Rezension: Partiell versaut

BLOG: Vom Hai gebissen

Notizen aus dem Haifischbecken
Vom Hai gebissen

Die Tage stieß ich auf ein Buch über Schweine. Dass es sofort meine volle Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte einen bestimmten Grund. Es erscheint im gleichen Verlag wie das von mir rezensierte Kuhbuch. Das Layout und Seitendesign sind praktisch gleich. Da ich von dem Kuhbuch ziemlich begeistert war, freute ich mich sehr über diesen Fund und die nachfolgende Lektüre. Gut, der Autor war ein anderer, aber sonst wird es sich doch nicht großartig in Art und Stil vom Rinder-Pendant unterscheiden – dachte ich und lag mit dieser Annahme ziemlich daneben.

Ursprünglich hatte ich mir ja eine kleine Liste mit Artikeln angefertigt, die ich in der nächsten Zeit unbedingt schreiben wollte. Und das werde ich auch tun. Aber Ihr kennt das ja. Ankündigungen und ich passen weniger zusammen als Katz und Maus. Jetzt liegt hier erstmal das "andere Schweinebuch" von Jens Mecklenburg, über den ich erfahre, dass er als Food-Journalist und Gastrokritiker in Kiel arbeitet. Im Cadmos-Verlag sind von ihm bisher der Genuss-Einkaufsführer Schleswig-Holstein und ein Restaurantführer für eben jenes Bundesland im Norden Deutschlands erschienen. Innerhalb des Buches findet der geneigte Leser dann noch die Information, dass seine Patentante früher immer ein Schwein besaß. Offensichtlich waren Mecklenburg diese Tiere also nicht ganz unbekannt – ebenso wusste er um die regelmäßigen Schlachtungen.

In seinem Buch stellt er insgesamt 24 Schweinerassen vor. Die Portraits lesen sich angenehm locker und flüssig und entsprechen in ihrem Stil durchaus Brackmanns Kuhportraits. Kurz: sie sind durchaus kurzweilig vergnüglich und geben einen guten Überblick über die Situation der einzelnen Rassen. Interessant sind die Bilder, welche in diesem Buch tatsächlich Fotos sind. Zur Erinnerung: Michael Brackmann hat in seinem Buch auf Fotos verzichtet, weil gekämmte und geputzte Kühe nichts mit der Realität zu tun haben. Hier wurde das anders gelöst: anstatt die Tiere vor einer eintönigen Wand mit Ausleuchtung zu fotografieren, stellen die Fotos im Buch eher Schnappschüsse der Schweine draußen auf der Wiese oder auch gerne mal im Schlammloch dar. Das gefällt mir wirklich gut.

Etwas anders sieht das beim "Rahmen" der Portraits aus. Dieser besteht aus der so genannten kleinen Schweinekunde. Der erste Teil findet sich vor der Vorstellung der Rassen, der zweite danach. Schon in der Einleitung erfahren wir, dass früher alles besser war. Da wurden Schweine noch vergöttert, während heutzutage die einzelne Kreatur lediglich in der industriellen Massentierhaltung vor sich hin vegetiert, bevor sie dann endlich geschlachtet wird. Überhaupt ist diese Schweinekunde eher eine Kulturkunde. Agrarwissenschaftliche oder auch landwirtschaftliche Erläuterungen sucht man vergeblich. Gut, wir lernen etwas über das Schwein an sich, dass es gesellig und intelligent ist und sich aus Gründen der Thermoregulation und Körperpflege im Schlamm suhlt. Erläuterungen zu anatomischen/physiologischen Gegebenheiten des Schweins tauchen eher zaghaft auf. Stattdessen findet sich einiges über die Domestikation (was noch sinnvoll ist), die Kulturgeschichte, sprachliche Bezüge, Schweine in der Gastronomie und Schweine als Haustiere. Sehr geärgert habe ich mich über das Kapitel der Haltungsfragen, welches gerade mal 5 (!!!) Seiten umfasst. Hier setzt sich dann auch der Tenor der Einleitung fort, der sich relativ kurz zusammenfassen lässt: konventionelle Tierhaltung/industrialisierte Massentierhaltung ist böse, während die ökologische Tierhaltung toll ist. Hier wäre eine differenziertere Auseinandersetzung mit der Thematik absolut notwendig und wünschenswert gewesen. Auch ein Ausblick auf neue Entwicklungen und die Zukunft der Schweinehaltung habe ich sehr vermisst. Während ich diese Rezension schreibe, bin ich mir nicht mal sicher, was mich mehr ärgert: der Abschnitt über die Tierhaltung oder nicht doch eher all die großartigen Möglichkeiten, die sich hier geboten hätten, aber nicht genutzt wurden.

So ist dieses Buch zwar wirklich informativ und auch für Laien gut verständlich, weckt aber zumindest bei mir keinerlei Begeisterung für diese Tiere, wie ich sie im Kuhbuch bei Brackmann vernahm. Vielmehr wird dieses Buch an einigen Stellen zur Moralkeule gegenüber dem Verbraucher – also uns – und auf diese Art reagiere ich nicht selten schwer allergisch. Als kleines Rassenbuch mit schönen realistischen Fotos, die genau deshalb für das Erkennen einzelner Tiere auf kleinen Höfen besonders nützlich sind, eignet sich das Buch aber allemal.


Hier kann man sich meine Rezension zu dem anderen Kuhbuch durchlesen. Wer sich die verschiedenen Haltungsformen, ihre Vor- und Nachteile interessiert und dafür kein Studium durchackern möchte, kann sich diesen Artikel dazu gerne durchlesen.

     

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Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

2 Kommentare

  1. Hallo Earli,

    Welche Tiere interessant sind und welche nicht, ist ja eher subjektiv. Faktisch ist der Teil zur Haltung absolut unzureichend und bedient lediglich ein Schema. Und das hat mich einfach gestört…

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