Reflexionen über das hebräische Neujahr

Die ersten Anzeichen des jüdischen Herbstes; die jüdischen Abende mit den leichten Wolken, die sich schon zu versammeln beginnen…

…die Luft im jüdischen Lande und der frische Duft, den sie den Kindern Israels nach einem langen, ermüdenden Sommer mitbringt: Das ist für mich, wie der jungfräuliche Schnee zu Weihnachten in Schwaben, vom ersten Tage an die natürliche Kulisse der hebräischen Neujahrszeit, die sich jetzt vollzieht.

Ja, der hebräische Kalender gilt auch im Ausland; und ja, Juden haben unglaublich lange mehrheitlich auch in der Fremde gelebt. Aber verwurzelt ist und bleibt unser Jahreskreis im eigenen Lande, in dem es entstand und seine Form annahm. Anderenorts wirkt er genauso natürlich wie das aus Europa importierte Weihnachten im südafrikanischen Hochsommer.

Und weil wir uns auf den Scilogs befinden, geht es nicht ohne ein Stückchen Wissensvermittlung:

Nach biblischer Monatszählung findet das heutige Neujahr (wie auch die darauf folgenden Feste: der Versöhnungstag und das Laubhüttenfest) eigentlich im siebten Monat statt, während der Jahreskreis selbst zu Frühlingsbeginn anfängt und – Israels "Gründungsnarrativ" entsprechend – mit dem Auszug aus Ägypten zusammenhängt.

Doch im Gegensatz zur (weit?) verbreiteten Meinung, das hebräische Neujahr zu Herbstbeginn wäre eine fremde Tradition, die wie die heutigen Monatsnamen ihren Ursprung in Babylonien hätte, beweist der Gezer-Kalender, ein archäologischer Fund aus der Zeit Salomons, dass Israel bereits damals, als Babylonien noch völlig unbekannt war, sein Jahr zu Herbstbeginn anfangen ließ.

Interessanterweise ist in dieser Sache auch die Bibel selbst nicht so eindeutig: In Ex. 23:16 heißt es in Bezug auf das sog. "Laubhüttenfest", das nach der biblischen Monatszählung im siebten Monat stattfindet, folgendermaßen:

"[…] das Fest der Lese am Ausgang des Jahres, wenn du den Ertrag deiner Arbeit eingesammelt hast vom Felde."

Mitten im siebten Monat, wenn das Laubhüttenfest stattfindet, scheint also das vorige Jahr schon ausgegangen zu sein! Allerdings heißt das Fest hier eben nicht "Laubhüttenfest", sondern "Lesefest", d.h. seine Bedeutung rührt hier nicht vom Auszugsnarrativ her, sondern steht, wie der Gezer-Kalender auch, im landwirtschaftlichen Zusammenhang. Daraus kann man m. E. ersehen, dass selbst der Pentateuch, der zumeist das Auszugsnarrativ propagiert, den landwirtschaftlichen Volkskalender kennt, in dem das Jahr zu Herbstbeginn anfängt.

Soweit das Wissen – und nun die Spekulation: Ob es sich bei der "amtlichen" Monatszählung der Bibel und der damit zusammenhängenden Verlegung des Neujahrs an den Frühlingsanfang um eine Auferlegung eines Elitenkalenders handeln könnte?

Das dürfte tatsächlich der Fall gewesen sein. Denn der Kalender, der das Jahr zu Frühlingsbeginn anfangen lässt, hängt sehr eng mit dem Auszugsnarrativ zusammen, welches – wie in diesem Beitrag erklärt – wohl eher im Nordreich wurzelte. Darum konnte das Passah, das Hauptfest des Auszugsnarratives, erst infolge des nordisraelitischen Untergangs und der Elitenflucht gen Süden nunmehr in Jerusalem stattfinden. Genauso darf auch der nordisraelitische "Auszugskalender", der das Jahr sinngemäß im Monat des Passah anfangen lässt, erst zu einem relativ sehr späten Zeitpunkt seinen Platz im nunmehr integrativen Kult eingenommen haben.

Sicher ist jedenfalls eines: Als die verschiedenen Traditionen zum Gesamtwerk des Pentateuchs bearbeitet wurden – wohl nach dem Untergang des Südreichs im (für beide Seiten neutralen) babylonischen Exil -, konnten sich der Gründungsmythos im Allgemeinen und der Auszugskalender im Besonderen durchsetzen, sodass die "amtliche" Monatszählung der Bibel sich nach diesem Kalender richtet.

Davon mag etwa der Sprachgebrauch des Propheten Sacharja zeugen, der wiederum erst später, nämlich bei der Rückkehr aus Babylonien, tätig war. In dieser Schrift wird etwa das Gedaljah-Fasten (ein Nationaltrauertag mit keinem kultisch-religiösen, sondern rein politisch-historischem Hintergrund), das auf das herbstliche Neujahr des landwirtschaftlichen Volkskalenders folgt, als das "Fasten des siebenten Monats" bezeichnet (vgl. ebd. 8:19 wie auch 7:5). Das heißt: Dieser Prophet, der nach der Zusammenschmelzung des Kultes lebt, verwendet schon die Zählung des narrativen Auszugskalenders, der sich mithin erfolgreich durchgesetzt zu haben scheint.

Allerdings nicht für lange bzw. nicht "auf der ganzen Linie": Schon relativ bald darauf muss der landwirtschaftliche Volkskalender gewissermaßen wieder die Oberhand gewonnen haben, zumindest im Hinblick auf die Neujahrsfrage. Denn im rabbinischen Judentum wird das Neujahr bis heute, wie ja schon zu Zeiten Salomons, wieder zu Herbstbeginn begangen, also erst im angeblich "siebten" Monat.

Das Laubhüttenfest hat hingegen seine südisraelitische Bedeutung als das Tempelfest schlechthin weitgehend eingebüßt und figuriert seitdem vornehmlich in seiner narrativen Rolle im Rahmen des ursprünglich nordisraelitischen Auszugsmythos: Die Laubhütten werden meistens nicht als Feldwohnungen zur Lesezeit verstanden, sondern in erster Linie als die beweglichen Hütten der Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten, d.h. auf ihrem angeblich vierzigjährigen Weg durch die Wüste. Und in diesem Zusammenhang befindet sich das Laubhüttenfest, obwohl kaum zwei Wochen auf das Neujahr folgend, eben doch schon im siebten Monat des Kalenders, der mit dem Auszug beginnt…

Man sieht also: Unser heutiger Kalender ist ein spannender Zusammenfluss unterschiedlicher Urtraditionen Israels.

PS.
Es besteht eine schöne, weil logische Kongruenz zwischen zwei jüdischen Traditionen der Zeitverwaltung: Auf der einen Seite der Jahreskreis, der das Jahr am Ende des Sommers enden (und ein neues beginnen) lässt, und auf der anderen Seite der Tagesablauf, der den Tag mit dem Sonnenuntergang enden (und einen neuen beginnen) lässt. Beiden Traditionen scheint nämlich ein und dasselbe Moment zugrunde zu liegen, das den Höhepunkt der jeweiligen Zeiteinheit mit dem Höhepunkt der Lichtquantität in Verbindung bringt: Der Winter, in dem es am wenigsten Licht gibt, und der Sommer, in dem es am meisten Licht gibt, korrespondieren somit mit der Nacht bzw. dem Mittag. Endet die Zeit der Lichtfülle, so endet auch die jeweilige Zeiteinheit – und es beginnt eine neue (am Abend bzw. im Herbst).

PPS.
Einen anderen Text, der das hebräische Neujahr berührt, findet man hier: Prädestination im Judentum

 

 

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Interessanter Artikel

    Du liebst eindeutig die Dekonstruktion, lieber Yoav! Werde ihn mir bei Gelegenheit noch einmal in Ruhe durchlesen. Aber eines möchte ich doch schon mal gleich loswerden: Schana towa! (Frohes Neujahr!)

  2. Metonischer Mondkalender

    Yoav schrieb :“Doch im Gegensatz zur (weit?) verbreiteten Meinung, das hebräische Neujahr zu Herbstbeginn wäre eine fremde Tradition, die wie die heutigen Monatsnamen ihren Ursprung in Babylonien hätte, beweist der Gezer-Kalender, ein archäologischer Fund aus der Zeit Salomons, dass Israel bereits damals, als Babylonien noch völlig unbekannt war, sein Jahr zu Herbstbeginn anfangen ließ.”

    Also Yoav … hier muss ich aufs Äusserstschärfste protestieren 🙂

    Ich habe an anderer Stelle schon festgestellt, dass bei dir ein wiederkehrendes Motiv besteht, nämlich die Abwehr der Okkupation ursprünglich jüdischen Kulturgutes durch andere Kulturen. Das ist durchaus ehrenwert, aber manchmal schiesst du dann doch über das Ziel hinaus !

    Meines Wissens, das sich wesentlich auf die Geschichte der Astronomie stützt und weniger auf die alten, religiösen Überlieferungen, ist der jüdische Kalender ein Kalender, der sich auf den sogenannten metonischen, 19 – jährigen Mondzyklus stützt. Dieser Zyklus erlaubt eine weitgehende Synchronisation des Mondkalenders mit dem Sonnenkalender.
    Benannt ist dieser Zyklus nach dem griechischen Astronomen Meton. Es gilt aber als ziemlich sicher, dass er den Babyloniern schon Jahrhunderte vorher bekannt war. Ich nehme an, dass dir all dies bekannt ist.

    Sofern deine Ausführungen andeuten sollen, dass die Juden vor rund 3000 Jahren als erste einen Mondkalender benutzten, der auf dem metonischen Zyklus beruht, so bist du den Nachweis schuldig geblieben.

    Mir ist nicht bekannt, dass sich die Juden vor einigen tausend Jahren durch astronomische Forschung besonders ausgezeichnet hätten. Ich lass mich aber gern eines besseren belehren. Sicher ist aber, dass die Babylonier in dieser Hinsicht sehr aktiv waren.

  3. @ Peter

    Vielen Dank für deinen Kommentar. Also, ich behaupte mitnichten, die “Urjuden”, wenn wir sie mal so nennen, wären damals so weit gewesen wie die Mesophotamier. Mir geht es nur darum, wann ihr Jahr bzw. Jahreskreis – wie auch immer konstruiert – begann: ob im Frühling, wie in der Bibel geboten, oder im Herbst, wie es die heutige Tradition handhabt?

    Diese Frage beantworte ich folgendermaßen:

    1. Das urisraelitische Jahr begann, wie aus dem Gezer-Kalender hervorgeht, ebenfalls im Herbst;
    2. Die biblische Zählung, die das Jahr im Frühling beginnen lässt, muss folglich als Alternativtradition entstanden sein, die wohl auf den narrativen Auszugsmythos zurückzuführen ist;
    3. Nichtsdestoweniger verrät der biblische Sprachgebrauch selbst, dass das Jahr sonst im Herbst begann bzw. dass das Vorjahr im Herbst endete.

    Wie der/die Urheber des Gezer-Kalenders es hinkriegten, ihre 12 Monde in Einklang mit dem Sonnenjahr zu bringen, weiß ich nicht. Vermutlich nahmen sie, wenn auch ohne hierfür ein System zu haben, kurzfristig Korrekturen (12/13 Monde im Jahr) vor, damit ihr Kalender nicht “außer Kontrolle” geraten und für sie somit nutz- und sinnlos geworden wäre.

    Denn es scheint mir außer Zweifel zu stehen, dass ihr Kalender nicht nur mit dem Mond, sondern zugleich auch sehr eng mit den Jahreszeiten zusammenhing, weil sie ja ein ganz und gar landwirtschaftliches Leben führten (etwa im Gegensatz zu den ersten Muslimen in Arabien, die Nomaden waren und deren Feste bis zum heutigen Tage “einwandfrei” von einer Jahreszeit rückwärts in die vorige wandern können; dafür “altern” sie dementsprechend schnell als wir).

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