Neuro-Enhancement: Roll on und Pfoten weg

Als Student ist mir die im Memorandum beschriebene Situation in gewisser Weise bekannt. Gerade in der Prüfungsphase, wo die Klausuren und mündlichen Prüfungen Schlag auf Schlag kommen, kann es immer mal passieren, dass man nicht jede Prüfung besteht, während die Studienkollegen – mit denen man regelmäßig das eine oder andere Bier körperlich entsorgt – allen Grund zum Feiern haben. Natürlich gilt dieses Szenario auch umgekehrt. Was macht man also? Es ist immer wieder ein Kampf. Eigentlich niedergeschlagen und lustlos wird man dann doch überredet irgendwo den Erfolg der Freunde zu feiern. Und dann passiert etwas  Eigenartiges: während der Weg zur Disco oder Kneipe die Hölle ist – man hat die Nacht vorher kaum geschlafen und die Enttäuschung verstärkt so ziemlich jedes negative Gefühl noch um ein Vielfaches – ist man spätstens nach dem dritten Bier ziemlich gut drauf ohne betrunken zu sein. Die Musik stimmt, weibliche Ausblicke sind hervorragend und der Gerstensaft gut gekühlt. Passt. Am Ende knallt einem die Wirkung der alloholischen Jährung dann doch arg einen vor den Latz, aber der Abend war gut. Und nein, ich meine nicht nur die geballte Wirkung dreier Biere…

Neuro-Enhancement Memorandum

Natürlich gibt es auch noch andere Faktoren, die die Laune heben können. Bin ich zum Beispiel zu Hause bei meinen Eltern, gehe ich oft mit dem Hund spazieren oder einfach nur mit ihm – eigentlich ihr – in den Garten, wo dann der Rundenrekord gebrochen werden soll. Also nicht von mir. Ich stehe nur da und genieße diese Schauspiel überbordender Freude und fühle mich allein durch den Anblick schon besser. Oder ich muss ihr mal wieder die Flora und Fauna des Gartens vorstellen und ihr erklären, dass eine Kröte einigermaßen harmlos ist. All das sind kleine Dinge, die die vorher vielleicht schlechte Stimmung schnell wieder anheben.  Auch Musik ist ein sehr gutes Mittel, um die eigene Laune zu beeinflussen. Bin ich nachdenklich greife ich auf Balladen zurück (Beispiel: Kid Rock – Only God knows Why/Roll on), steht abends noch was an, wirds wohl etwas in Richtung All Summer long (auch Kid Rock). Das genügt mir bisher, um meine Gefühle und damit meine Laune zu steuern – sprich: zu beeinflussen. Dafür Pillen entwickeln und dann auch nehmen? Wozu? Erschließt sich mir persönlich nicht. Da sehen ich höchstens die Gefahr einer Verschiebung in Richtung Pille und weg von der Musik nach einer gewissen Zeit. 

Auch die Pille für ein leistungs-stärkeres Gehirn sehe ich kritisch. Nicht, weil es erstmal nur eine Idee ist und noch nicht existiert, das ist meiner Meinung nach die schwächste Begründung, ich bin da ja eher neugierig und auch durchaus optimistisch bezüglich der Zukunft hier. Aber diese Idee eines Pharmatunings fürs Gehirn kann mir gerade nichts Positives entlocken. Liegt es daran, dass ich sie nicht genommen habe? Dabei gibt es durchaus Momente, in denen ich etwas in der Art gebrauchen könnte. Zumindest sehne ich mir beim Lernen so etwas herbei. Aber genau da liegt das Problem. Auch wenn die Pille so konzipert sein sollte, dass sie keine Sucht hervorruft, dürfte es doch eine Abhängigkeit in Form einer Gewöhnung geben. Das heißt, man schmeißt die irgendwann ein, weil man das beim Lernen immer so gemacht hat. Und ob das dann noch so frei von Nebenwirkungen ist, kann ich mir gerad nicht vortstellen. Natürlich lasse ich mich gerne eines besseren belehren, aber bis das soweit ist, brauch ich so ein Zeugs dann auch nicht mehr.

Schließlich ist es ja nicht so, dass der Körper nicht in der Lage wäre, einen eigenen Cocktail an Mittelchen zu produzieren, die im Gehirn so allerhand anstellen können. Man bedenke nur, was da alles ausgeschüttet wird, wenn man in einem krassen Sportwagen sitzt, sagen wir mal einer Corvette mit ordentlichem V8? Oder einem Dodge Challenger mit 6 Litern Hubraum und über 400 PS. Brauch ich da noch Pillen? Selbst bei schlechter Laune zaubert so ein V8 ein Grinsen in das Gesicht eines jeden, der ihn zu schätzen weiß.

Keep on rollin´!

LINKTIPP: Gehirn&Geist-Sonderseite "Neuro-Enhancement" mit zahlreichen Artikeln und weiteren Informationen zum Thema

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Verbieten

    Ich finde wir sollten eine Corvette mit ordentlichem V8 oder einen Dodge Challenger für Leute wie Dich verbieten. Das kann nicht gut für Dich sein. 😉

  2. Synapsencrash

    Sollte ich irgendwann mal in den Genuss eines eigenen Gefährtes dieser Art kommen, wird sich zuerst ein breites Grinsen in meinem Gesicht zementieren und danach knallen die ersten Synapsen…

  3. Lithium macht glücklich :-))))))

    Die Diskussion, ob man Lithiumverbindungen ins Trinkwasser zusetzen soll, weil sie stimmungsaufhellend wirken, ist ca. 1/2 Jahrhundert alt.

    Vor ein paar Wochen gab es Berichte aus Japan, wonach natürliche Lithium-Spuren im Trinkwasser die Selbstmordrate in einer Gegend (im Vergleich zu anderen Gebieten) deutlich senken. Jetzt diskutiert man, ob man auch dort Lithium zusetzen soll.

    Allerdings bezweifle ich, dass ein Glas Lithium-Trinkwasser einen V8-Sound kompensieren kann.

  4. Mehrere Faktoren

    Lieber KRichard,

    ich erinnere mich auch hier gerade dunkel an diese Meldung. Ihre Vermutung, dass ein Glas “Lithium-Wasser” keinen V8 ersetzen kann, stimmt aber leider. Dabei geht es nicht nur um den Sound. Es ist einfach ein Lebensgefühl. Außerdem ist dieses Bollern wie Musik für mich und viele andere. Und Musik wird vom Gehirn anders verarbeitet als zB. ein Witz, den man vielleicht nach dem dritten Mal schon nicht mehr hören kann.

    Für andere, die diese Faszination nicht teilen, kann man vielleicht Chatten als Beispiel anbringen. Es ist ziemlich cool, wenn man sich mit seinen Freunden am Computer unterhalten kann, wenn man zB. krank ist, einen echten Kneipenbesuch kann es aber keinesfalls ersetzen – und damit auch kein irgendwie getuntes Wasser.

  5. @Sören

    Ich verstehe Sie gut, der Satz mit dem Wasser/V8 war nur als kleiner zusätzlicher Scherz angefügt.

    Das Thema hier ist Neuro-Enhancement. Die Ideen aus Japan verdienen deshalb Aufmerksamkeit, weil man wieder ernsthaft darüber nachdenkt, großflächig mit einem solchen Li-Zusatz in die Gehirne von Menschen einzuwirken – statt die Ursachen zu erforschen/beseitigen.

  6. @ KRichard

    Das bestätigt dann aber auch meine Meinung zu diesen Psycho-Pillen. Damit wird eben kein Problem beseitigt, sondern lediglich unterdrückt durch Manipulation des eigenen Hormonhaushaltes.

    Vielleicht bugsieren sie einen auch erst in eine Situation, die eine längerfristige Abhängigkeit hervorruft. Womit wir auch wieder beim V8 wären, der einen lediglich durch körpereigene Mittelchen erfreut^^

  7. Kompromiß

    Sören, wie wäre es denn mit einer Corvette mit einem schicken E-Motor? Das wäre doch was feines, gell.

    Ernsthaft: Ich weiß nicht, warum man nicht die wirklichen Ursachen angeht und sie mit Mittelchen oder sonstigen Dingen zu verdrängen sucht, was man als Lösung betrachtet. Vielleicht weil einem die wahre Wurzel des Übels nicht bewußt ist?

  8. Herr der Lage ohne Pille

    @ Martin

    Also wenn man nicht marken-fixiert ist, gibt es das schon: heißt Tesla Roadster.

    “Ernsthaft: Ich weiß nicht, warum man nicht die wirklichen Ursachen angeht und sie mit Mittelchen oder sonstigen Dingen zu verdrängen sucht, was man als Lösung betrachtet. Vielleicht weil einem die wahre Wurzel des Übels nicht bewußt ist?”

    Das ist ja das, was KRichard auch schon erwähnt hat und mir persönlich ebenfalls nicht einleuchtet. Die von mir beschriebenen Arten der Ablenkung dienen dazu, lediglich für einen Moment aus dem stressigen Leben auszusteigen und wieder Kraft zu sammeln – allerdings ohne Nebenwirkungen pharmakologischer Einflüsse. Ich bin also zu jedem Zeipunkt Herr der Lage, was bei Pillen nicht immer gegeben ist.

    Vermutlich hängt es tatsächlich damit zusammen, dass man unangenehme Dinge einfach aufschiebt oder ignoriert. Dabei sind Pillen aber keine Hilfe, sondern ein Hindernis, da die Zeit für tiefgreifende Veränderungen davonläuft.

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