Weiteres zu Relativität und Subjektivität

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Wien. Heidelberg. Berlin: ein israelischer Blick auf Deutschland
un/zugehörig

Vor einer Weile habe ich hier einige Gedanken zum historischen Wahrheitsbegriff und zu dessen Relativität (“seinerzeitige Wahrheit”) erläutert. Diesen Gedankengang möchte ich nun mit einer grundsätzlichen Betrachtung fortsetzen.

Anlass hierfür ist Peter Gays “Freud, Juden und andere Deutsche”, das ich kürzlich einem Kommentatoren empfohlen und darauf selber wieder in die Hand genommen habe, um meine alten Notizen erneut zu begutachten. Dabei ist mir eine Stelle in dem Kapitel aufgefallen, in dem Gay die Verwandlungen in der Rezeption von Brahms nachzeichnet und schließlich zum folgenden Gedanken kommt (der mich an Foucault und Veyne erinnert):

Es lehrt den Historiker, daß nicht nur Bewertungen, sondern auch mutmaßlich feste Kategorien alles andere als dauernd oder absolut sind. Es ist nicht ganz simpel so, daß wir heute mögen – oder ablehnen -, was unsere Vorfahren vor allem verwirrte. Nein, was in einem Jahrhundert als ein sehr intellektuelles künstlerisches Produkt betrachtet wird, kann in einem folgenden als rein dem Gefühl entsprungen eingeschätzt werden. Psychologen zweifeln seit langem an dem Lehrsatz, daß die geistigen Bereiche, die wir Vernunft und Leidenschaft nennen, konstant sind und sich abgrenzen lassen; und der Historiker tut gut daran, sich ihrem Standpunkt anzuschließen und die Vorstellung, die er von diesen psychologischen Kräften hat, zu relativieren.

Dafür möchte ich selber ein Beispiel geben, nämlich den bibelhebräischen Begriff des Glaubens, der im Gegensatz zum christlich-paulanischen Verständnis wenig mit einem Bekenntnis zu tun hatte und vielmehr mit Vertrauen. Es war also kein Begriff des Denkens, sondern des Fühlens, wobei auch diese Unterscheidung eher mit uns zu tun hat als mit den damaligen Hebräern.

Kehren wir nun zur Problematik historischer Wahrheiten zurück. Bei dieser prinzipiellen Skepsis, die in solchen Rückblicken geboten ist, geht es darum, dass nicht nur das, was früher als Wahrheit galt, sondern auch der Wahrheitsbegriff an sich anders verstanden worden sein kann als heute (Wie konstruierte sich Wahrheit? Wer waren die Autoritäten, die sie formulierten? etc.).

Dieser prinzipielle Zweifel gilt übrigens nicht nur vergangenen Epochen und anderen Kulturen, sondern auch der uns angeblich vertrauten Welt. Man denke etwa an Begriffe wie Gerechtigkeit, Freiheit oder Gleichheit, die eigentlich recht verschwommen sind und verschiedenen Menschen jeweils ganz Anderes bedeuten. Der mentale Abstand zwischen zwei, die sich (am selben Ort, in derselben Kultur, zur selben Zeit) miteinander unterhalten, mag also wesentlich größer sein als dies uns zu sein scheint bzw. lieb wäre.

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

24 Kommentare

  1. Kehren wir nun zur Problematik historischer Wahrheiten zurück. Bei dieser prinzipiellen Skepsis, die in solchen Rückblicken geboten ist, geht es darum, dass nicht nur das, was früher als Wahrheit galt, sondern auch der Wahrheitsbegriff an sich anders verstanden worden sein kann als heute (Wie konstruierte sich Wahrheit? Wer waren die Autoritäten, die sie formulierten? etc.)

    Es mag sein, dass ein Wahrheitsbegriff unter Historikern gepflegt wird, besser wäre es den Beobachter mitein zu beziehen und dessen Standpunkt.
    Es gibt in den aufklärerisch aufgestellten Wissenschaften, die bevorzugt falsifizieren und mit Provisorien arbeiten, weder ‘Wahrheit’ noch ‘Wissen’, sondern nur Erkenntnis, die, als Veranstaltung, in n:m-Beziehungen zwischen Sache (“Fakten”) oder diesbezüglichem Verhalt verwaltet werden kann.

    Die Geisteswissenschaften bilden hier keine Ausnahme, auch wenn fernab der physikalisch erkennbaren Welt in den Innenwelten der Subjekten gearbeitet wird.
    Ihr Kommentatorenfreund will sich hier nicht wiederholen, regt abär die Arbeit mit Sichten (“Theorien”) an, die im korrekt verstandenen Sinne sehr hochwertig sein können, Akzeptanz, Wohlwollen und Plausibilität finden können, wenn der Adressaten-Kreis klar benannt und klar adressiert ist.

    Ein wenig aufzupassen gilt es hier gegenüber denjenigen, die historische Sicht, bezogen auf Sachen und Sachverhalte, grundsätzlich zum ‘Narrativ’ erklären und relativistisch werden.
    Werden Bezug der Erkenntnissubjekte und Sachen wie diesbezügliche Verhalte klar benannt, kann hier idR solid vorgebeugt werden.

    MFG
    Dr. W

    • Ich habe das Gefühl dass Sie nach wie vor nicht verstehen, worum es geht.

      Die heutzutage modische Vorsicht beim Umgang mit dem Begriff “Wahrheit” ist für frühere Epochen irrelevant; ihre Anwendung auf solche Epochen wäre anachronistisch.

      • Das Problem, das Sie nicht vollständig annehmen, ist, dass Historiker nur Sichten aus dem Heute bezogen auf frühere Zustände bearbeiten können.

        Es ist zwar richtig, dass früher mit ‘Wahrheiten’ historisierend gearbeitet worden ist, aber die heutige Sicht auf frühere Sichten kann u.a. diesen Wahrheitsbegriff nicht übernehmen, sondern nur verständlich machen: als frühere Sicht.

        Wenn Sie also ‘frühere Wahrheiten’ zitieren, zitieren Sie heutige Sicht auf frühere “Wahrheiten”. – Heute bildet niemand historischer Wahrheiten.

        MFG
        Dr. W (der mittlerweile schon ein wenig grumpig wird)

        • Das ist richtig, aber mein Argument ist nicht, dass wir frühere Wahrheiten als heutige Wahrheiten gelten lassen, sondern (wie schon im früheren Text zu diesem Thema erklärt) ihre frühere Gültigkeit ernst nehmen sollten. Will ich Hitler verstehen, so muss ich akzeptieren, dass für ihn bzw. in seinem sozialen Umfeld die Minderwertigkeit der Juden (höchstwahrscheinlich) eine Wahrheit bildete, ebenso wie für mich die Vorstellung, dass Deutschland in Europa liegt. Dass die seinerzeitige Vorstellung von der Minderwertigkeit der Juden für mich heute keine Wahrheit ist, spielt zwar eine Rolle, aber eine zweitrangige.

          Das gilt auch für heutige Menschen, deren Kultur anders ist als meine. Für den Papst ist die Dreifaltigkeit Gottes ebenso wahr wie sie für mich falsch ist. Ob es sich bei der Dreifaltigkeit um eine “objektive” Wahrheit/Lüge handelt, ist bestenfalls zweitrangig.

          • Jaja, aber das Problem steckt im Begriff der Wahrheit. Die Wahrheit gibt es in von den Primaten erdachten Systemen (Stichwort: Tautologie, sofern das erdachte System einen Wahrheitswert bereitstellt), auf die Natur bezogen gibt es keine Wahrheit, sondern eben nur (bei diesem Thema: historisierende) Sichten, die im schlimmeren Fall als ‘wahr’ kommuniziert werden, wobei Sie am besten außen vor bleiben könnten.

            Wenn nur diese klitzekleine Möglichkeit bereit stände, die angebliche Wahrheit durch ‘Sicht’ oder ‘Theorie’ oder die ‘Sichtenbildung’ durch die ‘Theoretisierung’ zu ersetzen, wäre dieses kleine Problem gegessen und Webbaer wie Yoav Sapir wieder nahe beieinander.

            MFG
            Dr. W

          • Okay, machen wir ein Experiment:

            Ein Historiker will Heydrichs Engagement bei der “Endlösung” verstehen. Der Historiker weiß zwar um Heydrichs “Sicht” oder “Theorie”, dass die Juden minderwertig/böse/zersetzend etc. waren, zu gleicher Zeit meint er aber auch zu wissen, dass die Juden “in Wahrheit”, also quasi in der “objektiven” Wahrheit von damals, es nicht waren bzw. all diese Eigenschaften nicht aufwiesen. Der Historiker wird also nicht schreiben, “dass die Juden minderwertig/böse/zersetzend etc. waren”, sondern “[…] gewesen wären”. Dann wird die Geschichte von Heydrichs Engagement eben so geschrieben, dass seine Motivation, Planung, Befehle etc. auf “wackligem” Boden stehen, weil dieser Boden bzw. seine Sicht ja eine “Lüge” war oder bestenfalls nur eine “Theorie”. Dann beschäftigt sich der Historiker etwa mit der Frage, wie ein so intelligenter Mann wie Heydrich an eine so falsche Theorie glauben konnte, wie er so sehr “gegen die Vernunft” agieren konnte etc. Es wird also eine Geschichte konstruiert, die auf den Prämissen des Historikers beruht und nicht auf denjenigen Heydrichs.

            Mich interessiert aber vielmehr, was diese Sicht für Heydrich bedeutete. Wenn das für ihn die Wahrheit war, so muss ich mich in diese seinerzeitige Wahrheit hinein versetzen, um ihn zu verstehen. Im Rahmen des Experiments ist dann die “Theorie” von der Minderwertigkeit der Juden kein wackliger Boden mehr, sondern ein sehr fester und dichter. Dann ergibt es keinen Sinn mehr, danach zu fragen, wieso er “gegen die Vernunft” handelte, weil die damalige Vernunft nicht so viel mit der heutigen zu tun hatte. Vielmehr stellt sich die Frage: Wie konnte es für einen so intelligenten Menschen wie Heydrich wahr sein? Welche Auswirkungen hatte die Stellung einer solcher Vorstellung als Wahrheit? etc.

            Letzten Endes geht es also um die psychische Einstellung des Zurückblickenden zu dem, worauf er zurückblickt: Nimmt er auf seine innere Reise in eine vergangene Realität seine heutigen Vorurteile mit? Oder versucht er, so gut er kann, den damaligen Sichten und Werten so zu begegnen, wie sie damals (etwa für Heydrich) waren (also als Wahrheiten)?

          • Ihr Kommentatorenfreund, der erblicherseits nur so “vorbelastet” ist, dass, bevorzugt: aus der Luft, geholfen worden, wenn nicht im Keller verharrt worden ist, würde gerne die geschilderte Spezifität ein wenig heraus nehmen wollen – sofern Sie hier irgendwie anspielen wollen.

            Um bei der Sache zu bleiben, bestmöglich:
            Epistemologisch und aus Sicht eines hier als ideal beschriebenen Historikers kann nur von Sichten von Erkenntnissubjekten gesprochen wie geschrieben werden, was die Historisierung oder die zeitgenössische Aufnahme von Erfahrung betrifft.

            Wobei gerne auch die Bösartigkeit der seinerzeitigen doitschen Unternehmung hervorgehoben werden soll, als a(nti)soziale Sicht (vs. ‘Wahrheit’ in irgendeinem historisierenden Sinne).
            Lassen Sie also gerne die Finger vom Wahrheitsbegriff, da ist nichts zu holen.

            KA, wie hierzu noch erläutert werden kann, auch die heutige Situation um Israel scheint hinreichend klar, kann aber nicht beschreibend bezogen auf den Kern der Veranstaltung herausgestellt werden, btw: Peres und Abbas kuscheln gerade irgendwo,
            MFG
            Dr. W

          • Letzten Endes geht es also um die psychische Einstellung des Zurückblickenden zu dem, worauf er zurückblickt: Nimmt er auf seine innere Reise in eine vergangene Realität seine heutigen Vorurteile mit? Oder versucht er, so gut er kann, den damaligen Sichten und Werten so zu begegnen, wie sie damals (etwa für Heydrich) waren (also als Wahrheiten)?

            Heydrich hat bestimmte Sichten gepflegt, die für ihn angemessen, nützlich oder im extremeren Fall wahr waren, sofern er an der Aufklärung völlig vorbeigegangen ist.

            Derjenige, der sich in Heydrich hineinfühlen möchte, psychologisiert [1], es ist dem Schreiber sehr unklar, wie sinnvoll dies ist, in die Seele kann bekanntlich nicht hineingeschaut werden, insofern kann aus Sicht Ihres Kommentatorenfreundes mit dem gearbeitet werden, was verlautbart und wie er gehandelt worden ist; sich hier in irgendwelche “Wahrheiten” hineinzudenken geht zu weit.

            Der Begriff der Wahrheit ist zudem geeignet die Rezipienz zu irritieren.

            MFG
            Dr. W

            [1] Es ist zudem belanglos, ob H. aus heutiger Sicht ‘Vorurteile’, gemeint wohl Zwischenurteile, hatte – jeder arbeitet mit Zwischenurteilen, Zwischenurteile sind wertvoll, wenn sie als Zwischenurteile gepflegt werden. – Auch dies ist primär ein Beleg für die generell zu kritisierende Psychologisierung, in diesem Fall: von Ehemaligen.

          • Es geht mir weniger um die Seele wie um die Situation. Wenn man sich nicht hineinversetzen könne, wie Sie meinen, wie sollte dann der Historiker, der sich mit einem Heydrich oder einem Arafat befasst, dessen Handlungen verstehbar machen?

          • PS und bevor hier Missverständnisse aufkommen:
            Es darf und soll natürlich spekuliert und psychologisiert werden, wie so ein Mann funktioniert hat, aber es soll nicht publiziert werden.
            Gell?, so kommt man vielleicht doch zu einem Konsens.

          • Wenn man sich nicht hineinversetzen könne, wie Sie meinen, wie sollte dann der Historiker, der sich mit einem Heydrich oder einem Arafat befasst, dessen Handlungen verstehbar machen?

            Mehrschichig, stellen Sie sich selbst vielleicht, wie Ihr Kommentatorenfreund hier auch auftritt, als weitgehend schmerzfreie Kunstfigur oder Wissenschaftler (das Fachwort) vor, der auf bestimmte Datenlagen guckt und bestimmte Ideen über die Motivationsimperative der Handelnden hat, der aber sehr sachnah verlautbart,

            Q: Wie wird die Rezipienz erreicht?
            A: Durch möglichst dichte Schilderung der Sach- oder Faktenlagen.

            Sollte dies nicht genügen, was oft der Fall ist, erörtern Sie einfach die Ideenlehren, die im Hintergrund stehen, die aber, für viele erkennbar, wichtig sind. – Ideologien und deren Wirken werden ja leidet heutzutage, in relatvistischen Zeiten, oft unterschätzt. Sie sind aber für andere eine Art Lebensgrundlage, übrigens auch für Ihren Kommentatorenfreund.

            Es ist, leider leider, nicht möglich über einzelne Personen oder gar Gruppen wirklich feste Aussagen zu treffen, weil eben schlecht in Individuen oder Gruppen “hineingeguckt” werden kann.

            MFG
            Dr. W

          • Du scheinst meine Frage nicht verstanden zu haben. Natürlich muss die Interpretation (wie bei der oben erwähnten Arendt) auf Fakten basieren, damit sie anderen nachvollziehbar wird. Die Fakten sind jedoch bestenfalls das Rohmaterial, das interpretiert werden muss, damit es den einen oder anderen Sinn ergibt. Sinnstiftend ist die Arbeit des Historikers, und es erscheint mir sehr oberflächlich, aus der eigenen Person bzw. der Gegenwart heraus eine solche Interpretation zu führen, anstatt aus der jeweiligen Vergangenheit heraus (so gut es eben geht, sich in diese Vergangenheit hineinzuversetzen).

          • Sinnstiftend ist die Arbeit des Historikers, und es erscheint mir sehr oberflächlich, aus der eigenen Person bzw. der Gegenwart heraus eine solche Interpretation zu führen, anstatt aus der jeweiligen Vergangenheit heraus (so gut es eben geht, sich in diese Vergangenheit hineinzuversetzen).

            Das ist eben das Thema dieser kleinen Erörterung: Das, was Sie als ‘oberflächlich’ empfinden, ist für andere Sacharbeit, bewusste Sacharbeit.

            Es steckt ja auch in Ihrem ‘so gut es eben geht’ der Beleg, dass es darum geht, so gut wie es eben geht, zu schildern, aber nicht zu psychologisieren, jedenfalls nicht für die Zwecke der Verlautbarung.
            Ansonsten würden Sie, wie viele andere, primär über sich selbst sprechen oder schreiben.

            MFG
            Dr. W (der meint, das Notwendige ergänzt zu haben, auch das Geduze ablehnt, als nicht webtypisch, auch wenn dies einige meinen)

          • Der Ausdruck “Minderwertigkeit” hat sich in der Nazi-Denke nicht nur auf Juden bezogen… http://de.wikipedia.org/wiki/Asoziale_%28Nationalsozialismus%29

            In dieser Ideologie der “Rassereinheit” auch der “Eugenik” wurde alles als minderwertig begriffen, was nicht dem ideal des “vollkommenen” Menschen der Naziideologie entsprach… Juden wurden hier nur als Sündenböcke missbraucht, weil man mit der Ausgrenzung durch die Religion (Antijudaismus) nicht mehr argumentieren konnte…

            Mit anderen Worten: mein Urgroßvater deutscher Buchhalter in Berlin war ab 1941 “nur noch Jude”, obwohl er Deutscher war, jüdischen Glaubens…

            Die andere Religionszugehörigkeit wurde von den Nazis aufgrund der jüdischen Geschichte einfach mal uminterpretiert… 1700 Jahre jüdischen Lebens mit zum Teil religiöser Verfolgung, aber auch Toleranz, gerade in den Zeiten der Aufklärung, und danach wurden schlichtweg missachtet und als “arische” Bedrohung angesehen, nachdem gerade in Westeuropa das Judentum einen enormen durchaus positiven Einfluss auf die Gesellschaft genommen hat…

            Die Nazis haben sich sozusagen ihre eigene Wahrheit selbst konstruiert, Ideologie bleibt eben Ideologie… Viele intellektuelle Juden haben dieses Spiel recht offensichtlich mitgespielt…

            Shalom

  2. * die, als Veranstaltung, in n:m-Beziehungen zwischen Sache (“Fakten”) oder diesbezüglichem Verhalt und Erkenntnissubjekten verwaltet werden kann.

  3. Yoaf Sapir
    “Nimmt er (der Zurückblickende) auf seine innere Reise in eine vergangene Realität seine heutigen Vorurteile mit? Oder versucht er, so gut er kann, den damaligen Sichten und Werten so zu begegnen, wie sie damals (etwa für Heydrich) waren (also als Wahrheiten)?”

    Beides ist strenggenommen unmöglich, deswegen müssen beide Sichten zueinander transparent gehalten werden. Wenn man sich der Sicht von Heydrich so authentisch annähern könnte, dass man ihn tatsächlich verstehen würde, hat man dann noch eine “historische” Sicht auf ihn oder wird man dann nicht zum Apologeten? Oder wird dann Geschichtsschreibung nicht dann zur Tautologie wie eine Landkarte 1:1?
    Die Frage, die den Historiker oder Zurückblickenden interessiert, ist doch, meine ich, hätte Heydrich an irgendeiner Stelle in seiner Biographie auch anders handeln können und warum hat er es nicht getan?

    • Ist es so schwer, yoaV zu schreiben?

      Die kritische Distanz, ja der Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit kann nie verschwinden. Es ist dem Historiker auch nicht verboten, am Rande seiner Kernaufgabe über sein Objekt zu urteilen. Diese besteht jedoch in erster Linie im Versuch, sein Objekt zu verstehen, also den rational, psychisch oder sonstwie motivierten roten Faden zu finden und nachzuzeichnen.

      1:1 wird es nie sein, kann es auch nicht. Annähern muss sich der Historiker, was ein gewisses Vermögen voraussetzt, sich in die jeweilige Person bzw subjektive Situation zu versetzen. Nur so kann er seinen Zeitgenossen die damalige Situation einer spezifischen Person rekonstruieren bzw verständlich machen.

      Hanna Arendt etwa konnte das in ihrer Analyse Eichmanns sehr gut, als sie eine Situation nachzeichnete, in der das, was wir heute in Rückblick “Völkermord” nennen, eine alltägliche Banalität war, die den dort & damals geltenden Normen geradezu entsprach.

      PS wesentlich interessanter als die Frage, was Heydrich hätte anders machen können, finde ich die Frage, was er – aus seiner Position, Überzeugung, Situation heraus – hätte anders machen sollen, und warum.

      • Sorry, ist mir zum ersten Mal passiert!

        “PS wesentlich interessanter als die Frage, was Heydrich hätte anders machen können, finde ich die Frage, was er – aus seiner Position, Überzeugung, Situation heraus – hätte anders machen sollen, und warum.”
        Das anders machen können wäre die Voraussetzung für das Problem es anders machen zu sollen. Aber da scheint mir die Antwort doch einfach zu sein. Er hätte beim Morden, Unterdrücken etc. nicht mitmachen sollen. Die Heydrichs und Eichmanns haben doch alle einmal als Kind gelernt, Du sollst nicht töten. Jeder in Europa kennt diesen Satz. Lautet die Frage nicht vielmehr, warum (oder wie) lassen sich Menschen so derartig ideologisieren, dass sie ethische Grundsätze über Bord werfen und gegen alle Normen und Gesetze handeln?

        Der Massenmord an den Juden wird sich wohl nie völlig verstehen lassen, das ist ein schwarzes Loch, das man umkreist, ohne es erkennen zu können. Und wenn man so grübelt über die Abgründe des Menschen, passiert es woanders wieder, in Kambodscha oder in Ruanda.

        • Doch, der Massenmord an den Juden ist sehr leicht zu verstehen…..
          Es gibt auf dieser Welt nicht ein einziges Konzept, weches Volk, Nation, Religion und Herkunft in gleichem Maße verinnerlicht hat, wie das Konzept des “jüdischen (Religions) Volkes”. Die “Emanzipation” der monotheistischen Religion des Judentums wollte ein gewisser jüdischer Wanderprediger Jesus erreichen…
          Viele Juden haben diesen “Typ” nicht als ihren Messias anerkannt…
          Die Konkurrenz unter den Religionen ging also weiter…. Bis heute… Dabei sind wir Menschen alle nur kleine Erdenbürger.. egal welcher Herkunft, religiöser Überzeugung oder sonst was… über die Sinti und Roma (Zigeuner) redet kaum jemand…

          Noch Fragen??

  4. Kleine Korrektur in deinem Text, Yoav: es muss “christlich-paulinisch” heißen, nicht “christlich paulanisch”. Bei paulanisch muss ich gleich an Paulaner denken, bekanntlich von Franz von Paola (Paulanerorden) in München gegründet. Prost!! 🙂 gehört auch zur Wahrheit!

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