Die Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR: Kapitel IV

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Wien. Heidelberg. Berlin: ein israelischer Blick auf Deutschland
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Dies ist eine unformatierte Version der Magisterarbeit "Die Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR", erforscht und geschrieben von Yoav Sapir an der Hebräischen Universität Jerusalem, 2004-2006. Diese unformatierte Version dient allein der Erschließung durch Google. Wenn Sie sich für die Arbeit interessieren, empfehle ich Ihnen wärmstens, kostenlos die PDF-Version herunterzuladen: Klicken Sie hier.


 

 

 

IV. Übersicht über die vorhandene Forschungsliteratur

 
IV.a. Einschlägige Literatur zum Thema

 

Befindet sich unsere Fragestellung in der Mitte eines Dreiecks, an dessen Eckpunkten die Stichwörter »DDR«, »Filmkunst« und »Juden« stehen, so liegt eigentlich noch keine akademische Literatur genau zu diesem Thema vor, sondern nur Aufsätze, die unsere Fragestellung eher am Rande berühren und größtenteils bedauerlicherweise deskriptiver Natur sind. Genaue Behandlungen des Themas sind in der Regel auf ein einziges, mit einer gewissen Person (bspw. Regisseur oder Drehbuchautor) zusammenhängendes Werk im Rahmen der jeweiligen Handlung beschränkt. Es fehlt noch also eine umfassende Analyse des Themas als solchen.

 

Unserem thematischen Dreieck verhältnismäßig nah steht Christiane Mückenbergers Abhandlung über »The Anti-Fascist Past in DEFA Films«[237], wo sie zum Schluss kommt, dass »the treatment of anti-fascist themes in DEFA cinema reflects the deformation and dissolution of GDR society, a society, however, whose vital contribution to the process of understanding the National Socialist past in Germany in indisputable.«[238] Zuallererst fällt schon auf, dass die Rede eher vom SED-Regime als von der Gesellschaft sein sollte, da sich Letzteres keines großen Einflusses im Allgemeinen und auf die Medien im Besonderen freute; immerhin vermag Mückenbergers Beschreibung aber nichts zur Beantwortung unserer Frage beizutragen, weil dabei nur zwei der drei hier einschlägigen Stichwörter behandelt werden (DDR und Filmkunst, ohne besondere Rücksicht auf die Judenfrage) und obwohl sechs der von Mückenberger beschriebenen Filme, wie schon oben erwähnt, auch in unserer Liste figurieren.

 

Einen weiteren Beitrag hat Thomas C. Fox unterm Titel »A ›Jewish Question‹ in GDR Literature?« veröffentlicht.[239] Im Grunde genommen eine Antwort auf einen anderen Aufsatz von Ruth Angress[240], versucht Foxens Übersicht zu zeigen, dass antisemitische Stereotype der ostdeutschen Literatur nicht eigentümlich seien – im Gegensatz zu Angressens Feststellung, welche eher zur BRD passe. Auch diesem Beitrag fehlt, sozusagen, einer der Eckpunkte, nämlich die Filmkunst.

 

Frank Sterns Abhandlung über »קולנוע של סתירות חתרניות: יהודים בסרטי העלילה המזרח גרמנים«[241] ist die einzige, die auf unser thematisches Dreieck abzielt.[242] Freilich wird unsere Analyse nicht dadurch überflüssig: Hinter dem anspruchsvollen Titel ist keine ordentliche Fragestellung zu finden; demzufolge lässt sich auch keine Antwort als solche erkennen, geschweige denn bewerten. Darüber hinaus schlägt Stern keine klare Forschungsmethode vor, weshalb wir kaum wissen können, nach welchen Kriterien die Beispiele, die er den Filmen entnimmt, ausgewählt worden sind.[243] Infolgedessen liegt immer noch im Dunkeln, inwiefern – wenn überhaupt – die von ihm herangezogenen Beispiele zur Begründung der (allerdings selbst unbekannten) Antwort auf die (fehlende) Forschungsfrage beizutragen vermögen. Unklar bleibt ebenfalls, was Stern eigentlich mit »umstürzlerischen Widersprüchen« meint. Was letztlich übrig bleibt, ist also ein deskriptiver Aufsatz, der von vorneherein leider gar nicht imstande ist, irgendwelche neue Schlüsse zu liefern.[244] Aber interessanterweise ist Sterns deskriptiver Aufsatz auch als solcher kaum makellos. Da es aber nicht unsere Aufgabe sein kann, Kritik an Sterns Versuch hierbei zu üben, müssen wir uns mit einem beispielhaften Irrtum begnügen, wo Stern den nichtjüdischen[245] Protagonisten von ich war neunzehn ausdrücklich so betrachtet, als wäre er doch einer;[246] von solch einer falschen, unbegründeten und unbegründbaren Annahme ausgegangen, kommt er unvermeidlich zu einem ebenso falschen Schluss, der nichts mit der zuschauenden Gesellschaft und der ostdeutschen Geschichte, sondern nur mit der Entstehungsgeschichte des Films bzw. der Literaturwissenschaft zu tun hat. Dieser Irrtum rührt davon her, dass Stern die für die Geschichtsschreibung notwendige Unterscheidung zwischen hinter und vor den Kulissen nicht trifft und demzufolge die persönliche Geschichte Konrad Wolfs mit der öffentlichen Geschichte der ostdeutschen Filmkunst mischt, als wären alle Zuschauer enge Freunde Wolfs gewesen. Schließlich ist diese Tatsache, die fehlende Unterscheidung, wiederum auf das Fehlen einer Methodologie zurückzuführen.

 

Sterns Aufsatz wird also m. E. den hohen Erwartungen, die dessen anspruchsvollem Titel entspringen, bedauerlicherweise nicht gerecht. Obwohl sein Thema dem unsrigen ähnlich, wenn nicht gleich, zu sein scheint und wenngleich viele der Filme beiden Listen – der seinigen und der unsrigen – gemeinsam sind, können wir nicht an Sterns Aufsatz und dessen vage Schlussfolgerungen anknüpfen,[247] sondern müssen vielmehr eine eigene, diesmal aber sachgemäße Analyse vorschlagen.

 
IV.b. Einschlägige Literatur zur Forschungsmethode

 

Im Grunde genommen gehört die unserer Fragestellung angemessene Forschungsmethode dem sehr umfangreichen Fach der »Inhaltsanalyse« an, dessen verschiedene Bestimmungen dementsprechend ebenso verschwommen sind. So hat z. B. Ole R. Holsti 1969 erklärt, dass »in general terms, content analysis is the application of scientific methods to documentary evidence.«[248] Zweiunddreißig Jahre später definiert es noch Earl Babbie als »the study of recorded human communications«[249], womit der umfassende Anwendungsbereich kaum beschränkt worden ist. Ganz im Gegenteil: Aus näherer Betrachtung der zahlreichen Bestimmungen lässt sich feststellen, dass der von inhaltsanalytischer Literatur beanspruchte Aufgabenbereich, der allerdings bereits von Anfang an weit ausgedehnt ist,[250] immer noch erweitert (d.h. verallgemeinert) wird und grundsätzlich alle Forschungsgebiete, die sich mit schriftlichen oder andersartigen Texten jeglicher Gattung befassen oder schlicht darauf beziehen, einbegreifen soll. Daraus wird ersichtlich, dass auch unsere Fragestellung davon berührt wird. Nun wollen wir herausfinden, auf welche Art und Weise das Fach der Inhaltsanalyse unsere Fragestellung betrifft.

 

Der Ansatzpunkt der Inhaltsanalyse ist immer noch die berühmte Lasswell-Formel zur Kommunikationsdeutung: Who says what in which channel to whom with what effect? Davon ausgehend, zielt die Inhaltsanalyse auf das »Was«, also darauf ab, empirisch und tunlichst wirklichkeitsgetreu herauszuarbeiten, was in einer beliebigen Botschaft tatsächlich gesagt wird. Nun lautet die Antwort auf Lasswells methodische Leitfrage bei unserer thematischen Fragestellung folgendermaßen: Das SED-Regime (»who?«) zeigt (»says«) dem ostdeutschen Publikum (»to whom?«) seine eigene jüdische Identität[251] (»what?«) durch das filmische Massenmedium (»in which channel?«); es fehlt hierbei die Wirkungsfrage (»with what effect?«), auf welche im eher begrenzten Rahmen dieser Arbeit leider nicht aufgegangen werden kann.[252] Wie bereits erklärt, beschäftigen wir uns hier vornehmlich mit der jüdischen Identität des SED-Regimes (d.h. mit seiner Vorstellung des Judentums), also ebenfalls mit dem »Was« der Lasswell-Formel.

 

Angesichts dessen sollte das Fach der Inhaltsanalyse imstande sein, uns mit der zur Beantwortung unserer Fragestellung erforderlichen Forschungsmethode auszustatten. Jedoch ist das leider nicht der Fall, denn der Schwerpunkt der vorhandenen Forschungsliteratur in diesem Fach liegt entweder auf der allgemeinen Theorie der Kommunikationsforschung oder aber auf dem Umgang mit Einzelfragen aus der sozialwissenschaftlichen Praxis.[253] Das große Gewicht, welches dabei auf Empirismus gelegt wird, ist wohl begründet und zuträglich, ja ausgesprochen unerlässlich,[254] aber im tatsächlichen Anwendungsbereich scheint die Problematik der fundierten »Übersetzung« von Abstrakta wie Identität und Gruppenzugehörigkeit in wahrnehmbares Forschungsmaterial noch nicht aufgegriffen worden zu sein.[255]

 

Hier ist wichtig zu betonen, dass diese Problematik auf keinen der drei Eckpunkte unseres thematischen Dreiecks – »DDR«, »Filmkunst« und »Juden« – beschränkt ist. Es geht hier also keineswegs um die Analyse von Filmen, sondern um die Analyse von Texten jeglicher Art und Gattung, in denen eine beliebige Gruppengehörigkeit in einem bestimmten gesellschaftlichen Raum dargestellt wird. Die Textanalyse muss imstande sein, die Charakterisierung dieser Gruppenzugehörigkeit im jeweiligen gesellschaftlichen Raum, d.h. die jeweilige Gruppenidentität[256] herauszuarbeiten. Zur vollständigen Lösung dieser Problematik in deren Gesamtheit – und sie kann nur als Gesamtproblem sinnvoll gelöst werden – muss man wohl den Anspruch der Inhaltsanalyse auf allgemeine Gültigkeit annehmen und an dieses Fach anknüpfen.

 

Gegenüber der Lücke im inhaltsanalytischen Fach hat sich die Literaturwissenschaft bereits gründlich mit diesen Abstrakta beschäftigt,[257] ohne sich aber zu einer durchgängigen, empirischen Methode zu verpflichten. Die Notwendigkeit, sich als Wissenschaftler zum Empirismus zu verpflichten, rührt daher, dass das Quellenmaterial in dem Moment, in dem man in die Analyse mit einbezieht, was sich angeblich »zwischen den Zeilen« befindet, aber als solches keineswegs beweisbar ist, nicht mehr als gegeben und unbestritten (weil ggf. nachweisbar) gelten kann, sondern selbst zu einer Behauptung, d.h. zu Teil der Hypothese wird. Daraufhin verliert man unmittelbar den einzig möglichen Ansatzpunkt zur gemeinsamen Erörterung[258] und verlässt den wissenschaftlichen Bereich sogar unbedingt, weil man ja nicht »wissen«, sondern allerhöchstens nur vermuten kann, was sich grundsätzlich nicht beweisen lässt.[259] Da wir hierbei aber wohl eine Entscheidung treffen, d.h. unseren Forschungsfragen Antworten geben wollen, die nicht auf Vermutungen, sondern auf unserem Wissen beruhen, müssen wir unser Quellenmaterial empirisch analysieren.

 

Wenn wir nun zur Inhaltsanalyse zurückkehren, wird uns ersichtlich, dass es – zumindest nach unseren Bedürfnissen – einen beträchtlichen Abstand zwischen dem theoretischen Rahmen des Faches, welches uns in der Tat mit der benötigten Methodologie auszustatten vermögen sollte, einerseits und der praktischen Erfahrung mit Einzelfragen, die natürlicherweise ständig erweitert und weiterentwickelt wird, andererseits noch gibt. Dazwischen fallen u. a. auch die methodologischen Erfordernisse unserer Fragestellung, welcher nämlich die Problematik der empirischen Analyse von Identitätsbildung und -untergrabung innewohnt.

 

Um eine wohl fundierte Antwort auf unsere Frage nach dem »Bild des Juden im Spielfilm der DDR« geben zu können, müssen wir jetzt an diese Problematik herangehen und eine passende Forschungsmethode selbst entwickeln, die uns mit der Basis ausstatten kann, die wir zur empirischen Analyse von Gruppenzugehörigkeitsdarstellungen benötigen. Dabei sollen wir aber stets bedenken, dass die Bewältigung der Fragen, die uns innerhalb des thematischen Dreiecks »Juden/Filmkunst/DDR« begegnen werden, uns schließlich dazu führen soll, eine durchgängige Forschungsmethode zu entwickeln, die auch anderen wird dienen können, die sich bspw. mit dem »Bild des Katholiken in der Belletristik der Sowjetunion« befassen werden. Diese Forschungsmethode, die im Nachstehenden ausführlich erklärt und mit Beispielen aus unserem filmkünstlerischen Forschungsmaterial begleitet wird, knüpft durch eine systematische Zeichensuche, -klassifizierung und -bewertung an den im inhaltsanalytischen Fach üblichen Empirismus an und fungiert somit als ergänzender Beitrag zur Schließung der oben beschriebenen Lücke in diesem Fach.

[237] Christiane Mückenberger, »The Anti-Fascist Past in DEFA Films«, in: Seán Allan and John Sandford (Eds.), DEFA: East German Cinema, 1946-1992 (New York and Oxford: Berghahn, 1999), pp. 58-76

[238] Ebd., S. 75

[239] Thomas C. Fox, »A ›Jewish Question‹ in GDR Literature?«, in: German Life and Letters, Vol. 44, No. 1 (Oct. 1990), pp. 58-70

[240] Ruth Angress, »A ›Jewish Problem‹ in German Postwar Fiction«, in: Modern Judaism, 5 (1988), 231-232. Fox wirft ihr vor, nur ein einziges Beispiel aus der DDR-Literatur zu bringen, nämlich Bruno Apitzens 1958 erschienenen Roman Nackt unter Wölfen, womit ihr Aufsatz für uns ganz irrelevant wird.

[241] Meine eigene Übersetzung ins Deutsche: »Filmkunst subversiver Widersprüche: Juden im ostdeutschen Spielfilm«

[242] Letzte Veröffentlichung bzw. (nach Sterns dortigen Angaben) »bearbeitete und erweiterte« Version – im Jahre 2005:

פרנק שטרן, ״קולנוע של סתירות חתרניות: יהודים בסרטי העלילה המזרח גרמנים״, בתוך: יפעת ווייס וגלעד מרגלית (עורכים), זיכרון ושכחה: גרמניה והשואה (בני ברק: הקיבוץ המאוחד, תשס״ה), עמ׳ 174-197.

[243] Ole R. Holstis diesbezügliche Worte sind hier wohl am Platze (meine Hervorhebung): »The investigator who cannot communicate to others his procedures and criteria for selecting data, for determining what in the data is relevant and what is not, and for interpreting the findings will have failed to fulfil the requirement of objectivity.« Siehe Ole R. Holsti, Content Analysis for the Social Sciences and Humanities (Reading, Massachusetts: Addison-Wesley, 1969), p. 4. Weiteres dazu unten, im nachfolgenden Kapitel ‎V, »Die Forschungsmethode«, auf S. 56 ff. und insbesondere in Anm. 261 und 263, auf S. 54

[244] Holsti, ibid., p. 5: »Purely descriptive information about content […] is of little value.«

[245] Siehe dazu oben, in Kap. ‎III.e, »Hinter und vor den Kulissen«, auf S. 47 ff., und insbesondere in Anm. 223, auf S. 48

[246] Frank Stern, ebd. (s. Anm. 242), S. 192-194 (auf Seite 193 befindet sich ein Bild):

״ב־1968 מגיע סרטו של קונראד וולף הייתי בן תשע־עשרה לבתי הקולנוע. בסרט מוצגת שיבתו של גולה יהודי־גרמני צעיר במדי הצבא הסובייטי למולדתו. […] לאחר תשאול של אינטלקטואל גרמני[,] שמצדיק את צידה האפל של המודעות הגרמנית[,] עומד הקצין הצעיר לפני הדלת של האינטלקטואל הגרמני עם חברו, קצין רוסי, אף הוא ממוצא יהודי […] הרוסי מתחיל לצטט שיר של היינה, הגולה הצעיר שחזר זה עתה למולדתו מצטרף ואף הוא מצטט. […] לפתע מתחיל הצעיר לצעוק על חברו הרוסי, הוא אינו חפץ בסנטימנטליות כזאת. המצלמה נעה לעבר עמוד [צ״ל: מגדל] השמירה וגדרות התייל של מחנה הריכוז הסמוך. אלו היו אמיתות גרמניות־יהודיות ב־1945.״

(Meine eigene Übersetzung ins Deutsche: »1968 kommt Konrad Wolfs Film ich war neunzehn im Kino an. Im Film wird die Rückkehr eines jungen, deutsch-jüdischen Exilanten in sowjetischer Uniform in seine Heimat gezeigt. […] Nach dem Verhör eines deutschen Intellektuellen, der die dunkle Seite des deutschen Bewusstseins gerechtfertigt, steht der junge Offizier vor der Tür des deutschen Intellektuellen mit seinem Freund, einem russischen Offizier, der ebenfalls jüdischer Herkunft ist […] Der Russe fängt an, ein Gedicht Heines aufzusagen, [und] der junge Exilant, der gerade in seine Heimat zurückgekehrt ist, macht mit. […] Plötzlich fängt der Junge an, seinen russischen Freund anzuschreien, [denn] ihm gefällt keine solche Sentimentalität. Der Kamerablick richtet sich auf den Wachtturm und den Stacheldraht des benachbarten KZ. Das waren deutsch-jüdische Wahrheiten im Jahre 1945.«) Die letztere Aussage zu den »deutsch-jüdischen Wahrheiten« stützt sich auf die falsche Annahme, dass Gregor Hecker, der zurückkehrende Exilant, irgendwie jüdisch wäre, was auch die Schlussfolgerung unmittelbar beeinflusst, denn wenn schon, so sollte hier die Rede von halt »deutschen Wahrheiten« sein (wie sich die Hersteller die deutsche Vergangenheit beim Kriegsende auch immer vorstellen mochten). Über »deutsch-jüdische Wahrheiten« kann hier also nur unter Bezugnahme auf die Person Konrad Wolfs diskutiert werden, die sich aber, wie bereits oben erklärt, hinter den Kulissen befindet.

[247] Ähnliches gilt übrigens – wenigstens m. M. n. – auch für die eher deskriptive MA-These, die Sarit Lazerovich 2003 unter der Leitung Frank Sterns an der Beer-Schewaer Universität verfasst hat und deren ebenfalls vielversprechender Titel lautet: »השאלה היהודית והשואה בקולנוע המזרח גרמני: הדוגמא של קורט מציג, קונרד וולף ויורק בקר« (meine eigene Übersetzung ins Deutsche: »Die Judenfrage und der Holocaust im ostdeutschen Film an den Beispielen von Kurt Maetzig, Konrad Wolf und Jurek Becker«).

[248] Ole R. Holsti, Content Analysis for the Social Sciences and Humanities (Reading, Massachusetts: Addison-Wesley, 1969), p. 5

[249] Earl Babbie, The Practice of Social Research, 9th Edition (Belmont, California: Wadsworth – Thomson Learning, 2001 [1975]), p. 304

[250] Obwohl ähnliche Methoden bereits von Max Weber angewandt wurden und wenngleich Harold Dwight Lasswell die »content analysis« als Fach an sich eingeführt hat, scheint Abraham Kaplan der Erste zu sein, welcher sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Veröffentlichung auf diesen Begriff bezog, und zwar folgendermaßen [Hervorhebung im Original]: »Content analysis is the statistical semantics of political discourse, semantics being defined as a special branch of semiotic.« Siehe Abraham Kaplan, »Content Analysis and the Theory of Signs«, in: Philosophy of Science, Vol. 10, No. 4 (Oct. 1943), pp. 230-247, here 230

[251] Siehe dazu in Kap. ‎I.b.2, ›Was heißt hier »Identität«?‹, auf S. 7 ff.

[252] Siehe dazu in Kap. ‎I.a.3, »Die Forschungsmöglichkeiten«, auf S. 4, sowie in Kap. ‎VIII, »Vorschläge für künftige Forschungen«, auf S. 114 f.

[253] Siehe eine einschlägige Auswahlbibliographie in Kap. ‎IX.b.2, »Zur Forschungsmethode«, auf S. 117 f.. Erwähnenswert beziehen sich manche sachbezogene Werke auf Computerprogramme, welche die Datenerfassung selbst durchzuführen wissen sollen; je neuer das Werk ist, umso wichtiger sind diese Programme für die im Werk beschriebene (sozialwissenschaftliche) analytische Arbeit. Jedoch lässt sich unsere methodologische Problematik nicht durch automatisierte Vorgänge lösen. Zwar werden wir dazu eine Art »Deutungsmaschine«, d.h. ziemlich genaue Regeln und Anweisungen zur Behandlung der vielfältigen Aspekte dieser Problematik entwickeln, aber diese »Maschine« ist ausschließlich von einem menschlichen Zuschauer zu handhaben.

[254] Auf diesen Punkt wird im nachfolgenden Kap. ‎V, »Die Forschungsmethode«, auf S. 56 ff., ausführlich eingegangen.

[255] Ich würde davon ausgehen, dass es noch »versteckten Perlen« gibt, die ich leider nicht gefunden habe. Das will sagen, dass diese Problematik – zumindest teilweise – höchstwahrscheinlich bereits in manchen Forschungswerken behandelt worden ist, die eine für die jeweilige Fragestellung geeignete, ebenfalls empirisch begründete Forschungsmethode zwar anstreben, aber – genauso wie meines – grundsätzlich anderen, d.h. nicht »inhaltsanalytischen« Forschungsbereichen gewidmet und daher mit in dieser Hinsicht etwas irreführenden Titeln versehen worden sind, woraufhin sie auch verschiedenartig katalogisiert sein mögen. Allerdings muss ich zugestehen, dass wer in Zukunft an meiner heutigen Stelle sein und nach einer ähnlichen Zwecken dienenden Forschungsmethode suchen wird, vermutlich ebenfalls nicht auf meine gewissermaßen »falsch« betitelte Arbeit hingewiesen würde.

[256] Siehe dazu in Kap. ‎I.b.2, ›Was heißt hier »Identität«?‹, auf S. 7 ff.

[257] Wie gesagt, gehört unsere Leitfrage im Grunde genommen dem literaturwissenschaftlichen Bereich (s. in Kap. ‎I.a.4, »Die dreifache Fragestellung«, auf S. 5).

[258] Dies bezeugt schon die Tatsache, dass »literaturwissenschaftliche« Diskussionen ständig in die Lage geraten, wo man keine Entscheidung treffen kann und jede Seite sich mit ihrer eigenen, fast willkürlichen »Lesart« begnügen muss, und zwar deswegen, weil keiner seine eigenen Behauptungen beweisen oder zumindest die des Gegenüberstehenden widerlegen kann.

[259] Hiermit möchte ich wohl in keine erkenntnistheoretische Diskussion geraten, sondern nur, und zwar als Historiker, diese grundlegenden Voraussetzungen jedweder wissenschaftlichen Arbeit vor der scheinbar allgegenwärtigen »Dekonstruktion« bewahren. Dass man das meiste im Leben nicht wirklich »weiß« und sich auch nicht auf die reine, also hier gemeinte Wissenschaft verlassen kann, weil diese nur beschränkte Gültigkeit hat und das Leben auf Erden nicht völlig erklären kann, bildet noch keine Rechtfertigung, alles als »Wissenschaft« zu bezeichnen.

 

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Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

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