Die Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR: Kapitel VII

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Dies ist eine unformatierte Version der Magisterarbeit "Die Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR", erforscht und geschrieben von Yoav Sapir an der Hebräischen Universität Jerusalem, 2004-2006. Diese unformatierte Version dient allein der Erschließung durch Google. Wenn Sie sich für die Arbeit interessieren, empfehle ich Ihnen wärmstens, kostenlos die PDF-Version herunterzuladen: Klicken Sie hier.


 

 

 

VII. Resultate und Antworten

 
VII.a. Die implizit in den Filmen gezeigte jüdische Identität[376]

 

Was sind also die Resultate, die unsere »Deutungsmaschine« geliefert hat? Ausdrückliche Hinweise (im Allgemeinen) kommen verhältnismäßig häufig vor, werden jedoch fast ausschließlich von Nichtjuden ausgesprochen, und zwar von »unaufgeklärten« Nazis (aber manchmal auch von »einfachen« Antisemiten), sonst von orthodoxen, d.h. ebenfalls »unaufgeklärten« Juden, also stets von »bösen« Figuren, weshalb sie als verneinte ausdrückliche Hinweise gelten, die eine mögliche jüdische Identität zu untergraben suchen.[377] Die Judensterne erscheinen natürlich immer wieder, ja mehr als die ausdrücklichen Hinweise, und sind wohl unzählbar. Auch ihre Erscheinung als negative Zeichen bezweckt die Leugnung jeglicher jüdischer Identität durch die Zuordnung solch »unaufgeklärter« Denkweise (dass es »Juden« als solche überhaupt gäbe) zu den für verpönt gehaltenen »Faschisten«. Von den positiven Zeichen, geschweige denn von den tätigen, gibt es recht wenig, ja am wenigsten; die neutralen belegen dann den zweiten Platz, aber auch ihre Zahl ist sehr begrenz; die Leinwand beherrschen somit die negativen Zeichen, und zwar durch die vorerwähnten Judensterne.

 

Die jüdischen Figuren im Allgemeinen verstehen sich nicht als »Juden«, sondern es wird von bösen Figuren auf sie als solche hingewiesen. Hier muss man den Unterschied zwischen »keine Juden sein wollen« und »Nichtjuden sein wollen« beachten: Die meisten jüdischen Figuren, die kaum positive Zeichen anzeigen, wollen bloße Menschen, also einfach keine Juden sein. Daraus, dass sie keine besonderen Anzeichen anderer, grundsätzlich nichtjüdischer Gruppenzugehörigkeit (in nationaler oder religiöser Hinsicht etc.) zeigen, lässt sich folgern, dass sie sich nicht wünschen, gerade Nichtjuden zu sein, sondern sich damit begnügen, bloße Menschen zu sein, wobei sie sich bemerkenswerterweise meistenteils auch nicht zum Sozialismus bekennen.[378] Die als »Juden« gekennzeichneten Figuren bekennen sich (wenn man das so bezeichnen darf) meistens nicht freiwillig zum Judentum, sondern durch ein negatives Zeichen, wie etwa der Judenstern. Sie »erklären« ihre Zugehörigkeit zum Judentum nur deswegen, weil sie als solche von den Nazis bestimmt worden sind, also erst nachdem die Nazis der Gesellschaft die Anwesenheit des »Judentums«, oder vielmehr dessen, was die Nazis unter diesem Begriff verstehen, aufgenötigt haben. Es sind daher nicht die gewöhnlichen jüdischen Figuren, die abgesondert sein wollen, sondern böse Figuren – meistens »Faschisten«, manchmal aber auch ausgesprochen »jüdische« Juden –, welche irgendeine Vorstellung des »Juden« in ihren Köpfen pflegen und die betroffenen armseligen Menschen demzufolge als »Juden« ab- und auszugrenzen suchen. Darüber hinaus wird implizit behauptet, dass die Bezeichnung eines Menschen als Jude etwas Böses ist, was nur Nazis und ihnen Gleichgesinnte tun, also schon an sich eine verpönte, antisemitische, rassistische Äußerung bzw. Tat ist, die anständige und aufgeklärte (sozialistisch gesinnte) Menschen vermeiden sollen bzw. müssen.

 

Da nicht die Juden selbst, sondern die Nazis diejenigen sind, welche die Juden zu Opfer machen, d.h. den Juden das Opfersein aufzwingen, wird die Möglichkeit, dass es sich um ein Schicksal des Opferseins oder um ein dem Judentum selbst innewohnendes Problem handelt, aufs Strengste abgelehnt und ausgeschlossen. Stattdessen wird eine klare Unterscheidung zwischen dem Jüdisch- und dem Opfersein propagiert: Die jüdischen Opfer seien nicht aufgrund ihres Jüdischseins, sondern infolge des »Faschismus« zu Opfern geworden. Die Judenverfolgung, wie gewissermaßen schon das Jüdischsein an sich, ist daher kein Teil oder Folge der ohnehin abgestrittenen jüdischen Identität, sondern der nationalsozialistischen bzw. »faschistischen« Identität.

 

Interessanterweise gibt es keine wesentliche Entwicklung bezüglich der jüdischen Identität. Was für den ersten Film gilt, ist auch bei dem letzten richtig; selbst Bronsteins Kinder, der zur Wendezeit hergestellt worden ist, weist keine wahrhafte Abweichung vom »Dogma« auf.[379] Natürlich weicht die Zeichenquantität und -qualität in jedem einzelnen Film von den restlichen ab, nur gibt es fast keinen Film, dessen Abweichung so stark ist, um damit einen Ausnahmefall bilden zu können. Die einzigen Ausnahmen bilden in dieser Hinsicht der Spielfilm Levins Mühle (1979-80) und der Fernsehdreiteiler Hotel Polan und seine Gäste (1980-82), die aber einfach umgekehrt gestaltet sind und dasselbe Bild des Juden vermitteln, sodass es schließlich keine wahrhaften Ausnahmen gibt. Auf das ostdeutsche Bild des Juden scheinen auch die Schwankungen in der gesellschaftspolitischen Stimmung in der DDR (bspw. die kritische Welle nach dem Mauerbau bis zum 11. Plenum des ZK der SED) gar keinen Einfluss ausgeübt zu haben, was zur Folge hatte, dass keine anderen bzw. neuen Antworten auf »Wer und was sind die Juden?« während des langjährigen Bestehens der SBZ bzw. DDR gegeben wurden.

 

Wer sind also die »Juden«? Durch eine dafür geeignete Entspannungstechnik, nämlich durch den »jüdischen« Juden, wird die Religion beiseite geschoben, in einen goldenen Käfig eingesperrt und von der Gegenwart (geschweige denn die Zukunft) ausgeschlossen, was die restlichen, also die meisten jüdischen Figuren von den Erwartungen des Publikums, also vom Bedürfnis, ihr Jüdischsein irgendwie von sich selbst zum Ausdruck zu bringen, befreit und sie umso mehr als unjüdisch erscheinen lässt. Die Juden müssen zwischen orthodoxer Vergangenheit und assimilierter Zukunft wählen, denn andere jüdische Lebensrichtungen mit religiösem, kulturellem oder nationalem Inhalt kommen in der Regel gar nicht infrage, und wenn schon, dann aber nur um sie noch strenger abzulehnen als die religiöse Orthodoxie. Heutzutage, also nach der Befreiung von den Fesseln der Religion, ist die überwältigende Mehrheit der Juden bzw. der jüdischen Figuren nur deshalb »jüdisch«, weil es ihnen die Bösen aufzwingen. Somit sind sie nichts mehr als ganz gewöhnliche Menschen, die sich nunmehr genauso voneinander unterscheiden wie alle anderen auf Erden, nichts außer dem von anderen, den Bösen, erzwungenen Opfersein miteinander gemeinsam haben und vornehmlich keine »Juden« mehr zu sein brauchen oder gar sein wollen. Die im ostdeutschen Spielfilm gezeigte jüdische Gruppenidentität ist also, kurz gefasst, eine leere bzw. entleerte Identität.

 

VII.a.1. Die jüdische Identität aus erster Hand

 

Alles, was ich hier über die in den Filmen gezeigte jüdische Gruppenidentität sagen kann, hat die jüdische Vaterfigur in Bronsteins Kindern (1990-91) bei einer belehrenden, an den Sohn gerichteten Rede bereits in Worte gefasst:[380] »Du sollst wissen, dass es Juden überhaupt nicht gibt. Dies ist eine Erfindung. Ob eine gute oder schlechte, darüber kann man streiten, jedenfalls – eine erfolgreiche. Die Erfinder haben ihr Gerücht mit so viel Ausdauer, mit so viel Überzeugungskraft verbreitet, dass selbst die Betroffenen, die so genannten Juden, darauf reingefallen sind und wollen sich behaupten [sic!], Juden zu sein. Und das wieder macht die Erfindung umso glaubwürdiger, verleiht ihr eine gewisse Wirklichkeit, und [es] wird immer schwerer die Sache bis zu ihrem Anfang zurückzuverfolgen. Es ist von einem Brei aus Geschichte umgeben, den man mit Argumenten überhaupt nicht durchdringt. Am verwirrendsten ist, dass sich so viele Menschen in ihre Rolle als Juden nicht nur gefügt haben, sondern von ihr geradezu besessen sind. Sie werden sich bis zum letzten Atemzug dagegen wehren, wenn man ihnen diese Rolle wegnehmen würde…«

 
VII.a.2. Die Widersprüchlichkeit des ostdeutschen Judenbildes

 

Wie am Anfang unserer Analyse erläutert,[381] muss der Jude unverkennbar als solcher, d.h. als Jude vorgestellt werden, um dabei als gewöhnlicher Mensch dargestellt werden zu können; sonst ginge die »Normalisierung«, d.h. die normalisierende Bedeutung der Darstellungsweise des Juden unbedingt völlig verloren. Trotz der Projizierung der Vorstellung vom Juden auf die ausgegrenzten Figuren – Nazis und Orthodoxe – kann und darf während des Films kein Zweifel darüber bestehen, dass die gewöhnliche Figur »tatsächlich« jüdisch ist. So müssen die gewöhnlichen jüdischen Figuren jüdisch und gewöhnlich zugleich bleiben, als jüdisch vorgestellt und als gewöhnlich dargestellt werden. Dieser Widerspruch bildet einen unausbleiblichen und unausweichlichen Grundzug der ostdeutschen Judendarstellung, eigentlich aber jeder »leugnenden Bezugnahme«, wie im Nachstehenden erklärt.

 

Dass die obige, Bronsteins Kindern entnommene Rede überhaupt stattfand – das will sagen: dass diese Botschaft überhaupt vermittelt werden musste (und das nach 40 Jahren DDR!) – zeugt nämlich umso mehr davon, dass das kantische Ding an sich, d.h. das begriffliche Judentum als kulturelle Grundlage des Abendlandes,[382] keineswegs zu beseitigen, sondern höchstens nur anders (sei es auch mit einer abstreitenden Undefinition) zu bestimmen ist.[383] Schon deswegen, weil jüdische Figuren, also Juden – selbst »unjüdische«, geschweige denn »jüdische« Juden – auf die filmische Bühne treten, und zwar ausgesprochen als solche, d.h. als Juden, gibt es den »Juden«. Es ist nämlich unbedingt unmöglich, das Vorhandensein des Juden als solchen gerade durch ein und dasselbe Mittel zu leugnen, welches den Juden als solchen immer wieder vergegenwärtigt.

 

Der sich in unserem Quellenmaterial bekundende Versuch, die jüdische Gruppenidentität abzustreiten, ist bzw. war mithin von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil schon die abstreitende Bezugnahme an sich, d.h. die Charakterisierung der Zugehörigkeit zur jüdischen Gruppe als grundsätzlich bedeutungslos, tatsächlich eine Art Vorstellung des Judentums war und daher eine bestimmte jüdische Identität bildete.[384] Weil jegliche Gruppenidentität schließlich nur noch ein Stück »fiktiver«, d.h. gedanklicher Wirklichkeit ist,[385] ist es eben die bloße Bezugnahme (sei es eine Bestätigung oder eine Leugnung), welche das gedankliche, also in dieser Hinsicht eigentliche Vorhandensein der jeweiligen Identität festigt, auf die bezogen wird. Die entleerte jüdische Identität hörte daher nicht auf und konnte auch nicht aufhören, sich doch als eine Art jüdischer Identität auszuwirken und das gedankliche Vorhandensein des physisch geleugneten Juden scheinbar paradoxerweise nur weiter zu vertiefen.

 

Das ist also die Schlussfolgerung aus unserer Quellenanalyse, auf welche bereits die Zusammensetzung der besonderen Bedeutung des Juden für die DDR hinweist. Der hier herausgearbeiteten Aussagekraft des ostdeutschen Spielfilms hinsichtlich der dort propagierten jüdischen Gruppenidentität sollen aber die Ergebnisse künftiger Erforschungen der Rezeptionsgeschichte unseres Quellenmaterials gegenübergestellt werden.[386]

 
VII.b. Politisch-ideologische Erklärung der herausgearbeiteten Identität

 

Im Grunde genommen lässt sich die Erklärung in zwei Teile teilen, nämlich in (negative) Ursachen, also warum ausgerechnet diese jüdische Gruppenidentität für das SED-Regime die einzig mögliche war, und in (positive) Zwecke, d.h. was für Nutzen die DDR aus dieser Darstellungsweise des Juden zog.

 
VII.b.1. Die Ursachen

 

Von den Gründen gibt es mehrere: Erstens war eine ontologisch unterscheidende Auffassung des Juden schon aus ideologischen Gründen unmöglich. In dieser Hinsicht fungierten die Juden als Musterbeispiel für die sozialistische Weltanschauung, was zur Folge hatte, dass sich ihre Behandlung im Allgemeinen sowie ihre Darstellungsweise im Besonderen mit peinlichster Genauigkeit an die ideologischen Vorschriften halten mussten. Daraufhin stand das ostdeutsche Bild des Juden im Einklang mit der sozialistischen, streng assimilatorischen Idealvorstellung vom Juden. Des Weiteren soll im Sozialismus auch gar kein sozioökonomisches Bedürfnis nach dem »Juden« entstehen.[387]

 

Zweitens schloss das geschichtliche Selbstverständnis der DDR eine unterscheidende Betrachtungsweise des Juden aus, denn es waren die »Faschisten« gewesen, die den Juden als den Anderen schlechthin bestimmt hatten, und die DDR, das »neue Deutschland«, sollte ja die Antithese des »deutschen Faschismus« sein, musste also auf eine Integration der Juden als keiner Gruppe an sich, sondern ausschließlich als Einzelpersonen in die Gesellschaft abzielen.

 

Drittens war eine unterscheidende Auffassung des Judentums angesichts der seinerzeitigen politischen Lage innerhalb »Deutschlands« kaum annehmbar, ja durchaus unzulässig, weil die BRD, wo die »Faschisten« die Herrschaft noch immer innegehabt hätten, den modernen Staat Israels und die Jewish Claims Conference im Rahmen des Luxemburger Abkommens 1952 als jeweilige Vertreter des (Welt-)Judentums anerkannte[388] und dazu noch diplomatische Beziehungen mit diesem staatlichen Ausdruck des jüdischen Nationalismus[389] aufnahm; somit verewigte der vornehmste und unerbittliche Gegner des SED-Regimes die angeblich unaufgeklärte Bestimmung dieser Menschen als »Juden«, also als eine Gruppe an sich, denen bzw. der man – feindlich oder wohlwollend, jedenfalls schlicht – gegenüberstehen muss. Angesichts dessen musste die DDR natürlich die »aufgeklärte« Alternative zur bundesdeutschen »Dunkelheit« darstellen und sich einer unterscheidenden Behandlungs- und Betrachtungsweise der Juden, die ja nur ganz gewöhnliche Menschen sein sollten, enthalten, sie also nicht als eine unterschiedliche Gruppe von allen anderen trennen sowie – natürlicherweise im Gegensatz zur BRD – keinen Staat anerkennen, der besonders für diese Menschen als »Juden« bestimmt ist, nach ihrer Sonderung strebt und nichts mehr, nichts anderes sein soll als eine freiwillige, diesmal gewalttätige Wiedergeburt des alten Ghettos.

 

Viertens musste die DDR über den deutsch-deutschen Zwiespalt hinaus auch dem modernen jüdischen Nationalismus in Palästina an sich,[390] der sich infolge des Luxemburger Abkommens und verschärft nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der BRD (1965) und dem Sieg im Sechs-Tage-Kriege (1967) als weiterer Spross des »faschistischen Imperialismus« erwiesen habe, eine »aufgeklärte« Alternative gegenüberstellen, indem sie die Nichtverschiedenheit der Juden als Gruppe filmkünstlerisch propagierte: Ihre Religion sei, wie alle anderen, Opium für das Volk, ihr Nationalismus, wie alle anderen, führe zum Faschismus hin und ihre (säkulare) Kultur wohne der europäischen inne.

 

Aus den obigen Gründen durfte also nur eine leere bzw. entleerte jüdische Identität, die jedwede eigentliche, d.h. unterschiedliche jüdische Identität tatsächlich abstreitet, dem ostdeutschen Publikum gezeigt werden.

 

VII.b.2. Die Zwecke

 

Über die Ursachen hinaus, welche die von uns herausgearbeitete jüdische Identität zur für das SED-Regime einzig möglichen machten, soll auch erklärt werden, was für Vorzüge eine derartige Darstellung des Juden diesem Regime bieten konnte.

 

Als Erstes muss darauf hingewiesen werden, dass der am Anfang dieser Arbeit dargelegte Widerspruch zwischen den beiden ostdeutschen Rollen der Juden – einerseits eine positive als »Opfer des Faschismus«, andererseits eine negative als »faschistische Hebräer« – durch diese Darstellungsweise gelöst wurde bzw. werden konnte:[391] Wenn die Juden als solche keine eigentliche Gruppenidentität haben und daher auch keine unterschiedliche Gruppe bilden, vermögen der Zionismus und seine Beziehungen zu Bonn der Rolle der Juden als Opfer des Faschismus im Rahmen des antifaschistischen Gründungsnarratives der DDR nicht mehr zu widersprechen. In beiden Fällen handelt es sich um ganz gewöhnliche Menschen: Diejenigen, die unter den Nazis gelitten haben, wollten ja von vorneherein gar keine Juden sein, sondern mussten die ihnen aufgezwungenen, letztlich aber nationalsozialistischen Vorstellungen des »Judentums« erleiden. Das gleiche gilt auch für die zeitgenössischen Besatzer Palästinas, die ebenfalls nur Menschen sind und eine ausbeuterische und grausame Weltanschauung aus genauso selbstsüchtigen Gründen befürworten wie die Bonner Faschisten. Die Zuordnung der Opfer des Faschismus zur richtigen, d.h. sozialistischen Seite beim weltanschaulichen Kampf braucht folglich ebenso geringen Einfluss auf die feindselige Haltung der DDR gegenüber der Achse Bonn-Jerusalem auszuüben wie die zionistische Kolonialausbeutung Palästinas auf die Aneignung der jüdischen Opfer der NS-Herrschaft zugunsten des antifaschistischen Gründungsnarratives. Diese (möglicherweise nur scheinbare) Lösung der ostdeutschen Judenfrage rührt schließlich daher, dass die Menschen in beiden Fällen, also die damaligen Opfer und die zeitgenössischen Täter, denen nichts Besonderes gemeinsam sei, keine (jüdische) Obergruppe umschließt.

 

Ferner wurde das Judentum durch seine »Auflösung« in eine dem SED-Regime dienliche Stellung gebracht. In der DDR erfreuten sich nämlich die meisten Juden, die ja Überlebende der NS-Herrschaft waren, der amtlichen Rechtsstellung von »Opfern des Faschismus«.[392] Da aber die vornehmsten Opfer der Faschisten eigentlich ganz gewöhnliche Menschen sein sollten, wurde das Haager (1907) bzw. Nürnberger (1946) (allerdings von Anfang an falsch ins Deutsche übersetzte) »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« endlich zum Verbrechen gegen die Menschheit. So wurde auch der Holocaust aus einem unlauteren Lebenskampf zwischen zwei separatistischen Gruppen – Nationalsozialisten und Juden[393] – verallgemeinert zu einer Art ideologischen Bürgerkrieges zwischen Faschisten und Menschen, d.h. schließlich zwischen Faschisten und Antifaschisten, also möglichen sowie tatsächlichen Sozialisten bzw. Kommunisten. Es war mithin die »Auflösung« des Judentums, welche die erwünschte Aneignung der nationalsozialistischen Judenverfolgung und -vernichtung zugunsten des antifaschistischen Gründungsnarratives der DDR ermöglichte.

 

Weiters soll man sich überlegen, ob der Versuch, das Vorhandensein des Judentums als solchen zu leugnen, nicht doch auch aus dem Wunsch hervorging, die Last der Vergangenheit abzuschaffen,[394] indem die unterschiedliche Identität der vornehmsten Opfer verallgemeinert wurde. Schließlich kann es, wenn es keine Opfer gibt, auch keine Täter geben. Scheinbar muss diese Vermutung abgelehnt werden, weil der Holocaust, wie wir gesehen haben, in den Filmen nicht verschwiegen, sondern verhältnismäßig gründlich dargestellt wurde[395] und sich zudem sehr günstig als Rammbock beim argumentativen Kampf gegen den »Faschismus« auswirken konnte. Tatsächlich aber haben diese Einwände nur für den sozialistischen Aspekt des SED-Regimes Geltung. Der anderen, d.h. der deutschen Seite, konnte der Holocaust nämlich sehr abträglich sein; Um sich aber als die moralische, weil »aufgeklärte« Alternative zur BRD, kurzum als das neue, bessere Deutschland vorstellen zu können, durfte das SED-Regime seine nationale Zugehörigkeit keineswegs beiseite schieben, selbst wenn so etwas möglich gewesen wäre. Vor diesem Hintergrund wird also dieser zusätzliche Vorzug, d.h. diese weitere Erklärungsmöglichkeit wahrscheinlicher, zumal sie im Einklang mit dem seinerzeit im Ostblock herrschenden Narrativ der SED steht, laut dem die Deutschen die ersten Opfer des »Hitlerfaschismus« gewesen seien und welches ein und demselben Zweck diente, nämlich die Last der Vergangenheit abzuschaffen, indem die ganz menschlichen Täter dadurch zu einem ungreifbaren Abstraktum wurden.[396]

 
VII.c. Zusammenfassendes Zitat

 

Die ganze vorliegende These vom ostdeutschen Bild des Juden wird eigentlich in den Worten des Juden Jakob Dankowitz am Ende des dritten Teils der Bilder des Zeugen Schattmann (1971-72) zusammengefasst, der als Überlebender, also Vertreter der Holocaustgeneration, die beiden Antworten – die leere jüdische Identität und deren mit den politisch-ideologischen Umständen zusammenhängende Erklärung – während eines Gesprächs zum Ausdruck bringt, welches seine Figur 1962 in München mit einem ehemaligen Nazi führt. Sie besprechen die Schuld- und Verantwortungsfrage der Deutschen bzw. der BRD, wenn der Altnazi sagt: »Wir tun doch wirklich was wir können. Denken Sie nun nur mal an Ihre Glaubensgenossen in Israel…«, worauf Jakob antwortet: »Was heißt denn ›Glaubensgenossen‹? Mir ist egal was einer glaubt, ich bin doch nicht religiös! […] Es ist nicht mein Gelobtes Land, ich kenne es nicht, ich habe da niemand! […] ›Meine Leute‹? Warum identifizieren Sie mich eigentlich dauernd mit einem Land, in dem ich nicht lebe?« Der Nazi wendet dann ein: »Die israelische Regierung gibt doch meines Wissens vor, für alle jüdischen Menschen in der Welt zu sprechen, oder?« und Jakob stellt fest: »So… Weiß ich nicht… Das kann sie nicht…Für mich nicht!« Schließlich gibt Jakob folgende Erklärung zur seinerzeitigen Globke-Affäre ab, die auch die immer anwesende Wiedergutmachungsfrage mit einbezieht: »Mal ganz real betrachtet: Der eine gibt, der andere schweigt dafür… muss schweigen!«

 

Mit Jakobs mannigfaltiger Unzugehörigkeit wird hier gemeint, dass es in Wirklichkeit kein Judentum als solches, d.h. als Obergruppe gebe, dass also eine »jüdische« Identität gar nicht bestehe, sondern eher nur einzelne, ganz gewöhnliche Menschen, welche keinerlei Oberrahmen umschließt. Das ist die sozusagen richtige bzw. amtliche ostdeutsche Anschauung, die ihre politisch-ideologische Begründung in den von Jakob kritisierten, ja für verpönt gehaltenen Beziehungen zwischen Bonn und Jerusalem findet.

 
VII.d. Auswertung: Entthematisierung oder Umthematisierung des Juden?

 
VII.d.1. Argumente gegen die Möglichkeit der Entthematisierung

 

Aus unserem Diskurs sind etliche Zeugnisse gegen die Behauptung, dass der Jude in der SBZ bzw. DDR entthematisiert wurde, hervorgegangen.[397] Diese lassen sich in zwei Punkte zusammenfassen: Die Quantität und die Qualität der filmischen Diskussion über den Juden. Wichtig wäre hier daran zu erinnern, dass unsere Erkenntnisse auf einen unter mehreren Aspekten bzw. Zweigen des SED-Staats beschränkt sind, selbst wenn das filmische Massenmedium im Allgemeinen und die Filme des DEFA-Monopols im Besonderen von verhältnismäßig großer Aussagekraft ist bzw. sind.[398]

 

Zum Ersten also die verhältnismäßig hohe Zahl der Spielfilme, in denen jüdische Figuren ausgesprochen als solche, d.h. als Juden, auftreten:[399] Mindestens[400] ein Drittel der ostdeutschen Spielfilme, die sich mit dem Antifaschismus im breiteren Sinne befassten, griffen das jüdische Thema innerhalb des ostdeutschen Gründungsnarratives auf. Möchte man zwischen »Antifaschismus« und »Judenverfolgung« differenzieren, so stellt sich heraus, dass die DEFA, d.h. das SED-Regime, nur ungefähr zweimal so viel Spielfilme zum Antifaschismus wie zum jüdischen Thema herstellte. Darüber hinaus wurde dem ostdeutschen Publikum durchschnittlich mindestens[401] alle 3,15 Jahre ein Spielfilm mit jüdischer Gegenwart angeboten, was sich im Vergleich mit anderen abendländischen Ländern und insbesondere mit der BRD als sehr häufig erweist.

 

Zum Zweiten die Qualität des Diskurses, d.h. die ernsthafte Aufarbeitung des Holocaust:[402] Fast alle Aspekte der Ermöglichung und Durchführung der Judenverfolgung und -vernichtung kommen verhältnismäßig sachgerecht im ostdeutschen Spielfilm zum Ausdruck. Überdies wird das Augenmerk – zwar nicht immer, aber in der Regel – auf die schwierigen, alltäglichen Bewältigungsversuche des jüdischen Opfers gerichtet.[403] Bemerkenswert wird in den Filmen nicht behauptet, dass die »Opfer des Faschismus« selbst Sozialisten waren: Recht wenige jüdische Figuren schließen sich den Sozialisten an; die Juden werden also nicht vom rein antifaschistischen Blickpunkt aus betrachtet, sondern haben ein eigenes Erlebnis und ein eigenes Neben- oder Unternarrativ. Der Antifaschismus konnte tatsächlich so sehr beiseite geschoben werden, dass manchmal kein wahrhafter »Faschist« auftritt.[404]

 

Diese Zeugnisse für das – wie immer: verhältnismäßig – große Interesse am jüdischen Erlebnis werden zudem durch den Vergleich mit der weit größeren sorbischen Minderheit,[405] die aber im ostdeutschen Spielfilm kaum so häufig und so ernsthaft behandelt wurde wie der Jude, bestätigt. Damit wird notabene nicht gemeint, dass die Sorben ebenso extensiv thematisiert werden sollten wie der Jude, der doch eine ganz besondere Bedeutung in der DDR hatte; der Vergleich zwischen den beiden Minderheitsgruppen weist nämlich einfach auf die sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht einzigartige Stellung des Juden im ostdeutschen Spielfilm hin.

 

Gegen diese Argumente könnte man einwenden, dass sich das SED-Regime im Allgemeinen und die an der Filmherstellung Beteiligten im Besonderen dessen gar nicht bewusst waren, dass es sich hier gerade um »Juden« als solche, also um ein Thema an sich handelt. Diese Behauptung scheint mir eher unwahrscheinlich, und zwar aus den folgenden zwei Gründen: Erstens sind so gut wie alle Spielfilme mit jüdischer Gegenwart (und selbstverständlich ausnahmslos alle Spielfilme zum »jüdischen Thema«, dessen Vorhandensein ich hier behaupte) der Aufarbeitung der antisemitischen Judenverfolgung gewidmet, in der Regel auch ohne andere Opfergruppen in die Erzählung mit einzubeziehen; zweitens kommen jüdische Figuren lediglich als Opfer dieser Verfolgung und in gar keinem anderen (etwa »normalen«) Zusammenhang vor. Aus diesen Tatsachen soll m. E. ersichtlich werden, dass diese phänomenale, doppelte Ausschließlichkeit auf keine unbewusste, d.h. rein gelegentliche Behandlung dieses Aspektes des Zweiten Weltkrieges (also ohne diesen Aspekt als einen unterschiedlichen Aspekt, als einen Aspekt an sich zu betrachten!), sondern vielmehr auf eine bewusste Absicht[406] zurückzuführen ist, die Judenverfolgung filmkünstlerisch zu thematisieren, um sich mit der vom »deutschen Faschismus« ererbten Problematik auseinander zu setzen. In Anbetracht der sehr verschiedenen Lage in anderen Ländern und insbesondere in der damaligen BRD, die bis 1979 vom jüdischen Thema abzusehen suche und auch während der 1980er Jahre weit hinter den diesbezüglichen filmischen Leistungen der DDR zurückblieb, erscheint die ostdeutsche Behandlungsweise umso weniger als unbewusste Zufälligkeit und umso mehr als das Ergebnis einer bewussten Absicht, den verfolgten Juden zu thematisieren (wenn auch auf eine Art und Weise, die dem Juden sein Jüdischsein absprach[407] und seine Aneignung als »Opfer des Faschismus« zugunsten des antifaschistischen Gründungsnarratives somit ermöglichte).[408]

 

Daraufhin soll aber gleich eingewandt werden, dass man zwischen dem Juden und der Judenverfolgung unterscheiden muss, also dass es in der DDR kein Interesse am Juden und daher auch keine Thematisierung des Juden, sondern nur eine Thematisierung der Judenverfolgung gab. Nun soll es aber vollkommen verständlich sein, dass sich das SED-Regime, welches die Problematik des jüdischen Themas vom Dritten Reich und von dessen Behandlungsweise des Juden ererbte, mit dieser Problematik auseinander setzte und den Juden demzufolge gerade in diesem spezifischen Zusammenhang thematisierte. In der Tat scheint mir, dass keine Thematisierung von etwas an sich, d.h. kein zusammenhangsloses Interesse (an irgendetwas) überhaupt möglich ist, geschweige denn, wenn es sich um das Verhältnis zum Anderen handelt.[409] Dass die Thematisierung des Juden in der DDR auf einen bestimmten Zusammenhang beschränkt war, ist also klar und unumstritten; angesichts der Umstände ist die Konzentrierung auf die antisemitische Judenverfolgung auch durchaus verständlich.[410] Doch das heißt noch nicht, dass es nicht der Jude gewesen wäre, der dabei thematisiert wurde, also dass man das Thematisierte völlig vom jeweiligen Zusammenhang der Thematisierung trennen, Ersteres beiseite schieben und Letzteres zum eigentlichen Thema machen könnte;[411] das heißt alles vielmehr, dass der Jude dabei von einem bestimmten Gesichtspunkt aus thematisiert wurde, wobei die Konzentrierung auf diesen bestimmen Aspekt völlig verständlich ist.

 

Kurzum ist die Thematisierungsfrage kein Entweder-Oder: Auch eine Teilthematisierung ist eine Art Thematisierung – und wie oben bemerkt, scheint es mir tatsächlich, dass die meisten Thematisierungen »auf der Welt« sozusagen nur Teilthematisierungen sind. Nicht zuletzt ist auch unsere hiesige Diskussion über die DDR und das SED-Regime nur eine Teilthematisierung derselbigen, die in einem sehr bestimmten Zusammenhang und von einem bestimmen Gesichtspunkt, nämlich dem unserer Fragestellung aus stattfindet.

 
VII.d.2. Charakterisierung der ostdeutschen Umthematisierung des Juden

 

Was den ostdeutschen Spielfilm angeht, gab es also keine Entthematisierung des Juden in der DDR. Natürlich war aber die ostdeutsche Thematisierung des Juden keine Fortsetzung der nationalsozialistischen Thematisierung, die dabei ja sehr kritisch betrachtet wird: Infolge der grundsätzlich veränderten Umstände im abendländischen Judentum, in Deutschland und überhaupt auf der Welt wurde die Judenfrage nach 1945 auch in der SBZ bzw. DDR anders bedingt und aufs Neue gestaltet,[412] was zur Folge hatte, dass es schließlich in der DDR eine Umthematisierung des Juden gab. Der ostdeutsche Spielfilm zeugt von folgenden Grundzügen der neuen Thematisierung, hinter welcher letzten Endes die oben bereits ausführlich geschilderte und erläuterte, ostdeutsche jüdische Gruppenidentität steht:

 

1.        Leugnung bzw. Undefinition: Das propagierte Bild des Juden war nunmehr der sozialistischen Idealvorstellung vom Juden unterworfen. Der Jude als solcher wurde abgestritten. Die früheren, rassistischen Definitionen wurden daher durch keine neuen ersetzt und konnten auch nicht ersetzt werden.

2.        Neutralisierung bzw. Normalisierung: Die früheren negativen Inhalte und Werte, die dem Juden im Nationalsozialismus zugeschrieben worden waren, wurden nunmehr auf neutral umgestellt. Die Juden (die als solche ja sowieso nicht vorhanden sind) sind durch nichts Besonderes gekennzeichnet, haben auch nichts Besonderes gemeinsam[413] und sind nach allem nichts mehr als gewöhnliche Menschen.

 

Diese Umthematisierung des Juden war also die ostdeutsche Weise, die ererbte Problematik des jüdischen Themas zu behandeln, um sie somit entkräften zu können.[414] Das SED-Regime, welches als die bessere Alternative zum Wiedergutmachungsdeutschland die jüdische Problematik nicht liegen lassen konnte, wich dem bundesdeutschen Bewältigungsmuster durch eine abschaffende Thematisierung des Juden bzw. der Judenverfolgung aus. Diese »entthematisierende Umthematisierung«, welche die oben besprochene Widersprüchlichkeit des ostdeutschen Judenbildes verdeutlicht[415], ist letztlich auf die drei Bedeutungsströme zurückzuführen, welche die besondere Stellung des Juden in der DDR gestalteten:[416] Einerseits soll der antithetische Jude, der den Bruch des »neuen Deutschland« mit der »faschistischen« Vergangenheit versinnbildlicht, gerade als solcher thematisiert werden, andererseits muss die »aufgeklärte« Alternative, d.h. die sozialistische Idealvorstellung vom vollends assimilierten Juden bei dieser Thematisierung propagiert werden.

 

Diese Zweideutigkeit, welche die Umthematisierung des Juden in der DDR kennzeichnet, kommt nicht zuletzt auch in der Widersprüchlichkeit zum Ausdruck, die einem Vergleich mit der nationalsozialistischen Thematisierung entspringt:

 

Einerseits hatten die Nazis die Abschaffung des Juden durch dessen physische Vernichtung beabsichtigt. Nun könnte man behaupten, dass die SED zwar nicht das gleiche, aber ein gewissermaßen ähnliches Ziel, nämlich die »Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum« erstrebte, indem sie jedwede jüdische Gruppenidentität, d.h. den Juden als solchen in Abrede stellte. Dieser Blickpunkt weist also auf eine gewisse Kontinuität hin, und zwar auf die Kontinuität der Intoleranz gegenüber dem Judentum.

 

Andererseits hatten die Nazis den Juden vielmehr erschaffen, indem sie eine rechtliche Bestimmung des Juden zum ersten Mal im deutschen Rechtsstaat eingeführt hatten.[417] Angesichts dessen wäre zu behaupten, dass die SED der nationalsozialistischen Thematisierung des Juden tatsächlich eine wirkliche Alternative entgegensetzte, indem sie eine Undefinition des Juden durchzusetzen versuchte. Von diesem Gesichtspunkt aus wird also eine Diskontinuität, d.h. der Bruch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit bezeugt.

 

Die ostdeutsche Umthematisierung des Juden könnte folglich als ein Zustand des ständigen Entweder-und-Oder charakterisiert werden, der vom Zwang herrührt, die angeblich vollkommene Überwindung der nationalsozialistischen bzw. »faschistischen« Judenverfolgung zu bekunden, aber ohne sich durch Verantwortungsübernahme mit dieser Vergangenheit auseinander gesetzt zu haben.[418]

[376] Zur Bestimmung von »Gruppenidentität« im Allgemeinen und »jüdischer Identität« im Besonderen siehe in Kap. ‎I.b.2, ›Was heißt hier »Identität«?‹, auf S. 7 ff.

[377] Siehe dazu in Kap. ‎V.b.4, »Die Auswertung der Anzeichen«, auf S. 71 f.

[378] Nur in den beiden Fernsehmehrteilern, die Bilder des Zeugen Schattmann und Hotel Polan und seine Gäste, schließen sich die Protagonisten den Sozialisten bzw. Kommunisten an, was die Bemerkung am Anfang der Arbeit bzgl. der »ärgeren Umstände« beim Deutschen Fernsehfunk usw. zu bestätigen vermag (s. in Kap. ‎I.a.2, »DEFA und die filmische Lösung der ostdeutschen Judenfrage«, auf S. 2 ff.).

[379] Siehe in Kap. ‎VI.f, »Vergleich mit der Wendezeit: Bronsteins Kinder (1990-91)«, auf S. 93 ff.

[380] Wie oben angeführt, und zwar im diesbezüglichen Kapitel (s. Anm. 379).

[381] Siehe in Kap. ‎III.d, »Die Notwendigkeit jüdischer Gegenwart«, auf S. 46

[382] Siehe dazu in Kap. ‎II.a.1, »Die kulturelle Rolle des Juden als die abendländische Antithese«, auf S. 17 f.

[383] Auf diesen Punkt ist in Kap. ‎I.b.4, »Zur angemessenen Definition des Judenbegriffs«, auf S. 13 ff. eingegangen worden.

[384] Weitere Erklärungen zu diesem Gedankengang sind in Kap. ‎I.b.2, ›Was heißt hier »Identität«?‹, auf S. 7 ff. zu finden.

[385] Zum Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion – zumindest in Bezug auf diese Arbeit – siehe in Kap. ‎I.b.1, ›Politisch-ideologische »Wirklichkeit« gegenüber filmischer »Fiktion«‹, auf S. 6 f.. Was für »Politik« und »Ideologie« gilt, gilt für alle Abstrakta, darunter auch für »Identität«.

[386] Wie am Anfang unseres Diskurses erklärt, können wir uns im Rahmen dieser Arbeit nicht mit der Rezeptionsgeschichte unseres Quellenmaterials befassen (siehe dazu in Kap. ‎I.a.3, »Die Forschungsmöglichkeiten«, auf S. 4 sowie in Kap. ‎VIII, »Vorschläge für künftige Forschungen«, auf S. 114 f.).

[387] Weiteres zu den verschiedenen Aspekten der ideologischen Ursache ist in Kap. ‎II.a.4, »Die ideologische Stellung des Juden als Musterbeispiel«, auf S. 21 ff. zu finden.

[388] Zum ostdeutschen Umgang mit der jüdischen Forderung nach finanzieller »Wiedergutmachung« siehe in Kap. ‎II.b.2, »Vergangenheits(nicht)bewältigung«, auf S. 33 ff.

[389] Otto Heller, »Kommunismus und Judenfrage«, in: Klärung, S. 79-96, hier 96: »Der Kommunismus ist schließlich ein unerbittlicher Gegner des jüdischen Nationalismus, der im Zionismus seine ausgeprägte Gestaltung erfahren hat.« Siehe dazu in Kap. ‎II.a.5, »Bemerkung zur sozialistischen Ablehnung des Zionismus«, auf S. 30

[390] Siehe vorige Anmerkung.

[391] Die Frage, ob diese Feststellung auf bewusste Absicht oder unbewusste Dynamik zurückzuführen ist, hat im Rahmen dieser Arbeit, wie eingangs erklärt, nicht beantwortet werden können; siehe dazu in Kap. ‎VIII, »Vorschläge für künftige Forschungen«, auf S. 114 f.

[392] Siehe dazu in Kap. ‎II.b, »Die Judenpolitik der SED«, auf S. 31 ff.

[393] Zur Gleichsetzung von Juden und Nazis in der BRD bzw. in bundesdeutschen Kinderbüchern vgl. Zohar Shavit, ebd. (siehe Anm. 205, auf S. 44), S. 344 in der hebräischen Originalfassung:

״הקורא שאינו גרמני מוצא את עצמו תמה נוכח האופן שבו נעשית אבחנה חותכת בין גרמנים לבין נאצים ולנוכח הדמיון האבסורדי, המובלע והישיר, בין נאצים לבין יהודים.״

(Meine eigene Übersetzung ins Deutsche: »Der nichtdeutsche Leser kann kaum umhin, sich über die Art und Weise der strengen Unterscheidung zwischen Deutschen und Nazis [einerseits] sowie über die absurde, angedeutete wie auch unmittelbare Ähnlichkeit zwischen Nazis und Juden [andererseits] zu wundern.«) Nun hat sich die DDR in beider Hinsicht von der BRD unterschieden, nämlich sowohl durch die Unterscheidung zwischen (deutschen sowie nichtdeutschen) Faschisten und Antifaschisten bzw. Sozialisten (anstatt zwischen Deutschen und Nazis) als auch durch die oben beschriebene, verallgemeinernde Sichtweise der »Juden« als ganz gewöhnliche Menschen, welche keinesfalls mit den Nazis bzw. den Faschisten gleichzusetzen sind und darüber hinaus u. a. auch Deutsche und/oder ggf. »Opfer des Faschismus« sein können.

[394] Diese Möglichkeit ist bereits früher, von einem anderen Gesichtspunkt aus und mit einer anderen Begründung, vorgeschlagen worden; siehe dazu in Kap. ‎VI.a, ›Der »jüdische« Jude‹, auf S. 83 ff.

[395] Siehe in Kap. ‎VI.e, ›DEFA-Spielfilme als »Historiophoty«‹, auf S. 91 ff.

[396] Siehe dazu auch in Kap. ‎II.b.2, »Vergangenheits(nicht)bewältigung«, auf S. 33 ff.

[397] Die Begriffe werden in Kap. ‎I.b.5, ›»Thematisierung«, »Entthematisierung«, »Umthematisierung«‹, auf S. 15 erläutert.

[398] Siehe dazu in Kap. ‎I.a.2, »DEFA und die filmische Lösung der ostdeutschen Judenfrage«, auf S. 2 ff.

[399] Siehe dazu in Kap. ‎III.c, »Statistische Überlegungen«, auf S. 43 ff.

[400] Das wäre noch mehr, wenn wir auch Spielfilme zählten, die sich mit der Judenverfolgung und -vernichtung beschäftigten, aber ohne dass jüdische Figuren dabei vorkommen (weshalb wir sie nicht in unsere Analyse haben einbeziehen können; s. dazu in Kap. ‎III.d, »Die Notwendigkeit jüdischer Gegenwart«, auf S. 46 f.).

[401] Siehe vorige Anmerkung.

[402] Siehe dazu in Kap. ‎VI.e, ›DEFA-Spielfilme als »Historiophoty«‹, auf S. 91 ff.

[403] Selbst in nackt unter Wölfen, wo die obige Feststellung nicht zutrifft, bleibt fraglich, ob die freilich eindimensionale und unentwickelte jüdische Figur des namenlosen Kindes überhaupt als Nebenfigur angesehen werden kann, wenn sich die Filmhandlung größtenteils um diese Figur, d.h. um ihre Rettungsversuche durch die widerstandseifrigen Lagerinsassen, dreht.

[404] In Affaire Blum (1948) und Levins Mühle (1979-80), deren Handlung in den 1920er bzw. 1870er Jahren spielt, wird nämlich die antisemitische Vorgeschichte des Holocaust thematisiert. Gewissermaßen kann man sogar sagen, dass das jüdische Rahmenthema die Erweiterung des Antifaschismus in die fernere Vergangenheit ermöglicht (im Gegensatz zum üblichen Fall, wo der Antifaschismus als Rahmenthema der jeweiligen Erzählung fungiert).

[405] Siehe dazu in Kap. ‎II.b.3, »Exkurs: Vergleich mit der sorbischen Minderheit«, auf S. 36 ff. sowie in Kap. ‎III.c, »Statistische Überlegungen«, auf S. 43 f.

[406] Dass das SED-Regime – wie ich hier (nur) behaupte – die filmische Behandlung des jüdischen Themas bewusst beabsichtigte, den Juden also bewusst thematisierte, heißt aber noch nicht, dass die dabei gezeigte jüdische Gruppenidentität, d.h. die Art und Weise, auf welche der Jude bei der Thematisierung dargestellt wurde, ebenfalls bewusst erzielt wurde. Das sind nämlich zwei verschiedene Sachen bzw. Fragen.

[407] Auf die Widersprüchlichkeit, die aus der »leugnenden Bezugnahme« hervorgeht, ist ja bereits in Kap. ‎VII.a.2, »Die Widersprüchlichkeit des ostdeutschen Judenbildes«, auf S. 104 hingewiesen worden.

[408] Dass sich diese Thematisierung bis Ende der 1980er Jahre nicht in Schulbüchern und Museen finden ließ, rührt womöglich daher, dass es in den mehr oder weniger sachlichen Schulbüchern und Museen – im Gegensatz zum Spielfilm – (vielleicht) weit schwieriger war, die jüdische Gruppenidentität, d.h. den Juden als solchen, in Abrede zu stellen und somit für die antifaschistische Botschaft zu mobilisieren.

[409] Man denke etwa an die Thematisierung des Juden im Dritten Reich, die ebenfalls von einem bestimmten Gesichtspunkt aus, also in einem spezifischen, vom Thematisierenden bestimmten Zusammenhang stattfand.

[410] Die Thematisierung des Juden in der BRD bzw. Deutschland, die seit 1979 immer vielfältiger wird, findet natürlicherweise in ein und demselben Zusammenhang statt wie in der vormaligen DDR, wenn sie auch – im Gegensatz zu den ostdeutschen Auseinandersetzungsmustern bis Ende der 1980er Jahre – nicht so sehr auf diesen Zusammenhang beschränkt ist.

[411] Anders betrachtet kann man hier die notabene ganz im Ernst gemeinte Frage stellen, ob es eine Judenverfolgung ohne Juden, sozusagen eine judenlose Judenverfolgung geben kann: Genau das scheint zwar die ostdeutsche Darstellungsweise des Juden zu bezwecken, die aber, wie oben erklärt, ein Widerspruch in sich ist und daher zum Scheitern verurteilt war.

[412] Siehe dazu in Kap. ‎I.a.1, »Die politische Problematik des jüdischen Themas in der DDR«, auf S. 1 f.

[413] Außer dem ihnen von den Bösen bzw. Nazis aufgezwungenen Opferzustand, welches aber nicht sie (geschweige denn als solche, d.h. als Juden), sondern ihre Verfolger, d.h. die Bösen kennzeichnet (kurzum wie oben, in Kap. ‎VII.a, »Die implizit in den Filmen gezeigte jüdische Identität«, auf S. 102 ff. erklärt).

[414] Siehe dazu in Kap. ‎II.b.2, »Vergangenheits(nicht)bewältigung«, auf S. 33 ff.

[415] Siehe in Kap. ‎VII.a.2, »Die Widersprüchlichkeit des ostdeutschen Judenbildes«, auf S. 104

[416] Siehe in Kap. ‎II.a, »Die dreifache Bedeutung des Juden für die DDR«, auf S. 17 ff.

[417] Selbst wenn der Wortlaut der ersten Verordnung zum [Nürnberger] Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 diese Bestimmung schließlich auf die Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgemeinschaft zurückführte; siehe dazu in Anm. 47 und 48, beides auf S. 13.

[418] Siehe in Kap. ‎II.b.2, »Vergangenheits(nicht)bewältigung«, auf S. 33 ff.

 

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Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

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