Bloggewitter: Gastbeitrag von Kai Gehring MdB (Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen)

un/zugehörig

Kai GehringEine Stellungnahme von Herrn Kai Gehring MdB, dem jugend- und hochschulpolitischem Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion

Foto © Guido Rottmann

10 Jahre Bologna

"Ist Bologna noch zu retten?" fragen derzeit viele im zehnten Jahr der Studienreform. Meine klare Antwort: Ja! Aber genauso klar ist: Die Rettung funktioniert nur, wenn alle mitziehen. Die Hochschulen müssen ihre Studienangebote straffen, entfrachten, auf diese Weise besser studierbar machen und die Betreuung der Studierenden verbessern. Die Länder müssen die Grundfinanzierung der Hochschulen erhöhen und deutlich mehr Studienplätze finanzieren. Und der Bund muss den Hochschulpakt besser ausstatten und an den Hochschulen wieder mehr mit gestalten.

Gestartet ist der Bologna-Prozess mit hohen Erwartungen: Ein gemeinsamer europäischer Hochschulraum ist ein starkes und visionäres Ziel für die junge Generation. Ein erfolgreicher Bologna-Prozess könnte daher einen wichtigen Beitrag für das tatsächliche Zusammenwachsen des Kontinents leisten. Die Umstellung auf das zweistufige Bachelor- und Mastersystem sollte Europa als Hochschulraum für jede und jeden erfahrbar machen und in Deutschland gleichzeitig der Antrieb für eine echte Studienreform werden. Diese hohen Erwartungen sind in der Realität bislang enttäuscht worden. Gleichzeitig wäre es falsch, alle Probleme, die an den deutschen Hochschulen auftauchen – und das sind bekanntlich nicht wenige – auf die Bologna-Reformen zu schieben oder die Studienbedingungen davor zu romantisieren oder zu idealisieren. Beides hat diese Idee nicht verdient.

Ein ehrlicher Blick zeigt aber, dass die 10-Jahres-Bilanz des Bologna-Prozesses durchwachsen ist. Für die Quantität gilt: fast drei Viertel aller Studiengänge sind auf Bachelor und Master umgestellt. Für die Qualität gilt: wesentliche Reformziele wie mehr Mobilität der Studierenden, bessere Anerkennung von Studienleistungen, geringere Abbrecherquoten, höhere Studienqualität und eine bessere Betreuung der Studierenden sind noch immer nicht erreicht. Manche Ziele wurden in der Studienrealität sogar konterkariert.

Die Konsequenz aus dieser Palette an Problemen ist für mich aber nicht, Bologna rückgängig zu machen und damit auf halbem Wege auszusteigen. Diese Forderung halte ich für unvernünftig und fahrlässig, weil sie zu einer Isolierung Deutschlands im europäischen und letztlich im internationalen Wissenschaftssystem führen würde. Und mit der schlichten Rückkehr zu Magister und Diplom würde die Studienqualität beispielsweise auch nicht über Nacht besser.

Was wir brauchen, ist ein Kurswechsel und eine gemeinsam getragene Strategie von Bund, Ländern und Hochschulen, wie wir für alle Studierenden tatsächlich ein besseres Studium und einen transparenten und damit auch Mobilität fördernden europäischen Hochschulraum ermöglichen.

Als Grüner setze ich mich deswegen dafür ein, dass der Bologna-Prozess jetzt um eine zweite Reformstufe ergänzt wird: Die Studierenden und ihre Bedürfnisse müssen im Mittelpunkt stehen. Denn die bisherige Umsetzung in Deutschland hat sich viel zu sehr auf eine reine Reform der Strukturen beschränkt. Teilweise hat das zu "Überstrukturierungen" geführt, in denen das Ziel und vor allem die Inhalte und Qualität der Studiengänge aus dem Blick verloren wurden.
 
Es hat vielerorts gar keine echte Reform gegeben. Auf alte Diplom- und Magisterstudiengänge wurde oft nur das Etikett "Bachelor" geklebt, die alten Inhalte in die kürzere Semesterzeit gepresst. Eine Studienreform ist aber nicht mit einem "Etikettenschwindel" nach dem Motto "verschulen, verdichten, umbenennen" zu stemmen. Erschwerend kam dazu, dass schon BA-Studiengänge spezialisiert wurden, um sich von anderen Hochschulen abzugrenzen. Jetzt leiden die Studierenden massiv unter solchen Fehlern: Sie erleben im BA-Studium keine höhere Studienqualität und keine bessere Studierbarkeit, sondern überfrachtete Studienordnungen, eine zu hohe Arbeitsbelastung mit viel Druck statt Zeit für wissenschaftliches Arbeiten und kritische Reflexion.

Deshalb müssen wir in der zweiten Reformstufe dringend die Qualität von Studiengängen und Lehre auf Vordermann bringen. Fachbereiche und Hochschulen müssen eine kritische Revision der Studieninhalte leisten. Nur so kann die Vision eines europäischen Hochschulraums Wirklichkeit werden.

Die deutsche Hochschulpolitik hat von der Bologna-Konferenz in Löwen im Mai 2009 ein dickes Aufgabenpaket mitbekommen:

  • Es fehlt noch immer an einer soziale Öffnung der Hochschulen und mehr gesellschaftlicher Vielfalt auf dem Campus.
  • Es fehlt an besserer Betreuung für die Studierenden.
  • Innovative Lehrkonzepte sind noch immer mit der Lupe zu suchen.
  • Die Abbruchquoten müssen in allen Studiengängen sinken, nicht steigen.
  • Auslandsaufenthalte müssen im Bachelorstudium zeitlich machbar und einfacher möglich sein als vorher.
  • Der Übergang in den Master muss für Bachelorabsolventinnen und -absolventen grundsätzlich offen stehen.

Bundesregierung, Länder und Hochschulen müssen in diesem Sinne zusammenwirken, damit die "Kinderkrankheiten" der Bologna-Reform endlich geheilt werden. Diesen Willen sehe ich bei der amtierenden Bundesregierung leider nicht: Sie hat mit der Föderalismusreform I sehenden Auges ihre hochschulpolitischen Steuerungsmöglichkeiten weitgehend aus der Hand gegeben.

Stichwort "Soziale Öffnung der Hochschulen": Im Studienanfängerjahrgang 2005 ist der Anteil der Arbeiterkinder nur halb so groß wie ihr Anteil an der altersgleichen Bevölkerung (20 zu 40 Prozent). Zugangshürden zum Hörsaal gehören weggeräumt und nicht auch noch verteidigt, so wie es die amtierende Bundesbildungsministerin u.a. bei den Studiengebühren tut. Wir alle wissen, dass die Möglichkeit zu Auslandssemestern stark von der konkreten sozialen und finanziellen Lage von Studierenden abhängt. Deswegen brauchen wir auch eine stärkere Studienfinanzierung als heute – wir schlagen ein Zwei-Säulen-Modell vor.

Stichwort "Studierbarkeit": Die Studienstrukturreform muss endlich zu einer umfassenden Lehr- und Qualitätsreform werden: Die Hochschulen müssen den Spielraum nutzen, sieben- und achtsemestrige Bachelorstudiengänge anzubieten. Nur dann können Auslandssemester und Praktika genauso eingebaut werden wie studentisches, soziales oder politisches Engagement. Studierende müssen zudem die Sicherheit erhalten, dass andernorts erbrachte Studienleistungen einheitlich, vorhersehbar und großzügig anerkannt anstatt überpenibel gehandhabt werden.

Stichwort "Finanzierung der Bologna-Reform": Bachelor-Abschlüsse kosten mehr als die bisherigen Studiengänge, weil sie bessere Lehre und mehr Betreuung voraussetzen. Die dafür notwendigen zusätzlichen Mittel wurden aber nicht bereitgestellt. Es ist Aufgabe des Bundes und vor allem der Länder, endlich für eine angemessene Finanzierung zu sorgen, damit Betreuung und soziale Flankierung gestärkt werden.

In den letzten Wochen kursierte ja die Zahl von 18 Mrd. €, die in den nächsten Jahren für die Wissenschaft zur Verfügung stehen werden. Wer sich die Zahlen genauer ansieht bemerkt: Beim Hochschulpakt 2 werden pro Studienplatz weiterhin Kosten angesetzt, die gerade mal 60% der OECD-Durchschnittsfinanzierung eines Studienplatzes erreichen. Während die Bundesregierung für Banken und Neuwagen riesige Schuldenberge und Haushaltsrisiken auftürmt, ignoriert sie das, was doch für alle gilt:

Es gibt keine bessere Investition als Bildung! In diesem Sinne plädiere ich für "Bologna 2.0": Mehr Geist, höhere Qualität und mehr Geld für die Reform, dann kann sie endlich gelingen.

Mehr auf der Website von Kai Gehring

 

 

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

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