Von Moral und Kriegsmoral. Teil II: Das nicht selbstverständliche Leben

un/zugehörig

Nachdem wir im letzten Teil (s. hier) festgestellt haben, dass ethische Entscheidungen nicht nur vom bloßen Bekenntnis zu diesem und jenem Wert, sondern vor allem auch von der Prioritätensetzung unter diesen Werten abhängen, dürfen wir uns jetzt mit der schwierigsten aller Abwägungen befassen: Leben und Tod.

Ein Beispiel für eine solche Abwägung bringt der Babylonische Talmud (für diejenigen, die es lesen können: Baba Metzia 62a; das Folgende ist keine wörtliche Übersetzung):
 
Zwei Freunde verlaufen sich zusammen in der Wüste (heutzutage kann man sich etwa die Situation von Antoine de Saint-Exupéry und André Prévot in der Sahara vorstellen). Einer von denen hat noch genug Wasser, damit eine Person lebend den nächsten Siedlungsort erreicht. Wenn sie aber das Wasser unter sich teilen, sterben sie beide. Was hat derjenige zu tun, der das Wasser hat?
 
Die Lösung des Problems begründet der Talmud exegetisch, ohne eine Analyse des Problems darzulegen. Das können wir jetzt aber nachholen; ob wir hier – d.h. jeder für sich – zum selben Ergebnis kommen wie der Talmud?
 
Logisch betrachtet, gibt es hier vier Möglichkeiten:

1. Die Freunde teilen das Wasser unter sich – und sterben beide.
2. Der Besitzer des Wassers schenkt alles Wasser dem anderen.
3. Der Besitzer des Wassers trinkt alles Wasser alleine.
4. Keiner trinkt das Wasser.

Möglichkeit Nr. 4 scheidet sofort aus, weil sie ja nichts bringt.

 
Möglichkeit Nr. 2 führt eigentlich zu einer endlosen "Programmschleife": Wenn der Besitzer dem anderen sein Wasser zu verschenken hat, soll der neue Besitzer ja dasselbe tun, sodass sie sich endlos gegenseitig das Wasser schenken, bis sie beide sterben. Somit scheidet Möglichkeit Nr. 2 ebenfalls aus. Dabei gehen wir davon aus, dass die beiden Freunde füreinander gleichwertig sind, d.h. dass es sich hier um keinen Ausnahmefall handelt. Das wäre z. B. der Fall, wenn nur einer wüsste, wie man den nächsten Siedlungsort erreicht; oder wenn sie Vater und Sohn wären; oder, nun mal bildlich gesprochen, wenn der eine ein ganz normaler bzw. "einfacher" Soldat wäre, der andere aber Luke Skywalker, von dem der Sieg über das Böse abhängt; usw. usf.
 
Es bleibt also die Frage: Sollen die beiden Freunde das Wasser teilen und brüderlich sterben? Oder soll der Besitzer das Wasser alleine verzehren, um selber zu überleben?
 
Wir nehmen hier natürlich an, dass der Wasserbesitzer kein Interesse am Tod seines Freundes hat. Im Gegenteil: Er schätzt das Leben und möchte sehr, dass sein Freund diese kritische Situation ebenfalls überlebt. Und trotzdem muss er hier Prioritäten setzen: Brüderlichkeit oder Leben? Einer der Werte muss der Wasserbesitzer – ob bewusst oder nicht – für wichtiger erklären als der andere.
 
Im Talmud werden beide Positionen vertreten: Zunächst meint ein Gelehrter namens Ben Ptora, dass es besser wäre, das Wasser zu teilen und gemeinsam zu sterben, damit keiner das Sterben des anderen erleben (und diese Last dann sein ganzes Leben lang ertragen) müsste. Ben Ptoras Position ist nachvollziehbar: Er spricht uns aus dem Herzen. Allerdings tut er das nicht nur im übertragenen Sinne, denn diese Position orientiert sich sehr stark am Gefühl, dem zwischenmenschlichen Mitgefühl.
 
Demgegenüber wird im Namen von Rabbi Akiwa, einem anderen Gelehrten, zur Lösung des Problems einen Bibelvers herangezogen. Aus Lev. 25:36 – "[…] damit dein Bruder neben dir lebt" – zieht Rabbi Akiwa den logischen Schluss: "Dein Leben ist wichtiger als das deines Nächsten" (denn sonst kann der andere ja nicht "neben dir" leben). Seine argumentierte Position wird an dieser Talmudstelle angenommen.
 
Hieraus dürfen wir ersehen, dass man selbst in Fällen von Leben und Tod Prioritäten setzen muss – und dabei eher dem kalten Verstand gehorchen soll als seinem Mitgefühlsvermögen.
 
 

  • Veröffentlicht in: Ethik

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

11 Kommentare

  1. Die Alternativen bleiben

    “Hieraus dürfen wir ersehen, dass man selbst in Fällen von Leben und Tod Prioritäten setzen muss – und dabei eher dem kalten Verstand gehorchen soll als seinem Mitgefühlsvermögen.”

    Nein. Kein “soll”. Diese Möglichkeit ist weiterhin eine von zwei Alternativen, die in der Theorie bestehen bleiben, auch wenn an dieser Talmudstelle Akiwas Meinung angenommen wird.

    In der, mit Ausnahme von Extremsituationen, meist wesentlich komplexeren Praxis wird man sich darüber hinaus mit weiteren Möglichkeiten auseinandersetzen müssen – und immer diejenige verantworten müssen, für die und nach der man sich entscheidet.

    Will heißen: Das eigentliche Problem fängt erst nach der theoretischen Klärung eindeutiger Alternativen in einer einflussarmen Umwelt mittels eines theoretischen Schaubeispiels an.

    Wofür oder wogegen möchtest Du Rabbi Akiwa an dieser Stelle konkret argumentieren lassen?
    Und warum ist es Dir dabei wichtig, was “der Talmud” an dieser Stelle sagt?

    (Oder hatte ich Dich missverstanden und Du möchtest eigentlich beide Alternativen offen nebeneinander stehen lassen?)

  2. @ ake

    Guten Abend, gute Fragen…

    1. Wenn man die Theorie nicht zu einem (argumentierten) Schluss im Sinne einer der beiden Möglichkeiten (Nr. 1 oder Nr. 3) bringen will, dann ja, es bleibt hier die jeweils andere Möglichkeit bestehen. Nur stellt sich dann Frage: Warum scheiden Möglichkeiten Nr. 4 und insbesondere Nr. 2 überhaupt aus? Eigentlich nur deswegen, weil die Ethik doch allgemeine Richtlinien herstellen will, sei es förmlich wie Kants kategorischer Imperativ oder inhaltlich wie diese kasuistische Talmudstelle.

    2. Ethische Richtlinien ersetzen nicht die Praxis. Der Mensch ist ja kein Computerprogramm und eben deswegen gibt es überhaupt menschliche Moralvorstellungen. Aber diese Vorstellungen bzw. die Richtlinien, auf denen Erstere basieren, geben einem Stützpunkte, damit man nicht jedes Mal das Rad neu erfinden muss (was man in der Praxis aus zeitlichen sowie psychischen Gründen wohl eh nicht machen kann). So kann man sich daran orientieren oder sich davon inspirieren lassen, und zwar nicht nur in den gleichen Situationen, sondern auch in ähnlichen, die von ihrer Beschaffenheit her eine Anwendung der Richtlinien erlauben. Im Hinblick aufs obige Fallbeispiel etwa dann, wenn ein Pilot und ein Navigator ihr Flugzeug auf dem Weg in den Iran über der saudiarabischen Wüste mit Fallschirmen verlassen müssten.

    3. Das, was du das “eigentliche Problem” nennst, nämlich das “verantworten müssen” bzw. die etwaige Schwierigkeit der nachträglichen Rechtfertigung (ob vor einem selbst oder vor anderen), ist insofern kein ethisches Problem, als die Entscheidung in der Situation selber begründet sein muss (daher ist wohl Ben Ptoras Position schwächer, die das spätere “Seelenleben” des Überlebenden vor Augen hat). Will sagen: Das Richtige ist nicht unbedingt das, was einem im kritischen Augenblick so zu sein scheint, dass es sich später – sofern er dann überhaupt noch lebt! – leichter vertreten ließe. Wenn schon, dann soll ihm die Ethik helfen, selbst dann die richtige Entscheidung zu treffen, wenn diese unvertretbar erscheint.

    4. Ich verstehe seine Argumentation so, dass die Hilfe, die man anderen leisten muss (vgl. den ursprünglichen, finanziellen Zusammenhang in Lev.), einen selbst nicht riskieren darf. Das Wohl von einem selbst wird hier m. E. zur (eigentlich logischen) Voraussetzung für die zu leistende Hilfe erklärt bzw. dafür, dass “dein Bruder neben dir lebt”.

    5. Jüdischen Texten räume ich hier den Vorzug ein. Ich glaube, sie vermitteln (allgemein gesprochen) oft andere Botschaften als christlich inspirierte Moralphilosophien (deren christliche Prägung manche gar nicht erkennen, bis sie das mit anderen Moralvorstellungen vergleichen).

    6. Warum versiehst du den Talmud mit Anführngsstrichen? Die ganze Satzstruktur dieser Talmudstelle, die übrigens Rabbi Akiwa eindeutig Recht gibt, stammt ja nicht von Rabbi Akiwa selbst.

    Viele Grüße

    Yoav

  3. Ich verstehe nicht genau, worauf Du mit Deinem Text abzielst.

    Ethische Richtlinien können die Praxis nicht ersetzen – aber sie werden in luftleerem Raum praktisch sinnlos. Daher noch einmal meine Frage: Worauf genau willst Du hinaus?

    Und “der Talmud” aus zweierlei Gründen: weil zum einen hier ja nicht “der Talmud” als weisungsbefugte Autorität mit dogmatischem Anspruch spricht, sondern dort eine Problem dargelegt wird, das weiterhin diskutabel ist und über das bei Anwendungsbedarf weiter diskutiert werden sollte.

    In diesem Sinn “der Talmud” weiterhin in Anführungsstrichen, weil ich es so verstanden hatte, dass “der Talmud” von Dir nicht nur als Talmud, sondern weiterführend als “jüdischer Text” zitiert wird.

    In diesem Zusammenhang: “Jüdischen Texten räume ich hier den Vorzug ein.”

    Was ist “hier”? Vorzug: wovor genau? Welche Moralphilosophien meinst Du? In welchem Kontext? Worüber diskutierst Du gerade?

    Grüße,

  4. Rein praktisch tippe ich au die Möglichkeit 5., dass beide um das Wasser kämpfen werden, wenn der Durst groß genug ist. Die Schwierigkeit bei der theoretischen Diskussion liegt darin, das aus guten Gründen das Töten tabuisiert ist und deshalb kaum rationalisiert werden kann. Gesellschaften ohne starke Tötungsschwelle sind vermutlich wegen der vielfältigen Möglichkeiten sich mit Waffen gegenseitig umzubringen ineffektiver und instabiler und bereits ausgeschieden.

  5. @ ake

    Die Ethik ist, wenn man dieses philosophische Fach ablehnen will, eine Anhäufung von Verallgemeinerungen, die aufeinander angewiesen sind, aber sich nicht unbedingt empirisch bzw. “in der Praxis” belegen lassen.

    Steht man ihr aber wohlwollend gegenüber, so kann man sagen, dass sie ein strukturalistisches Fach ist, nur beziehen sich die Strukturen, die sie herstellen will, nicht auf den Ist-, sondern auf den Soll-Zustand.

    Ob du sie deswegen “sinnlos” findest oder nicht, ist ja deine Entscheidung.

    So oder so dürfen aber die Thesen der Ethik, d.h. die ethischen Richtlinien, nicht von einem spezifischen Fall abhängig sein. Man kann über einen (ob historischen oder imaginären) Fall diskutieren, um Thesen bzw. Richtlinien herauszuarbeiten oder um bereits aufgestellte Thesen aus einer anderen Perspektive zu prüfen usw., aber die besprochenen Thesen selber dürfen sich nicht auf einen spezifischen, einmaligen Fall beschränken (diese Art von Problemlösung heißt wohl “Politik”).

    Insofern will ich genau darauf hinaus, was bereits oben geschrieben steht: “Hieraus dürfen wir ersehen, dass man selbst in Fällen von Leben und Tod Prioritäten setzen muss – und dabei eher dem kalten Verstand gehorchen soll als seinem Mitgefühlsvermögen.” Wenn du mit dieser These nicht einverstanden bist, kannst du ja eine alternative These aufstellen und erklären, ob mit dem obigen Beispiel oder mit einem anderen.

    Bzgl. des Talmuds:

    Ich habe von keinen Dogmen gesprochen, ziehe aber diese Textsammlung als Inspirationsquelle bzw. Ansatzpunkt für die weiterführende Diskussion heran. “Hier” heißt: im Rahmen dieser Diskussion.

    Du hast mich ja gefragt, warum es mir wichtig ist, was an dieser Talmudstelle steht. Es geht also darum, dass ich die obige Problematik (Prioritätssetzung bei Fragen von Leben und Tod) an einem Beispiel aus einer jüdischen Quelle darlegen wollte, was wiederum darauf zurückgeht, dass ich mich aus jüdischem Bewusstsein heraus zunächst an jüdischen Texten orientieren möchte.

    Es versteht sich von selbst, dass meine Leser nicht zur selben Herangehensweise verpflichtet sind, sondern hier ihre jeweils eigene vorstellen können. Nichtsdestoweniger behalte ich mir das Recht vor, so anzusetzen, wie es für mich richtig ist.

  6. @ adenosine

    Die Rahmenbedingungen legen aber fest, dass das Wasser sich eindeutig im Besitz von einem der beiden befindet und nicht zufällig auf dem Weg gefunden wird (was in der Wüste außerdem etwas unwahrscheinlich wäre). Das schließt aus, dass der Besitzer aus eigener Initiative heraus um das Wasser kämpft.

    Wenn nun der andere sich des Wassers zu bemächtigen versucht, handelt es sich um Raub, was in eine ganz andere Diskussion führt: Gilt es noch als Raub, wenn man sonst stirbt? Und wenn der Raub dazu führt, dass der Beraubte – zwar erst indirekt bzw. mangels Wasser, aber immerhin – stirbt?

    Das ist in der Tat eine interessante Frage. Einerseits muss der Wasserbesitzer seinem eigenen Wohl den Vorzug einräumen. Andererseits erscheint der Wasserraub, wenn der andere sein eigenes Wohl ebenfalls für wichtiger erklärt als jenes der Wasserbesitzer, nur folgerichtig.

    Für den Wasserbesitzer darf hier vielleicht die Tatsache sprechen, dass er kein Verbrechen am anderen begeht, indem er sein eigenes Wohl für wichtiger hält. Demgegenüber verdammt der andere den Wasserbesitzer zum Sterben, wenn er den Besitzer dazu zwingt, mit ihm das Wasser zu teilen (geschweige denn, wenn er alles Wasser raubt). Mit anderen Worten: Die Selbstbevorzugung des Wasserbesitzers bedeutet Passivität gegenüber dem Leid des anderen. Demgegenüber bedeutet die Selbstbevorzugung des anderen ein aktiv begangenes Verbrechen am Wasserbesitzer.

    Wenn der Wasserbesitzer übrigens mehr Wasser hätte als er selber benötigt, d.h. wenn er dem anderen helfen könnte, ohne sein eigenes Wohl zu gefährden, müsste er dem anderen die Restmenge zur Verfügung stellen. Das ergibt sich auch aus dem unmittelbaren Zusammenhang von Lev. 25:36 (s. ebd. 25:35). Hier stellt sich natürlich die Frage, ob er dem anderen vertrauen kann, dass er nicht zu viel trinkt, d.h. dass er die Hilfe nicht missbraucht.

    Eine andere Frage ist, ob der andere Anspruch auf die Restmenge hätte, falls der Wasserbesitzer sich weigern sollte, ihn in den Genuss der Restmenge kommen zu lassen, und wenn ja, ob der andere diesen Anspruch mit Gewalt durchsetzen dürfte.

  7. Wer soll leben/Welches Leben?

    lieber schreiber,
    ich komme zufällig auf deine seite und habe nur zu sagen: Wir können uns auf autoritäten oder heilige texte berufen. sind wir aber in der situation, zeigen wir unsere wahre gesinnung.ich war schon einige male in DER Situation und hatte einiges studiert……ich habe mich zu meinen gunsten entschieden und mich entsprechend verändert. doch suche ich nach wie vor und schaue in den spiegel und schäme mich jedes mal aufs neue. christus sagt uns, das wir gefragt werden dort, was wir für unseren bruder getan haben in unserem leben…..und entsprechend kennt er uns oder nicht. jetzt ist die antwort ganz einfach. es geht in jeder sekunde ums überleben. lassen wir uns nicht täuschen……von unserem unvollständigen verständnis der heiligen schriften….es gibt keine ent-schuldigung. ich fühle mich verurteilt, weil ich falsch gehandelt habe in vergleichbaren lagen. niemand hat mich angeklagt…..doch ich mich selbst, weil ich alles genau weiss. es gibt kein versteck, wie adam und eva auch keins hatten und andere.
    klaus

  8. Hallo Yoav,

    was ist denn das Ziel in obigem Beispiel?

    Soll alles zum Wohle der “Schöpfung” geschehen, müssen sie sich das Wasser teilen und beide sterben, denn je weniger Menschen es gibt, umso besser geht es dem Ökosystem Erde (im Sinne der Schöpfung).

    Soll alles zum Wohle der Menschheit geschehen kommt es darauf an, ob die beiden einem Volk angehören, das zum Wohle der Menschheit beiträgt, oder nicht. Falls ersteres zutrifft müssten die beiden herausfinden, wer von ihnen der “wertvollere” ist.

    Soll alles zum Wohle des eigenen Volkes geschehen, kommt es wieder darauf an, wer von beiden der “wertvollere” ist.

    Soll alles zum Wohle des eigenen Lebens geschehen, muss sich derjenige dem das Wasser gehört durchsetzen und den anderen sterben lassen.

    Soll alles zur Würde des eigenen Lebens geschehen, darf man sich nicht auf so ein Scheißspiel eines Scheißschöpfers einlassen. Da wäre es das beste beide sterben einen schnellen, würdevollen Tod.

    Dein Beispiel lehrt uns, dass es die Begriffe gut und böse im unabhängigen Sinne nicht gibt. Die Aussage “Diese Handlung ist gut” ist ebenso sinnlos wie die Aussage “Dieser Apfel ist größer.” Richtig muss es heißen “Diese Handlung ist gut für x”, bzw. “Dieser Apfel ist größer als x”.

    mfg
    Luchs

  9. Klaus und die Freiwilligen

    Klaus
    Weise Worte. Traurig und wahrhaftig.

    Yoav
    Als ich heute hörte, dass sich mehr Reservisten für den Gaza-Krieg melden als die Armee unterbringen kann, fühlte ich mich an Ihren Kommentar von neulich zu den verwundeten Soldaten erinnert, die sich sofort wieder zurückmelden, und möchte nun doch noch ein paar Gedanken dazu loswerden. So wie Sie sind diese Menschen offenbar überzeugt von der Legitimität dieses Krieges. Womit aber, und das knüpft genau bei Klaus an, jeder dieser Soldaten rechnen muss, ist mindestens ein tiefer Riss, der bei jedem von ihnen zurückbleibt. Die Frage nach dem “darf ich” oder “muss ich” beantwortet anscheinend gerade eher flammender Patriotismus als Verstand, für den Sie plädieren.
    Es gibt einige berückende Filme über Soldaten, die Kriege überlebt haben. WALTZ WITH BASHIR werden Sie vermutlich kennen. WEISSE RABEN ist ein Dokumentarfilm über junge russische Soldaten vor und nach dem Tschetschenienkrieg, verkrüppelt, wahnsinnig, kriminell, und – über ihre Gegner, verwaiste, vergewaltigte, greise Kinder. WILLKOMMEN ZUHAUSE dokumentiert die Traumata deutscher Afghanistan-Soldaten. Filme über Kindersoldaten gibt es einige. Die Russen hatten Afghanistan, die Amerikaner Vietnam. Vermutlich wissen Sie von all dem, und doch meinen Sie, es müssen in Gaza und Israel wieder Traumata in Kauf genommen werden – auf beiden Seiten? Ich meine, dass Mitgefühl, also Ein-Fühlung uns, wenn es um Menschenleben geht, viel weiter bringt als Verstand. Mir kommt jeder Ihrer Beiträge immernoch vor, als würden Sie sich hinter Konstrukten verschanzen, um Ihrem Mit-Gefühl zu entgehen. So gut ich Ihre Ausgangsposition in diesem Konflikt verstehe, wünsche ich Ihnen doch einen weicheren Blick auf die vielen Menschen, die unter dem zurückschlagenden israelischen Kieferknochen leiden. Vorschläge, die Konflikte anders, zivilisiert, menschenachtender zu lösen, gibt es inzwischen.

    Noch eine Frage schließt sich an. Vor ein paar Jahren habe ich in Delhi viele junge Isralis erlebt, die sich bis zur Besinnungslosigkeit betranken und grölend durch die Straßen zogen. Die Inder erklärten mir, das seien ehemalige Rekruten, von denen viele nach Ihrer Ausbildung nach Indien kommen. Von Delhi aus fahren sie nach Goa oder in die Kifferparadiese im südlichen Himalaya und in Kashmir, um sich zuzudröhnen, so lange ihr Geld reicht. Warum, kann ich nur mutmaßen. Wissen Sie mehr darüber?

  10. @ Luchs

    Das Hauptproblem, das ich in deiner Heransgehensweise zu erblicken glaube, besteht darin, dass sie sich nicht von intersubjektiven Handlungsmöglichkeiten ableitet. Daraus ergibt sich ein Nebenproblem, und zwar, dass du Ziele in den obigen Beispielsfall hineinprojizierst, als ob es sich hier um spezifische Personen handeln würde.

    Es handelt sich jedoch nicht darum, sondern um eine allgemein menschliche Situation. Jeder von uns kann der Wasserbesitzer oder aber sein Freund sein. Es versteht sich von selbst, dass jeder von uns dabei eigene Ziele und Wünsche hat, die in der Praxis sein Handeln beeinflussen. Und wenn schon spezifische Ziele hineinprojiziert, dann ist es ja auch möglich, dass einer der beiden sich eh zum Ziel setzt, am nächsten Siedlungsort Selbstmord zu begehen… Du siehst also, dass eine ethische Diskussion keine (sowieso hypothetische) Konkretisierung der allgemeinen Situation zulässt.

    Da die Ethik aber allgemein gültige Richtlinien anstrebt, muss sie von allem absehen, was in der subjektiven Vorstellungswelt einer spezifischen Person verankert ist. Sonst wären ihre Thesen nicht allgemein genug, damit unterschiedliche Personen in als ähnlich empfundenen, aber nicht unbedingt gleichen Situationen auf diese Thesen bzw. Richtlinien zurückgreifen und sich bei der jeweiligen Problemlösung an ihnen orientieren könnten. Daher werden die Schlüsse davon abgeleitet, was nicht von der subjektiven Vorstellungswelt eines jeden abhängt, sondern uns allen gemeinsam ist: Die Handlungsmöglichkeiten bzgl. der Fallproblematik, hier also des Wassers.

    Bei der Auswertung der Handlungsmöglichkeiten setzt die Ethik das Vorhandensein intersubjektiver oder gar als objektiv empfundener Kriterien voraus, d.h. etwa der gesunde Menschenverstand bzw. die Vernunft. Vor diesem Hintergrund gibt es sehr wohl die Möglichkeit, dass eine Handlung für gut oder schlecht befunden wird. So scheidet z. B. im obigen Fall Möglichkeit Nr. 4 gleich aus, weil der gesunde Menschenverstand sie als schlecht bewertet. Nun könntest du in postmoderner Weise erwidern, dass das nicht auf alle Menschen zutrifft, zumal es theoretisch möglich ist, dass beide Freunde sich einen möglichst baldigen Tod wünschen, wodurch der Gebrauch des Wassers sich in jedweder Form erübrigt. Damit hättest du grundsätzlich Recht, nur geht es bei solchen Personen um Einzelfälle, auf die sich die Ethik von vornherein nicht richtet. Man kann also sagen, dass die Ethik eines der Fächer ist, in denen man nicht postmodern arbeiten kann.

    Man könnte also deine rhetorischen Fragen auf eine weitere Handlungsmöglichkeit zurückführen, nämlich, dass die beiden sich hinsetzen und anfangen darüber zu diskutieren, welche Ziele sie in ihrem jeweiligen Leben haben. Sollten sie einen Punkt finden, wo ihre jeweiligen Ziele sich ergänzen (also etwa dann, wenn der eine weiterleben will, der andere sich aber den Tod wünscht), so könnten sie sich vielleicht darüber einigen, was mit dem Wasser zu tun ist. Allerdings erscheint die Möglichkeit, dass sie eine solche Kongruenz finden könnten, so unwahrscheinlich, dass sie nur in ganz spezifischen Fällen vorstellbar ist und sich somit nicht für ethische Diskussionen eignet.

  11. @ Anita

    1. “Die Frage nach dem ‘darf ich’ oder ‘muss ich’ beantwortet anscheinend gerade eher flammender Patriotismus als Verstand, für den Sie plädieren.”
    (a) Warum meinst du das? Nur wegen des Phänomens der Traumata?
    (b) Warum widersprechen sich bei dir Patriotismus und Verstand? Wie verstehst du Patriotismus und wie sollten sich, wenn du (ob “links-” oder “rechtsrheinische”) Vorstellungen von Nation und Volk ablehnst, d. E. Gesellschaften konstruieren, die dem Individuum eine klare Adresse auf dieser Erde, inmitten aller anderen Lebewesen des Typus “Mensch”, anbieten könnten?

    2. Traumatisiert wird man auch aus “objektiven” Gründen, die Kampfhandlungen als solchen innewohnen. Auch dann, wenn der Feind sich nicht hinter Kindern versteckt, sondern fair kämpft und sich folglich mit weit weniger moralischen Schwierigkeiten bekämpfen lässt, kann es ja dazu kommen, dass man sich schnell aus seinem brennenden Panzer herausholen muss, ggf. seinen Kameraden nicht helfen kann, etc. Dürfte nun das Risiko des Traumas nicht in Kauf genommen werden bzw. würde es als ausreichenden Grund erachtet, weshalb man keinen Krieg führen dürfte, so könnte man selbst den (zweiten) US-amerikanischen Krieg gegen Deutschland, den wir wohl beide für (mindestens) “legitim” halten, nicht mehr rechtfertigen.

    3. Selbst unter diesen unmöglichen Umständen, die seit den Anfängen des Zionismus im ausgehenden 19. Jh. andauern, funktioniert die Gesellschaft der jüdischen Palästinenser erstaunlicherweise gut. Ich glaube, die Deutschen haben 1918-1933 zwar schwierige, aber im (zugegebenermaßen nicht ganz tragfähigen) Vergleich doch weniger schwierige Phasen durchgemacht – und trotzdem ist hierzulande das System damals gänzlich umgekippt. Ich sage das nicht, um meinen Landleuten Komplimente zu erteilen, sondern um zu erklären, warum man das Phänomen des Kampftraumas nicht verallgemeinern bzw. überschätzen darf. Wenn dem so wäre, wie du es beschreibst, müsste die israelische Gesellschaft längst zusammengebrochen sein. Das Kampftrauma ist zwar eine ständige Begleiterscheinung von Kriegen, mehr aber auch nicht.

    4. In diesem Zusammenhang würde mich vielmehr interessieren, ob die empirischen Wissenschaften irgendwann in der Lage sein könnten, bestimmte Charaktertypen auf ihre Anfälligkeit für Kampftraumata zu prüfen. Wenn das möglich wäre, könnte man solchen Personen von vornherein andere, für sie geeignete Aufgaben erteilen. Aber auch heute schon wird es mithilfe der Psychiatrie teilweise so behandelt. Eine ergänzende Lösung wäre natürlich die Abschaffung der Dienstpflicht, was ich befürworte und wodurch jeder Soldat selber darüber entscheiden dürfte, ob er das Risiko eingeht oder nicht (ob das Militär ihn dann mit diesem Wunsch auch tatsächlich annimmt und zum Kämpfer werden lässt, liegt natürlich im Ermessen des Militärs).

    5. Ich bin nicht der Meinung, dass alle Konflikte unbedingt mit Gewalt gelöst werden müssen, sondern vielmehr, dass manche nicht ohne Gewalt gelöst werden können (hierüber sind wir uns vielleicht doch einig?). Meine “zentrale” Aussage (allerdings nicht hier, sondern im anderen Beitrag) ist, dass manche Konflikte mit Gewalt bzw. Gegengewalt behandelt werden *sollen* bzw. keine Verzicht darauf zulassen. Ich habe schon mal auf die zunehmende Jugendgewalt in Israel hingewiesen: Mancher will das mit den Erlebnissen der Soldaten als Besatzungsmacht erklären, aber die Jugendlichen haben ja noch keine militärischen Erfahrung und – was noch wichtiger ist – der moralische Verfall ist ein Phänomen, das uns nicht seit 1967, sondern erst seit den 1990er Jahren begleitet. Meines Erachtens hängt es damit zusammen, dass diese Jugend zu einer Zeit aufgewachsen ist und Werte verinnerlicht hat (oder eben nicht), wo der Staat auf seinen moralischen Anspruch verzichtet hat, die Moralvorstellungen der Gesellschaft – also genau das, was diese zusammenhält – wegverhandelt hat und demzufolge keine Vorbildfunktion mehr erfüllt.

    6. Überhaupt darf man die positive Bedeutung von Gewalt nicht unterschätzen. Selbst unsere Zivilisation basiert auf Gewalt – heutzutage in Form des rechtsstaatlichen Gewaltmonopols. Ohne diese allgegenwärtige Androhung und etwaige Anwendung von Gewalt würden sich all unsere geliebten Demokratien auflösen – von mit viel mehr Schwarzfahrern über Morde bis zu dem Punkt, wo alle sich einen Diktator wünschen, der – natürlich mit Androhung und Anwendung von Gewalt – Ordnung herstellt.

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