Interreligiöser Dialog?

In der letzten Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen fragt Micha Brumlik, ob "der jüdisch-katholische Dialog noch möglich" sei. Doch abgesehen von der ganzen Diskussion über die Ostermesse: Ist ein jüdisch-katholischer Dialog überhaupt nötig?

Wo ist die Bescheidenheit, die sich hierbei gebührt? Wer kann schon so kühn sein, um sich nicht im eigenen Zuhause, sondern im Umgang mit den Mitmenschen eine religiöse Identität anzuziehen, obwohl man von dem, auf den man sich dabei berufen will, nichts weiß, weil keiner da was wissen kann

Wer darf ihn nennen?
Und wer bekennen:
"Ich glaub ihn!"?
Wer empfinden
Und sich unterwinden
Zu sagen: "Ich glaub ihn nicht!"?

Faust zu Margarete, Faust I 3432-3437

Wenn es um ihn (oder sie, oder es…) geht, hört das Theater besser auf. Denn die Rolle, die man spielt, ob als Jude, Christ oder was anderes, ergibt einfach keinen Sinn mehr. Vor ihm sind wir alle ja nur noch Menschen, ob dumme oder kluge, jedenfalls solche, die sich ihrer erkenntnistheoretischen Grenzen bewusst sein sollen.

Doch noch schwerer als ihn zu vertreten
der meistens schweigt
und wohl nicht weiß
sich dagegen gut zu wehren:

Wer wäre schon so kühn, so frech oder aber so naiv, um sich als Vertreter einer ganzen Glaubensgemeinschaft auszugeben? Es kann ja selbst der Papst höchstens für den Vatikan sprechen und zwar in seiner Funktion als Staatsoberhaupt, auf keinen Fall kann er aber davon Zeugnis ablegen, was Abermillionen Katholiken, denen er noch nie begegnet ist, denken und wollen. Geschweige denn auf jüdischer Seite, wo es nicht einmal solch eine Institution gibt wie die Weltkirche. Also kann bei allem guten Willen kein interreligiöser, sondern bestenfalls nur zwischenmenschlicher Dialog stattfinden.

Und ist es nicht tatsächlich an der Zeit, dass wir einander einfach so begegnen, wie wir sind und nur sein können, nämlich als Menschen?

Hast du Ideen, oder haben Ideen dich?

Früchte des Zorns, Brennen

Liebe Menschen auf beiden, allen "Seiten": Lasst uns bitte mit diesem Theater aufhören. Es bringt uns einfach nicht weiter.

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Stimme nicht zu (-:

    Lieber Yoav,

    bei aller Liebe zur Ketzerei wider den Mainstream, hier stimme ich Dir nicht zu.

    1. Selbstverständlich behaupten im Dialog engagierte Menschen nicht, für ihre ganzen Religionen zu sprechen, sondern benennen diese nur. Oder erhebt eine jüdische Studentengruppe oder Wohngemeinschaft schon durch ihre Bezeichnung den Anspruch, das gesamte Judentum zu vertreten?

    2. Der Dialog besteht aus wechselseitigen Fragen und Antworten und wird begleitet von persönlichen Begegnungen und oft auch gemeinsamen Aktionen. Damit dient er jeweils dem besseren Verständnis der je anderen Religion wie auch der Vertiefung des eigenen Glaubens. Er ist eine Option religiöser Praxis, die es immer gab, zu der keiner gezwungen, von der aber auch niemand abgehalten werden darf.

    Natürlich begegnen sich Dialogpartner “einfach als Menschen”. Aber sie nehmen die religiöse Dimension nicht als die einzige, aber als einen wichtigen Teil des jeweiligen Menschsseins wahr.

    Klar: Sehr viel mehr Christen suchen den Dialog mit Juden als umgekehrt, das kann schon zahlenmäßig nicht anders sein. Die Attitüde des “Ihr mögt den Dialog ja brauchen, wir stehen da drüber.” ist da sehr häufig und irgendwo auch verständlich.

    Aber die Menschen, Christen, Juden und Muslime, die sich über Jahre hinweg im Dialog engagieren, erreichen unzählige Menschen, schaffen Verständnis, Wissen und Interesse an Religion(en), bauen Vorurteile ab und machen die Welt ein klein wenig friedlicher.

    Sich über Menschen lustig zu machen, die Dialog als einen Teil ihres religiösen Lebens begreifen hat das gleiche Niveau, wie sich über das Beten oder Speisegebote mit dem Hinweis lustig zu machen, der Herr habe sowas zu verlangen doch wohl nicht nötig.

    Mit dialogischen Grüßen

    Michael

  2. Also

    Hier kannst du lesen, was der Brumlik zu Thema zu sagen hat:
    http://www.juedische-allgemeine.de/…abe13/01.pdf

    Und nun sag selber, in welchem Ton das wohl geschrieben ist, ob in einem sorgfältigen, weil bewusst subjektiven oder nicht.

    So, wie er sich verhält, tun es wohl auch andere. Das ist ja verständlich: Wenn man aufs Podium geht und dann nur noch unterm Vorbehalt der gebührlichen Subjektivität redet, kriegt man keine Einladungen mehr.

    Noch ein Beispiel? Okay:
    http://www.spiegel.de/…and/0,1518,542556,00.html

    Pluralis Majestatis? Wohl nicht. Die Öffentlichkeit will wissen, was “die Juden” denken, und sie wird auch diejenigen finden, die bereitwillig sind, so etwas auszudenken und zu liefern.

    (Und übrigens: Wie erlaubt sich ein Rabbiner, der seinen Beruf der Entstehung des rabbinischen Judentuns verdankt, überhaupt vom Christentum als der “jüngeren Schwester” zu reden? Das ist nicht nur historisch falsch, sondern, wenn man damit in die Öffentlichkeit geht, schlichtweg impertinent.)

    Ganz zu schweigen vom Zentralrat “der Juden” (wessen?!) in Deutschland, von dem Brumlik schreibt: “Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat bereits erklärt, das Gespräch mit der katholischen Kirche vorerst auszusetzen. Zu Recht.” Nun, was hat der Zentralrat hier überhaupt zu suchen? Wäre die Deutsche Rabbinerkonferenz kein besserer Ansprechpartner? Naja. Eine vernünftige Stellungnahme kann man sowieso nicht von einer Zeitung erwarten, die nicht von ihren Lesern, sondern vom Zentralrat getragen wird.

    Nun aber: All die Vorteile, die du genannt hast, lassen sich nur auf zwischenmenschlicher Ebene erzielen. Wenn jemand mit mir ausgerechnet als Juden ins Gespräch kommen will, lässt sich eh kein einziger Vorurteil abbauen. Vielmehr werden hier Vorurteile in Form von Labels vorausgesetzt, während es an echtem Interesse für den Mitmenschen fehlt. Und wenn er nach dem Treffen der Meinung ist, die Juden wären doch nicht so schlimm, wie er sie sich vorher noch vorgestellt hat, habe ich ja nichts gewonnen. Denn noch immer stellt er sich “Juden” vor, noch immer herrschen bei ihm irrelevante Denkmuster vor.

    P.S.
    Ich habe mich nicht “lustig gemacht”. Ganz im Gegenteil. Denn ich finde es gar nicht lustig, wenn sich Prominente, die bis vor kurzem überall auftreten wollten, nunmehr dafür bezahlt werden, dass sie sich öffentlich im Namen eingebildeter Glaubensgemeinschaften zerstreiten, und zwar über Sachen, in denen es im Endeffekt keine Wahrheit geben kann. 229 Jahre nach Lessings Nathan hätte man ja auch ganz einfach sagen können: “Das wird sich noch zeigen, ich jedenfalls fühle mich nicht davon betroffen.” Nur kriegt man damit kein Interview im Spiegel. Aufklärung lohnt sich nicht mehr. Es lebe das Identitätstheater.

  3. Hmmm…

    Dann liegen wir vielleicht gar nicht sooo weit auseinander.

    Lass mich meine Haltung mal so formulieren:

    1. Ein Dialog findet immer zwischen Menschen statt – und zwar idealerweise zwischen vielen Menschen zu vielen Gelegenheiten und unterschiedlichsten Themen.

    2. Würdenträger können eine wichtige, symbolische und ermutigende Rolle in der Förderung des Dialoges spielen – sofern sie ihn und ihre jeweiligen Gemeinschaften nicht vereinnahmen.

    3. Insofern es im Dialog um genuin theologische Fragen geht, sollten ausgebildete Geistliche / Theologen einbezogen werden.

    4. In jeder Religionsgemeinschaft werden sich auch immer Einzelne finden, die im Dialog Blödsinn reden, nur ihr eigenes Ego befriedigen, gar nicht an der Haltung des anderen interessiert sind etc. Dies braucht aber doch andere nicht davon abhalten, es besser zu machen.

    Wenn Du das Verhalten Einzelner im Dialog kritisieren magst – gerne. Es ist aber etwas ganz anderes, deshalb den Dialog an sich als “Theater” abzutun. Nach meiner Erfahrung finden die besten und ernsthaftesten, zwischenmenschlichen Dialoge weitab von Bühnenscheinwerfern statt…

  4. Tja

    ad 1.: Einverstanden

    ad 2.: Was verstehst du unter Würdenträgern? Auch Berufsjuden à la Zentralrat & Co.?

    ad 3.: Ich glaube nicht — err…: Ich bin nicht der Meinung, dass es ausgerechtnet in theologischen Fragen noch zu einem richtigen Gespräch kommen kann. Haben wir in den letzten Millenia nicht genug davon gehabt? Bestenfalls gibt man heutzutage zu, in solchen Sachen keine Beweise pro oder contra führen zu können, und dann ist das theologische Gespräch auch wieder vorbei, d.h. es bleibt nur noch das Menschliche (m. E.: das Eigentliche). Oder man verzichtet im Vorhinein auf ein gegenseitiges Verständnis und begnügt sich mit einer Darlegung der jeweils eigenen Sichtweise, was aber wiederum kein Gespräch mehr bildet.

    ad 4.: Einverstanden, nur sehe ich nicht ein, wie es besser sein kann, wenn man vom Menschlichen absieht und sich aufs Religiöse konzentriert.

    Und: Das Theater spielt sich überall ab, und die ganze Welt ist ja eine Bühne… Nur dürfen wir uns nicht einbilden, das Kostüm wäre unsere Haut. Wir müssen stets die Ideen haben, denn in dem Moment, wo wir die Ideen uns haben lassen, entstehen Klüfte, die dann vermeintlich per “Dialog” überbrückt werden sollten, obwohl dieser Dialog die falschen Vorstellungen (etwa: Ich->Jude, Du->Christ) nur noch verstärkt. Du als Religionswissenschafter würdest mir wohl Recht geben, dass kein Mensch – egal wie sehr er religiös veranlagt ist – als “Jude” oder als “Katholik” geboren wird. In diese spezifischen Theaterrollen werden wir vielmehr hin erzogen.

  5. @ Yoav: Disputation vs. Dialog

    Lieber Yoav,

    Du schriebst:

    “Bestenfalls gibt man heutzutage zu, in solchen Sachen keine Beweise pro oder contra führen zu können, und dann ist das theologische Gespräch auch wieder vorbei, d.h. es bleibt nur noch das Menschliche (m. E.: das Eigentliche). Oder man verzichtet im Vorhinein auf ein gegenseitiges Verständnis und begnügt sich mit einer Darlegung der jeweils eigenen Sichtweise, was aber wiederum kein Gespräch mehr bildet.”

    Meines Erachtens verwechselst Du hier Dialog und Disputation. In der Disputation geht es tatsächlich darum, den anderen mit Argumenten “zu überzeugen”, nach dem Motto: Ich beweise, dass meine Religion die wahre ist. Da gebe ich Dir Recht, das geht nicht.

    Im Dialog geht es aber um etwas ganz Anderes: Ich frage Dich, wie Du eine Sache siehst und Du mich. So entstehen Klärungen, die sinnigerweise beide Seiten verändern. So werde ich nie vergessen, wie mich als 17jährigen Christen muslimische Freunde fragten, warum wir eigentlich im Winter Bäume in unsere Zimmer stellen. Ich schlug in einer Bibel nach – und konnte partout nichts zu Weihnachtsbäumen finden! Letztlich hat diese Einstiegsfrage mein Interesse an den Rätseln und Mysterien der Religionen so richtig geweckt! (-;

    Die Dialoge des letzten Jahrhunderts haben sehr viel erreicht. Große Teile der christlichen Theologie haben ihr Verständnis des Judentums grundlegend gewandelt – und selbst auch viel gelernt.

    Ein ganz einfaches Beispiel: Das Handeln des Rabbiners Gamaliel I. laut der NT-Apostelgeschichte – er verteidigt die Religionsfreiheit der frühen Christen.

    Sinnigerweise konnten sich die Kirchen das bis vor Kurzem nur mit einer “heimlichen Taufe” des großen Gelehrten erklären, zumal Paulus stolz war, bei ihm gelernt zu haben – der Rabbiner wurde noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts als christlicher Heiliger geführt und verehrt!

    Erst in den interreligiös-wissenschaftlichen Dialogen des 20. Jahrhunderts wurde klar, dass es darauf keinerlei Anzeichen gibt und dass Gamaliels Größe und Eintreten für Religionsfreiheit aus seiner eigenen -der jüdischen- Religion stammte. Inzwischen ist klar (aber leider außerhalb von Fachkreisen kaum bekannt), dass hier auch eine nichtjüdische Schrift die Bedeutung des Gelehrten rühmte – zu einem hochaktuellen Thema! So etwas ist nun wirklich selten…

    Siehe hier:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/…858551/

    Mag sein, dass Dir so etwas unbedeutend vorkommt. Mich begeistert und prägt es. Lernen ist die Grundbedeutung von Respekt und in einem gewissen Sinne ist auch der Umgang mit G’tt idealerweise stets ein Dialog…

    Herzliche Grüße

    Michael

  6. @ Yoav: “Berufsjuden”

    Lieber Yoav,

    die Mitglieder des Zentralrats als “Berufsjuden” zu bezeichnen, kann ich nicht nachvollziehen.

    Staat, Gesellschaft und Öffentlichkeit sind auf Gesprächspartner der Religionsgemeinschaften angewiesen, mit denen sie sich austauschen, Vereinbarungen treffen und gemeinsame Aktivitäten voranbringen können. Wir haben größte Probleme, weil wir auf muslimischer Seite noch keine solchen Partnerstrukturen haben!

    Die meisten Mitglieder des Zentralrats sind ehrenamtlich aktiv, meist auch noch in ihren jeweiligen Gemeinden. Ohne Menschen wie Salomon Korn und Charlotte Knobloch hätte es Einrichtungen wie den Neubau der Hochschule für Jüdische Studien, die neue Synagoge in München etc. womöglich nicht gegeben.

    Klar kann man Strukturen und Personen kritisieren und jede Religionsgemeinschaft muss selber klären, durch welche Gremien (Rabbiner- oder Bischofskonferenzen, Laienräte etc.) sie sich wo vertreten lässt, wie diese gewählt werden usw.

    Aber als Deutscher, der im religionspolitischen Bereich täglich arbeitet, bin ich dankbar, dass wir heute wieder gesprächsfähige jüdische Institutionen haben, um gemeinsam Probleme zu lösen und die Zukunft zu gestalten!

    Herzliche Grüße

    Michael

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