Die Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR: Kapitel VIII

un/zugehörig

Dies ist eine unformatierte Version der Magisterarbeit "Die Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR", erforscht und geschrieben von Yoav Sapir an der Hebräischen Universität Jerusalem, 2004-2006. Diese unformatierte Version dient allein der Erschließung durch Google. Wenn Sie sich für die Arbeit interessieren, empfehle ich Ihnen wärmstens, kostenlos die PDF-Version herunterzuladen: Klicken Sie hier.


 

 

 

VIII. Vorschläge für künftige Forschungen

 

Wenn der Leser, nachdem er die Arbeit gelesen hat, einwenden will, dass diese Arbeit das allgemeine Thema des Judenbildes in der DDR schlechthin nur teilweise bewältigt, so hat er vollkommen Recht, zumal ich es ja selbst bereits am Anfang der Arbeit erklärt habe.[419] Um diesen Einwand zu erledigen, möchte ich die Aufmerksamkeit auf einige thematische Stellen richten, die im begrenzten Rahmen dieser Arbeit nicht behandelt werden können und daher Ansatzpunkte für künftige Forschungen bilden sollen.

 

Zuallererst taucht die Frage nach der Entstehungsgeschichte der von uns herausgearbeiteten jüdischen Identität auf, also danach, ob die Darstellungsweise des Juden, die wir in den Filmen gefunden haben, absichtlich erzielt wurde oder aus unbewusster Dynamik in der DDR im Allgemeinen und bei den Dreharbeiten im Besonderen entstand. Mit anderen Worten: Entstand dieses Bild des Juden aus dem bewussten Bedürfnis, eine unterscheidende bzw. absondernde Betrachtungsweise des Judentums zu verhindern, oder waren es eher gesellschaftspolitische, bestimmte ideologische Vorschriften befolgende Verhaltensmuster, die eine solche Betrachtungsweise von vorneherein verunmöglichten?

 

Zur Beantwortung dieser Frage würde ich eine vergleichende Erforschung der schriftlichen (im Gegensatz zur hier erforschten filmischen) Literatur der DDR empfehlen, und zwar anhand derselben Leitfrage und derselben Forschungsmethode,[420] d.h. eine Erforschung ostdeutscher schriftlich-literarischer Werke mit jüdischer Gegenwart. An der Filmherstellung ist das jeweilige Regime nämlich weit tiefer beteiligt als am Entstehen schriftlicher Literatur. Erstens erfordert die Filmherstellung die Zusammenarbeit mehrerer Leute und Einrichtungen und daher auch die Übereinstimmung derselbigen miteinander; zweitens bedarf sie vieler Geldmittel, was unter den Umständen der Zentralplanwirtschaft staatliche Finanzierung heißt und in strengerer Kontrolle resultiert; drittens erfreut sich die Filmkunst, wie wir schon früher konstatiert haben, weit größeren Einflusses auf das Publikum als schriftliche Werke, was jedes Regime zu strengerer Kontrolle aller Stadien des Produktionsganges führt.

 

In all diesen Hinsichten unterliegt die schriftliche Literatur sehr unterschiedlichen Umständen: Sie entspringt gewöhnlich dem Kopf eines Einzelnen, dessen Vorstellungen und Einbildungen recht schwerlich zu überwachen sind; die Schriftstellerei an sich bedarf keiner großen Mittel; und obwohl die Zensur auch dabei ausgeübt wird, ist sie weit milder als bei der Filmkunst, da Bücher kein Massenmedium sind. In Anbetracht dieser Unterschiede lässt sich vermuten, dass Resultate, die möglicherweise aus einer künftigen Erforschung schriftlicher Werke in der DDR hervorgehen und dabei stark von den unsrigen abweichen würden, darauf hinweisen könnten, dass die Erfüllung des bewussten Bedürfnisses, eine unterscheidende Darstellungsweise des Juden zu verhindern, im ostdeutschen Spielfilm widergespiegelt würde. Wenn aber die künftigen Resultate den unsrigen sehr ähnlich wären, würde es bedeuten, dass die politisch-gesellschaftliche Dynamik in der DDR eine absondernde Darstellungsweise des Judentums von vorneherein verunmöglicht hätte.

Eine weitere Frage wäre, ob die Darstellungsweise, die wir in den Filmen gefunden haben, auch für die Gesellschaft der DDR galt. Will sagen: Hat diese Gesellschaft die nationalsozialistische Vergangenheit im Besonderen und die antisemitischen Strömungen im Allgemeinen wahrhaft überwunden? Kurz gefasst, würde eine Forschung zur Rezeptionsgeschichte der Filme die angemessene Fortsetzung, ja das Gegenstück der vorliegenden Analyse bilden. Dabei sollten unsere hiesigen Resultate zum Bild des Juden als Ausgangspunkt fungieren, damit nach der Aufnahme dieses Bildes gefragt werden kann. Höchst interessant wäre dann zu untersuchen, was für einen Einfluss (wenn überhaupt) das Bild des Juden im Spielfilm der DDR, welches sich jahrzehntelang kaum ändert, auf die Meinungen des sich unaufhörlich verändernden ostdeutschen Publikums ausgeübt hat. Weiters sollen die Ergebnisse eines derartigen Forschungsvorhabens der von uns herausgearbeiteten Aussagekraft des ostdeutschen Spielfilms hinsichtlich der dort propagierten jüdischen Gruppenidentität gegenübergestellt werden.[421]

 

Darüber hinaus wäre ein Vergleich mit einer ähnlichen Erforschung ostdeutscher Filme der sozusagen »sachlichen« Gattungen, die sich aber keineswegs grundsätzlich vom Spielfilm unterscheiden, besonders aufschlussreich. Damit sind der Dokumentarfilm und die Wochenschau bzw. die Fernsehnachrichten gemeint.[422] Dadurch wäre es möglich zu erfahren, inwieweit das Judenbild im ostdeutschen Dokumentarfilm und/oder in der ostdeutschen (seinerzeit) aktuellen Berichterstattung dem von uns herausgearbeiteten Judenbild ähnlich war bzw. wodurch sich die Bilder unterscheiden.[423] Diese Erkenntnisse könnten wiederum Licht darauf werfen, was sich das SED-Regime unter »Dokumentarfilm« vorstelle, d.h. wie der (angebliche) Unterschied zwischen den beiden Grundgattungen dort verstanden wurde. Weitere Vergleiche anhand von Erforschungen andersartiger Medien wären natürlich ebenfalls am Platze.

 

Eine vierte Anknüpfung an die hiesige Forschung wäre ein Vergleich mit der Filmkunst zum jüdischen Thema in Westdeutschland (d.h. in der BRD vor der Wiedervereinigung), im wiedervereinigten Deutschland sowie mit dem »alternativen Deutschland«, also mit der Zweiten Republik Österreich, welche die Kriegserfahrung im Allgemeinen und in Bezug auf die Judenverfolgung und -vernichtung im Besonderen mit der DDR und der BRD gemeinsam hat.[424] Als Ansatz zu dieser Fragestellung dürfte der hiesige Vergleich mit der Wendezeit, also mit Bronsteins Kindern, dienen.[425]

 

Nicht zuletzt könnte die fünfte Forschungsrichtung der Holocaustdarstellungsweise und -gedächtnisbildung gewidmet werden, um die diesbezüglichen Repräsentationsfragen,[426] die wir unbeantwortet haben lassen müssen, mit wohl begründeten Antworten auszustatten.

[419] Siehe in Kap. ‎I.a.3, »Die Forschungsmöglichkeiten«, auf S. 4

[420] Wir haben zwar den Absatz von Thomas C. Fox erwähnt (s. Anm. 239, auf S. 51, sowie in Kap. ‎IV.a, »Einschlägige Literatur zum Thema«, auf S. 51 ff.), dem aber eine andere Fragestellung zugrunde liegt und welcher einem derartigen Vergleich daher nicht dienen kann.

[421] Siehe dazu in Kap. ‎VII.a.2, »Die Widersprüchlichkeit des ostdeutschen Judenbildes«, auf S. 104

[422] Zum leider unumgänglichen Verzicht auf diese Gattungen siehe in Kap. ‎III.b, »Klarstellungen und Vorbehalte hinsichtlich der Filmliste«, auf S. 41 f.

[423] Zu diesem Zweck möchte ich auf einen einschlägigen Ansatzpunkt hinweisen: Günter Jordan und Ralf Schenk (Red.), Schwarzweiß und Farbe. DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Herausgegeben vom Filmmuseum Potsdam. 2., erweiterte und verbesserte Auflage (Berlin: Jovis-Verlagsbüro, 2000)

[424] Siehe dazu in Kap. ‎II.a.2, »Die deutsche Gruppenidentität nach 1945 und der fehlende Platz des Juden«, auf S. 18 ff.

[425] Siehe dazu in Kap. ‎VI.f, »Vergleich mit der Wendezeit: Bronsteins Kinder (1990-91)«, auf S. 93 ff.

[426] Siehe dazu in Kap. ‎VI.g, »Holocaust-Sinnbilder als jüdische Zeichen?«, auf S. 95 ff.

 

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

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