Riki Daskal: Täuscht euch nicht. Ein Gedicht in drei Bildern

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Wien. Heidelberg. Berlin: ein israelischer Blick auf Deutschland
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Ein weiteres Gedicht von Riki Daskal. Diesmal eines in drei Bildern, vielleicht drei Szenen auf der Bühne des Lebens, unseres kollektiven Lebens. Daskal war jahrelang Schauspielerin und bildet heute – neben ihrer Leidenschaft zur Dichtung – an wichtigen Einrichtungen in Israel angehende Schauspieler aus. Wie in ihren Gedicht arbeitet sie dabei oft mit der Geschichte, die sie mit künstlerischer Freiheit ver- und aufarbeitet.

(Ich musste den Schriftgrad verkleinern, um die Zeilenstruktur zu behalten.)

 

Täuscht euch nicht. Ein Gedicht in drei Bildern

I. Der Tuchmacher Jakob Böhme

Der Tuchmacher Jakob Böhme
Als er weder wegen Leinensträngen auf den Markt
Noch wegen der Webstuhlmaße zum Tischler
Und sich auch keine dünnfingerigen, ergebenen Weberinnen aussuchen musste
War Philosoph und Literat.
Bei seinen Sonntagswanderungen wusste er, dass er nur
Der Fußstapfen im Schlamm am Flussufer gewiss sein kann.
Doch auch er, der Philosoph, Literat und Tuchmacher Jakob Böhme
Konnte keineswegs erahnen
Dass sein Haus, in dies wie Gottes Bild schönem Land
Eines fernen Tages ein Schlachthaus werden sollte
Und nachher ein prächtiges, stilles Gasthaus.

II. Die Bäume warten nackt

Jenseits des Flusses gibt’s immer ein anderes Land
Seine Bauten sind Köstlichkeiten, seine Türme gleichen Silberzierden
Und an seinen Mauern steht geschrieben:
»Kein Mensch ist illegal«.
Glaub nicht den aufklärerischen Menetekeln an der Wand
Jenseits deren liegt ein so böswilliges Land
Wie ein Kirchhof an einem Frühlingsmorgen

III. Meine Hass- und Angstknolle ernähret meine Blütenblätter, solange ihr in den Schaufenstern eure Kulturblumen anbietet

Ein Mann geht an mir vorbei
Sein dünnes Haar ist gut gepflegt, an seinen Wangen feine Kapillaren
Einen leichten Parfumduft hinterlässt er gleichsam eine Pfütze, in der Hand
Hält er eine Tüte mit trocknem Brot.
Er geht die Enten füttern.
Er mag wohl Tiere.
Glaub ihm nicht.
Ein Entenschwarm nähert sich, um sich aus seiner Hand zu ernähren
Und hinterlässt im Fluss Streifen
So zart wie Wimpern.
Sie kümmert es nicht, was seine Hand getan hat, vor einer Stunde, vor Jahren.
Aber ich
Ich darf nicht vergessen
Nicht so harmlos ist er wie die Ente
Ich darf nicht vergessen
Auch nicht so wie ein alter Dichter
Ich darf nicht vergessen
Und den richtigen Pass habe ich nicht —
Ich darf nicht vergessen.

  

 

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

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