Ein Stallbesuch: Neues fürs Milchvieh

BLOG: Vom Hai gebissen

Notizen aus dem Haifischbecken
Vom Hai gebissen

Am vergangenen Wochenende schaute ich mal wieder in einem nahegelegenen Milchvieh-Betrieb vorbei, der mir wie auch Euch aufmerksamen Leserinnen und Lesern gut bekannt ist. Ich fragte den Landwirt, wie es denn so liefe und er berichtete mir von einigen geplanten Neuerungen. Ich bin sehr gespannt, ob das alles so durchkommt und werde Euch davon berichten, wenn es umgesetzt ist. (1) Ein besonderes Augenmerk richtete ich dieses Mal auf die Technik.

Er plane unter anderem die Anschaffung eines Melkroboters, erzählte er mir. So ein Roboter sei super für die Euter der Tiere. Das ergibt Sinn. Ohne Melkroboter werden die Kühe zwei Mal am Tag gemolken. Mit Robotern wären auch drei Durchgänge möglich, ganz mutige Kühe könnten auch immer dann gehen, wenn sie wollten, so ein Roboter kennt schließlich keine Ruhezeiten. Werden die Tiere öfter gemolken, schont das wiederum das Eutergewebe, was der springende Punkt für eine solch teure Anschaffung ist.

Stress ist allgemein in der Tierhaltung immer ein großes Thema, auch – oder gerade – beim Milchvieh, wenn es um den Vorgang des Melkens geht. Aber auch der hier im Blog schon beschriebene Kuhkomfort, dient allein dazu, möglichst viel Stress von der Kuh zu nehmen – und das zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens.

Viel Stress – wenig Milch

Milch kommt nicht einfach so aus dem Euter heraus. Zu Beginn steht der Saugakt als mechanischer Reiz. Die hervorgerufene Erregung läuft dann über den Nervus inguinalis zum Rückenmark, von dort es es weiter zum Hypothalamus, wo Oxitocyn produziert wird. Ins Blut abgegeben erreicht es die Milchdrüse und sorgt dort für eine Kontraktion der Korbzellen. Erst dann kann gemolken werden.

Noxen – verantwortlich für Stress

Grundsätzlich spielen beim Faktor Stress sogenannte Noxen eine Rolle. Dazu zählen Faktoren wie die Temperatur (zu kalt/zu warm), schlechtes Futter, Schmerzen oder auch Erreger (Viren, Bakterien, Parasiten). All diese Faktoren bringen den Körper dazu, sich nur noch auf sie zu konzentrieren und sie zu bekämpfen, während andere Funktionen wie die Futteraufnahme und die Verwertung gebremst werden. Dieser Punkt ist in der Frühlaktation bei Hochleistungskühen besonders heikel, da sie zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage sind die nötigen Ressourcen für die Milchproduktion allein aus dem Futter zu beziehen und somit abnehmen. Stress kann hier fatale Folgen haben.

Rekapituliert man ein wenig die letzten Jahrzehnte der Tierhaltung, revolutionierte Temple Grandin diesen Bereich, weil sie zum ersten Mal Details in den Fokus rückte, die zuvor im Umgang mit Tieren schlicht unbekannt waren bzw. als unwichtig erachtet wurden. Eines dieser Details sind laute oder ungewohnte Geräusche. Physiologisch sieht das dann so aus, dass der Glukokortikoidspiegel im Plasma steigt und unter anderem Oxytocin fällt -> die Milchleistung sinkt.

Bei meinen Recherchen zu den besagten Melkrobotern stieß ich oftmals auf Beobachtungen, wonach die Milchleistung zuerst – also direkt nach der Umstellung – zurückging, sich dann aber wieder erholte. Das sind derartige Stressreaktionen, alles ist zu erst neu und ungewohnt. Es wird auch geraten, die Tiere zu Beginn mit kleinen Kraftfutterrationen zu locken, bis sie sich dran gewöhnt haben. Ist das passiert, lässt sich die Milchleistung der Tiere sogar steigern – aber nur, wenn auch das gesamte weitere Management stimmt. Dort gemachte Fehler lassen sich mit einem Roboter keineswegs kompensieren.

Gestresste Kühe geben also weit weniger Milch, umgekehrt geben Kühe, die sich wohlfühlen, genau die Menge, die sie geben können oder sogar mehr – und Ihr kennt jetzt die Hintergründe.

Der nachmittägliche Besuch beim Landwirt nähert sich dem Ende, ich bedanke mich bei ihm für die Zeit. Mir bleibt jetzt nur noch zu hoffen, dass er seine Ideen umsetzen kann – zum Wohl der Tiere.


Udo Pollmer besuchte mal einen modernen Milchvieh-Betrieb und hat sich dabei filmen lassen:

Den zweiten Teil dazu gibt es hier.

Physiologisches in der Übersicht:

  • Ein hohes Produktionsniveau führt zu hoher Wärmeabgabe, was bei hohen Temperaturen und schlechter Lüftung zu einem Problem wird. Deshalb sind eine gute Ventilation und sogar Duschsysteme im Sommer ganz wichtig.

  • Temperaturen bis –20 Grad sind kein Problem.

  • Ab Temperaturen von 0 Grad steigt der Anteil aufgenommener Energie für die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur.

  • Tierphysiologisch optimaler Bererich zwischen 4 und 16 Grad.

  • Bis 22 Grad verschlechtert sich die Futteraufnahme, aber keine Depression > darüber hinaus wird auch die Leistung beeinflusst.


Anmerkungen

  1. Ihr müsst da jetzt nicht aufgeregt sein, da können schon mal Jahre ins Land ziehen bis alle Genehmigungen durch sind. Also heiratet, paart Euch oder baut ein Haus. Wartet bitte nicht nur auf den Artikel 😉
  2. Kleine Anekdote am Rande: als ich den Betrieb das erste Mal bewusster wahrnahm und die Kühe draußen grasen sah, fragte ich mehrmals, ob das denn auch kein Bio-Betrieb sei…


Quellen:

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

2 Kommentare

  1. Stress ist eine Sache

    aber ich sehe irgendwie die Gefahr, dass der Kontakt zwischen den Kühen und dem Landwirt/Melker dann fehlt. Der ist nämlich tatsächlich durch das Melken bei Milchvieh doch deutlich enger und intensiver als z.B. in der Fleischmast. Und das ist gut so. So ein Euter ist nämlich doch ganz schön empfindlich und die Milchproduktion, vor allem bei den modernen Hochleistungskühen, ganz schön zehrend für die Kuh. Da ist es gut, wenn da jeden Tag zweimal ein Mensch in relativ nahen Kontakt mit der Kuh kommt und merkt, ob ihr was fehlt, ob es am Euter Verletzungen oder Entzündungen gibt etc. Das würde beim Melkroboter wegfallen, fürchte ich. Noch intensiver ist der Kontakt natürlich beim Handmelken, aber das macht ja heutzutage kaum noch jemand (aus begreiflichen Gründen, ist ja zeitlich bei den heute notwendigen Betriebsgrößen so gut wie unmöglich, wenn man nicht gerade ein Demeter-Betrieb ist oder so). Aber selbst beim Anschluss jeder einzelnen Kuh an die Melkmaschine ist eben doch noch eine persönliche Begegnung da, die beim Melkroboter dann wegfällt.

  2. Zeitersparnis durch Technik

    Hallo Capella,

    Deinen Gedankengang kann ich gut nachvollziehen, gleichzeitig kann ich Dich aber auch beruhigen: die Landwirte haben auch weiterhin engen Kontakt zu den Tieren, mit einem Melkroboter haben sie sogar mehr Zeit, sich einzelne Tiere genauer anzusehen und anhand im Stall gesammelter Daten etwaige Probleme zu erkennen, um dann gegenzusteuern.

    Die Arbeit auf einem Betrieb ist immens, durch Stukturwandel und wirtschaftliche Zwänge werden die Betriebe immer größer – die zunehmende Technisierung ist da für die Landwirte eine große Hilfe. Ihnen wird Arbeit abgenommen und die gewonnene Zeit können sie dann für die Tiere verwenden.

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