Biodiversität als Geschäftsmodell

Es gibt zwei Themen, die mich in landwirtschaftlichen Debatten mittlerweile ziemlich wahnsinnig machen: das erste ist – klar, Tierwohl. Das zweite wenig rühmlich diskutierte Thema ist Biodiversität. Es gibt da grob zwei Standpunkte: Anhänger der konventionellen Landwirtschaft loben die Effizienz und Höhe der Erträge, die uns die Existenz von Naturschutzgebieten ermöglichen, innerhalb derer sich die Natur dann austoben darf, während jene Anhänger der biologischen Landwirtschaft sowie Permakultur hervorheben, dass sie mit der Natur arbeiten und nicht – mindestens aber deutlich weniger – gegen sie. Und ich stehe kopfkratzend daneben.

Durch meine Recherchen zu Stockmanship und Animal Handling war es irgendwann nur noch ein kleiner Schritt zu den Ranches in den USA, wo seit einigen Jahren spannende Dinge passieren. 2013 fand ich das Buch „The New Ranch Handbook: A Guide to Restoring Western Rangelands“. Musste ich natürlich haben. Die Protagonisten sind verschiedene Rancher, die über ihr Verständnis eines verantwortungsvollen Umgangs mit Tieren und Natur berichten. Die Lektüre war gleichermaßen Freude wie Herausforderung. So unterschiedlich die Geschichten sind, so einhellig ist die Botschaft – diese Rancher waren nur deshalb wirtschaftlich erfolgreich, weil sie sich mit großer Hingabe um funktionierende Ökosysteme auf ihren Weiden kümmerten.

Das beginnt schon mit dem Weidemanagement. Statt die Tiere einfach im Frühjahr auf die Weide zu schicken und im Herbst wieder einzusammeln, wird die gesamte verfügbare Fläche in kleinere Flächen unterteilt, die die Tiere nacheinander abgrasen. So erwischen sie auch wirklich jeden Grashalm statt übermäßig wählerisch zu sein. Das ist ein wichtiger Aspekt. Wird eine Pflanze zu oft „begrast“ ohne genügend Zeit zur Regeneration zu bekommen, stirbt sie. Wird eine Pflanze dagegen gemieden, weil es besser schmeckende Alternativen gibt, wird sie natürlich immer älter und damit holziger, weshalb sie zu einem späteren Zeitpunkt für die Tiere schlechter zu verdauen ist. Eine regelmäßige Rotation der Tiere kann beide Szenarien vermeiden, indem die Pflanzen Zeit zur Regeneration bekommen, während sich die Tiere immer wieder auf neues frisches Gras freuen können. Jetzt bringen das beste Weidemanagement und die beste Futterqualität natürlich nichts, wenn die Tiere in der prallen Sonne kaputtgehen. Deshalb spielen auch Wälder – mindestens aber Baumgruppen – als Schattenspender in der Landschaftsgestaltung eine wichtige Rolle.

Je ökonomischer, desto vielfältiger

Rein kapitalistisch betrachtet enthält „The New Ranchhandbook“ Geschichten über Menschen, die die Natur gnadenlos ihren persönlichen wirtschaftlichen Interessen unterordnen. Je ertragreicher die Weiden sind und je länger das Gras begeistert wächst, desto weniger Futter muss extern zugekauft werden. Und die Vermeidung von Hitzestress durch schatten-spendende Baumgruppen ist unfassbar wichtig. Nichts ist unwirtschaftlicher als Tiere, die lethargisch herumliegen statt zu fressen oder schlimmstenfalls sogar sterben. Hier sind wir jetzt an einem extrem spannenden Punkt angekommen. Durch die rein ökonomische Sicht auf Weidemanagement und Tiergesundheit gestalten die Rancher gleichzeitig Landschaften mit einer hohen Vielfalt an verschiedensten Lebensräumen für Vögel, Insekten und andere Tiere.

Die Vielfalt der Lebensräume

Lebensraumvielfalt nennt sich das dann. Das Prinzip ist denkbar einfach. Lasse ich eine Weide über die gesamte Fläche beweiden, habe ich natürlich eine sehr geringe bis keine Vielfalt unterschiedlicher Lebensräume. Setze ich jetzt aber auf die oben erklärte Rotation beim Weidemanagement, habe ich verschiedene Flächen mit jeweils anderen Vegetationshöhen, während die als Schattenspender gedachten Wald-Bereiche ihrerseits einen eigenen Mikrokosmos beherbergen. Die University of Nebraska hat dazu einen kleinen Leitfaden veröffentlicht, indem beschrieben wird, welche Vogel-Art welche Vegetationshöhe bevorzugt oder welche Rolle Prairiehunde spielen.

Ich finde das Konzept der Lebensraumvielfalt weitaus spannender als Biodiversität. Reden wir über letztere, meinen wir meist die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten. Damit das Vorhaben aber überhaupt gelingen kann, brauchen wir zuerst verschiedene Lebensräume, innerhalb derer Flora und Fauna überhaupt gedeihen können. Stellen sich jetzt zwei Fragen:

  • Was ist der Aufhänger für diesen Artikel?
  • Was hat Tierwohl damit zu tun?

Es ist diese gedankliche Kurve, die mich schon beim Thema Tierwohl fasziniert hat. Nach außen werden Tierwohl und Biodiversität als Upgrade kommuniziert, als etwas, das eben mehr kostet, wobei wir als Gesellschaft aber schon dazu bereit sein sollten diesen Preis zu bezahlen, immerhin geht es um Tiere und Umwelt. Gleichzeitig haben wir eine völlig überdrehte Beziehung zur unberührten Natur, die es auf diesem Planeten ohnehin nur noch an Orten gibt, die bisher nur Markus Lanz und Hannes Jaenicke besucht haben. Wir reden allerdings kaum bis gar nicht über Formen der Landwirtschaft, die Ökonomie und Natur bestmöglich in Einklang bringen. Ohne Label oder präzise platzierte Marketing-Strategie, sondern schlicht, weil es so am besten funktioniert – gerade auch auf dem Konto.

Gut, jetzt muss ich der Vollständigkeit halber ergänzen, dass mittlerweile auch hier Label wie „100% grass-fed“ Einzug gehalten haben, was innerhalb der US-Branche immer wieder Diskussionen auslöst. Grundsätzlich sind erstmal alle Rinder grass-fed, wenn sie auf den Ranches leben. Ohne entsprechendes Label leben die Tiere 12-18 Monate dort, kommen dann allerdings für 3-6 Monate in ein Feedlot, wo sie mit Getreide-Rationen gefüttert werden.

Alarm auf der Wiese

Womit wir bei den Great Plains wären wegen derer der WWF 2016 Alarm schlug. Zwei Jahre zuvor verloren die Great Plains flächenmäßig mehr Graslandschaften als der Amazonas-Regenwald – nun ja – Regenwald. Zunehmender Ackerbau sei der Grund. Ihr könnt Euch die Folgen sicher vorstellen. Ich zitiere mal:

“America’s Great Plains are being plowed under at an alarming rate,” said Martha Kauffman, WWF’s managing director of the Northern Great Plains program. “Centuries old, critical prairie habitat that’s home to amazing wildlife and strong ranching and tribal communities is rapidly being converted to cropland and most people don’t even realize it.”

The staggering rate of conversion also jeopardizes the ecological services the Great Plains provide, like filtering trillions of gallons of water, recharging our groundwater supplies and storing climate-changing carbon dioxide. According to the report, 3.2 billion metric tons of carbon dioxide emissions were released into the atmosphere due to plowing of grasslands between 2009 and 2015— the equivalent of 670 million extra cars on the road.

Ich hätte eine Lösung für das Problem schwindener Biodiversität: mehr Wiederkäuer! Es gibt da eigentlich keine bessere oder effektivere Lösung für eine wirtschaftliche Nutzung natürlich vorhandner Ressourcen bei gleichzeitiger Pflege und Bereitstellung vielfältiger Lebensräume für Vögel, Insekten und andere Wildtiere und -pflanzen ohne sich für das eine oder andere entscheiden zu müssen.

Quellen

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schade dass Wiederkäuer so viel Methan rülpsen/pupsen. Aber das erzeugen sie ja nicht selbst, sondern ihr Mikrobiom. Ein so energiereiches Molekül wie Methan zu verlieren, senkt die Menge an Entrecôte oder Roquefort, die produziert werden könnte. Da besteht noch Optimierungsbedarf. Und die Tiere werden sich ohne Blähungen umso wohler fühlen.

    • Auf diesem Gebiet wird fleißig geforscht, es gibt da auch schon einige Mittel, die als Futterzusätze den Methan-Ausstoß deutlich senken können. Andererseits sind die Leistungen der Tiere auf der Weide bzgl. der Bindung von CO2 im Boden durch dichte Vegetation und Humusaufbau auch nicht zu verachten. Dieser Artikel sollte auch nur ein Startschuss sein, um dieses Thema noch tiefer zu behandeln.

  2. Für mich (als Biodiversitätsforschung tätig) ist Biodiversität deutlich mehr als nur die Anzahl der Tier- und Pflanzenarten. Die Lebensräume gehören da eindeutig dazu.

    Hier ist übrigens die Definition der Biodiversitätkonvention (Convention on Biological Diversity)
    “Biological diversity means the variability among living organisms from all sources including, inter alia, terrestrial, marine and other aquatic ecosystems and the ecological complexes of which they are part; this includes diversity within species, between species and of ecosystems.”

    Ich finde Weidewirtschaft sinnvoll – sowohl für die Tiere als auch für die Umwelt – und erinnere gerne daran, dass unsere Nutztiere auch Lebensräume schaffen (man denke an die Almwiesen oder Heidelandschaften), und ihren Beitrag zum Art- und Lebensraumerhalt leisten.

    • Hallo Cornelia,

      danke Dir für den Kommentar. Schön zu sehen, dass die Biodiversitätskonvention auch die Lebensräume einbezieht. Nach außen bekommt man davon leider nicht so viel mit. Da geht es dann meist um zusätzliche Leistungen, die erstmal nicht profitabel sind, siehe Greening oder Blühstreifen.
      Zum einen war es mir wichtig aufzuzeigen, dass Wirtschaftlichkeit und die Bereitstellung von Lebensräumen für Wildtiere einhergehen können. zum anderen ist es beim Beispiel der Ranches gerade der Effizienz-Gedanke, der die Vielfalt der Lebensräume nochmal um ein Vielfaches erhöht. Natürlich kann ich die Tiere auch einfach im Frühjahr auf die Weide schicken und sie im Herbst wieder einsammeln. Durch die gleichmäßige Beweidung habe ich dann aber weder eine hohe Lebensraumvielfalt noch eine gute Futterqualität. Das ist der entscheidende Punkt für mich.

  3. Toller Beitrag, der mich nachdenklich macht. Da wir in der Treibhausgasfalle sitzen, tendiere ich dazu alles aus dieser Perspektive zu sehen. Der zu hohe Fleischkonsum scheint ein entscheidender Antriebsfaktor für den Klimawandel zu sein. Nun würde ich gerne nachrechnen, wie hoch der weltweite Fleischkonsum sein dürfte, falls nur noch Fleisch nach den beschriebenen, oder ähnlichen Haltungsmethoden produziert würde. Das würde vor allem imlizieren, dass keine Flächen für zusätzliches Futter verbraucht werden und demnach keine Massentierhaltung mehr stattfinden würde. Wieviel Fleisch könnte also auf diese Weise nachhaltig produziert werden? Was würde das für die Preise von Fleisch bedeuten? In wieweit müsste man den Fleischkonsum einschränken?

    • Grüß Dich!

      Meiner Ansicht nach wäre schon viel geholfen, wenn wir über standort-angepasste Lösungen sprechen würden. Und die Great Plains bieten sich mit ihren natürlichen Graslandschaften eben weitaus besser für Ranching als für Ackerbau an. Aber auch aus der Perspektive des Klimawandels sehe ich Rinder nicht so kritisch. Rinder, Ziegen und Schafe sind hervorragende Werkzeuge, um vielfältige Ökosysteme zu errichten. Das freut nicht nur Wildtiere und -pflanzen, gleichzeitig binden all die Pflanzen auch CO2 im Boden. Es geht dann um Humus-Aufbau, Regenwürmer etc.

      Dieser Artikel soll hoffentlich nur ein Einstieg sein, da kommt noch einiges. Fürs erste musst Du nur eins mitnehmen: Ökonomie und best practice müssen sich nicht ausschließen. Bestenfalls gehen beide Hand in Hand, das gilt für Tierwohl wie auch Biodiversität. Alles andere dann demnächst.

  4. Sehr schöner Artikel.

    Leider habe ich keine Ahnung ob er sich hier umsetzen lässt.
    Auch kenne ich die Flora und Fauna dahinten nicht.

    Biodiversität hier in DE bedeutet, das seltene Insekten und Pflanzen erhalten werden müssen.
    Viele Insekten sind oligolektisch.

    Wenn kleine Felder auf der Weide abgesteckt werden, werden die Rindviecher auch auf dieser die Fladenbrote legen.
    Dieses dient auch der Düngung.

    Die meisten heimischen Pflanzen sind aber auf magere Böden angewiesen.
    Somit werden die oligolektischen Insekten nicht gefördert, weil die passende Pflanze nicht blüht.

    Hinzukommt:
    Viele Landwirte wollen blühende Pflanzen gar nicht auf der Weide haben. Sie sagen, sie haben nicht den erforderlichen Nahrungsgehalt.

    Daher ist das eher ein Kopfproblem.

    Wie sehr dieses Kopfproblem auch von der Landwirtschaftskammer propagiert wurde, konnte man an dem Bee Award 2016 sehen, den die BB-Umwelttechnik für ein Bienen freundliches Mähwerk 2016 bekommen hat.

    https://bbumwelttechnik.com/

    Video dazu

    Der Kommentar der Landwirtschaftskammer(n) dazu.

    Das ist ja schön und gut, aber das Problem das Bienen beim Mähen getötet werden haben wir eigentlich gar nicht.
    Hier in unseren Broschüren steht doch, wie man es verhindert das überhaupt Blumen bis zur Blüte wachsen können.

    Der Landwirt hat einfach gepennt.

    Zumindest die Broschüren wurden nicht mehr neu aufgelegt 🙂

    Daher bleibt es abzuwarten wie sich das entwickeln wird.

  5. Ich finde das Konzept der Lebensraumvielfalt weitaus spannender als Biodiversität.

    Wohlverstandene ‘Lebensraumvielfalt’ meint wohlverstandene ‘Biodiversität’.
    Wobei die Vielfalt des Lebensraum nicht die Erhaltung aller Gattungen meinen muss und die Biodiversität nicht die Erhaltung von Raum.

    Es soll jedenfalls nicht “zivilreligiös” werden i.p. Erhaltung von Art, wie Dr. W findet, und es bleibt, im Sinne von “Leben verzehrt Leben!” beachtenswert auch nicht für die “Verzehrindustrie” geeignete Gattungen (Arten und sog. Familien sowieso) zu erhalten.
    Insofern gilt es hier einen Mittelweg zu finden, Dr. W, der Sie schon lange kennt, weiß oder meint zu wissen, dass Sie genau derart im Auge haben.

    Es darf auch mal ausgestorben werden, die Gattung oder Art ist nicht befugt, im Sinne des Dominium Terrae, besondere Rechte für sich in Anspruch zu nehmen.

    Hierzu – ‘Ich hätte eine Lösung für das Problem schwindener Biodiversität: mehr Wiederkäuer!’, also Wiederkäuer lösen ja Karbonat, also das weiß Dr. W nicht so recht.
    In Anbetracht der schröcklichen Erwärmung des terrestrischen Klimas.

    MFG + schöne Mittwoche noch,
    Dr. Webbaer

    • Guckguck!

      Genau deshalb, weil durchaus auch mal ausgestorben werden kann, finde ich das Konzept der Lebensraumvielfalt so spannend. Als Produzent stelle ich im System der Graslandschaften damit Lebensräume bereit, die dann genutzt werden können. Wieviele jeder Art sich letztlich da tummeln, ist nicht so wichtig. Eine Ranch ist ja nicht die Arche Noah. Aber wenn die Grundlagen stimmen, organisiert sich der Rest von selbst.

  6. Wenn aber auch nur eine Art aus stirbt, dann sterben gleichzeitig aber mehrere aus.

    Nahezu jede Art hat gleichzeitig irgendwelche Feinde bzw. Nutznießer.

    • Das ist richtig. Aber die Kacke dampft ja schon. Wenn wir uns also über solche Systeme zur Förderung der Biodiversität unterhalten, können wir ja nur jenen Tieren und Pflanzen einen Lebensraum geben, die noch da sind.

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