Lebenszeichen

un/zugehörig

Nach einer langen Pause melde ich mich hier wieder zu Wort.

Warum habe ich so lange geschwiegen? Vor allem aus beruflichen Gründen, denn ich habe momentan sehr viel zu tun. Aber auch, weil ich seit einigen Monaten etwas nachhole, was ich mehr oder weniger jahrelang vernachlässigt habe, nämlich das Schreiben in meiner Muttersprache.

Ende 2010 bin ich der Deutschlandkorrespondent von Maariv, einer israelischen Tageszeitung (eigentlich der zweitgrößten unter den verkauften), geworden. Da geht es natürlich in erster Linie um die Druckausgabe, aber als Verlagsautor habe ich auch auf der Zeitungswebsite einen Kolumne bzw. einen Blog bekommen, wo ich meinen bizarren Gedanken an der Schnittstelle zwischen Deutschland und Israel, Jerusalem und Berlin freien Lauf lassen kann. Und ich muss zugeben, dass dieser erneute Kontakt zu meinen Landleuten für mich momentan noch eine ganz interessante Erfahrung ist.


In letzter Zeit sind mir aber auch mehrere Leute über den Weg gelaufen, die ich bis dahin nicht gekannt habe, die aber mich von diesem deutschen Blog kennen. Da wurde mir allmählich klar, dass ich hier, ohne es zu planen oder gar zu wollen, nichtsdestoweniger treue Leser vernachlässigt habe…

Womit befasse ich mich also zurzeit noch? Zum Beispiel mit der Übersetzung eines Buches, das ein israelischer Denker über Paulus geschrieben hat. Ich finde es großartig, wie Israelis ihre verlorenen Kulturgüter wie etwa das Neue Testament langsam dorthin zurückbringen, wo diese Kulturgüter auch hingehören; und wie Deutsche, also etwa der Verlag, für den ich diese Übersetzung anfertige, solchen Israelis Zugänge in die deutsche Öffentlichkeit ermöglichen. Ende des Monats findet im Literarischen Colloquium Berlin die erste deutsch-israelische Übersetzerwerkstatt mit 12 Teilnehmern statt, die entweder aus dem Hebräischen ins Deutsche oder umgekehrt übersetzen – ich bin auch eingeladen und freue mich sehr darauf.


Außerdem versuche ich ab und zu auch wieder ehrenamtlich tätig zu sein, z. B. als Mitorganisator eines neuen israelischen Kulturhauses in Berlin, genannt »habait« (die Initiatoren heißt Nirit Bialer, die ihr wohl noch nicht kennt, aber mich dünkt, euch wird ihr Name in Zukunft mal wieder begegnen). Gestern fand die zweiteilige Auftaktveranstaltung statt: Markus Flohr las aus seinem Buch »Wo samstags immer Sonntag ist« vor und sprach natürlich auch darüber (ein genüssliches Muss für jeden Deutschen, der sich fürs jüdische Land interessiert), dann trat eine israelische Sängerin auf, die jetzt in Berlin lebt und deren Songs mich um Jahre zurückversetzt haben.

Und da geschah es plötzlich, mittendrin im Konzert: Ich wusste nicht mehr, was ich hier denn tue und warum ich noch in Deutschland bin. Will sagen: Es gibt natürlich zig Gründe dafür, die ich aufzählen kann, nur leuchtet mir das Ganze mit der Zeit irgendwie immer weniger ein.


Es sind jetzt ca. fünf Jahre, dass ich »hier« bin. Viel hat sich in dieser Zeit geändert (vieles auch nicht). Nun habe ich einen gewissen Status, den ich mir erarbeitet habe, und knapp vier verschiedene Berufe, die mich ganz in Anspruch nehmen – doch je besser es mir geht, umso weniger weiß ich, was ich wirklich will.

Vor fünf Jahren habe ich mein Land verlassen, um Deutschland zu erforschen, gleichsam ein Ethnograf die deutsche Seele zu ergründen, oder zumindest das, was davon noch übrig bleibt. Was ich direkt zu diesem Thema zu sagen hatte, habe ich hier in vielen Texten beschrieben und erläutert. Ich habe mir zwar keine große Mühe gegeben, aber ab und zu doch versucht, wenige Grundtexte irgendwo unterzubringen – bislang ohne Erfolg, was ich schließlich auch verstehen kann, denn es ist keine leichte Kost. Jedenfalls steht dank der Chronologs meine kleine »Germanologie« oder Deutschlandphilosophie im Netz und somit lasse ich mein Brot übers Wasser fahren (vgl. Prediger 11:1). Meine Feldforschung, sozusagen, d.h. meine persönliche Auseinandersetzung mit Deutschland und den Deutschen, ist im Wesentlichen beendet: Was ich hierzulande an Menschen und Anregungen gefunden habe, habe ich gefunden, und was ich nicht gefunden habe, habe ich nicht gefunden – viel wird sich hieran in absehbarer Zukunft wohl nicht ändern.


Was mich hier noch hält, ist nunmehr nur noch das Berufsleben. Und dennoch – oder auch gerade deswegen – komme ich nicht zur Ruhe. Je weniger Sorgen ich mir machen muss, umso schlechter kann ich nachts schlafen, wenn sich mir die Fragen aufdrängen: Wo soll das aber hinführen?

Bin ich ehrlich zu mir selbst, so muss ich zugeben: Ich bin hier nicht glücklich, fühle mich auch nicht zu Hause. Wie lange das noch gehen kann, weiß ich nicht, desgleichen aber, ob es mir anderwärts besser ginge.

Beschweren aber darf ich mich nicht, also versinke ich lieber, ohne tiefe Gedanken an die Zukunft und den Sinn meiner kleinen Existenz, wieder in die jüdische Psychoanalyse der Paulusbriefe.

PS.
Dieser war der 160. Text in »un/zugehörig«

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

1 Kommentar

  1. Paulusbriefe

    Darf ich irgendwann mal einen Beitrag hier zur Thematik “jüdische Psychoanalyse der Paulusbriefe” erwarten. das klingt interessant. Allzu schmeichelhaft dürften die Ergebnisse der Analyse für Paulus nicht ausfallen, vermute ich mal.

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