher Fleischkonsum nicht so günstig und gesund ist es auch nicht. Der Sonntagsbraten hat in der Tat viele Vorteile anstatt jeden Tag kräftig Fleisch. Und wenn das Leben der Tiere wenigstens ein Leben war und nicht nur Fressen bis zum Schlachthof, dann müßte man das Fleisch doch auch unbeschwerter genießen können.

  4. So sehe ich das auch. In den Artikeln zu dem Treffen in Deidesheim wurde ja auch das Essen beschrieben. Das dort servierte Fleisch konnte man wohl mit gutem Gewissen verspeisen.

  5. Dass Du Vegetarier bist, hatte ich einem Deiner Kommentare schon entnommen. Was das Fett angeht, das gehört nunmal zum Fleisch dazu. Gerade dieses Zuchtziel des maximalen Fleischanteils hat zu einigen Problemen geführt, die sich erst durch Züchtung etabliert haben und jetzt wieder ausgekreuzt werden müssen.

  6. Ein sehr bekanntes Problem ist das MH-Syndron (auch bekannt als MHS abgekürzt). Während man das Zuchtziel des möglichst vielen Fleisches verfolgt hat (während ein größerer Fettanteil unerwünscht war), war dieses Syndrom vermehrt in solchen Schweinen genetisch verankert, die diesem Zuchtziel entsprachen. So hat es sich mit der Zeit etabliert und muss nun durch genetische Kontrolle der Zuchttiere wieder ausgezüchtet werden.
    MHS wirkt sich besonders in Stress-Situationen so aus, dass es zu überstürzten Stoffwechsel-Aktivitäten im Muskel kommt. Problematisch wird das im Schlachthof, wenn diese Prozesse kurz vor der Schlachtung einsetzen und dann – weil das Tier kurz drauf tot ist – nicht mehr abgebaut werden können. Das Ergebnis ist dann ein sehr weiches und helles Fleisch, das beim Braten schrumpft.

  7. Gutes Gewissen?

    > Das dort servierte Fleisch konnte man
    > wohl mit gutem Gewissen verspeisen.

    Ich weiß nicht, was das für ein Fleisch war, das da serviert wurde. Ich weiß nur, dass am Samstag noch drei Gänse herumstolzierten und lautstark krakeelten, am Sonntag bei der Abreise waren es nur zwei, und die hockten traurig im Türeingang und schauten alle Vorbeigehenden mit abgrundtief vorwurfsvollem Blick an.

    Ich habe ihnen zwar – wahrheitsgetreu – gesagt: “Mädels, an *mir* lag’s nicht!” Aber ein wirklicher Trost war das wohl nicht.

  8. Selber schlachten

    Lieber Herr Khan,

    ehrlich gesagt sind einige Beiträge hier im Blog der Versuch, das Thema der Tierproduktion – welch widerliches Wort – etwas pragmatisch anzugehen. Ich möchte sozusagen einen Weg finden, zwischen veganen Weltrettern und “Ich-brauch-jeden-Tag-Fleisch”-Verbrauchern.
    Vermutlich könnte man den Fleischverzehr schon allein dadurch drastisch reduzieren, indem man den Menschen das Schlachten der Tiere selbst überließe. Nicht umsonst erleben solche Tiere, die lebend als Weihnachtsbraten gekauft wurden, auch noch das neue Jahr, weil die Besitzer das Töten nicht übers Herz gebracht hahen.

  9. schlachten

    “Nicht umsonst erleben solche Tiere, die lebend als Weihnachtsbraten gekauft wurden, auch noch das neue Jahr, weil die Besitzer das Töten nicht übers Herz gebracht hahen.”

    Und weil sie es nicht konnten, sind sie schnell noch in den Supermarkt und haben sich … 😉

  10. Ich glaube, dass das eh eines der Hauptprobleme ist. Fleisch, das ist doch für die meisten Menschen hier das, was man appetitlich abgepackt und steril im Supermarkt an der Theke oder im Kühlregal liegen sieht. Es hat kaum mehr Ähnlichkeit mit einem Tier als beispielsweise Gemüse. Das Schlachten und die Verarbeitung des Tieres zum fertigen Braten, das überlassen wir getrost anderen, mit dieser “schmutzigen” Arbeit wollen wir nichts am Hut haben. Kaum einer macht sich wirklich klar, das hinter dem Braten mal ein fühlendes Lebewesen stand. Ich habe mir, das mag jetzt ein wenig sentimental bis esoterisch klingen, zur Angewohnheit gemacht, mich kurz in Gedanken bei dem ursprünglichen Lieferanten des Bratens für den guten Geschmack und das Essen zu bedanken. Einfach um mir die Tatsache ins Gedächtnis zu rufen, dass für meinen Genuss und mein Leben ein anderes Wesen hat sterben müssen.

  11. Fehlender Bezug zur Nahrung

    Lieber Gunnar,

    ich denke, das sehen wir dann ähnlich. Vielen Menschen scheint der Bezug zur Nahrung – nicht nur dem Fleisch, aber darum ging es ja hier – abhanden gekommen zu sein.
    Und vielleicht kann ich ja mit diesem Blog einen ganz kleinen Teil dazu beitragen, dass sich an diesem Dilemma etwas ändert.

  12. MENSCH UND TIER

    Uns’re Tiere haben’s schwer,
    Wir behandeln sie nicht fair.
    Ein Mensch, wie stolz das klingt –
    Der großes Leid den Tieren bringt.

    Der Killeraffe,
    Der sich zur Tarnung Mensch nannte,
    Ist zu allerlei Grausamkeiten imstande.
    Die Mitgeschöpfe werden gering geachtet,
    Aus purer Fleischeslust wird geschlachtet.

    Tiere müssen sterben für sein Wohlergeh’n,
    Die Superpotenz und knitterfreies Ausseh’n;
    Für Elfenbein und Felle lassen sie ihr Leben.
    Können sie Homo sapiens jemals vergeben?

    Man fragt nicht nach der Tiere Befinden,
    Profit zählt, das Tierwohl steht ganz hinten.
    Bringen wir in ein dunkles Kapitel Licht,
    Dem Tierschutz Gewicht,beim Fleische Verzicht!

    Rainer Kirmse , Altenburg

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