Jüdische Kulturpolitik: So macht man’s richtig

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Wien. Heidelberg. Berlin: ein israelischer Blick auf Deutschland
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Die jüdische Nationalbibliothek hat vorgestern eine neue Website offiziell eröffnet: ein Online-Archiv der jüdischen Weltpresse.

Die naturgemäß noch im Aufbau befindliche Website umfasst auch jetzt schon über 400.000 Seiten aus 20 Zeitungen, darunter z. B. die im britisch regierten Israel erschienene »Palestine Post«, die im Zarenrussland erschienene Tageszeitung »Hayom«, die in Preußen und Österreich erschienene Wochenschrift »Hamagid«, die in Marokko erschienene Wochenschrift »La Liberté«, die in Frankreich erschienene Zeitschrift »Bulletin de l’Alliance Israélite Universelle«, die in Ungarn erschienene Wochenschrift »Egyenlöség« u. a. m.

Damit will die Nationalbibliothek Wissenschaftlern und Neugierigen diesen Schatz jüdischer Geistesgeschichte weltweit zugänglich machen. Die Inhalte sind digitalisiert worden, sodass man im Archiv mit Stichworten suchen kann. Ich habe jetzt in der englischsprachigen Palestine Post nach »Hitler« gesucht: Erstmals erwähnt wurde er am 2. Dezember 1932; anscheinend war er lange kaum ins Blickfeld der jüdischen Öffentlichkeit im damaligen Israel geraten. Der Artikel (Teil I, Teil II) heißt »Germany and the Hitler Mind« und führte schon damals die wesentlichen Erklärungspunkte an, die man Jahrzehnte später unterrichten sollte.

Die jüdische Nationalbibliothek wurde 1905 beim 7. Zionistenkongress in Basel ins Leben gerufen; sie geht auf eine bereits 1892 in Jerusalem gegründete Sammlung jüdischer Schriften zurück. Ihre gesetzlich festgelegten Zwecke sind das Sammeln, die Erhaltung, die Pflege und Weitergabe von Wissen und Kultur des Landes, des Staates und des Volkes Israel. Dementsprechend wurde sie 2007 im Zuge ihrer Verselbstständigung in die »Nationalbibliothek Israels« umbenannt; bis dahin war sie als »Jüdische Nationalbibliothek« der Hebräischen Universität zu Jerusalem angegliedert. Ihre Webadresse lautet indes nach wie vor »jnul.huji.ac.il«, d.h. »Jewish National and University Library« an der »Hebrew University of Jerusalem, Israel«.

Mich dünkt, man kann in Bezug auf die jüdische Geistesgeschichte nie anspruchsvoll genug sein, und dieser weltumfassende Ansatz ist genau richtig. Ich weiß nicht, ob es hierzu in anderen Nationalbibliotheken bzw. bei anderen Völkern Parallelen gibt, also etwa ein Archiv des deutschen Zeitungswesens weltweit; wahrscheinlich nicht, aber die Kulturpolitik wird sowieso sehr unterschiedlich verfolgt: Nichtjüdische Nationen investieren sehr viel in die Errichtung und Betrieb von Kulturinstituten, während Israel sich eher auf das globale Netzwerk der jüdischen Gemeinden verlässt, in denen oft auch Hebräisch, Landeskunde etc. unterrichtet werden.

An der Hebräischen Universität, meiner Alma Mater, laufen noch ähnlich anspruchsvolle Projekte, z. B. das Zentrum für jüdische Kunst, das Zentrum zur Erforschung jüdischer Musik u. a.

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

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