Kommentar: Leserin Theres recherchiert

Wer sind denn diese Menschen, die unter dem Begriff Verbraucher gerade wieder verstärkt durch die Medien gescheucht werden? Nur ahnungslose Billigkäufer? Eine Diskussion aus 2011 über EHEC war mir in diesem Zusammenhang besonders in Erinnerung geblieben. Auf der Suche nach der Quelle wollte nicht nur ich mitmischen. Auch Theres stürzte sich in die Thematik – Grund genug, um ihren Kommentar als Artikel zu würdigen, ist dieser doch ein großartiges Beispiel dafür, was Menschen alles unternehmen, wenn sie etwas wissen möchten – auch zum Thema Landwirtschaft. Theres, bitte.

Es ist wirklich kompliziert, mit dem Futter und den Kühen, weil diverse Interessen in Konflikt geraten (Keimzahlen und das Futter, das günstig und vorhanden ist). Das ist meine Meinung, mehr nicht, aber der Trend ist ablesbar und ich zitiere auch den entsprechenden Satz gleich am Anfang. Ich las unter anderem die jährlichen Berichte vom Beef Industry Food Safety Council ( http://www.bifsco.org/ ) und mir fiel eine Verschiebung der Forschungsansätze vom PDF von 2008 bis zum neusten von 2011 auf. (Sie sind bunt, knapp und lesen sich besser als die entsprechenden Berichte der hiesigen Landesämter, die ich wahrlich nicht für jedes Bundesland durchforsten wollte). Die meisten Untersuchungen, die ich fand, kamen aus den USA und die Links stehen weiter unten, weil ich vermute, dass HTML- Tag hier nicht angenommen werden. Untersuchungen zu Kraftfutter gibt es in D ebenfalls, aber ich fand keinen im Zusammenhang mit EHEC auf den dafür logischen Seiten, allerdings haben die meisten Landesämter für Landwirtschaft Studien zur Kraftfutterzusammensetzung durchgeführt.

Aus ScienceDaily
1. (Dec. 12, 2007) Cattle Fed Byproducts Of Ethanol Production Harbor Dangerous E. Coli Bacteria
T.G. Nagaraja (professor of diagnostic medicine and pathobiology at K-State’s College of Veterinary Medicine), Jim Drouillard (K-State professor of animal sciences) und andere führten im Lauf der Jahre etliche Untersuchungen zur Häufigkeit von E. coli O157:H7 im Zusammenhang mit unterschiedlichen Futtermitteln durch.
The growth in ethanol plants means more cattle are likely to be fed distiller’s grain, therefore harboring 0157 and potentially a source of health risks to humans, Nagaraja said.

Destillers Grain (in einigen Verarbeitungsstufen erwähnt und untersucht, heißt Getreideschlempe auf Deutsch und wird ebenfalls in Krafftutter in Deutschland verarbeitet. Ein Zusammenhang zwischen der Fütterung und der Zunahme von pathogenen E. coli (der O157:H7 Stamm) ist mindestens anzunehmen. Drei Versuchsrunden zeigten, dass das Vorkommen in DG- gefütterten Rinder über zweimal so hoch war, im Vergleich zu Rindern, die ohne den Zusatz gefüttert wurden.
Interressant, im Sinne von irritierend finde ich folgende Aussage von Nagaraja:

Feeding cattle distiller’s grain is a big economic advantage for ethanol plants. We realize we can’t tell cattle producers, ‘Don’t feed distiller’s grain.’ What we want to do is not only understand the reasons why 0157 increases, but also find a way to prevent that from happening.

Der Inhalt der beiden folgenden Artikel unterstreicht vielleicht eine Verschiebung in den Untersuchungen:
2. (Jan. 22, 2008) Distillers’ Grain In Cattle Feed May Contribute To E. Coli Infection
3. (May 20, 2011) Studies Focus On Feed Ingredient’s Effects On Levels of E. Coli O157:H7 in Cattle (Wet DGS)
Wells, Tommy L. Wheeler, Steven D. Shackelford, Elaine D. Berry, Norasak Kalchayanand und andere veröffentlichten Teile ihrer Studien 2009 im Journal of Food Protection.

In early experiments with 608 steers, Wells and his colleagues at Clay Center showed that the incidence and prevalence of E. coli O157:H7 in manure, and the incidence on hides, was significantly higher for cattle whose corn-based feed included 40 percent WDGS than those whose feed did not include WDGS.

und

In follow-up studies, the researches want to determine what causes the difference in E. coli levels, and what can be done to reduce them.

Wenn ich die drei Artikel richtig verstand, hat die Fütterung sehr wohl einen Einfluss auf die Erregerlast und es wird daran geforscht, wie man diese Last verringern kann. Man füttert aber weiterhin die Futtermittel, die sie erst erhöht haben, weil das Kraftfutter so preiswert ist und in großer Menge bei der Bioalkoholproduktion anfällt. Ich würde stänkern, das muss halt irgendwohin, allerdings las ich, dass die Zusammensetzung von Weizenschlämpe durchaus günstig ist, abgesehen davon, dass Lysin fehlt. Trotzdem bleiben die Ergebnisse der Studien für mein Verständnis bedenklich.
Es ist schließlich nicht so, dass es erst seit kurzem Kraftfutter gibt, vor 1998 wurde ebenfalls zugefüttert. Ich vermute andere Schlempe (also andere Restprodukte, vielleicht aus der Bierherstellung), die eventuell nicht so förderlich für die Ausbreitung des humanpathogenen EHEC waren, aber entsprechende Untersuchungen in deutsch zu finden, gelang mir nicht, auch weil ich die Fachworte dazu nicht kenne.
Das ist eine unzulässig gekürzte Zusammenfassung, ich gebe es zu und es kann sein, dass mein Englisch noch schlechter ist als ich dachte.

Es geht in den USA weiter:
4. Organic And Natural Beef Cattle Production Systems Offer No Major Difference In Antibiotic Susceptibility Of E. Coli
Eine Studie vom August 2009 der Kansas State Universität zeigte keine Unterschiede in der Antibiotikaempfindlichkeit.
Wer die meisten Keime in sich trug, wurde anscheinend nicht untersucht …
Ich übersetze das nicht, so gut bin ich nicht darin:

The prevalences of E. coli O157:H7 that we observed in organically and naturally raised beef cattle were similar to the previously reported prevalence in conventionally raised cattle,” say the researchers. “No major difference in antibiotic susceptibility patterns among the isolates were observed.

  1. Verfütterung von Antagonisten:

Dr. Vanessa Sperandio, a UT Southwestern microbiologist, says preventing bacteria from colonizing in cattle could have a real impact on human disease. This could be done by an addition to cattle feed so that cattle shed less bacteria in their waste, and that prevents contamination down the line.

(aus: UT Southwestern Forscher finden Mechanismus, der E.coli eventuell stoppen kann, von Mai 2010
Da diese Studie von 2010 ist, gibt es vermutlich noch keine neuen Ergebnisse oder ich fand nur keine.


Noch eine keine Anmerkung:

Es geht mir bei diesem Kommentar jetzt nicht so sehr um die Frage, ob Theres hier jetzt alles richtig verstanden hat. Ich habe einige aktuelle Reviews dazu, die ich bisher aber nur angelesen habe.

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

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  1. Mich überrascht die Aussage, dass mehr Kolibakterien im Futter von Rindern auch eine Gefahr für den Menschen darstellen sollen, würde ich doch erwarten, dass das Rindergesundheit, nicht aber die Gesundheit des Fleischessers (Menschen) beeinträchtigt. Kolibakterien sind ja Bewohner des Darms und das Fleisch, das der Metzger gewinnt sollte nicht mit Darminhalt kontaminiert werden. Oder habe ich da etwas verpasst?

    • Antibiotika-Gaben bei Rindern scheinen die Resistenzbildung über Artengrenzen zu begünstigen. Das scheint Konsens zu sein. Rinder, die mit mehr gefährlichen Kolibakterien in Kontakt kommen werden wohl auch häufiger antibiotisch behandelt. Das wäre dann eine indirekte Wirkung von Futterzusätzen, die gefährliche Kolibaktieren (oder andere Bakterien) enthalten. Dazu ein Zitat aus Food Animals and Antimicrobials: Impacts on Human Health

      A mounting body of evidence shows that antimicrobial use in animals, including the nontherapeutic use of antimicrobials, leads to the propagation and shedding of substantial amounts of antimicrobial-resistant bacteria—both as pathogens, which can directly and indirectly infect humans, and as commensals, which may carry transferable resistance determinants across species borders and reach humans through multiple routes of transfer. These pathways [für Resistenzen] include not only food but also water and sludge and manure applications to food crop soils

    • Zitat von oben:: Dr. Vanessa Sperandio …says preventing bacteria from colonizing in cattle could have a real impact on human disease.
      Das ist die einzige Aussage von oben, die mich verblüfft.
      Die übrigen Quellen beziehen sich ja nur auf die Gesundheit der Rinder, die Futtermittel mit hohem Batkeriengehalt, erhalten.Das so etwas die Gesundheit der Rinder gefährdet. leuchtet mir ein. Nicht dagegen, dass die Bakerien direkt die Gesundheit des Menschen gefährden.

    • Jetzt bin ich fündig geworden. Ein Artikel erwähnt Gesundheitsgefahren für den Menschen durch Bakterien beim Rind:
      In Science Daily ist es der Artikel Cattle Fed Byproducts Of Ethanol Production Harbor Dangerous E. Coli Bacteria

      Feeding cattle a byproduct of ethanol production causes E. coli 0157 to spike. This particular type of E. coli is present in healthy cattle but poses a health risk to humans, who can acquire it through undercooked meat, raw dairy products and produce contaminated with cattle manure

      Also: Zuwenig gekochtes Fleisch, Rohmilch etc and Produkte, die mit Kuhscheisse kontaminiert sind.
      Da frage ich aber sofort: Ist das nur Spekulation, die Gefahr durch zuwenig gekochtes Fleisch oder ist zuwenig gekochtes Fleisch von Rindern mit gefährlichen Kolibakterien eine reele Gefahr. Zweite Frage: Wie oft wird zuwenig gekochtes Fleisch gegessen. Sollte man Fleisch generell immer gut durchbraten? Leben Liebhaber von noch leicht “blutigem” Steak gefährlicher als solche, die ihr Steak immer gut durchgebraten essen?

  2. Wie soll das denn die Gesundheit der Rinder ernsthaft gefährden?

    Die Rindviecher LEBEN von Bakterien… Ich denke nicht, das man diese Rinder so leicht aus dem gleichgewicht bringen kann. Das darauf geachtet wird, wie hoch die Keimlast in den verschiedenen Futterarten ist, zeugt einfach nur von vorausschauender verantwortungsvoller Tierhaltung.

    BTW… wer Angst vor Keimen im Essen hat, der verzichtet besser auf Gemüse und Obst Rohkost.

    Das war auch die Quelle für die schlimmste Ehec-Keimseuche und sind meistens die Ursache für ähnliche Fälle.

    Rohe Lebensmittel sind gefährlich, nicht das Futter der Rinder.

  3. Vielleicht werde zukünftige Generation alles andere als steril abgepackte und steril produzierte Kunstnahrung als hochriskant betrachten und es kaum noch verstehen wie ihre Vorfahren sich von Kulturpflanzen und Tierprodukten ernähren konnten, die sich nur wenig von hochgefährlichen Naturprodukten unterschieden, welche die Steinzeitmenschen direkt vom Acker und Stall in den Mund führten und damit das als Nahrung verzehrten, was für alle möglichen Krankheiten, darunter so grauenhaften wie Wurm- und Parasitenbefall verantwortlich war.
    Grauenhaft diese Vorzeit, werden unsere Nachfahren vielleicht denken. Grauenhaft die Vortellung einer Zeit, als die Menschen noch in Symbiose mit dem lebten, was sie Mikrobiom nannten.

  4. Wohl kaum @Martin Holzherr.

    Denn die Keimfreiheit ist nur für Immungeschwächte wirklich relevant. Die meisten anderen Fälle sind problemlos.

    Jedoch für bestimmte Bereiche wie Kindergärten, Altenheime und Intensivstation oder auch die Ernährung von Schwangeren kann man sich damit einen Gefallen tun.

    Es wird vielleicht in absehbarer Zeit Nahrungsmittelfabriken geben, die bereits bestehende Techniken nutzen und in Etagenanbauweise mit Hilfe von passenden Leuchtmitteln Wärme und Licht für die Pflanzen in kontrollierter Atmosphäre und damit in keimarmer bis keimfreier Umgebung und frei von Pestiziden und Fungiziden Lebensmittel erzeugt werden können.

    Diese sind in der Produktionseffizienz der alten Landwirtschaft schlicht haushoch überlegen und darum interessant. Die Keimfreiheit ist keine erstrebenswerte Alternative und keimarme Nahrungsmittel büßen nicht selten auch Geschmack ein.

    Der Mensch selbst ist, wie Sie selbst Wissen dürften, mit 1-2 Kilo Keimen symbiotisch liiert. Da einfach nur die Keime zu streichen führt in die falsche Richtung und befördert falsche Überzeugungen. Keime gehören zum Leben dazu wie die Chemie und Gene eben auch: Es sind alles Bestandteile unseres Selbst, unseres Körpers und so leben wir mit und von ihnen und durch ihren Schutz.
    Die Keimphobie ist eine psychische Störung und hat mehr mit einer Verdrängten Angst vor Beschmutzung, Dreck und Unreinheit, oder sogar Unheiligkeit zu tun, aber wenig mit dem Essen selbst.
    Das das Essen jedoch immer schon eine so tiefe Symbolik bediente, liegt in der Natur der Sache sich Nahrungsmittel als Lebens-Mittel oral zuzuführen und damit als Leben-Geber und in der harten Subsistenzwirtschaft auch als Lebens-Takt und Lebens-Sinn-Geber.

    Modernere Projektionen sehen in Nahrungsmitteln von besonderer Frische und Knackigkeit einen Jungbrunnen und Protektion gegenüber allerlei leiblicher und geistiger Krankheit bzw. Degeneration. Das wird auch gerne in der pseudo wissenschaftlicher Herleitung als “bewiesen” betitelt, die Realität ist jedoch eine Andere.

    Manche Keime sind ein Problem. Das menschliche Immunsystem ist dermaßen Komplex, eben deshalb auch nicht fehlerlos. Das Reperatursystem der Zelle ist nahezu perfekt, aber eben doch nicht ganz perfekt, es gibt Fehler, die mehr und mehr werden im Laufe des Alterns und bei Erkrankungen.
    Gemüse aus Käfighaltung

    Sparen Sie sich also Ihren halbgaren Sarkasmus Herr Holzherr. Einfach mit der Realität befassen, dann ist das nicht nötig. Niemand peilt dauerhafte Keimfreiheit an, aber der Verbraucherschutz wird ausserhalb der Bio-Natur-Anbeter-Szene ernst genommen und viel realistischer beurteilt als Sie es unterstellen.

    MFG

    • Gut. Mit dem Mikrobiom müssen wir leben. Wenn schon, dann aber mit einem Mikrobiom nach unseren Vorstellungen. Wer weiss vielleicht ist dies – nach den autonom verkehrenden Autos – das nächste Google-Projekt: das Googleiom als Ersatz für das natürliche Mikrobiom – mit Bakterien, die alle das Feature “autoconnect” besitzen und sich selbstständig beim nächsten Google-Server einloggen.

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