Empathie – Über die Verklärung der Natur

BLOG: Vom Hai gebissen

Notizen aus dem Haifischbecken
Vom Hai gebissen

Es gibt Videos und Filme, die einem nahe gehen, bei denen man vielleicht auch mal mit den Tränen kämpft und die einen dann mit einem ganz merkwürdigen Gefühl zurücklassen, das einen für den Rest des Tages gefangen hält. Meist tut die aufkommende Herbst-Stimmung ihr Übriges und so gibt man sich diesem Gefühl hin und denkt über das nach, was man gerade gesehen hat. So wäre es mir heute fast passiert, bei einem Video, das mir zugeschickt wurde. Der Titel lautet "Empathie". Dabei handelt es sich um Einfühlungsvermögen, also die Fähigkeit, sich in die Gefühlswelt anderer hineinzuversetzen. In dem gut 10 Minuten langen Video sieht man dann auch eine Reihe sehr ungewöhnlicher Beziehungen zwischen Tieren, die man so nicht erwartet hätte.

Bevor ich aber zuviel verrate, hier erstmal das Video:

Vermutlich sind Sie, liebe Leser, nun gerührt aufgrund der Selbstlosigkeit der gezeigten Tiere und gleichzeitig schwer erschüttert, wie die Menschen nur so ignorant sein konnten, während dort eine Person verletzt auf der Straße lag.

Nun ist es Zeit, dass ich etwas zugebe. Mich hat dieses Video gar nicht sonderlich berührt, nicht mehr als andere Tier-Videos. Im Gegenteil, ich war sogar ziemlich sauer. Da wird ein fast 10-Minuten langes Video erstellt, in dem ich mir 9 Minuten lang anschauen kann, wie herzerweichend doch die Tierwelt ist, während der Mensch gegen Ende – sozusagen als Kontrast – als kaltherziges (das darf ich hier nicht schreiben) postioniert wird. Was möchte mir dieses Video sagen? Sind Menschen, die in Krisengebiete reisen, um dort anderen völlig unbekannten Menschen zu helfen – auch wenn es vielleicht nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirkt – nur eine Illusion? Bilde ich mir nur ein, dass sich jeden Tag Tierschützer, Tierpfleger und Tierärzte den Hintern aufreißen für Tiere, die ohne diese Hilfe qualvoll gestorben wären oder eine sehr dunkle Zukunft gehabt hätten? In dem Video werden überwiegend Tierkinder von erwachsenen völlig anderen Tieren aufgezogen. Was ist mit den Menschen, die kleine Tiere aufnehmen und sie großziehen, weil es ihnen eine Herzensangelegenheit ist? Man sollte nicht vergessen, dass so etwas weit über Putzigkeit und Streicheln hinausgeht. Will mir dieses Video vermitteln, dass in der Natur immer alles wundervoll und friedlich ist, wenn nur der Mensch nicht wäre?

Mag sein, dass viele Tiere tatsächlich erst durch den Menschen in eine prekäre Situation geraten sind, weil sie einfach ausgesetzt wurden, von ihren Besitzern misshandelt wurden oder in den Augen vieler Menschen nur als Fleischproduzenten existieren. Aber deshalb dem Menschen – auch auf zwischenmenschlicher Ebene – das oben erwähnte Einfühlungsvermögen mehr oder weniger abzusprechen, das macht mir irgendwie Angst. Angst deshalb, weil das Gezeigte nur ein einziger Bestandteil dessen ist, was wir vermutlich als Natur sehen. Eine Raubkatze zum Beispiel kann nicht einfach in eine Metzgerei gehen und dort mal ein paar Schnitzel bestellen. Sie muss jagen, ein anderes Tier töten, nur so kann sie selbst überleben. Auch wir Menschen töten Tiere, um sie zu essen. Aber wir haben einen großen Vorteil gegenüber den Tieren. Wir können Fleisch essen ohne uns zwangsläufig die Finger schmutzig zu machen. Für sowas haben wir Schlachthöfe erfunden. Zweifellos kann man dabei eine Menge kritisieren. Man kann sich aber auch dafür einsetzen, dass etwas geändert wird.

Mit einer Verklärung der Tierwelt und gleichzeitig herablassendem Blick auf die Spezies Mensch ist dabei niemandem geholfen – weder Mensch noch Tier. 

Eigentlich könnte ich hier auch nochmal auf meinen bisher erfolgreichsten Artikel verweisen, der diesen hier perfekt ergänzt.

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Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

2 Kommentare

  1. Anfangs sind es sehr erstaunliche Szenen. Dsa hätte ich nicht gedacht. Aber die meinsten Tiere sind wohl Haustiere und die sind quasi durch den Umgang mit uns Menschen dressiert so zu handeln. Dennoch bestehen zwischen Mensch und Tier gewaltige qualitative Unterschiede. Ein Tier kann die Erde niemals derart zur Hölle wie wir es können, aber auch nicht den Himmel auf Erden. Zu solch extremen Leistungen sind Tiere nicht in der Lage.

    Ich frage mich nur nach der Motivation von den Machern des Videos. Haben die keine Ahnung und einfach nur wsa zusammen geschnitten? Oder wußten sie sehr genau, wsa die taten. Dann frage ich mich, wsa sie damit bezwecken wollen.

  2. Die Rolle des Menschen

    Lieber Martin,

    ich wollte keine Trolle einsammeln, weshalb ich den Artikel noch einigermaßen zahm geschrieben habe.
    Was Deine Vermutungen angeht: ich beobachte einige Debatten wie zB. die zum Thema Gentechnik und da fällt mir immer wieder auf, dass diese Möglichkeiten vielen Menschen Angst machen, da sie es nicht verstehen. Und diese Angst mündet – so hab ich mir das überlegt – nicht selten in einer Verklärung der Natur, wo alles irgendwie gut und schön ist, während der Mensch all diese Schönheit lediglich zerstört oder nach seinem Belieben zurechtbiegt. Du hast das schon ganz richtig erkannt, wenn Du schreibst, dass viele der im Video gezeigten Tiere Haustiere sind. Für die kommt das Essen auch nur aus der Dose. Da kann sich eine Katze dann auch mit ner Maus anfreunden.
    Ich wollte zuerst noch schreiben, dass man so ein Video natürlich problemlos machen kann, solange das Essen aus dem Supermarkt und der Strom aus der Steckdose kommt.
    Der Mensch ist ein Teil der Erde, nicht weniger, aber erst recht nicht mehr.
    Werde auf diese Thematik wohl nochmal eingehen, wenn ich etwas mehr Ruhe habe – gerade etwas hektisch^^

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