Heimat und Identität: Bestandsaufnahme eines trotzigen Begriffs

Wahl-WGs, Wahlfreunde, Wahlklamotten oder Wahgeliebte gibt es nicht. Wozu auch? Es versteht sich ja von selbst, dass man sich derlei aussuchen kann. Dafür haben wir im heutigen Neusprech die »Wahlheimat«. Doch wozu diese Präfix, wenn man die Heimat einfach wählen kann gleichsam eine schöne Banane im Supermarkt?

Eine Diskussion über den Heimatbegriff muss dort ansetzen, wo der Zeigeist momentan steht. Da fällt mir aus meiner Zeit als Bundestagsstipendiat eine Tagung ein, die damals »meine« Fraktion im Paul-Löbe-Haus organisierte: »Heimat. Wir suchen noch.«

Wer sucht, will vielleicht nicht finden. Von der Tagung bleibt mir eine schöne, optisch wirklich gut gemachte Broschüre, in der sich Politiker und Prominente zum Thema äußern und zwar so diffus und so subjektiv, dass vom Begriff am Ende nichts übrig bleibt. Heimat ist dort, wo du sie haben willst. Heimat ist dort, wo du sie zu haben glaubst. Heimat ist, was dir gefällt. Heimat ist, oder auch nicht. Wie du willst.

Selbstverständlich waren diese Überlegungen auf der Tagung von Weltschmerz und Existenzfragen begleitet, die der Beliebigkeit einen Hauch Ernst und Schwere verleihen sollten. Eine Heimat zu haben oder nicht zu haben, das ist die Frage, auf welche die Weltgeschichte am 23. Juni 2009 offenbar hinauslaufen musste. Postmoderne pur, wie man sie inzwischen bis zum Überdruss kennt, aber wenn man es so haben will, wenn die Welt einem aus dieser Perspektive gefällt, ist es auch gut so. Darüber braucht man dann keine Diskussion zu führen. Wozu auch? Entweder gefällt dir dieser höchst elastische, alles und nichts bedeutende Neusprech, oder er gefällt dir nicht.

Mir nicht.

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Denn im auf Beliebigkeit und Wohlgefühl fokussierenden Bereich hat der Begriff keine Geltung mehr. Was alles bedeuten kann, hat eigentlich nichts zu bedeuten. Es sei denn natürlich, man findet – wenn und solange – daran Gefallen, und hoppla, da steht es schon genau dafür, was dich schmeichelt. Das ist doch super, warum auch nicht? Schließlich könnte ich ja mit der gleichen Lockerheit von mir behaupten, ich wäre Pole; und Warschau, das ich mittlerweile tatsächlich schon mehrmals besucht habe, wäre meine Heimat. Wer könnte mir verbieten, mit solch subjektivem Schwachsinn an die Öffentlichkeit zu gehen?

Darum möchte ich mit keinem streiten, der meint, der Heimatbegriff könnte tatsächlich so elastisch sein und dennoch eine gewisse Bedeutung haben. Mich dünkt jedoch, dass Cem Özdemir gerade deswegen mit so viel Eifer betont, er sei (auch) Schwabe, weil es doch nicht so selbsterklärlich ist, d.h. weil er spürt, dass der Heimatbegriff von sich aus ihm, d.h. Özdemir, nicht gerade »zuspielt«. Vielleicht ist der Heimatbegriff, sofern er noch etwas Wesentliches besagen soll, doch nicht so extrem beugsam?

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Gehen wir davon aus, dass dieser Begriff mehr enthalten kann und soll als die fast leere, postmoderne Beliebigkeit, davon also, dass die bei jedem und jeder schließlich unausweichlich subjektiven Begriffsbestimmung nicht notwendigerweise auch zu einem rein subjektiven Inhalt führen muss, so möchte ich Folgendes zum Thema sagen:
 
Heimat ist eine nicht ausschließliche und dennoch richtungsgebende, vornehmlich geographisch-örtliche Manifestation von Schicksal (nicht zu verwechseln mit persönlichem Glück, dessen Schmied nach altrömischer Meinung angeblich ein jeder ist). Heimat ist mithin etwas, was einem nicht wirklich zur Verfügung steht, sondern eher über einen hinausgeht und einen umfasst, an sich dynamisch (weil es sich ändert) und dennoch kaum veränderbar (weil du als Einzelperson normalerweile keinen so großen Einfluss auf sie ausüben kannst).

So steht’s auch mit unserem anderen Stichwort, der Identität: Was wir wirklich sind, ist, was wir nicht mehr ändern können, das Untauschbare an uns, das also, was wir zeitlebens rumschleppen müssten (oder, positiv formuliert, worauf wir von der Kindheit bis ins Alter zurückgreifen können). Was wir hingegen einfach gegen anderes tauschen können, das Verwechselbare, das Entbehrliche, das also, was kommt und genauso auch wieder verschwinden kann, sind wir nicht. Denn »Identität« ist von ihrer Beschaffenheit her alles andere als Beliebigkeit, als Wohlgefühl und Lust. Nicht unbedingt ist uns gegönnt, zu sein, was und wie wir sein möchten.

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Kein Wunder: Die große Mühe, die sich viele Zeitgenossen mit dem Heimatbegriff geben, rührt gerade daher, dass die Heimat ein Begriff ist, der – ebenfalls von seiner Beschaffung her – dem gegenwärtigen Trend von Globalisierung und Beliebigkeit trotzt und in keine Böblingen-für-Prenzlberg-, Beirut-für-Dortmund-Börse hineinpasst.

Wer überall zuhause sein kann, wo er sich nur wohl fühlt / seinen Laptop dabeihat / den Cappuccino genau so kriegt, wie er ihn mag, der ist, wenn auch ohne es richtig erkennen zu können, eigentlich nirgends zuhause. Ja, das ist freilich nur meine eigene Sicht der Dinge; und dennoch wird diese Sicht letzten Endes genauso viel oder genauso wenig wert sein wie jede andere Sicht. Es lebe die Beliebigkeit! …und wo das Gegenteil hiervon behauptet wird, können meine Worte ja erst recht gehört werden.

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Heimat, wie Familie, ist nur insofern Heimat, als sie selbst dann Heimat ist und bleibt, wenn man dort leidet und sie eigentlich gar nicht ertragen kann. Man möchte fast sagen: Die Heimat kann in gewisser Hinsicht erst dann zur Heimat werden, ihre Rolle als Heimat annehmen, wenn man sie (einstweilen oder für immer) verlässt bzw. verlassen will.

Heimat, das ist geradezu das Gegenteil von Beliebigkeit und der Fixierung aufs eigene Wohlbefinden. Heimat bedeutet Wurzeln, Schicksalhaftigkeit und eine Verbundenheit, die über Umstände von Ort und Zeit, über die Zufälligkeiten des Alltags hinausgeht. Ja, Heimat steht für Treue, ein heutzutage fast verpönt klingendes Wort. Man kann sein ganzes Leben lang außerhalb der eigenen Heimat sein, ohne auf die Heimat verzichten zu müssen. Man kann auch 2000 Jahre lang in fremden Ländern weilen, wie es die Juden taten – mal hier, mal dort – ohne seine Heimat zu vergessen.

Den Fun & Fashion-Anhängern kann man getrost die genauso bestandslose wie inhaltsarme »Wahlheimat« überlassen; eine richtige Heimat aber ist, was unsere Persönlichkeit über die engen Umstände des eigenen Daseins erweitert und uns wissen lässt, dass wir, so wichtig man sich im Spiegel erscheint, doch nur Schritte sind auf langen Wegen, die nicht unbedingt und nicht immer durch die Stationen führen, mit denen wir uns gerne identifizieren möchten. Heimat ist dort, wo der Urgroßvater seine Heimat hatte und wo der Urenkel seine Heimat haben wird, egal, wohin ihn das Rad der Geschichte verschlagen mag.

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Heimat ist der Stoff, aus dem Geschichte gemacht wird.

 

 

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Unser Gründungsvater sagte …

    Zu solchen Themen fällt mir immer der Markspruch eines der Gründerväter der deutschen Demokratie ein (… ja, ja …!), nämlich unseres Freiherrn vom Stein:

    “Das verschwammte Herz eines Kosmopoliten ist eine Hütte für niemand.”

  2. @ Gesine

    Also, ich würde zunächst sagen: Der Urgroßvater fungiert hier genauso metaphorisch wie die Heimat selbst. Er verkörpert sinnbildlich die Familiengeschichte, der Urenkel die noch unbeschriebenen Blätter im Familienroman.

    Und dann würde ich noch sagen: Einem zeigt dann schon das Leben, welcher Pfad für ihn bestimmt ist und welchen Wurzeln seine Schritte sich anreihen. Es gibt freilich auch (immer mehr) Leute, die aus sehr gemischten Verhältnissen stammen. Ohne über die Personen zu urteilen, halte ich solche Zustände nicht gerade für ideal. Eine Parabel, die mein Großvater zu erzählten pflegte:

    Es kommt ein Wanderer an eine Kreuzung und sieht, dass der Pfeiler mit den Richtungsschildern vom Winde verweht worden und gefallen ist, sodass die Schilder mit den Stadtnamen jetzt nicht mehr in die korrekte Richtung weisen. Der Wanderer kann jetzt also nicht wissen, welchen Pfad er an der Kreuzung beschreiten sollte, um zu seinem Reiseziel zu gelangen. Was tun? Der Wanderer erhebt den Pfeiler wieder und stellt ihn so aufrecht, dass das Schild mit dem Namen des Orts, in dem der Wanderer war, die Richtung andeutet, von der er gekommen ist; dann weisen auch alle anderen Schilder in die jew. korrekte Richtung.

  3. Vielleicht betont Herr Özdemir auch deshalb so oft, daß er sich als Schwabe fühlt, weil es Leute gibt, die ihm die Möglichkeit absprechen wollen, eben genau das tatsächlich zu fühlen. Der Mann ist übrigens in Deutschland geboren und aufgewachsen. Warum sollte das denn bitte _nicht_ seine gefühlte und tatsächliche Heimat sein?

    Oder anders gefragt: Was sollte nach solchen Kriterien denn bitte meine Heimat sein? Polen etwa, wo 75% meiner Großeltern unmittelbar herkommen? Wohl eher nicht…

    Es gibt keine Definition von Heimat, die universell für alle gültig sein kann oder gar zu sein hätte.

  4. @ Ute

    Erstens glaube ich nicht, dass Özdemirs Heimatauffassung so wichtig ist, damit sich Leute damit befassen (wollen) würden. Er ist einfach ein bekanntes und darum für mich nützliches Beispiel.

    Zweitens kann Özdemir, was mich angeht, seine Heimat überall haben, wo er sie – aus welchem Grund auch immer – haben möchte. Wie schon oben gesagt, will ich nicht über Beliebigkeit streiten. Es hätte m. E. keinen Sinn.

    Meine Fragestellung befasst sich eher damit, was dem Heimatbegriff auch in solchen Konstruktionen dann noch erhalten bleibt. Wenn “Heimat” mit “Geburtsort”, “Wohnort” oder “Wohlgefühl” identisch ist bzw. gemacht wird, braucht man den Heimatbegriff gar nicht mehr.

    Wie ich oben zu erklären versuche, ist der Heimatbegriff von seiner Beschaffenheit her im Wesentlichen geistig beladen und hat mit vorläufigen Umständen erst mal gar nicht so viel zu tun.

    Und es gibt durchaus auch Heimatlose. Oder solche, die sich nur halbwegs zu einer bestimmten Heimat bekennen können. Sie müssen nicht unbedingt staatenlos sein. Und einen (bekannten) Geburtsort hat ja (fast) jeder. Aber es ist manchmal so, dass einem die Familiengeschichte keine Klarheit gewährt. Oder es mag auch andere Gründe haben. Jedenfalls: Wenn alle gleichsam eine Arbeitslosenversicherung eine Heimat garantiert bekämen, hätte keiner wirklich eine. Nur wenn es denkbar ist, dass man u. U. keine Heimat hat, kann der Heimatbegriff bei denen, die eine haben, wirklich von Bedeutung sein.

  5. Heimat kann man sich nicht aussuchen

    Dein Beitrag ist der einzige in diesem Bloggewitter, der wirklich Substanz hat. Ich stimme Dir voll und ganz zu. Viele die von einer Wahlheimat reden, verschleiern nur Heimatlosigkeit. Man kann ja auch als Heimatloser ein glückliches , erfülltes leben führen. Vielleicht kann man auch als Heimatloser ein guter Staatsbürger sein.
    Aber das leichtfertige Reklamieren einer Heimat (“ubi bene, ibi patria” nannte irgendein Lateiner diese Einstellung) entleert den Begriff und macht es im Grunde sinnlos, darüber zu reden.

  6. CDU-Propaganda

    Besten Dank für diesen anregenden Beitrag, sehr geehrter Herr Sapir, auf den ich erst jetzt gestoßen bin. Sie haben eine sehr dezidierte Perspektive, die ich als Nichtjude so zwar nicht eilen kann, aber trotzdem nachvollziehen kann. Und Ihre Stimme hier auf den Scilogs ist wichtig und einzigartig und trägt wesentlich zu einer differenzierteren Sicht bei.

    Um so mehr habe ich mich dann aber gewundert, dass Sie ihre Zeit und Intelligenz einsetzen, um diese CDU-Propaganda zu unterstützen.

    Es wird ja nicht recht deutlich gemacht, aber dieses gesamte Heimattümelei-Bloggewitter ist ja eine Propaganda-Aktion des Staatsministeriums von Baden-Württemberg, bei Ihrem Mitblogger Michael Blume angesiedelt und wohl auch von ihm initiiert. Der ja auch sonst kräftig Propaganda hier macht, z.B. für das Stuttgarter Raubbau-21-Projekts seines Chefs.

    Ich finde es höchst bedenklich, dass die Scilogs hier Politikpropaganda Vorschub leisten, indirekte Wahlkampfhilfe betreiben (womöglich für Geld??) und diese lokalpatriotischen CDU-Verflechtungen nicht mal explizit machen! Noch bedenklicher finde ich es aber, dass sich viele Blogger dafür auch noch instrumentalisieren lassen. Wissenschaft sollte offen und kritisch und neutral bleiben, nicht parteipolitisch korrumpiert.

    Nichts für ungut, Ihre Beiträge gefallen mir trotzdem sehr.

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