Hochleistungskühe – sozial beschränkt

Gesunde Kälber sind immer ein Grund zur Freude. Dabei ist es egal, ob wir über Fleisch-Rinder oder Milchvieh reden. Jetzt kann ich den Standard in der Milchvieh-Haltung mit dem Fokus auf Tierwohl bekanntlich am besten vertreten – bis es dann in Diskussionen zur finalen Aussage kommt, dass man hier schließlich Mutter und Kind trenne, was ziemlich grausam sei. Exakt dieser Punkt war und ist natürlich auch Bestandteil der wissenschaftlichen und fachlichen Diskussion. Schließlich spielen hier nicht nur ethische, sondern auch ökonomische Aspekte eine Rolle.

Grundsätzlich sollte es nicht überraschen, dass das plötzliche Absetzen der Kälber – also die Trennung von Mutter und Kind – für die Jungtiere wie auch die Mütter ein ziemlich traumatisches Ereignis ist. Dabei greift hier nicht nur der Tierwohl-Aspekt. Plötzliches Absetzen erzeugt bei den Kälbern Panik, Stress und führt letztlich zu einer Beeinträchtigung der Immun-Funktionen. Kranke Kälber und schlechtere Zunahmen sind die Folge. Um Stress und dessen Folgen zu vermeiden, empfiehlt Temple Grandin in ihrem Buch “Animals make us human” ein Absetzen mit Entwöhnungs-Phase. Trennt man Kuh und Kalb lediglich durch einen Zaun, können sie sich immer noch sehen und Kontakt halten. Bereits wenige Tage später bewegen sich die beiden schon unabhängiger von einander. Nach 45 Tagen sind Kühe und Kälber dann bereit für die Trennung.

In der Milchwirtschaft gibt es diese Form des langsamen Absetzens natürlich nicht. Vielmehr werden die Kälber ziemlich direkt nach der Geburt (also noch am gleichen Tag) von der Mutter entfernt, um eine enge emotionale Bindung gar nicht erst entstehen zu lassen. Da ist der praktische Teil. Bei näherem Nachdenken über dieses Thema fiel mir auf, dass Kälber wie auch die Kühe trotz Trennung einen recht entspannten Eindruck machten. Immerhin befinden sich die Tiere nicht selten noch in gegenseitiger Riech- und Hör-Weite. Bei Fleischrindern eine undenkbare Situation, Mutter und Kind würden verrückt.

Ebenfalls im Buch “Animals make us human” fand ich dann eine ziemlich interessante Erläuterung Grandins zu meiner Beobachtung, die sie übrigens genauso schilderte. Hochleistungsrassen wie zum Beispiel Holstein Frisian wurden während ihrer Zucht-Geschichte so sehr auf eine hohe Milchleistung hin selektiert, dass den Tieren mit der Zeit ein Teil ihrer sozialen Bindungs-Fähigkeiten abhanden gekommen ist. Eine Trennung von Mutter und Kind stellt für beide keinen Weltuntergang dar, das gegenseitige Interesse hält sich in Grenzen. Das Alarm-System, welches bei Fleischind-Kälbern im Falle einer Trennung sofort durchdreht, ist bspw. bei Holstein-Kälbern kaum bis gar nicht ausgeprägt.

Über Google Books fand ich dann noch einen Auszug aus dem Buch “Cattle Behaviour and Welfare” von Clive Phillips, selbst Professor für Tierwohl an der University of Queensland. Auch er beschreibt das Phänomen der geringeren sozialen Mutter-Kind-Bindung in Hochleistungsrassen. Bei weniger stark dometizierten – auf Leistung gezüchteten – Rassen läuft die Trennung nicht so problemlos ab. Die Kälber können dabei einen sozialen Knacks erleiden.

Hochleistungsrassen, ganz besonders Holstein Frisian, erfreuen sich weltweit großer Beliebtheit. Ein Trend, der wohl auch so schnell nicht enden wird.


Temple Grandin, Animals make us human (Seite 112)

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Tschau Sören, Trennung mit vorgängigem längeren Beisammensein von Kuh und Kalb gibts in der modernen Milchwirtschaft durchaus, siehe zur Info zB https://www.fibl.org/de/shop/artikel/c/rindvieh/p/1575-muttergebundene-kaelberaufzucht.html oder http://www.hof-gasswies.de/mk.html oder http://www.bio-schule.ch/downloads/ammenkuhbezogene-kaelberaufzucht.pdf
    In der Schweiz ca zwei Dutzend Betriebe und in D vermutlich mehr, vor allem Bio natürlich und auffällig oft in Betrieben, wo Frauen die Herde betreuen. Gruss Adi

    • Hallo Adi,

      vielen Dank für die Hinweise, musste Deinen Kommentar deshalb erst freischalten. Ohne diese jetzt schon genau gelesen zu haben: wie wirkt sich diese Form denn auf das soziale Wesen der Tiere aus? Hast Du da Erfahrungen?

      • Es entsteht eine stärkere Bindung zwischen Kuh und Kalb, das gibt dann beim Absetzen natürlich einen härteren Trennungsschmerz, wie verschiedene Bauern und Bäuerinnen an einem kürzlichen Treffen einer neu gegründeten Plattform für MAgKa (Mutter- und Ammengebundene Kälberaufzucht) berichteten. Hier behelfen sich die meisten mit schrittweisem Absetzen, dabei haben Ammen eine wichtige Funktion, die nach paar Wochen sukzessive die Tränkarbeit für mehrere Kälber übernehmen, wobei dadurch als positiver Nebeneffekt auch die zur Verfügung stehende Milchmenge reduziert wird, so dass das Kalb den Raufutterkonsum steigert. Als positiv wurde übrigens durchgehend gewürdigt, dass die Kälber mit dem Vorbild der Mütter schnell anfangen, selber Heu und Gras zu fressen.

        • Hallo Adi,

          das ist interessant, das schrittweise Absetzen erläutert Grandin auch – bei Fleischrindern. Wenn das so wie von Dir beschrieben funktioniert, ist das gut. Wie gesagt, es geht ja nicht um das Seelische. Stress ist immer problematisch, wenn er länger andauert.

  2. Erstaunlich wie formbar diese Haustiere sind. Nur durch Züchtung, Gentechnik brauchts gar nicht dazu. Bei Bedarf könnte man wohl auch ganz andere Menschen heranzüchten. Vielleicht gibt es ja später einmal einen Konsensus über unerwünschte Eigenschaften bei der Mehrzahl oder einer Gruppe von Menschen. Beispielsweise könnte man zum Schluss kommen, dass in der heutigen Zeit die aggressiveren Exemplare unerwünscht sind. Und irgendwann gibt es sie dann nicht mehr. Weggezüchtet oder einfach wegtherapiert.

    • @Martin Holzherr Die gezüchteten Menschen würden weniger aggressiv werden, die züchtenden aber nicht. Diese müßten aggressiv genug sein, um die Eugenik in der Gesellschaft zu implementieren. Eine Menschenrasse, man könnte sie die Braunauer nennen, bliebe also aggressiv oder würde sogar noch aggressiver.

      Das traurige Schicksal aller Sozialismen: “All animals are equal. But some animals are more equal than others.”

      • Eine Umprogrammierung ganzer Menschengruppen wird wohl immer auf Widerstand stossen. Anders ist es aber mit einzelnen Exemplaren, Exemplaren die wir heute beispielsweise als kriminell bezeichnen. Man kann sich vorstellen, dass in einer nicht allzu fernen Zukunft als rückfallgefährdet eingestufte Straftäter die Wahl zwischen Gentherapie oder Verwahrung auf unbestimmte Zeit erhalten.

    • “Bei Bedarf könnte man wohl auch ganz andere Menschen heranzüchten.”

      Hat schon einmal ein Affe bei Bedarf einen anderen Affen herangezüchtet? Sie bräuchten schon den Übermenschen, der die Menschenzucht übernimmt. Dieser Übermensch müßte sich so grundlegend vom Menschen unterscheiden, wie der Mensch sich vom Affen unterscheidet. Ansonsten züchtet der haarlose Affe nur einen weiteren haarlosen Affen. Das kann nur schief gehen. Solche Gedanken kommen offenbar jenen Menschen, die nicht von der Evolution erhoben wurden, sondern sich selbst erhoben haben. Und damit haben sie sich dann verhoben -das zumindest lehrt die Geschichte. Ich unterstelle, daß wir bis heute kaum das Tier richtig verstanden haben -vom Menschen ganz zu schweigen. Daher sind Zuchtphantasien beim Menschen bestenfalls blödes Gerede.

      • Zuchtphantasien passen sicher nicht zu einer egalitären Gesellschaft. Sie passen aber in abgewandelter Form in eine Gesellschaft, in der jedes Individuum maximale Rechte hat. Dann könnte es sich selbst genetisch optimieren oder aber seine Nachkommen.
        In Deutschland ist das aber unter heutigen Umständen kaum denkbar. Es gibt Ethikkommissionen und die würden so etwas verbieten.

  3. Wenn man jetzt mal die Rasse Fleckvieh betrachtet, ist das unterschiedlich. In der Doppelnutzung Fleisch/Milch ist der der Leidensdruck beim Fleckvieh durch die Trennung des Kalbes von der Kuh sehr gering oder nicht vorhanden. Bei der Zuchrichtung auf Fleischleistung des Flechviehs sieht das anders aus. Da bei dieser Zuchtrichtung die Mutterkuhhaltung im Vordergrund steht, war es wichtig, dass die Kuh sich um ihr Kalb kümmert. Darum hat man auch in der Zucht darauf geachtet, dass die Kühe gute Muttereigenschaften haben. Bei der Milchkuh hat man auf sowas nicht geachtet.

    • Hallo Curtis,

      das deckt sich ja dann mit dem, was Grandin und Phillips dazu geschrieben haben. Das ist schon ein ziemlich interessantes Thema, stelle ich gerade fest 🙂 Dass man bei der Milchkuh nicht unbedingt auf mütterliche Eigenschaften Wert legt, ist jetzt nicht verwunderlich. Wäre ja nicht hilfreich.

  4. Kann es sich hier nicht um eine maskierte “inbreeding depression” handeln? Maskiert deshalb, weil sich die Kühe im landwirtschaftlichen Stall in menschlicher Obhut befinden. Gibt es vielleicht eine Störung im neuroendokrinologischen System dieser Kuhrasse, die für dieses Verhalten verantwortlich ist und eine genetische Ursache hat?

  5. Es scheint tatsächlich eine Anpassung an Haltungsbedingungen zu geben.
    Wildschweine können kaum so gehalten werden wie Hausschweine.
    Trotzdem gibt es noch Reste von Bedürfnissen, wie ein trockenes Plätzchen zum hinlegen.

    Auch Menschen haben sich an die nicht immer selbst gewählten “Haltungsbedingungen” angepasst. Vor allem die sexuelle Selektion, also die Wahl der Männer durch die Frauen spielt da wohl eine nicht unerhebliche Rolle.
    Man muss dafür nicht an eine Organisation oder so denken. Das wäre dann wirklich eklig.

    Und es gibt Unterschiede. Ich selber habe während meiner Arbeit auf einem Biobetrieb bei einer Mutterkuh eine lang anhaltende Trauer um ihr Kalb erlebt. Wieviel HF sie hatte weiss ich nicht, sie war jedenfalls schwarzbunt und eine auf Milchleistung getrimmte Kuh.Es gibt immer Ausnahmen.

    • Hallo Jan,

      natürlich untercheiden sich die typischen Hausschweine von ihren nicht domestizierten Verwandten, den Wildschweinen. Als die Menschen damit bekannen, waren die heutigen Haltungsbedindungen natürlich unbekannt. Vielmehr ging es bei Tieren wie auch Pflanzen um die Erhöhung der Leistung. Mehr Ertrag und Fleisch pro Pflanze/Tier. Das heißt natürlich nicht, dass sich das Hausschwein nicht auch noch ein bisschen wie ein Wildschwein verhält, da hast Du recht.

      Wie Adi hier schon schrieb, läuft die Biohaltung noch ein bisschen anders, teils sind auch die Rassen andere, weshalb es den Trennungssschmerz natürlich auch heute noch gibt.

  6. Bin angelegentlich einer Diskussion auf FB wieder mal über das Thema gestolpert. Im Prinzip ist die fehlende Mütterlichkeit sowohl bei Milchrindern als auch (vor allem) bei Schweinen doch ganz einfach über inderekte Selektion zu erklären. Eine Kuh, die beim Absetzen Theater macht, sich nicht gut melken läßt oder anderweitig problemt, landet spätestens nach der ersten Laktation beim Schlachter. Tiere, die das Absetzen gelassen hinnehmen, bleiben.
    Bei Sauen ist die Zucht auf Mütterlichkeit (die man jetzt ja wieder in den Zuchtwert einfliessen lassen will) zugleich auch eine Zucht auf Agressivität dem Betreuer (Ferkel impfen etc) gegenüber. Das Prinzip ist das selbe: indirekte Selektion auf “Gelassenheit”.

    • Hallo Brigitta,

      da hast Du sicherlich recht. Wäre jetzt mal interessant herauszufinden, wie bzw. wo die genetischen Merkmale Milchleistung und Mütterlichkeit codiert sind. So weit ich weiß, hat man diesbezüglich aber noch nicht näheres gefunden.

      Interessant fand ich der von mir zitierten Literatur den relativ präzisen Verweis auf Holstein-Kühe, wobei – wenn Deine These so stimmt – doch eigentlich alle zur Milchproduktion eingesetzten Rassen derart gelassen reagieren müssten.

  7. Gerade wieder “aktiv”, das Thema 🙂
    Die HF werden halt als Beispiel untersucht worden sein, denke ich. Für andere Rassen müsste man das mal nacharbeiten. Aber im Zug der technischen Entwicklung in Sachen Genomforschung dürften solche ggf Korrelationen sicher auch noch auftauchen.

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