Baustelle Tierpark

BLOG: Vom Hai gebissen

Notizen aus dem Haifischbecken
Vom Hai gebissen

Nasenbären im Umzugsstress, Elefanten nehmen das neue Heim unter die Lupe und der Puma reibt sich den Baustaub aus den Augen. Seit einigen Jahren geben sich Handwerker aller Art die Zooklinke in die Hand. Immer wieder weisen Schilder auf ein neues Gehege hin. Es wird abgerissen, gebaut, verbessert. Keine Frage: seitdem Zoo-Soaps für tolle Einschaltquoten gesorgt haben, geht auch ein Ruck durch andere Tierparks. Vielleicht spielte da aber auch eine andere Tatsache eine nicht unwesentliche Rolle: Tiere wie Elefante, Löwen und Tiger sind vielen kleinen und großen Besuchern schon aus Büchern und Fernsehen bekannt. Das heißt, mit der reinen Präsentation der Tiere lockt man heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervor.

Allerdings ist das alles ein sehr langwieriger Prozess, da ein Tierpark keinesfalls eine finanzielle Goldgrube ist, selbst wenn die Besucher massenweise hereinstürmen. Vor einigen Jahren hatte ich mal den Direktor des Dortmunder Tierparks, Dr. Brandstätter, gefragt, wie sich denn Kosten und Einnahmen verteilen. Die Antwort: gerade mal 15% der anfallenden Kosten werden über Besuchereinnahmen gedeckt. Der "Rest" wird über Tierpatenschaften, Spenden und andere Zuschüsse finanziert. Umso erstaunlicher ist, was in den letzten Jahren alles passiert ist. So haben die Menschenaffen in Dortmund ein neues und sehr schönes Haus bekommen, das sie sich mit zwei Tapiren teilen. Dem Wort "schön" sollte dabei eine besondere Bedeutung zukommen, denn auch vor 100 Jahren gab es in Zoos das eine oder andere Haus, das aus unserer Sicht zwar schön war, aber auch Sicht der Tiere eine Katastrophe darstellte. Bei den neuen Häusern und Gehegen stehen weniger der Mensch, als vielmehr die Bedürfnisse des Tieres im Vordergrund. Was das genau bedeutet, werde ich anhand der Elefantenhaltung kurz erläutern. Dabei kommt man um den Kölner Zoo kaum herum. Dort darf sich die Herde auf 20.000 qm austoben, was man bei dem Nachwuchs tatsächlich wörtlich nehmen kann. Laufen bis zur Erschöpfung kann schon mal vorkommen. Außerdem können sich so Herdenmitglieder auch mal aus dem Weg gehen, wenn es mal Spannungen gibt. Aber nicht nur die Größe des Geheges ist entscheidend. Elefantenbullen kommen ein bis zweimal im Jahr in die Musth. In dieser Zeit halten die Bullen Ausschau nach einer Elefantenkuh, um sich zu paaren. Das eigentliche Problem – gerade im Zoo – ist aber die hohe Agressivität der Bullen, die sich dann auch gegen die Pfleger richten kann. Deshalb unterscheidet man zwischen der "Hands-off"- und der "Hands-on"-Haltung, wobei erstere bei den Bullen in eben dieser Musth angewendet wird, um niemanden zu gefährden. Wenn es darum geht, das Verhalten der jeweiligen Tiere bei der Gehege-Planung zu berücksichtigen, hat sich mit der Zeit der Begriff "behavioral enrichment" etabliert, denn die Unterhaltung der Tiere spielt – neben dem weitgehend normalen Verhalten – eine immer wichtigere Rolle. Schließlich fallen große Wanderungen und Futtersuche in einem Zoo aus. Und was Ideen für die vielen Tiere angeht, da sind die Pfleger äußerst erfinderisch. So bekommen Eisbären gelegentlich sogenannte Eisbomben. Dort werden Fisch und Obst in Wasser eingefroren und die Bären dürfens dann auslutschen.

Anfangs hatte ich das Affenhaus in Dortmund erwähnt, das vor ca. 4 Jahren fertig gestellt war. Allerdings lebten dort zuerst nur die beiden Tapire. Die Begründung war so simpel wie einleuchtend: es gab einige Stellen, an denen Schrauben und Muttern frei zugänglich waren. Hätte man diese Stellen in Anwesenheit der  Menschenaffen repariert, hätten die sehr intelligenten und erfindungsreichen Tiere nachher alles wieder "fachgerecht" zerlegt. Auch hier legte man bei dem Bau bzw. der Planung großen Wert darauf, das Verhalten der Tiere zu berücksichtigen. Orang-Utans sind Baumbewohner, die nur selten den Boden betreten, weshalb großen Wert auf die Gestaltung von Klettermöglichkeiten gelegt wurde.

Natürlich wird es noch einige Jahre dauern, bis wirklich alle Tiere in den verschiedenen Zoos in den Genuss des neuen Verständnisses kommen, was uns aber nicht daran hindern sollte, trotzdem optimistisch in eine spannende Zukunft zu blicken.

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Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

7 Kommentare

  1. Als ich noch ein Kind war, hatte ich eine regelrechte Abscheu vor Zoos. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist nämlich ein Zoobesuch mit meiner Mutter. Es war fast schon Winter und wir besuchten einen kleinen Zoo in unserer Umgebung. In einem rostigen alten Käfig war eine große Raubkatze gefangen, sie konnte sich kaum bewegen da der Käfig so klein war, lief aber unentwegt hin und her. Das Tier tat mir unendlich leid. Als ich später dieses Gedicht las, war es untrennbar mit meinem Erlebnis verbunden:

    Der Panther

    Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
    so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.

    Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
    der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
    ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
    in der betäubt ein großer Wille steht.

    Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
    sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
    geht durch der Glieder angespannte Stille –
    und hört im Herzen auf zu sein.

    Rainer Maria Rilke

    Wollen die Zoos weiterbestehen, so ist artgerechte Tierhaltung ein unbedingtes MUSS. Welche Kinder wollen denn schon Tiere im Knast anschauen?

  2. @ Mona

    Wie gesagt, dieses neue Bewusstsein ist ja da, leider fehlt oft das Geld, um gleich mehrere Projekte umzusetzen. Natürlich können einem die Tiere leid tun, die noch nicht profitiert haben, da geht es mir nicht anders als Dir. Aber da passiert eben was. Auch wenn nicht morgen alle Tiere in tollen Gehegen leben, geht es voran. Und das sollte otpimistisch stimmen.

  3. Lohnenswert ist vor allem der Blick in die USA, von wo der Trend ja kommt. Dort hat sich das Bild des Zoos grundlegend gewandelt, es geht ja inzwischen so weit, dass nicht mehr die Tiere präsentiert werden, sondern ganze Ökosysteme.

    Erinnert mich an zu Hause. Früher wenn ich auf dem Schulweg bei Hagenbeck vorbeigefahren bin, war da der Dunghaufen. Heute ist das der Tropenkomplex. Sieht schon geil aus.

  4. Trend @ Lars

    Ja, da hast Du schon recht. Jetzt ist auch die Elefantenanlage dort neu. Macht schon ne Menge Spaß zu sehen, wie sich die verschiedenen Zoos in ganz neue Erlebnis-Institutionen verwandeln.

    Was die Öko-Systeme angeht, haben wir da Gelsenkirchen, die so etwas ähnliches versuchen, aber auch noch mit Bauen beschäftigt sind (zumindest teilweise)

  5. 15% kommt nur durch die Einnahmen herein? Das ist heftig wenig. Das hätte ich nicht gedacht. Deshalb wurden Knut, Flocke und Willbär so kommerzialisiert. Ich dachte, das wäre nur schöde Geschäftemacherei. Aber bei so geringen Einnahmen ist es verständlich.

  6. Zoo-Dokus

    Ein sehr schöner Artikel, doch den Vorreiter in Deutschland hast du leider außen vor gelassen. Die erste Folge “Elefant, Tiger und Co.” wurde bereits am 1. April 2003 im MDR ausgestrahlt.

    wikipedia.de meint dazu: “Nach dem Konzept von Elefant, Tiger & Co. wurden auch weitere Zoo-Doku-Soaps gestaltet, wie Pinguin, Löwe & Co. aus dem Allwetterzoo Münster und Panda, Gorilla & Co. aus dem Tierpark und dem Zoologischen Garten in Berlin. Weitere Ablegerserien folgten und auch das ZDF sendete ähnliche Serien, mit Titeln wie Berliner Schnauzen aus dem Zoologischen Garten Berlin, und Tierisch Kölsch aus dem Kölner Zoo.”

    Der Zoo Leipzig ist auf jeden Fall auch eine Besuch wert, wenn dieser Hinweis erlaubt ist. Seit dem Jahr 2000 wird das Konzept “Zoo der Zukunft” konsequent verfolgt und umgesetzt. Bis 2014 soll der Zoo in 6 Themenbereiche (vgl. Ökosysteme) gegliedert werden: Afrika, Asien, Südamerika, Gründer-Garten, Pongoland, Gondwanaland. Derzeit realisiert sind schon die Löwensavanne “Makasi Simba”, die Menschenaffenanlage “Pongoland” (Unter Mitwirkung der Max-Planck-Gesellschaft / dem dort ansässigen Max-Planck Institut für evolutionäre Anthropologie), die Tiger-Taiga und die Kiwara-Savanne. Als letztes Highlight wurde 2006 der Elefantentempel “Ganesha Mandir” im indischen Stil eingeweiht. Derzeit sind die Bauarbeiten an der neuen, 2,7 Hektar großen Tropenhalle “Gondwanaland” im vollen Gange.

    Informationen hierzu (inkl. ein sehr schöner Film zum Projekt) finden sich auf: http://www.zoo-leipzig.de/

  7. Einnahmen und Zoos

    @ Martin:

    Nun, ich weiß natürlich nicht, ob das immer so wenig ist und ob das für alle Zoos zutrifft. Wollte nur verdeutlichen, dass lange Schlangen an der Zookasse nich gleichbedeutend sind mit hohen Einnahmen.
    PS: Das “Letzte-Kommentare”-Plugin kommt noch?^^

    @ Dominic:

    Danke für das Lob! Ich hatte mich 2005 mal näher mit Tierparks beschäftigt (war noch zu Schulzeiten).
    Danke auch für den ausführlichen Kommentar. Ich weiß, dass da einiges zu kurz gekommen ist, werde das auch nochmal aufgreifen (müssen) – wie so vieles hier, weil der Artikel sonst viel zu lang wird. Persönlich war ich im Dortmunder Zoo, Wuppertal, Köln und bei Hagenbeck, wo ich mir die Elefantenhaltung genauer angeschaut habe.

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