Über die Bändigung und Vielfalt der Geschichtswissenschaft

BLOG: Vergangenheitsstaub

Die Zukunft hat schon begonnen
Vergangenheitsstaub
In Cellarius’ Historia universalis wurde erstmals Geschichte klassisch in die drei Epochen Alte Geschichte, Mittelalter und Neuzeit unterteilt. Foto: wikipedia.de, CC-BY-SA

Oft gerate ich als Historiker in Situationen wie folgende: Spaziergang zu einem mir unbekannten Adelssitz.

Bekannter: “Kannst Du mir was über darüber erzählen?”

Ich: “Über was?”

Bekannter: “Na, über das Schloß und die Geschichte und so!”

Ich: “Da muß ich Dich enttäuschen. Ich habe keine Ahnung. Ich kenne diese Adligen nicht weiter.”

Bekannter: “Wieso? Du hast doch Geschichte studiert!”

Tja, was soll ich dann sagen. Ja, ich habe Geschichte studiert, genauer gesagt Mittlere und Neuere Geschichte, Themenschwerpunkt: Sächsische Geschichte, Reformationsgeschichte, Spezialgebiet: Universitätsgeschichte der Frühen Neuzeit (ich könnte noch spezieller werden, laß es aber lieber hier bleiben ;-)).

Wie dieser kurze Dialog zeigt, ist es für mich als Historiker schwierig, Bekannten und Fremden zu erklären, daß Geschichte so vielfältig und breit ist, daß kein Historiker Universalwissen in seinem Fachgebiet erlangen kann. Gleiches gilt natürlich auch für andere Wissenschaftsgebiete, bestimmt können die Kollegen über ähnliche Situationen (lustige) Anekdoten erzählen.

Was ist nun Geschichte und wie kann man sie “bändigen”?

Geschichte (bzw. Geschichtswissenschaft) ist die Lehre vom Wirken, Leben und Alltag der Menschen in der Gemeinschaft – vom Urmenschen bis heute umfaßt sie einen Zeitraum von mehreren zehntausenden Jahren. Diesen Zeitraum kann man nicht als einzelner Wissenschaftler in all seinem Facettenreichtum überblicken. Eine Einteilung in verschiedene Fachgebiete ist zwingend notwendig, auch weil unterschiedliche Methoden zu ihrer Erforschung notwendig sind. So entwickelte sich im 19./20. Jahrhundert die Ur- und Frühgeschichte (Steinzeit-Eisenzeit), die archäologisch geprägt ist. In der Alten Geschichte (Steinzeit-ca. 500 n. Chr.) wurde die Schriftsprache erfunden, deren Erforschung nun neben archäologischen Methoden eine bedeutende Rolle spielt. Daraufhin folgen Mittelalter (500-1500), Frühe Neuzeit (1500-1800), Neuzeit (1800-1950) und Zeitgeschichte (1950-bis heute). In allen vier Epochen werden hauptsächlich Schriftquellen ausgewertet, wobei die sogenannte Oral History zunehmend in beiden letzteren Einteilungen genutzt wird. Die klassische Einteilung Alte Geschichte, Mittelalter und Neuzeit entwickelte der Hallenser Professor Christoph Cellarius in seinem 1702 erschienenen dreibändigem Werk Historia universalis. Übrigens steht dieses Schaffen stellvertretend für die hohe Anziehungskraft der aufklärerisch bedeutsamen Universität und Stadt Halle, die u. a. mit Gelehrten wie Christian Thomasius oder Christian Wolff ihre Nachbaruniversitäten in Leipzig, Wittenberg und Jena überflügelte. 

Die Periodisierung der Geschichtswissenschaft soll zur Klassifizierung und Handhabung des Faches dienen. Die Einteilungen können und dürfen nur als Orientierungspunkte gesehen werden, jedoch nicht als absolut abgrenzbare Zeiträume. Lokale Gegebenheiten wirkten sich stark auf eine (theoretische) Zuordnung aus. Als Beispiel sei die Frage nach dem Beginn der Frühen Neuzeit genannt. In Italien und in Frankreich kann man die Frühe Neuzeit mit dem Beginn der Renaissance und des Humanismus im 13./14. Jahrhundert ansetzen. Dies gilt jedoch nicht für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Hier vollzieht sich der Übergang vom Mittelalter in die Frühe Neuzeit etwa 100 Jahre später.

Verrückter wird diese Einteilung noch, wenn man sich die Unterteilungen der einzelnen Epochen anschaut. Nehmen wir wieder das Beispiel Frühe Neuzeit. Sie wird zunächst als Epoche zwischen Humanismus, Renaissance und Reformationen sowie den drei Revolutionen an beiden Seiten des Atlantiks (Französische, Amerikanische und industrielle) definiert. Reinhart Koselleck führt jedoch noch eine andere Gliederung ein, als er den Begriff Sattelzeit wählte. Mit ihr bezeichnet er die Zeit des Alten Reiches zwischen Aufklärung und Französischer Revolution, da sich hier die Grundlagen für unsere moderne Zeit entwickelte, das mittelalterlichen Denken und Handeln langsam, aber stetig überwunden wurde.

Vielfältig ist die Geschichtswissenschaft nicht nur in ihrer zeitlichen Einteilung. Sie spielt auch in anderen Wissenschaftsgebieten eine besondere Rolle. Sei es als Geschichtswissenschaft eines Fachgebietes (beispielsweise Geschichte der Chemie) oder als spezialisierte, untergeordnete Disziplinen, die teilweise schon stark autonom sich entwickeln. Genannt seien hier als Beispiele die Kirchengeschichte, die Wirtschafts- oder Sozialgeschichte, Montangeschichte, Agrargeschichte oder integriert in der Kunstgeschichte.

Man sieht schnell, Geschichte als Fachdisziplin oder sekundärer Teil einer übergeordneten Wissenschaftsdisziplin ist überaus vielfältig. Es bedarf einer Einteilung, auch wenn Periodisierungen oder Gliederungen willkürlich gezogen werden und nicht genau abgrenzbar sind. Es muß jedoch jedem Historiker bewußt sein, daß hinter jeder Einteilung ein theoretisches Konzept steckt, geprägt durch das Geschichtsbild seiner Zeit (fortschrittsorientiert, modern oder zyklisch). Und dennoch halte ich trotz aller Kritikpunkte eine Periodisierung der Geschichte für unverzichtbar, um sie als Wissenschaftsdisziplin “bändigen” zu können – in der Wissenschaft selbst zur individuellen Einordnung eines jeden Wissenschaftlers im Fach als auch für Laien zur groben Orientierung.

Literaturempfehlung:

Reinhart Koselleck, Werner Conze und Otto Brunner (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch sozialen Sprache, 8 Bde., Stuttgart 2004.  

Veröffentlicht von

digiwis.de/

Wenke Bönisch, 1981 in Dresden geboren, studierte Mittlere und Neuer Geschichte sowie Kunstgeschichte an der Universität Leipzig. Die Frühe Neuzeit, vor allem die Reformations- und Bildungsgeschichte, ist ihr historisches Steckenpferd. Zur Zeit promoviert sie an ihrer Hochschule über die Bildungslandschaft Mitteldeutschlands und arbeitet freiberuflich im Verlagswesen. Im Netz findet man sie auch unter den Namen „Digiwis“. Webseite: http://digiwis.de/ Blog: http://digiwis.de/blog/ Twitter: http://twitter.com/digiwis Facebook: http://www.facebook.com/Digiwis Google+: https://plus.google.com/109566937113021898689/posts

10 Kommentare

  1. Herzlich willkommen…

    …und ein toller Einstieg in die Scilogs – und die Chronologs!

    Klasse, dass es hier nun auch eine Historikerin gibt – ich freue mich schon sehr auf viele, spannende Posts.

    Blognachbarliche Grüße!

  2. Grenzen sind standpunktabhängig

    Schön, dass hier nun auch eine Historikerin bloggt – und dann noch eine so gut vernetzte Überdentellerrandblickerin!
    Die Ungleichzeitigkeit der Periodengrenzen in verschiedenen Teilen der Erde erinnerte mich an die ebenfalls pragmatisch notwendige, aber eben nicht starre Einteilung der Erde in Kulturkreise, bei der man Meere lange Zeit fälschlich als natürliche Grenzen ansah, während zumindest das Mittelmeer eher eine *Verbindung* dartstellte.
    Bin gespannt auf die weiteren Beiträge. Viel Spaß beim Schreiben!

  3. Historische Spurenlese

    Ohne Frage studiert man als Geschichtswissenschaftler Themenschwerpunkte. Trotzdem würde auch ich von einem Historiker erwarten, dass er gewisse Spuren (Baustile etc.) an einem unbekannten Adelssitz besser zu deuten oder zu lesen versteht als ein Laie, es sei denn Adelssitze sind sein, also des Laien Hobby.

  4. “Geschichte (bzw. Geschichtswissenschaft) ist die Lehre vom Wirken, Leben und Alltag der Menschen in der Gemeinschaft”

    Naja, ich würde die Geschichtswissenschaft aber nicht als “Lehre” bezeichnen. Denn gerade das muss ja von einem (modernen) Historiker permament in Frage gestellt werden: die reine Lehre bzw. das Streben nach letzten “Wahrheiten”. Und auch sonst glaube ich, dass Deine Definition wohl eher auf das Fach Soziologie zutrifft: Der Mensch in der Gemeinschaft, damit muss sich ein Historiker nicht zwangsläufig beschäftigen und er kann trotzdem gute Bücher schreiben.

    Die Kritik von “Geoman” fand ich hingegen zielführend, denn sie wirft uns Historiker auf eine ganz grundsätzliche Frage zurück, die man (bei aller Notwendigkeit von Spezialisierung) nie aus den Augen verlieren sollte: Was können und müssen wir der Gesellschaft bringen? Inwieweit muss sich der Historiker der “Nachfrage der Masse” (Touristen, Fernsehzuschauer, Besucher von Mittelaltermärkten, …) anpassen?
    Natürlich gibt es kein Universalgelehrtentum, aber man sollte sich auch nie einfach nur hinter seiner Schwerpunktwahl verstecken, denn dann verliert man in den Augen der Öffentlichkeit ganz schnell an Legitimation; und damit sind die Geisteswissenschaften heutzutage ja ohnehin nicht allzu üppig ausgestattet…

    ich persönlich würde auch niemandem mit den “geschichtlichen grundbegriffen” quälen. empfehlen kann ich hingegen (historikern wie nicht-historikern) die briliante “einführung in die geschichtswissenschaft” von volker sellin!

  5. Willkommen

    Auch ich Naturwissenschaftler freue mich, dass wir im Nachbarbereich jetzt ein Geschichtsblog bekommen. Tatsächlich habe ich in der Physik ähnliche Erfahrung gemacht. Auch wir haben nicht auf jede Detailfrage sofort die richtige Antwort. Nur wissen wir eben, wie man an wissenschaftliche Fragestellungen herangeht. Ich könnte mir vorstellen, dass es in der Geschichtswissenschaft ähnlich ist. Nur dass dort andere Methoden verwendet werden. Über die würde ich gerne mehr erfahren.

  6. Danke und Anmerkungen

    Zunächst einmal herzlichen Dank an alle für die warme Aufnahme hier bei Scilogs. Da fühlt man sich gleich wie zuhause ;-).

    Zu den Anmerkungen in den Kommentaren: ein Allgemeinhistoriker (hier ist die Mittlere und Neuere Geschichte gemeint, Alte Geschichte sowie Ur- und Frühgeschichte sind eigene Studienfächer. Im erst genannten Studiengang ist es meist üblich, einige Seminare und Vorlesungen zur Alten Geschichte zu belegen) hat den Überblick über sein Fach, zumindest über die Hauptentwicklungen. Daher wird ein Historiker schon die Baustile unterscheiden können ;-).

    Jedoch sieht es dann mit den Vertiefungen aus, die zwangsläufig mit der Beschäftigung historischer Themen auftreten. Vor allem im regionalen/lokalen Bereich landet man schnell in den Landesgeschichten. Da sind Grenzen gesetzt: ein Münchner Allgemeinhistoriker wird kaum über die Stadtgeschichte Hamburgs im 18. Jahrhundert Kenntnisse haben, wenn er sich nicht explizit mit dem Thema beschäftigt hat. Dennoch wird – so meine Erfahrung – man immer als Historiker zu allen Themen von Bekannten/Fremden gefragt.

    Unabhängig davon ist die Frage nach der Aufgabe eines Historikers in der Öffentlichkeit. Ja, ein Historiker muß – dies finde ich besonders anspruchsvoll – in der Lage sein, schwierige Komplexe verständlich für Laien erklären können. Oft gerate ich dann in die Situationen, nicht zu wissen, wieviel historische Kenntnisse (z. B. Aufbau und Aufgabe des Lehnswesens) mein Gesprächspartner hat. Da kommt man schnell von einem Punkt ins Vielfache und überfordert oder langweilt den Gesprächspartner, der eine einfache Antwort erwartet. Genau da liegt die Kunst und Aufgabe, die nicht einfach ist. Letztlich wird dies aber jedem Wissenschaftler mit seinem Fach ergehen. Aber es ist eine Aufgabe der Wissenschaft, eine Legitimation.

    Diese Frage nach der Öffentlichkeitsarbeit von Wissenschaftlern beschäftigt mich schon seit geraumer Zeit. Wohl werde ich das Thema mal hier und da aufgreifen. Ebenso gehe ich gerne auf die Methoden der Geschichtswissenschaft ein.

    Ein letzter Punkt zur Literatur: ich habe mir vorgenommen, möglichst unter jeden Beitrag Literaturhinweise zu geben. Sie werden zwischen schwierig und verständlich schwanken. Hier ist es mir wichtig, daß sie dem Beitragsinhalt entsprechen. Ob und inwiefern sie in jedem Fall für Fachfremde geeignet sind, kann jeder Leser für sich selbst entscheiden.

  7. Herzlichen Dank

    und auch meinerseits willkommen!
    Danke für den offenen Stil und die Offenheit für Fragen. Und es wird ja zwischen unseren benachbarten Fächern gewisse Begegnungspunkte geben. Wobei wir die jeweilig andere Seite nicht nur als Unterdisziplin vereinnahmen. Ich freue mich jedenfalls auf ergänzende Horizonte und Perspektiven.
    „Chrono“-Logs wird jetzt noch deutlicher mit Bedeutung gefüllt.

    Beim anekdotischen Einstieg dachte ich auch: Ja, Fachleute haben’s manchmal schwer, sich zu Teilgebieten zu äußern, die nicht ihre Spezialgebiete sind.
    Aber auch Teilantworten können weiter weisen – wenn man es sich trauen kann, sie andern als solche zuzumuten.

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