Warum ich kein Rabbiner in Deutschland mehr werden will: Eine Bilanz

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Wien. Heidelberg. Berlin: ein israelischer Blick auf Deutschland
un/zugehörig

In einem früheren Text habe ich hier (euch auch, ja, aber vor allem mir selbst) erklärt, warum ich mir als Zusatzstudium eine Rabbinerausbildung ausgesucht habe, und zwar nicht an und für sich, sondern gerade in meinem sowohl geistigen als auch geographischen Spezialgebiet: Deutschland. Dann aber habe ich mich umbesonnen: (K)eine Weihnachtsgeschichte in acht Kapiteln.
 
 
I.
 
Diesen Weg beschreite ich nicht mehr, nachdem ich meine bereits gewonnenen Erfahrungen einer Bilanz unterzogen habe. Der Text vom April d. J., den ich bereits während meines Bundestagsprogramms, also aus einer gewissen Entfernung bzw. Perspektive, geschrieben habe, erweist sich im Rückblick als eine Zwischenstufe in der damals werdenden Bilanz, die mich schlussendlich doch zu einem anderen Ergebnis geführt hat.
 
Nun also fühle ich mich eine Ergänzung zum damaligen Text, ja, vielleicht auch eine Erklärung schuldig, warum ich mich dann doch anders entschieden habe. Aufgrund laufender Projekte komme ich erst jetzt, zum Jahreswechsel, dazu, sie auch aufzuschreiben, aber ihr wisst ja: Besser spät als nie. Das gilt allerdings nicht nur für Blogstexte, sondern auch für Umbesinnungen wie diejenige, um die es hier geht.
 
Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Als ich mich vor mehr als zwei Jahren für diesen Weg entschied, lagen meiner Entscheidung bestimmte Erwartungen zugrunde. Nach zwei Jahren Zusatzstudium in Deutschland und einem zweimonatigen Praktikum in der Heimat, bei dem sich mir die Lage des Jüdischen in Deutschland erneut bzw. in nunmehr unverhüllter Weise präsentierte, musste ich mir zugestehen, mich anfangs in manch kardinalen Punkten geirrt, ja geradezu getäuscht zu haben.
 
 
II.
 
Womit sollen wir anfangen? In Deutschland wird jetzt Weihnachten gefeiert; also vielleicht mit der Unmöglichkeit (aus meiner Perspektive natürlich), jüdische Feste im nichtjüdischen Ausland zu begehen: Keine Synagoge, so fromm ihre Besucher (in ihren eigenen Augen) auch sein mögen oder sein zu müssen glauben, so groß sie ist oder schön gebaut, kann die natürliche Lebendigkeit jüdischer Straßen und jüdischer Städte, die Allgegenwärtigkeit der Feste im jüdischen Ländle ersetzen. Und wer daran zweifelt, der versuche mal, in Israel den Advent so richtig zu erleben: Nicht einmal in Jerusalem ist man damit mehr als eine randständige Kuriosität, die man den begeisterten Touristen aus Tel-Aviv zeigt.
 
Das jüdische Deutschland lässt sich insofern einfach nicht "normalisieren", weil jüdisches Leben in Deutschland, England, Frankreich an und für sich nicht wirklich normal ist und dies, wie wir inzwischen (leider?) wissen, auch nie war. Ja, Juden leben fast überall, wie Deutsche auch oder Ungarn usw. usf., doch die Heimat kann man nicht im Koffer mitnehmen. Im Ausland zu leben wie die Sachsen in Siebenbürgen, tief verwurzelt und dennoch nicht von hier: Das kann man sich davon noch erhoffen, aber so toll ist so etwas auch wieder nicht. Und das ständige Bemessen nach den Maßstäben der Vorkriegszeit? Nichts mehr als die Sehnsucht nach einer anderen, vergangenen, angeblich besseren Pathologie.
 
Schon die damaligen Umstände waren alles andere als normal; wie können sie nur betrauert werden? Aus der Not entstanden Geistesgrößen, nun gut, aber um welchen Preis? Ja, wir haben Europa viel geschenkt; aber nein, wir haben in Europa nichts so Großartiges hinterlassen, wofür es sich lohnen könnte, sich nach dem Damals zu sehnen. Jedwede Nostalgie wäre hier falsch am Platze. Besser ist es für die Nation und vor allem klüger, mit weniger Feinheit im eigenen Lande souverän zu sein, als sich am Rande der Geschichte durch intellektuelle Leistungen auszuzeichnen. Und wer will oder soll – vielleicht weil er sich, wie ich mich, beruflich darauf spezialisiert hat -, der kann hier erst recht in Sicherheit leben; in der Sicherheit, die einem nur das Wissen um die ferne Heimat geben kann.
 
Moses Mendelssohn? Sigmund Freud? Walter Benjamin? Oder vielleicht Hanna Arendt? Danke, nein. Das sind bei allem Respekt – und davon gibt es bei mir viel – doch keine Vorbilder. In Deutschland zu leben, zu denken und zu schreiben, kann ich mir heute nur deswegen leisten, weil ich als Jude im jüdischen Land geboren und im jüdischen Staat aufgewachsen bin. Nun bin ich hier also, und das tue ich, um mich, wie seit etlichen Jahren, auch fürderhin mit dem schweren und schwierigen Erbe auseinanderzusetzen. Nicht jenes von Mendelssohn und Benjamin ist es, sondern das deutsche Erbe, an dem auch die feinsten Juden von damals nie wirklich beteiligt waren. Leider? Vielleicht. Aus meiner jenseits des Meers verwurzelten Perspektive ist hier jedenfalls nichts zu bedauern.
 
Vor kurzem hätten sich hier zwei Regierungen treffen sollen (der Termin ist kurzfristig verschoben worden, aber das ändert nichts am Wesen der Sache): jene des deutschen Nationalstaates und diejenige des jüdischen Nationalstaates. Aber nennen wir das Kind doch mal einfach beim Namen! Die deutsche Regierung und die jüdische waren es, die sich hätten treffen sollen – und dies noch tun werden. Unter den Ministern, die zu diesem Zweck nach Deutschland hätten reisen sollen, gibt es keine Geistesgrößen. Doch eine jüdische Regierung, die einer deutschen Regierung als ebenbürtig gegenübersitzen kann, ist an und für sich viel mehr als alles, was die deutsch-jüdischen Intellektuellen je erreichen konnten. Diese einfache Tatsache dürfen wir nicht vergessen, wenn uns die Versuchung der Nostalgie zu überwältigen sucht.
 
 
III.
 
Was nützt es, koscher zu essen, wenn man sich dann während der Mahlzeit auf Deutsch, Englisch oder Französisch unterhält? Eine verkehrte Parallelgesellschaft ist es dann – sowohl der deutschen als auch der jüdischen gegenüber. Wenn wir mal ehrlich sind: Man ist dann doch weder richtig deutsch noch richtig jüdisch. Wozu also die ganze Mühe?
 
Diese "Mühe" ist ein Theater. Eine Schauspielerei, die (meistens) in wöchentlichen Abständen auf der Schaubühne dieser und jener Synagoge stattfindet. Ausnahmen gibt es zwar, aber wenige, viel zu wenige. Aufgetreten und aufgeführt wird im Namen von Traditionen, mit denen die Schauspieler recht wenig bis (meistens) gar nichts verbindet. Gute Schauspieler sind das (meistens) auch nicht.
 
Ein Professor – einer der wenigen, die sich der eigentlichen Problematik bewusst sind -, meint, der Hang zum hohlen Formalismus sei notwendig, um sich wieder zu judaisieren; notwendig, damit erst künftige Generationen über die Verkrampftheit hinauswachsen könnten. Und dann? Was erwartet uns dann? Eine Wiederherstellung des bürgerlichen Biotops, der anderthalb Jahrhunderte keimen musste, bevor er einen Franz Rosenzweig hervorbringen konnte? Und da waren wir doch schon!
 
Das, was die Geschichte verworfen, sollten wir Menschen uns vielleicht doch nicht anmaßen. Und wenn die Schauspieler mal wirklich darüber hinaus, darüber hinweg wollen: Dann wenden sie sich eh der Zukunft zu und gehen dorthin, wo das Jüdische nicht getan werden muss.
 
 
IV.
 
Es gibt in Deutschland nicht wenige, die "übertreten" wollen. Und wie es im Internet ist, gelangen sie von Zeit zu Zeit auch an mich. Sie bitten um Ratschläge, stellen theologische Fragen oder suchen nach Bestärkung und Bestätigung. Kurzum: sie tun mir Leid. Sie tun mir deswegen Leid, weil sie weitaus mehr aufbringen müssten, als sie können und wollen, und stattdessen bei Rabbinern, die dafür (meistens) auch a bissl Geld verlangen, nach Abkürzungen suchen.
 
Wer diesen Blog gründlich verfolgt und trotzdem noch Jude werden will, fragt in seiner ersten Mail an mich nicht nach solchen Abkürzungen, sondern packt seinen Koffer und geht dahin, wo er hingehören möchte. Aber die anderen: Was kann man denen zurückschreiben? Dass sie es – ganz ehrlich – besser sein lassen sollten? Darf man in solchen Situationen überhaupt ehrlich sein? Wirklich ehrlich? Immer wieder stellt sich die Frage erneut.
 
Ihr wollt also Juden werden? Na dann, bitteschön: Macht, was Ruth gemacht. "Wo du hingehst, dort gehe ich auch hin". Dann kommt das Schwierigste: "Dein Volk ist mein Volk". Und wenn ihr soweit seid, könnt ihr euch auch die nächste Stufe überlegen: "…und dein Gott ist mein Gott". Ihr wollt das Pferd ja nicht von hinten aufzäumen und sich ganz tief mit dem Himmel befassen, noch bevor eure beiden Füßen fest im irdischen Israel stehen.
 
Ja, so "einfach" ist es. Gut, ihr wollt Juden werden, also vergesst den "Übertritt" und assimiliert euch. Macht, was Abraham gemacht: Geht fort aus diesem Land, verlasst eure Heimat und eure Verwandtschaft, und zieht in jenes Land, das Gott seinem Volk gezeigt hat. Verschweißt euer Schicksal mit dem Israels, bis ihr bereit seid, mit ihm emporzusteigen oder auch unterzugehen. Auf Rabbiner seid ihr dabei genauso wenig angewiesen wie Ruth es war. Und dann, vielleicht dann wäre es an der Zeit, sich richtig tief mit dem Gott Israels, von dem ihr inzwischen Teil geworden seid, zu befassen.
 
Aber in Europa?
 
Surreal.
 
 
V.
 
Was nützt es, den hebräischen Ruhetag sogar mit Liturgie zu verbringen, wenn in der real existierenden Umwelt gleich danach keine neue Woche beginnt, sondern das Wochenende erst seinen Höhepunkt erreicht?
 
Das Wichtige an Festen, der Kern ihres Wesens, ist nicht der nachgerückte, theologische Überbau (der ja auch an ganz gewöhnlichen Wochentagen noch bzw. schon gilt), sondern die gemeinschaftliche Basis. Darum die Unmöglichkeit, jüdische Feste hier wirklich zu begehen: Zu Chanukka fühle ich mich hier nicht unbedingt "alleine", weil meiner Familie fern; das geschieht vielmehr erst zu Weihnachten, obwohl ich ja gar kein Christ bin, mit christlicher Theologie auch nicht gerade sympathisieren kann (mehr dazu in: Die Gottessohnschaft wieder besucht), meine Familie nie Weihnachten zur Kenntnis nimmt und das Fest in meiner Heimat, die mich geprägt hat, bis auf arabisch-christliche Randerscheinungen kaum eine öffentliche Rolle spielt.
 
Seltsam? Wohl gar nicht.
 
An Mentalitätsunterschieden darf es liegen, dass so viele Auslandsjuden sich hingegen vor Weihnachten scheuen und sich der Umwelt gegenüber, deren Kalender, deren natürlicher Uhr abschotten. Gravierende Unterschiede sind es, weil die Auslandsjuden einfach nicht soweit sind (und dies auch nicht sein können): Hiesigen Juden erscheint es (meistens) irgendwie unmöglich, am Heiligabend in eine Kirche zu gehen, um sich einmal im Jahr, wenn auch nur als Kulturtourist, auch so etwas anzuschauen und zu -hören, ja vielleicht sogar an der Umwelt teilzunehmen.
 
Wo rührt also die Abneigung her (die mit einfachem Desinteresse nicht verwechselt werden sollte)? Nicht daran liegt es, dass man es schon zigmal getan hätte, sondern daran, dass man Angst hat, vor allem sich selber dadurch weniger jüdisch zu erscheinen, ja weniger jüdisch zu werden; es ist in der Angst begründet, der Umwelt, in der man aufgewachsen und sozialisiert worden ist, deren Sprache (und normalerweise keine jüdische!) die eigene Muttersprache ist etc., somit noch ähnlicher zu werden, vielleicht erst recht zu ähnlich.
 
Diese psychologische Situation ist mir und meinesgleichen, die wir im jüdischen Ländle aufgewachsen sind, zwar völlig nachvollziehbar, aber zugleich ist diese Angst auch etwas, worüber man eigentlich längst hinausgewachsen ist. Unser Jüdisch-Sein können wir durch nichts verlieren; wir könnten genauso gut weniger jüdisch werden, wie wir unseren Akzent verlieren könnten.
 
Im deutschen Land feiert man Weihnachten, im jüdischen Land feiert man Chanukka. So einfach ist es, wenn die Geschichte einem mit dem Glück beschert hat, weder im Herzen noch im Kopf einer Minderheit anzugehören. Und ein Deutscher in Israel hat auch keine Angst, an seiner Identität etwas einbüßen zu müssen, wenn er sich vom Jüdischen, das ihn unwillkürlich umgibt, ab und zu hinreißen lässt.
 
 
VI.
 
Verweilen wir doch noch einen Augenblick beim Thema "Mentalitätsunterschiede". Es ist ein wichtiges Thema. Zum Beispiel dann, wenn es um Antisemitismus geht.
 
Genauso oft, wie der Antisemitismus hierzulande wieder zum (wenn auch nur halbwegs) öffentlichen Thema wird, muss ich hier einen gewissen Abgrund wahrnehmen zwischen den (meisten) Hiesigen und (vielen) Israelis. Hiesige Juden haben nämlich Angst vor dem (wenn auch meist latenten) Antisemitismus und machen sich deswegen oft auch richtige Sorgen. Warum?
 
Nicht nur deswegen, weil sie körperlich unversehrt bleiben wollen; zu solcherlei kommt es in Deutschland eh kaum noch. Viel wichtiger ist ihnen etwas anderes, nämlich die Bestätigung, dass ihre Zukunft "stimmt", d.h. dass sie in die Umgebung, in der sie aufgewachsen und mit der sie vertraut sind, wirklich hingehören. Ob alteingesessene Professoren oder frische Abiturienten: Die Angst vor dem Antisemitismus rührt vor allem daher, dass bereits dessen bloßes Möglich-Sein sie daran erinnert, dass es "Deutsche mosaischen Glaubens" nie wirklich gab und jetzt, nach dem Krieg, erst recht nicht mehr geben kann. Jedes Anzeichen von deutschem oder europäischem Antisemitismus droht mithin ihre Emanzipation, um welche sie bangen, erneut infrage zu stellen.
 
Es ist zwar ein grundlegendes Bedürfnis menschlicher Psychologie, das ich vollkommen nachvollziehbar finde und wofür die Auslandsjuden meine Sympathie haben; und dennoch handelt es sich um etwas, worüber man als Inlandsjude schlichtweg hinausgewachsen ist: Unsere Identität kann uns keiner mehr wegnehmen, weil sie dem jüdischen Land entwachsen und in keinster Weise auf die Akzeptanzbereitschaft anderer, d.h. einer nichtjüdischen Umgebung, angewiesen ist. Die jüdische Emanzipation hat sich inzwischen vollends in Israel verwirklicht, und auf diejenigen, die sie annehmen und beherzigen, vermag der europäische Antisemitismus keinen Schatten mehr zu werfen.
 
Es ist jedoch eine grundsätzlich andere Einstellung zum Leben, eine grundsätzlich andere Perspektive hat man auf alles, was man tut, wenn man unwillkürlich (und ohne eigene Schuld) doch auf diese nie wirklich prüfbare Akzeptanz angewiesen ist und seine Identität immer wieder neu erkämpfen muss. Mir erscheint es manchmal wie ein goldener Käfig, der in einem tief eingebaut ist und aus dem leider nur die allerwenigsten Erwachsenen es noch schaffen.
 
Trotz der "Kluft", die man hier so gerne zwischen den (oft sowieso polnischen) Alteingesessenen und den russischsprachigen "Flüchtlingen" konstatiert: Unterm Strich haben sie – die, die schon lange in diesem deutschen Ausland sind, und die, die ein ukrainisches Ausland gegen ein deutsches getauscht haben – doch ziemlich viel miteinander gemeinsam.
 
 
VII.
 
Steht man außerhalb des Goldenen Käfigs, so hat man wiederum eine Perspektive, mit der diejenigen, die ihren mentalen Käfig gar nicht merken können, oft recht wenig anfangen können oder wollen. Wer es dann doch kann und will? Die Mehrheitsbevölkerung, die großteils ebenfalls ein ziemlich souveränes Bewusstsein hat. Oft muss der fremde Inlandsjude, der keine so große Erfahrung hat auf dem Gebiet des Minderheitendenkens, feststellen, dass er viel mehr mit den Deutschen gemeinsam hat als mit den Auslandsjuden.
 
Nun also, das deutsche Publikum war da, um sein Interesse an meiner Perspektive zu bekunden, und so durfte ich mich im letzten Jahr über mehrere Einladungen zu öffentlichen Auftritten etc. freuen (die Tübinger Ansprache gelangte übrigens bis in die Ökumenische Rundschau). Allein das jüdische Publikum zeigte sich hingegen – zugegeben: wie fast immer – eher rückwärts gewandt und an Intellektuellem desinteressiert. Wie schon oben gesagt, kann ich das verstehen, muss ich auch: Wenn man so viel Energie investiert, um auf der Bühne sein Ding richtig vorzuführen, bleibt einem keine Kraft mehr fürs Eigentliche, fürs Wahrhaftige. Solche Entwicklungsstufen lassen sich nicht einfach überspringen, und leider ist die hiesige Judenheit heutzutage bis auf wenige Ausnahmen nicht in der Lage, über den Formalismus, dieses Theater von Jüdisches-Tun (anstatt einfach Jüdisch-Sein) hinauszuwachsen.
 
Das, was sie brauchen oder zumindest wollen, möchte ich nicht liefern. Und mit dem, was ich anbieten kann und will, können sie wiederum (noch?) nichts anfangen. Und die Deutschen? Ja, sie sind nach wie vor da, sie melden sich auch immer wieder, aber sie brauchen erst recht keinen Rabbiner.
 
Zeit war es also für eine Umbesinnung; für eine Entscheidung, die diesem Zustand, der mir zwei Jahre früher noch nicht so klar gewesen war, Rechnung trug.
 
 
VIII.
 
Nichtsdestoweniger habe ich in dieser Zeit viel dazugelernt: Über das heutige Deutschland, dessen Juden und Christen, aber vor allem über mich selbst und meine jüdische Identität (mehr dazu in: Warum ich Jude bin).
 
Und jetzt?
 
Jetzt bin ich freier Mitarbeiter bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. Es ist nichts Großes, dafür mache ich aber wieder Sachen, die mich wirklich reizen.
 
Auf meinem virtuellen Schreibtisch liegen nach wie vor zahlreiche, vor allem jüdische Themen und Fragen, zu denen ich noch schreiben möchte. Das kommt alles noch in den Blog: langsam, aber sicher.

 

Abgedruckt in der Jüdischen Zeitung (April 2010)  

 

 

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

14 Kommentare

  1. Rabbiner sein

    Das ist einer Deiner besten Texte. Mir fehlt immer noch die Spucke… Wenn ich ihn noch ein paar mal gelesen habe, sage ich Dir etwas dazu. Wobei ich es dann doch eher mir sagen werde… Ich habe das Gefühl, dass diese Gedanken, jeder der denkt, an sein Volk schreiben könnte…Sorry, ich lese besser nochmal..

  2. @ Ronny

    Ronny,

    m. E. ist man nicht deswegen jüdisch, weil man als Erwachsener dieses oder jenes tut.

    Das Beispiel mit der koscheren Mahlzeit soll nämlich die (oft kaum wahrgenommene) Dissonanz veranschaulichen, in der man sein Jüdisch-Sein ganz bewusst auf das eine oder andere Tun zu stützen sucht. Das ist der oben beschriebene Formalismus, und weil die Essgewohnheiten wesentlich leichter zu gestalten sind als die eigene Sprache, in der man denkt und träumt, kommt solch bloßes Tun von “Jüdischem” sehr oft in den Essgewohnheiten zum Ausdruck.

    Man ist dann so sehr darin vertieft, was man tut, dass man gar nicht mehr das Wichtigste wahrnimmt: die Grundpfeiler unserer Identität, die sich eben nicht so leicht (oder, wie die Muttersprache, gar nicht) umtauschen lassen – und gerade darum so kostbar sind.

    Das (koschere) Essen oder die (deutsche) Muttersprache sind hier also nur Beispiele für das, was man einerseits tun (oder auch unterlassen) kann, bzw. für das, was man andererseits unwillkürlich ist. Darum ist auch die Wahl des Wohnortes nicht so wichtig, kann man sich doch (grundsätzlich) jederzeit auch umentscheiden. Ausschlaggebend ist hingegen die Rolle, die ein Land als Konstante, als Motiv im Leben spielt: Ich kann aus Israel hinausziehen und überall auf der Welt leben, doch nie werde ich – zum Guten wie auch zum Schlechten – Israel aus mir bzw. meinem Innersten hinaustreiben und in eine Erfahrung, ein Erlebnis nebst anderen verwandeln können.

    Es macht m. E. also nicht so viel aus, ob man nach Israel zieht und, wie du fragst, “in Israel lebt”, wenn man’s nur einstweilen tut. Wenn schon, so muss man dabei, wie Ruth, auf jedweden Weg zurück verzichten. Es muss sich einem, wie oben beschrieben, als Schicksalsfrage stellen, in der es um alles geht, um seine ganze Existenz und, sofern möglich, um die Zukunft, die über einen hinausgeht, ja jenseits von einem liegt.

  3. Lesetip

    Leseen sie sich dies doch mal durch:
    http://www.taz.de/…%2Fa0119&cHash=18c0436902
    Ihre letzten Tage

    BERLIN
    Sie haben ihre Familien in den Gaskammern und Lagern der Nazis verloren, sind aber dennoch in Deutschland geblieben. Ein Besuch im Pflegeheim Hermann Strauß ist auch ein Besuch bei den letzten noch lebenden Opfern des Holocaust

  4. Orthorexie

    Es gibt bei der Ernährung eine Essstörung, die der US-Mediziner Dr. Bratmann als ´Orthorexie´ bezeichnete (ortho = richtig, orexis = Appetit).
    In ihrem Bestreben, sich vollkommen richtig und gesund zu ernähren, streichen manche Menschen immer mehr Lebensmittel als ´ungesund´ von ihrer Speisekarte bis sie sich irgendwann nur noch von einer einseitigen und gesundheitsschädlichen Diät von wenigen Lebensmitteln ernähren.

    Dieser Begriff ist mir eingefallen, als ich Ihren Beitrag las. Denn es scheint für Sie bereits ein Problem zu sein, wenn die Menschen ´nur´ in Deutsch, Englisch oder Französisch nett zu einander sind. > Sie finden es anscheinend richtiger, lieber gar nicht nett zueinander zu sein, als in der falschen Sprache.
    Aber vielleicht wollen manche Menschen gar keine Perfektion – als toter Wert an sich – sondern nur eine Umgebung mit Menschen, bei denen sie sich wohl fühlen.

    Sie bauen sich aus Heimweh einen Goldenen Käfig – von dem man nicht weiß, ob sie sich innerhalb oder außerhalb befinden.

  5. @ KRichard

    ad 1.: Danke, kannte ich nicht, kommt im Prenzlberg bestimmt überdurchschnittlich vor…

    ad 2.: Wenn du gerade das verstanden hast, hätte ich den Text wohl anders schreiben sollen.

    ad 3.: Naja, wenn du meinst…

  6. Ratlosigkeit

    Ihr Text hinterlässt mich ratlos, bin ich doch einer jener Menschen, der – obgleich Jude und der Staatsbürgerschaft ‘halber Israeli’ – nach seiner Armeezeit aus Israel nach Deutschland zurückgekehrt ist, eben weil ich mich hier genauso zu Hause fühle, wie in Israel. Und das, obwohl – an diesem Punkt haben sie sicher Recht – das Ausleben jüdischer Religion in Israel selbst deutlich einfacher ist, als in Deutschland.
    Aber weder erlebe ich meine Gemeinde als eine Bande von Heuchlern, noch habe ich das Gefühl, dass es diesen Menschen an innerem Willen fehlt, Jude zu sein. Sie haben einfach zwei Herzen in ihrer Brust: Eines für ihre Heimat (Israel) und eines für ihr Zuhause (Deutschland) – und sie haben sich (noch nicht/für Deutschland als Wohnort) entschieden.

    Die Frage nach Zugehörigkeit. Nun, man ist immer so zugehörig, wie man sein will, nicht wahr? Ich gebe doch weder meine Religion, noch meine religiöse Prägung auf, nur, weil ich statt der Knesset den Bundestag wähle?

  7. @ Y.

    Die Reduzierung des Judentums aufs Religiöse ist ein Teil des Problems – und widerspricht zudem der ganz offensichtlichen Wirklichkeit.

    Nicht umsonst heißt unser Parlament “Knesset Israel”, die Versammlung Israels; nicht umsonst setzt es sich aus 120 Mitgliedern zusammen, einem Minjan aus jedem Stamm; nicht umsonst heißt das Knesset-Haus “Mischkan”, also Stiftshütte. Und da soll es noch mit dem Bundestag gleichgesetzt werden?

    Ich weiß nicht, wie jüdisch es heutzutage noch ist, sich als Jude beim jüdischen Gebet rechtzeitig zu beugen (worum sich hierzulande viele bemühen, nicht immer mit Erfolg), aber als Jude an der Versammlung Israels teilnehmen, an der Knesset in Jerusalem, ist durchaus jüdischer als solche Gebete.

    Damit meine ich nicht, dass Gebete keinen Platz mehr hätten – aber sie müssen der fortschreitenden Wirklichkeit, in der die Versammlung Israels sich manifestiert, Rechnung tragen.

    Relevant ist in diesem Zusammenhang wohl auch dieser Text: http://www.chronologs.de/…02-23/israels-wirrwarr

  8. Ein zweiter Gedanke

    Nun ja,

    ich gebe zu, da ist viel wahres dran. Aber dennoch sollte jeder Mensch selbst entscheiden dürfen, wie wichtig oder wie wenig wichtig es ihm ist, in Gemeinsamkeit mit seinem Volk zu leben. Und wenn sich diese gefühlte Gemeinsamkeit in (für Sie offenkundig hohlen) Phrasen erschöpft, dann ist das so und insofern zu respektieren, wenn es eine bewusst getroffene, reflektierte Entscheidung beinhaltet.

    Judentum war immer vielgliedrig und ich würde mich strikt dagegen wehren, diese Multipolarität, aus der ja auch die Tiefe der Religion erst resultiert, dadurch zu untergraben, nur solche Menschen für gute Juden zu halten, die den Interessen Israels folgen und nicht vielleicht den stärkeren eigenen Gefühlen für ein Land, das nicht Israel ist.

    Ich habe im Gegenteil hohen Respekt für die erbrachte Leistung der Diasporajuden, die es eben schaffen, den Spagat zwischen zwei Heimaten zu halten.

    Im übrigen würde mich interessieren, inwieweit das, was Sie beschreiben, auch für die Juden in den Vereinigten Staaten gilt.

  9. @ Y.

    Natürlich sind sie zu respektieren, es hat ja auch niemand was anderes behauptet. Ich glaube allerdings nicht, dass es hier darum geht, wie viel Respekt dieser oder jener Einzelne verdient hat oder inwiefern er ein “guter” Jude ist, sondern um eine kritische Betrachtung eines Phänomens.

    Israel ist übrigens nicht das einzige Volk, das Multipolarität aufweist (obwohl die jüdische quantitativ noch weiter geht). Die Deutschen leben in Siebenbürgen (um mein Lieblingsbeispiel zu nennen) knapp genauso lange wie die Juden in Polen. Inzwischen sind die allermeisten Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben etc. mithilfe des bundesrepublikanischen Rückkehrgesetzes (Gesetz über die Angelegenheiten der Vertriebenen und Flüchtlinge) ins “Land ihrer Väter” zurückgekehrt. Sind nun die dort Gebliebenen keine “guten” Deutschen? Natürlich doch. Verdienen sie Respekt? Ja, klar, vor allem im Hinblick darauf, dass sie – wie jüdische Auslandsminderheiten auch – große Herausforderungen überwinden müssen, um ihr “Sachsentum” zu bewahren. Assimilationsgefahr etc. ist ja kein jüdisches Privileg…

    Zu gleicher Zeit muss man aber zugeben, dass solche Auslandsgruppen – ob die Ungarn in Rumänien, die Deutschen im italienischen Tirol, die Polen/Juden/Chinesen in den USA, die Slowenen im österreichischen Kärnten usw. usf. – aus bestimmten Gründen, die nun mal einfach objektiv gegeben sind und an denen sie natürlich keineswegs “schuld” sind, keine gleichwertigen “Pole” zum jeweiligen Hauptkollektiv bilden. Wenn man in der Ukraine lebt und sich nun ins Polentum assimilieren oder einfach das heutige Polentum kennen lernen will, soll er – meiner subjektiven Meinung nach – nicht die polnische Minderheit in der Ukraine (die immerhin mehr Menschen umfasst als die offizielle Zahl der Juden in Deutschland) zu seinem Vorbild machen, sondern doch direkt ins Land gehen, wo das polnische Kollektiv souverän ist.

    Weisen also die (meisten) Völker Multipolarität auf? Ja. Bedeutet das, dass ein “Auslandspol” genauso wichtig ist wie der Nationalstaat im Heimatland? Nein.

  10. “Das jüdische Deutschland lässt sich insofern einfach nicht “normalisieren”, weil jüdisches Leben in Deutschland, England, Frankreich an und für sich nicht wirklich normal ist und dies, wie wir inzwischen (leider?) wissen, auch nie war. “

    “Besser ist es für die Nation und vor allem klüger, mit weniger Feinheit im eigenen Lande souverän zu sein, als sich am Rande der Geschichte durch intellektuelle Leistungen auszuzeichnen.” – Und was ist mit den hunderttausenden Hänschen Kohns und Nelly Blaus

    “Wenn wir mal ehrlich sind: Man ist dann doch weder richtig deutsch noch richtig jüdisch. Wozu also die ganze Mühe?
    Diese “Mühe” ist ein Theater.” – Nix da, Yoav. Was du da schilderst ist der Ausdruck des ostentativ vorgetragenen angeblich schlechten Gewissens nicht in Israel zu leben, obwohl man doch eigentlich müsste und überhaupt . . . Doch es gibt noch deutsche Juden, die deswegen überhaupt kein schlechtes Gewissen haben und es sich auch nicht einreden lassen. Die das “Ich kann Lecha Dodi schöner singen als du, denn ich fahre zweimal im Jahr nach Israel” nicht mitmachen.

    “Und dann? Was erwartet uns dann? Eine Wiederherstellung des bürgerlichen Biotops, der anderthalb Jahrhunderte keimen musste, bevor er einen Franz Rosenzweig hervorbringen konnte?” – A geh, Yoav. Du weisst gleich mir, dass es schon hinreichte, wieder Hans Kohns und Nelly Blaus hervorzubringen.

    “Das, was die Geschichte verworfen, sollten wir Menschen uns vielleicht doch nicht anmaßen. – Wirklich nicht? War nicht auch Israel geraume Zeit von der “Geschichte verworfen”?

    “An Mentalitätsunterschieden darf es liegen, dass so viele Auslandsjuden sich hingegen vor Weihnachten scheuen und sich der Umwelt gegenüber, deren Kalender, deren natürlicher Uhr abschotten.” Das, Yoav, sehe ich weniger im Mentalitätsunterschied als im oben beschriebenen retendertum begründet. A la: “Wenn ich schon ich nicht in Israel lebe, wie ich eigentlich . . . usw. dann darf ich auch Weihnachten nicht genießen.”

    Ich finde Weihnachten und die Weihnachtsferien prima. Dann kann ich nämlich (ab dem 24. abends – vorher sind sie gestresst ) mit Freunden, Kollegen und Bekannten in Cafès und Kneipen gehen. Weil wir dann die Zeit haben, jenseits des Alltags, gemeinsam etwas zu unternehmen.

    Und früher gab es auch in jüdischen Häusern Weihnachtsbäume.

    “Jedes Anzeichen von deutschem oder europäischem Antisemitismus droht mithin ihre Emanzipation, um welche sie bangen, erneut infrage zu stellen.” – Ja, Yoav, so was kommt von so was. Wer hier lebt und ein schlechtes Gewissen (eingeredet bekommen) hat, weil er doch eigentlich duweisstschonwas, sieht “natürlich” seine Identität (weniger die Emanzipation) in Frage gestellt. Sei versichert, um mir die Identität zu rauben bedarf es härterer Bandagen.

    “Die jüdische Emanzipation hat sich inzwischen vollends in Israel verwirklicht, und auf diejenigen, die sie annehmen und beherzigen, vermag der europäische Antisemitismus keinen Schatten mehr zu werfen.” – Dafür aber der iranische.

    “Oft muss der fremde Inlandsjude, der keine so große Erfahrung hat auf dem Gebiet des Minderheitendenkens, feststellen, dass er viel mehr mit den Deutschen gemeinsam hat als mit den Auslandsjuden.” DAS Yoav, hatten wir vor 90 bis 80 Jahren schon mal. Hoffen wir, dass es
    diesmal für beide besser ausgeht.

    Gut Schabbes wünschen dir
    die zwei vom bommelblog

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