Über die Betreuung großer Tierbestände

Man kann einfach nicht vernünftig arbeiten, wenn einem eine Kuh ständig ihre Zunge ins Ohr stecken möchte, während eine andere Kuh meine Ausweich-Versuche nutzt, um mal fix übers Smartphone zu schlecken. (1) Mir fiel dieses Erlebnis wieder ein als ich auf YouTube ein Video über Pen Rider in den USA sah. Deren Aufgabe besteht in der ständigen Kontrolle der Rinder in den Feedlots, um kranke Tiere erkennen und zur Behandlung durch einen Tierarzt selektieren zu können. Aber geht das überhaupt, wenn man für mehrere 1000 Tiere zuständig ist?

Gut, bei mir waren es nur knapp über 100 Tiere, aber auch das ist für manch Uneingeweihten schon viel und damit Grund zur Sorge, ob denn eine solch große Herde adäquat betreut werden könne. In den USA gibt es speziell dafür die schon erwähnten Pen Rider, die ständig in den dortigen Feedlots unterwegs sind.

Der Grund für meinen Besuch im Stall war eine App, mit deren Hilfe und einem Smartphone sich der BCS (2) einer Kuh bestimmen lassen sollte. Dazu musste man lediglich ein Foto von hinten und eines von der Seite machen. Über den Erfolg des Tests schweige ich mich mal aus. Wie gesagt, ich wurde heftigst gestört. Aus Sicht des Herden-Managements und der Frage, wie sich große Tierbestände denn vernünftig betreuen ließen, war das aber sehr aufschlussreich.

Dem Tierhalter kommt dabei die sehr wichtige Rolle des Beobachters zu. Tiere, die sich nicht wohlfühlen, lassen sich einerseits durch Signale wie die Körperhaltung oder auch Läsionen erkennen, andererseits aber natürlich auch durch ihr Verhalten. Wenn Ihr Euch nicht wohlfühlt, reißt Ihr schließlich auch keinen Baum aus, sondern zieht Euch zurück und wollt Eure Ruhe. Tiere verhalten sich da kaum anders. Wenn eine Kuh ständig als erste im Melkstand steht und auch immer zu den ersten gehört, die es auf die Weide zieht, plötzlich nur noch im Hintergrund steht, kann das ein Zeichen sein, um sie mal genauer zu untersuchen. Natürlich funktioniert das bei Milchvieh, schließlich sind die Tiere ein paar Jahre im Betrieb, da hat man Zeit sich kennen zu lernen. So könnte man jetzt argumentieren. Moment.

Rein ins Geflügel

“Siehst Du da drüben…?” Ich hatte gerade die Tür hinter mir geschlossen und blickte nun in den Stall. Ich sah nur Tiere. Diese aber auch nur so ungefähr, schließlich war der Stall abgedunkelt, um die Tiere zu beruhigen. (3) Ich bewegte mich langsam weiter und verzichtete auch auf hastige Armbewegungen, weshalb die Tiere auch immer erst dann reagierten und Platz machten, wenn ich direkt vor ihnen stand. Begleitet wurde unser Durchgang von einer gleichmäßigen Geräuschkulisse aus Hühner-Gemurmel.

“Hier.” Eine Antwort auf seine erste Frage hatte der mich begleitende Tierarzt gar nicht erst abgewartet, sondern gleich ein Huhn gepflückt.”Sieht doch super aus “, sagte er, während ich auf zwei Hühnerfüße blickte – und er hatte recht. Die sahen genau so aus wie Hühnerfüße nun mal aussehen sollten. Keine Pododermatitis (Fußballenläsionen) weit und breit. Eine positive Feststellung, die sich auch nicht änderte als wir noch weitere Tiere kontrollierten. Natürlich kann man als Tierhalter oder Tierarzt in einem Geflügelstall jetzt nicht immer jedes einzelne Tier untersuchen. Durch Stichproben bekommt man gerade im Fall der Pododermatitis aber schon einen recht guten Überblick. Wenn man zudem in Ruhe und gleichmäßig über die Tiere hinweg schaut, lassen sich Tiere, die sich ungewöhnlich bewegen, gut erkennen – wenn man denn weiß, auf was man achten muss natürlich.

Stockmanship geht immer

Beim Thema Stockmanship geht es meist um Rinder oder Pferde (dann Horsemanship). Bud Williams ist zwar kein Wissenschaftler, sondern ” nur ” Cowboy, wird aber trotzdem gerne in der Wissenschaft zum Thema erwähnt. Interessant ist in diesem Zusammenhang seine These, dass sich die Regeln des Stockmanship nicht nur auf Rinder, sondern auf alle Nutztiere anwenden ließe. Gut, zu Schweinen habe ich dazu auch schon was entdeckt, aber Geflügel? Subjektiv würde ich ihm da natürlich zustimmen. Wer wild mit den Armen rudernd wie in ein Rumpelstielzchen in den Stall hüpft oder nachts mit der Taschenlampe in Ställe leuchtet, um die Realität in deutschen Ställen zu zeigen, wird ziemlich sicher Chaos verursachen, was den Medien und Euch dann aber als Realität verkauft wird.

Zurück in die bovine Welt

Es geht in der Bestandsbetreuung also sehr viel um Tierbeobachtungen, in der Herde wie auch einzeln, nicht so sehr um Stockmanship, wobei es natürlich wichtig ist die Tiere adäquat an die eigene Anwesenheit zu gewöhnen. Passiert das nicht, können die Tiere Probleme und Krankheiten im Beisein des Tierhalters verheimlichen, was natürlich alles nur schlimmer macht. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, um mal auf eine Bezeichnung einzugehen, die totaler Quatsch ist. Angeblich gibt es ja Pferdeflüsterer, Kuhflüsterer oder gerne auch Hundeflüsterer – das suggeriert aber etwas völlig Falsches. Niemand flüstert den Tieren irgendwas ins Ohr. Vielmehr geht es um das Verstehen tierischer Reaktionen, die Beobachtung dieser und darauf basierender Reaktionen des Tierhalters. Wenn bspw. viele Kühe einer Herde lieber stehen als liegen, bringt es wenig sie dazu aufzufordern sich doch bitte hinzulegen. Zielführender wäre die Frage, was denn mit den Liegeflächen nicht stimmen könnte. Tatsächlich ist also die Bezeichnung Beobachter oder Zuhörer weitaus treffender als Flüsterer.

Tierwohl als Technik

Haben wir über Jahre hinweg auf Konferenzen und in Debatten zum Thema Tierwohl den Fokus auf die falschen Faktoren gelegt? Diese These stellte Martin F. Seabrook in einem Artikel aus dem Jahr 1980 auf. Das Thema Tierwohl werde sehr technisch behandelt, schreibt er weiter. Ganz unrecht hat er nicht. Sauberes Wasser und qualitativ hochwertiges Futter stehen immer an erster Stelle – auch dann, wenn Landwirte, Tierärzte etc. die Adressaten bestimmter Leitfäden sind und das eigentlich wissen sollten. Beim Milchvieh gehe es dann weiter mit der Größe und Beschaffenheit der Liegeboxen etc. Selten werde allerdings über die Bedeutung der Tierhalter gesprochen.

Irritierend aktuell, denn auch 35 Jahre später drehen sich Konferenzen um die gleichen Themen. Nicht falsch verstehen: Größe und Ausgestaltung der Liegeflächen sind wichtig, aber der beste Kuhkomfort ist nur die Hälfte wert, wenn sich die Tiere in Anwesenheit des Tierhalters nicht wohl fühlen, er sie vielleicht sogar durch seine Art stresst. Das wirkt sich nicht nur negativ auf die Milchleistung aus (4), sondern kann – wenn das Immunsystem über längere Zeit mit der Suche einer adäquaten Antwort beschäftigt ist – auch den Ausbruch von Krankheiten begünstigen.

Stellt sich jetzt die Frage wie sich der Effekt des Tierhalters auf die Tiere evaluieren lässt. Seabrook hat für diese Versuche Herden ausgewählt, die weitgehend homogen waren bzgl. des Managements, der Fütterung, ihres genetischen Potenzials zur Milchleistung etc. Sonst wären jegliche Ergebnisse später wertlos gewesen. Die Herden wurden dann von unterschiedlichen “Cowmen” betreut. Das Ergebnis:

>The highest performance cowmen, in terms of milk yield for a given
level of input, have the following traits: considerate; patient; independent; perse-
vering; grumpy; difficult to get on with; forceful; confident; suspicious of change;
not easygoing; unadaptable; not meek; not modest; not a worrier; not talkative; un-
cooperative; unsociable.

Zusammengefasst bevorzugen Kühe also solche Menschen, die sich mit anderen Menschen vielleicht etwas schwer tun.

Zusammenfassung

Ich könnte hier jetzt noch eine Weile weitermachen, allerdings kann ich die anderen von Seabrook erwähnten Studien und deren Erkenntnisse noch nicht ganz nachvollziehen – bei aller Begeisterung für das Thema. Halten wir fest, dass sich auch große Herden gut betreuen lassen. Schlüsselelemente dieser Betreuung:

  • die Tierbeobachtung (Verhalten und Körpersprache der Tiere)
  • Kenntnisse der Signale, um frühzeitig eingreifen zu können.
  • Kenntnisse über einen stress-freien Umgang mit den Tieren

Vor diesem Hintergrund war der von mir geplante und grandios gescheiterte App-Test natürlich ein erfreulicher Beleg für das gute Management und das offensichtlich hervorragende Verhältnis des Landwirtes zu seinen Kühen. Andernfalls wären sie mir nie so nahe gekommen, war ich für sie doch ein Fremder.


Anmerkungen

  1. Und das waren nur die harmlosen Probleme.
  2. BCS = Body Condition Score
  3. Der Tierarzt hat das Licht im Stall kurz vor unserem Betreten runtergeregelt und danach wurde hochgedreht.
  4. Kontext: ist die Kuh zu Beginn des Melk-Vorgangs bspw. ungewohnten Geräuschen ausgesetzt, steigt der Glukokortikoid-Spiegel im Plasma. Auf diesen Umstand folgt ein Abfall des Oxytocin- und Prolaktin-Spiegels. Das Ergebnis ist eine verringerte Milchleistung.

Als Literatur zu empfehlen

Human-Animal Interactions

  • Paul H. Hemsworth (Animal Welfare Science Centre University of Melbourne and Department of Primary Industries Australia)
  • Grahame J. Coleman (Animal Welfare Science Centre Monash University Australia)

Das Buch ist eine wirklich gute Referenz zum Thema, allerdings zu ausführlich, um hier alles einfließen zu lassen, dazu bediene ich mich hier eines Artikels von Martin F. Seabrook (gefunden über Google):

The Psychological Relationship
between Dairy Cows and Dairy
Cowmen and its Implications
for Animal Welfare
(PDF)

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zusammengefasst bevorzugen Kühe also solche Menschen, die sich mit anderen Menschen vielleicht etwas schwer tun.

    In etwa so wie die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln ernten, könnte es Sinn machen in Bezug auf die Mengenzucht, sogenannte Herden betreffend, primatenseits nicht über-schlau zu werden, sondern bedarfsgerecht, was das Grumpy, das tierverstandene, einschließt.

    Nicht unwitzig auch die im WebLog-Artikel ein wenig unklar gebliebenen Hinweise auf einen “App-Test”. [1]

    MFG
    Dr. W

    [1]
    Eine “App” ist eine Applikation oder Anwendung, gemeint ist hier immer die Anwendung einer Theoretisierung (die auch falsch sein kann, zumindest nicht die erwarteten Ergebnisse evoziert), in diesem Fall einer womöglich vglw, plump implementierten Anwendung der Informationstechnologie.

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