Sarrazin: das richtige Thema, die falsche Diskussion

Auch wenn mein schon seit Wochen vorbestelltes Buchexemplar noch immer nicht eingetroffen ist, möchte ich zum Thema Sarrazin eine Kleinigkeit bemerken.

Stellen wir uns vor, man würde das Angebot machen, es sollen 300.000 höchstqualifizierte, bestens ausgebildete Chinesen nach Israel zuwandern und die dortige Wirtschaftslage umso mehr verbessern. Das Angebot würde ich nichtsdestoweniger dankend ablehnen. Denn bei auffälligen Prozentsätzen geht es nicht mehr um die Wirtschaft, sondern auch um den Charakter des Landes.

Wirtschaftlich gesehen, lohnt es sich wohl nicht, ein jüdisches Land zu verteidigen. Wozu jüdische Bauern zu subventionieren, wenn man im Ausland Bankier sein kann? Doch ein Volk, das sich nur noch wegen Geld Gedanken macht, ist zu nationaler Selbstentfaltung nicht (mehr?) fähig; ein Volk, das alles von der Wirtschaft abhängig machen lässt, ist eines, das auf sein Geistesleben verzichtet hat.

Die ganze Diskussion um die von Sarrazin zitierten Statistiken erscheint mir darum recht nebensächlich. Sagen wir mal, alle türkischen und arabischen Muslime in Deutschland wären ausnahmslos Spitzentechniker und zu 0% an Kriminalität beteiligt. Na und? Dem seit Jahrzehnten andauernden Kreislaufstillstand des deutschen Geistes – von der deutschen Politik ganz zu schweigen – wäre damit nicht geholfen.

Es ist nicht so, dass die Islamisierung am klinischen Geistestod schuld wäre; vielmehr ist es die geistige Hilflosigkeit, die den Weg zu den heutigen Problemen erst recht gebahnt hat. Andersrum formuliert: Ich habe überhaupt nichts gegen Chinesen, die ein sehr altes Volk sind, reiche Traditionen haben und zu den Juden ein seltenes Pendant darstellen; nur würden sie im jüdischen Ländle nichts verloren haben.*

Wie ich hier schon öfter geschrieben habe, sind die Migrations- und Integrationsprobleme nur Symptome, hinter denen das Eigentliche steckt: die Kultur- und Identitätskrise Deutschlands und des (vornehmlich nichtjüdischen) Abendlandes schlechthin.

Zum Abschluss möchte ich die medienbezogene Studie zum Fall Sarrazin empfehlen, die das Institut für Staatspolitik erarbeitet und herausgegeben hat. Judenneid hin oder her, den "Kubitschekisten" ist hiermit eine Analyse des eigentlich Interessanten gelungen: des Entmündigungsmechanismus und seines Scheiterns.

 

* Aus diesem Grunde bin übrigens ich gegen die fortlaufende Überfremdung des ohnehin überforderten Israel und für die regelmäßige Abschiebung von Gastarbeitern samt Familien, ganz egal, ob diese nun aus Afrika, Osteuropa oder Asien stammen. Bei uns ist das zurzeit ein brennendes Thema und da sagen manche, wir sollten aufhören, immer neue Gastarbeiter zu importieren, und dafür die alten bei uns bleiben lassen. Das wäre aber m. E. das perfekte Rezept, um das Problem nur noch mehr zu verschlimmern: Wer nicht für eines oder zwei Jahre nach Israel kommt, sondern bei uns zehn oder zwanzig Jahre bleibt, gründet dann mit Sicherheit eine Familie und geht nimmer wieder nachhause.

 

 

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

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  1. @ Yoav Sapir

    “Na und? Dem seit Jahrzehnten andauernden Kreislaufstillstand des deutschen Geistes – von der deutschen Politik ganz zu schweigen – wäre damit nicht geholfen.”

    Mal abwarten. Dein “Kreislaufstillstand” erinnert mich an Sloterdijks glitzernde Agonie der Philosophie. (KdzV,BandI,S.7) Ich sehe diesen Willen zum Tode auch in der Musik des 20.Jhd. Man kann sagen, alle Kultur ist im Arsch. Aber: Es kann einfach auch ein Experiment sein oder daß die Werte erst erkannt, wenn sie vermißt werden. L.Bernstein z.B. sah die Tonalität in einem neuen Gewande wiederkehren. Es ist auch nicht so einfach, wenn die Philosophie oder die Tonalität ausgereizt erscheinen. Und wer weiß: Vielleicht sind ja der Worte/Töne genug gewechselt. Rückbesinnung? Rückbindung? Ich weiß es nicht! Deutschland? Nation? Ist das nicht das Herumschleichen um Gräber? Vielleicht ist der nächstliegende Weg zunächst erst einmal der Weg Stirners:

    „Das Jenseits außer Uns ist allerdings weggefegt, und das große Unternehmen der Aufklärer vollbracht; allein das Jenseits in Uns ist ein neuer Himmel geworden und ruft Uns zu neuen Himmelstürmen auf.“

  2. Altes Denken versus neues Denken

    Wer hätte jemals behauptet, daß die quasi religiös-philosophische Erweckung Deutschlands, die der quasi deutsche “religiöse Seher” Friedrich Hölderlin vorausgesagt hat, daß diese jemals eingetreten wäre.

    Hegel meinte, Preußen wäre es. Honecker meinte vielleicht, die DDR wäre es gewesen. Man sieht doch überall nur unvollendete Projekte.

    Es ist das übrigens einer der tiefsten Gedanken Hölderlins, daß Werte erst erkannt werden, wenn sie vermißt werden. Es ist der Gedanke, daß Weltgeschichte dialektisch verläuft.

    Zu dem Thema ist alles schon gesagt worden:

    http://www.textlog.de/17843.html

    Die Wirklichkeit muß nur noch mit der Vision vereinigt werden! 😉

    Ich stimme übrigens Yoav vollkommen zu. Das ist der Gedanke, der auch meiner Rezension zu Sarrazin zugrunde liegen wird.

    Für mich ist sein Buch ein “Buch des Übergangs”. In vielem steckt er noch im “alten Denken” drin. Aber da und dort leuchtet “neues Denken” auf, nämlich Denken in den Kategorien der “Einheit des Wissens” (EO Wilson), der Überwindung des Wissenschaftsgrabens, der Zurkenntnisnahme der naturwissenschaftlichen Humanwissenschaften. (Übrigens ärgert sich Schirrmacher heute ja in der FAZ mächtig über die Ignoranz der politischen Elite in Deutschland! Sehr, sehr schön zu lesen.)

    Was mich besonders enttäuschte: Sarrazin hat in dem betreffenden Kapitel gar keine besonderen Ideen, wie man es erreichen könnte, daß die Bildungsschichten in Deutschland mehr Kinder haben. Diese Ideenlosigkeit ist, so scheint mir, der Grund, weshalb er so breit auf denen herumreitet, die seiner Meinung nach “zu viel” haben.

    Eine solche Analyse müßte ausgehen von der Frage, warum in Deutschland so viele GEWÜNSCHTE Kinder nicht geboren werden, eine Frage, die das Berlin-Institut schon vor drei Jahren sehr fortschrittlich angegangen hat, wie ich finde:

    http://studgendeutsch.blogspot.com/…ehlende.html

    http://studgendeutsch.blogspot.com/…-in-der.html

    Aber wie sich Sarrazin bezüglich der “Unterschicht”-Thematik äußert, grenzt das für mich auch deutlich an Respektlosigkeit.

    ICH freue mich über jede türkische Mutter, die ein Kind hat wie überhaupt über JEDE Mutter, die ein Kind hat. Das freut einen ja schon bei so vielen Säugetieren, das zu beobachten. Und das gebietet meiner Meinung nach auch einfach die Ehrfurcht vor dem Leben. Und diese Hochachtung muß jederzeit in allem, was man äußert, zu spüren sein, sonst wird man auch den heutigen deutschen Bildungsschichten eine solche Hochachtung bestimmt nicht einflößen.

    Und sonst spricht der Geist eines Hölderlin nicht aus einem. Aber auch im dialektischen Gegensatz zu diesem Geist kommt man ihm gefährlich nahe!!!!

  3. Nachtrag

    Wie ich darauf gekommen bin? Beethoven, immer wieder Beethoven! Du kennst den 2.Satz der Klaviersonate op.111? Da kehrt Friede ein, da meint man, die Welt hinter sich zu lassen. Das ist Musik aus einer anderen Welt! Was soll man dazu noch sagen? Ich weiß nicht, was wir hier sollen -es ist doch alles gesagt!? Was fehlt denn noch? Die Anschauung Gottes! Aus der Aufklärung geht nichts anderes hervor!

  4. Auch wenn mein schon seit Wochen vorbestelltes Buchexemplar noch immer nicht eingetroffen ist, möchte ich zum Thema Sarrazin eine Kleinigkeit bemerken.

    Dann machst du vielleicht etwas falsch. In der Buchhandlung selbst in der Klein-Großstadt, in der ich lebe, habe ich am Samstag eine ganze Palette voll von dieser Schwarte gesehen. Das Interesse der Kunden war allerdings eher moderat.

    Sagen wir mal, alle türkischen und arabischen Muslime in Deutschland wären ausnahmslos Spitzentechniker und zu 0% an Kriminalität beteiligt. Na und? Dem seit Jahrzehnten andauernden Kreislaufstillstand des deutschen Geistes – von der deutschen Politik ganz zu schweigen – wäre damit nicht geholfen.

    Wieso nicht? Gut gebildete Menschen nehmen am intellektuellen Diskurs teil und bringen eigene Argumente ein. Wie in der Medizin wirkt bei dieser Form von Kreislaufschwäche die Stimulation. Wenn von innen nichts mehr kommt, dann muss die Stimulation von außen erfolgen. Schlimmstenfalls per Schocktherapie.

    Gar nichts zu tun und abzuwarten, dass sich der Patient von allein erholt … warum sollte das irgendeine Wirkung zeigen?

  5. Überfremdung – “deutsche” Kultur

    Immer wenn ich die Worte Überfremdung und deutsche Kultur höre oder zu lesen bekomme, überkommt mich ein seltsames Gefühl.

    Was ist den deutsche Kultur überhaupt? Historisch gesehen? Waren wir nicht seit jeher ein Flickenteppich verschiedener Nationen und Volksstämme? Da braucht man garnicht bis zum 30jährigen Krieg gehen, es reicht völlig Preussen und Bayern gegenüberzustellen.

    Sind wir nicht seit jeher prädestiniert für Überfremdung? Da diese ein Kulturmerkmal ist? Hätten wir nicht grosse Chancen den dumpfen Nationalismus zu überwinden und uns unserer multikulturellen Wurzeln zu erinnern?

    Für mich ist die Richtung der Diskussion immer noch falsch, wenn man sich vor Überfremdung fürchtet. Sie zeigt vielleicht nur, das man nicht weiss wo man steht und daher nicht integrieren kann.

    Wenn schon, dann wäre es schön, wenn Deutschland mal wieder voran geht und zeigt wie eine multikulturelle Gesellschaft weiterhin möglich ist (wir sind es ja seit jeher).

    Liebe Grüsse

  6. @ Yoav Sapir

    Mit einer solchen Aussage (“nationale Selbstentfaltung”, “im … Ländle nichts verloren” usw.) als Deutscher oder anderer Europäer in Bezug auf das eigene Land würden sie publizistischen und sozialen Selbstmord begehen. Ich finde es erstaunlich, dass Sie so etwas so offen schreiben – mit Bezug auf Sarrazin und die deutsche Debatte. Wissen Sie nicht, dass man mit solchen Aussagen in Europa völlig jenseits des akzeptierten politischen Meinungsspektrums steht? Haben Sie also Verständnis für diejenigen, die jede Einwanderung von Nicht-Deutschstämmigen (oder sagen wir: von Europäern) verhindern wollen?

    Eine Detailfrage: Die von Ihnen angesprochenen “Gastarbeiter” und sonstigen Einwanderer in Israel sind doch in der Regel jüdischer Herkunft, oder? Wird – und wenn ja, wie? – die Zugehörigkeit zum Judentum bei Einwanderern in Israel streng überprüft?

  7. @ Adi

    Die von dir angesprochenen Punkte sehe ich ähnlich – sie sind im Blog auch schon tiefgründig besprochen worden, z. B. hier: http://www.chronologs.de/…2008-06-12/deutschland
    oder hier: http://www.chronologs.de/…ch-eine-deutsche-stadt
    sowie in anderen Beiträgen.

    Allerdings ist gibt es unterschiedliche Migrationsarten. Die deutschen Lande und Bevölkerungen waren sehr lange, teilweise über 1000 Jahre lang durch geistige, kulturelle, politische und andere Bande miteinander verbunden gewesen, ehe aus denen (teilweise) das moderne Deutschland entstand.

    Hellblau ist zwar kein Dunkelblau, aber alleine deswegen freilich noch nicht mit Grün oder Rot gleichzusetzen.

    Im Übrigen würde ich nicht unbedingt sagen, dass Deutschland “überfremdet” sei, und selbst wenn, ist die Überfremdung nicht unbedingt die Ursache, sondern eher das Symptom innerdeutscher Probleme. In Israel z. B. leben ca. 40% Fremdstämmige, trotzdem – oder, wie Michael oben geschrieben hat – wohl auch deswegen – blüht das jüdische Geistesleben wie nie zuvor. Allerdings hat alles auch seine Grenzen und sein Maß.

  8. @ Adi

    Veränderungen gibt es in Kulturen immer, mal stärker genetische, mal stärker kulturelle, mal beides, mal beides vielleicht auch über längere Zeit gar nicht. Gen-Kultur-Koevolution ist kein eingefrorener Zustand, sondern ein Prozeß.

    Das Band zwischen Genen und Kultur ist sehr dehnbar. Es ist belastbar. Aber es KANN auch reißen. Es kann zu einem Kontinuitätsabbruch kommen. Und untergegangene Kulturen weltweit zeigen, wie OFT es dazu schon gekommen ist.

    Um die Frage zu beantworten, ab wann der Kontinuitätsabbruch auf genetischer oder kultureller Ebene zu stark geworden ist, wird man noch weitere Bewertungskriterien hinzuziehen müssen.

    Etwa die Komplexität einer Gesellschaft, bzw. einer Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung. Bestimmte kulturelle Komplexitätsstufen lassen sich auf Dauer nur mit bestimmten genetischen Häufigkeiten aufrecht erhalten, wie Korrelationen zwischen Bruttosozialprodukt und durchschnittlichem IQ eines Landes weltweit zeigen.

    Und so weiter und so fort.

  9. @ Ferdinand

    1. Mein Aufenthalt auf deutschem Boden ist sozusagen per definitionem “geborgene Zeit”, bis es mir oder den deutschen Behörden mal “reicht”. Es ist nicht mein Anliegen, zu gefallen, also kann ich genauso gut auch wahrhaftig sein und gucken, was passiert. Ich sage hier jedenfalls nichts, was in meinem Zuhause nicht salonfähig wäre, und an bundesrepublikanischen Verhältnissen messe ich mich nicht.

    2. Gegen wirklich “jede” Einwanderung von Nichteuropäern zu sein, kann ich nicht unterstützen, aber ich habe Verständnis für diejenigen, die gegen Masseneinwanderungen sind. Ist es nicht erstaunlich, dass ausgesprochene Einwanderungsländer à la Kanada und Australien viel anspruchsvollere Voraussetzungen haben für die Einwanderung und -bürgerung, geschweige denn für die Inanspruchnahme öffentlicher Gelder, als Deutschland?

    3. Die Gastarbeiter sind nie jüdischer Abstammung, denn wenn sie es doch sind, können sie sich auch gleich einbürgern lassen, genauso wie Deutschstämmige in Deutschland, wenn sie die gesetzlich festgelegten Merkmale “deutscher Volkszugehörigkeit” erfüllen. Die jüdische Volkszugehörigkeit wird auf Basis zweier nicht voneinander abhängiger Hauptmerkmale geprüft: der Abstammung und der Religionszugehörigkeit, d.h. ein Jude kann (natürlich bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen) entweder aufgrund seiner Abstammung eingebürgert werden, ohne Rücksicht auf seine Religiosität (sofern er sich zu keiner nichtjüdischen Konfession bekennt), oder aber (wiederum bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen) aufgrund seiner jüdischen Religionszugehörigkeit, ohne Rücksicht auf seine Abstammung. Allerdings gelten diese Bestimmungen, so das jüdische Rückkehrgesetz, auch für die Kinder und Kindeskinder eines Juden, den Gatten oder die Gattin eines Juden sowie für den Gatten oder die Gattin von Kindern und Kindeskindern eines Juden. Ob der Jude oder die Jüdin, auf den bzw. die sich der Einbürgerungsantrag stützt, noch am Leben ist bzw. selber in Israel lebt, spielt nach heutiger Rechtslage keine Rolle, sodass recht viele Nichtjuden einwandern können und – inzwischen vermutlich um die Hunderttausende vornehmlich aus der ehemaligen UdSSR – auch tatsächlich eingewandert sind.

  10. Warum füllt Thilo Sarrazin neuen Wein in alte Schläuche?

    Thilo Sarrazin füllt neuen Wein in alte Schläuche. Kein Wunder, wenn diese durch die Scheindebatten platzen! Warum zitiert Thilo Sarrazin Ferdinand Lassalle? “Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist.”

    Lasalle liebte es, das Geld von Steuerzahlern ausgeben zu lassen: “Nur wenn die Arbeiter selbst Produktionsgenossenschaften gründeten, die Scheidung zwischen Arbeitslohn und Unternehmergewinn damit aufheben würden und so der volle Ertrag ihrer Arbeit ihnen zufließen würde, wäre dieses Dilemma beseitigt. Der Staat müsse die Arbeiterschaft fördernd und entwickelnd, u.a. mit Krediten unterstützen.”

    Zeugt es etwa von Mut, die sozialdemokratische Partei einem neuen politischen Diskurs zu unterwerfen, während alle Parteien per Gesetz darin versagen müssen, den Willen wählender Bürger zu bündeln und parlamentarisch abzubilden?

    Das “Goldene Zeitalter” der BRD von 1950 bis 1964 ist vorbei. Die Kuh ist gemolken. Ihre Umrüstung zu einem trojanischen Pferd endete in hoffnungsloser Überschuldung der Öffentlichen Hand. Zwar haben wir immerhin eine Staatsquote von 50 Prozent, doch langsam, aber sicher geht uns die Luft aus.

    Kommt als Nächster der Haircut der Schafe? Die Deutschen haben viel Geld gespart. Schuldenfreie Behörden wären doch eine feine Sache, nicht wahr? Und der Sündenbock ist auch schon da. Zwar hat die Bundesregierung die kostenträchtige Multikultur geschaffen, doch zieht sie sich jetzt aus der Verantwortung. “Wasch mich, aber mach mich nicht naß!” Und der deutsche Michel kauft das Buch auch noch. So machen die Claqueure Thilo Sarrazin zum Millionär. “Brot und Spiele” läßt grüßen. “Die spinnen wohl, die Römer!”. “Es gäbe noch viel zu sagen, doch ihr würdet es jetzt nicht ertragen!”

    Schaumerma, was dem deutschen Volk dient und was dem Erhalt der Eliten dient, die das deutsche Volk ausbeuten.

  11. Ähem –

    ohne mich auf die Sarrazin-Diskussion hier inhaltlich einzulassen, doch eine kleine Rückfrage zwecks Verständnis: Yoav, was ist bitte mit dem “seit Jahrzehnten andauernden Kreislaufstillstand des deutschen Geistes” eigentlich gemeint? Ist das nicht doch ein kleines bisschen pauschalisierend und kulturapokalyptisch (auch das hätte ja in der deutschen Geistesgeschichte gute Tradition)? Oder wünschst du dir ganz einfach einen neuen Goethe oder einen Kant 2.0?

  12. @ Christopher

    Ja, es ist pauschalisierend, aber nicht wegdifferenzierend… Was ich mir wünsche bzw. was die Deutschen sich m. E. wünschen sollten, ist eine erneute Blüte des Einzigartigen, also des deutschen Denkens schlechthin. Das ist im Zeitalter der Globalisierung zwar sehr, sehr schwierig, aber doch noch möglich, wie am jüdischen Beispiel im heutigen Israel zu sehen ist.

    Es sollen also Philosophen her, die uns geistig-inhaltlich – und nicht nur bürokratisch-förmlich – erklären könnten, was es bedeutet, heutzutage Deutscher zu sein oder zu werden, was für spezifisch deutsche Verantwortungen (ihrer jeweiligen Meinung nach) damit einhergehen, was für Visionen sich daraus ergeben können und warum die Welt heute noch überhaupt des Deutschen bedarf. Oder auch allgemein-philosophische Köpfe, die dem deutschen Denken inspirierend-neues Leben schenken würden. Ja, ein Goethe oder Kant 2.0 wäre wohl gar nicht schlecht, aber auch ein Georg Simmel oder ein Egon Friedell 2.0 würde die gegenwärtige Lage erheblich verbessern.

    PS.
    Wenn ich jetzt, während ich diese Antwort tippe, nach rechts blicke, sehe ich im Bücherregal Maimanns “Was bleibt” oder Stourzhs “Vom Reich zur Republik” (beides übrigens persönlich signiert). Ich bin zwar schon länger nicht mehr “da unten” gewesen, aber es scheint bei euch doch noch zu gären, und zwar zu Recht: Österreich ist keine Frage, die sich binnen zehn Jahre (1945-55) endgültig lösen lässt. Politisch vielleicht schon, historisch-theoretisch keineswegs. Der anhaltende Bedarf an dieser Österreichphilosophie, die auch in diesem Blog ihren Platz gefunden hat, zeugt jedoch umso deutlicher von der fast durchgängigen Unterdrückung einer letztendlich doch übergeordneten Deutschlandphilosophie, die momentan noch höchstens am Rande der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit existiert. Während das heutige Österreich seine Wurzeln in der untergegangenen Monarchie sucht, besinnt man sich diesseits der niederbayrisch-oberösterreichischen Grenze per Staatsakt und alles drum und dran auf den 23. Mai 1949… Das sagt eigentlich schon alles.

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