Die Sezession verteidigt sich: ein Leserbrief

Auf meine Notizen zur »Lage der deutschen Nation« habe ich folgende Reaktion erhalten, in der sich Martin Lichtmesz, ein Vertreter der intellektuellen Gruppe um Götz Kubitschek (und offenbar ein Leser meines Blogs), ausführlich die »sezessionistischen« Standpunkte erläutert, wie er sie wahrnimmt.

Mit seinen Ansichten bin ich zwar nicht einverstanden, aber ohne seine Worte zu bewerten und im Bewusstsein, dass meine Feststellungen zur Session auch falsch gewesen sein könnten, veröffentliche ich hier Lichtmesz’ Wunsch entsprechend wortgetreu seinen Brief:

Sehr geehrter Herr Sapir,

Als "Sezessionist" will ich dazu eine Stellungnahme abgeben. Ihre Bemerkungen zeugen von einer recht oberflächlichen Rezeption der publizistischen Arbeit der "Sezession", wobei für mich bei der Unterstellung eines "innerlich und insgeheimen" Wunsches, daß "Hitler den Krieg gewonnen hätte", eine zulässige Grenze überschritten ist. Es geht vielmehr darum, das Problem und die politischen, seelischen und kulturellen Folgen der Niederlage von 1945 komplexer zu betrachten als allein durch die Brille Hitler, was ja inzwischen zum staatsoffiziellen Mainstream geworden ist. Das sind natürlich Wunden und Fehlstellen, an denen stärker geschichts- und nationalbewußte Menschen mehr laborieren als andere. Dafür sollten doch gerade Sie einen Draht haben. Mit Hitler ist ja nicht bloß der Nationalsozialismus untergegangen, ebensowenig wie der Krieg von 1939-45 allein durch den Nationalsozialismus zu verstehen und erfassen ist. In einem weiteren Kontext könnten Sie genauso gut – und auch mit mehr Recht-  sagen, daß sich die Sezessionisten "insgeheim" wünschten, der Kaiser Wilhelm hätte den Krieg von 1914 gewonnen. Aber derlei rückwärtsgerichtete Spekulationen sind ebenso sinnlos, wie das waswärewenn Stauffenberg & Co Erfolg gehabt hätten. Unser Punkt ist aber, daß das Land unmittelbar und bis in die kleinsten Verästelungen an dem unverarbeiteten Trauma von 1945 leidet, das weder mit den Geschichtsbildern der Sieger, noch mit Weizsäckerformel zu fassen war, und daß hier ein Weg eines neuen Verständnisses gefunden werden muß, sofern Deutschland eine Zukunft haben soll. Das wird aber nicht ohne eine gewisse "Sezessionen" von den Geschichtsbildern und damit verbundenen Interessenlagen anderer Player abgehen. Dazu verweise ich Sie auch auf das neue Buch von Thorsten Hinz, "Die Psychologie der Niederlage", der diese Dinge besser und klarer darzustellen vermag, als irgendjemand sonst.       

Daß Sie als dezidiert wehrhafter israelischer Patriot und Nicht-Linker die Betonung von "Staatsmacht und Kampfschmiede verherrlichender Tendenzen" als "faschistisch" verdächtigen, erscheint mir merkwürdig und inkonsequent. Der Staat ist hier vor allem als der Staat im preußischen Sinne gefaßt, und als Staat, der im Gegensatz zum jetzigen Merkel-CDUSPD-Mafia-Netz auch die eigenen Interessen zu vertreten und durchzusetzen vermag, vom Schulsystem, über den Euro, bis zur Einwanderungs- und Geschichtspolitik. Und was wäre denn bitte Israel oder sonst eine Nation ohne ihre "Kampfschmieden", die Sie ja auch für Ihr Land bejahen?

Schließlich hat Ihre Behauptung: "Trotzdem widerstehen sie nur viel zu selten der Versuchung, die Geschehnisse im Namen Osten zu missbrauchen, um Israel mal wieder an den Pranger zu stellen und sich selbst zu "beweisen", dass die Juden "es" anderen doch auch antäten." keinerlei faktische Grundlage. Überzeugen Sie sich selbst, daß Israel eher selten und meistens nur en passant ein Thema der Sezession ist, sowohl im Blog als auch in der Printausgabe, und wenn, dann niemals in dem von Ihnen unterstellten Sinne:
 http://www.sezession.de/?s=israel

Überhaupt müßten Sie eher mich allein dingfest machen, da die meisten aufgeführten Artikel von mir sind. Aber auch diese haben niemals die von Ihnen behauptete Stoßrichtung. Daß ich die Politik Israels eher mit Bauchschmerzen betrachte und (zusammen mit dem amerikanischen Imperialismus) für mitverantwortlich an der Eskalation des islamischen Terrors halte, habe ich immer wieder deutlich erkennen lassen. Dies aber interessiert mich vor allem im Hinblick und als Reaktion auf unsere vertrottelt-kritiklosen heimischen Israel-Fahnenschwenker von links bis rechts, deren seelische Verfassung und Motivationen mich weit mehr beschäftigen als Israel selbst. Ich schreibe ja für Deutschland, und nicht für (oder gegen) Israel. Israel interessiert mich eher als Projektionsfläche deutscher Befindlichkeiten, wozu Sie ja viel Scharfsinniges bemerkt haben. Denn typischerweise drückt sich hier eine deutsche Pathologie und Identitätschwäche aus, von den PI-Anhängern, die sich hinter der Israel- und USA-Fahne verstecken, weil sie es nicht wagen, eine eigene Position einzunehmen, bis zu den Dschungelweltlern und Antideutschen, die meinen, sich mit einer 1000% Parteinahme für Israel von ihren allzu deutschen Komplexen reinwaschen zu können. Beides ist ebenso dumm wie würdelos. Dabei haben die antideutschen Gruppierungen, nicht nur, wie Sie bemerken, nichts für Deutschland zu bieten, sondern zählen zum aktiven deutschen Selbstmord- und Abbruchkommando des nationalneurotischen Sumpfes .  

Mit diesen Gestalten wird sich im Ernstfall jedenfalls keine Front in Neukölln halten lassen, so exzessiv sie auch ihre unterdrückten nationalen Rambo-Sehnsüchte und Identitätsprobleme auf Israel projizieren mögen, und nix anderes geschieht hier. Viel eher noch hier, als bei den "Sezessionisten", wie Sie unterstellen. Da diese wissen, wo sie stehen und wer sie sind, haben sie das nicht nötig. Denn wenn überhaupt, dann wird auch hier eine "Sezession" befürwortet, nämlich die Abstandnahme von Israel als Lacmus-Test, Gretchenfrage oder sonstwie komplexhaft aufgeladenes Moment. Ich möchte dezidiert die Sicht auf Israel als entweder positive ODER negative Projektionsfläche entmutigen, und stattdessen eine realpolitische Sicht und vor allem eine Besinnung auf den eigenen Standort ermutigen. Insofern trifft das genaue Gegenteil Ihres Vorwurfs zu!

Ich für meinen Teil kann Israel nicht guten Gewissens rückhaltlos unterstützen, wie das für Sie der Gradmesser zu sein scheint, was überhaupt nichts mit der Frage zu tun hat, ob man dem jüdischen Volk den Nationalstaat nun prinzipiell gönnt, denn da bin ich natürlich d’accord, und habe mit diesem Konzept im Gegensatz zu 99% der deutschen Linken nicht das geringste Problem.  Das ändert aber nichts daran, daß meiner Ansicht nach Israel von Anfang an auf einer schiefen Ebene, nämlich als Kolonialistenstaat auf Kosten der Araber und durch Krieg, Terrorismus und Vertreibung errichtet wurde, und dieses Karma sich tragisch fortschreibt. Eine gerechte Betrachtung der Lage kann das nicht beiseite wischen, so wenig sympathisch mir die Gegenseite auch ist. Es liegt an Israel, das zu lösen (wenn sich Tragödien überhaupt lösen lassen), aber es kann nicht erwarten, daß ihm alle Welt dabei vorbehaltslos zujubelt und zugekniffenen Auges durch Gaza oder die Westbank spaziert. Angesichts bestimmter Maßnahmen Israels (Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten, Tötung von Zivilisten, Mauerbau, Ghettoisierung, etc) und so manchen unverblümten Kriegs- und Vertreibungsphantasien, die ich aus dem Munde rechtsgerichteter Israelis gehört habe, empfinde ich alles andere als "Neid" auf soviel nationales Selbstbewußtsein, sondern eher ein profundes Unbehagen und einen Grusel angesichts solcher Hybris, und das, Überraschung, exakt wegen der Erfahrung Hitler und der nationalistischen Exzesse in Deutschland. Israel ist in meinen Augen in seinem jetzigen Zustand ein absolut prekäres und problematisches Gebilde, ich fürchte gar ein moderner Samson, der sich selbst mit den Philistern unter den Trümmern begraben wird. (Nebenbei: Eher noch als auf Israel sind deutsche Konservative heute wohl eher Länder wie Polen oder sogar Italien neidisch.)   

"Groll", "nationale Renaissance", "deutsche Selbstverachtung": Was für Gefühle soll ich denn als Deutscher haben, wenn ich mir die israelischen Kampfschmieden in Yad Vashem und anderswo angucke, wie etwa in dem "Defamation"-Film von Yoav Shamir gezeigt? Euer moderner Schlachtengott ist nicht mehr der gute alte Jahwe (der nun auch nicht zimperlich war), sondern seine späte Travestie, der säkulare Shoah-Gott, der wohl eure Kampfschmieden effektiv anheizen mag, die Deutschen aber vernichtet und von innen aushöhlt. Schon allein deswegen können wir uns ihm nicht in der Form unterwerfen, wie ihr es tut. (Ich bezweifle aber indessen auch nachhaltig, ob er denn EUCH gut tut, oder ob er euch nicht vielmehr blindlings in die Philisterhalle hetzt.) Über den Shoahkult sind heute Deutsche und Juden Rücken und Rücken aneinander gekettet, und was den einen bei der "nationalen Renaissance" Auftrieb geben mag, ist für die anderen nur Grund für ein weiteres Abwracken und Abhalftern, für Neurotisierung und Selbsthaß. Verbunden mit anderen psychologischen Momenten, wird es hier nicht nur einen fortgesetzten (und völlig nachvollziehbaren) "Groll" geben, sondern auch Ressentiments, Machtspiele, Konflikte, Polarisierungen, psychologische Fehlleistungen, Teufelskreise, Komplexproduktionen und vor allem eine unheilvolle Verstrickung, die niemals eine positive Verständigung finden wird, von welcher Sie mir glauben können, daß sie die Mehrheit der Deutschen zutiefst ersehnt und dazu auch den guten Willen hat. Für dieses Dilemma sind Ihre Sympathien bzw. Parteinahmen ausgerechnet für die Jungles und die Antideutschen bezeichend. Wie bei einem Schachspiel landet man offenbar Zug um Zug in diesem Eck. Aber muß das so sein? Es muß, es wird auch hier dritte Wege geben.

Mit freundlichen Grüßen

Martin Lichtmesz

Soweit der Brief. Vielleicht kommt später wiederum auch ein Kommentar meinerseits, vielleicht auch nicht. Jedenfalls lasse ich hier diese Rede erst mal einfach zur Kenntnis genommen werden. Man weiß ja nie, wann man selber den Sokrates spielen muss; meistens wohl früher als erwartet.

 

PS.

Neulich hat der Besuchszähler auf meinem Blog die 150.000-Grenze überschritten; diese Zahl ist das Resultat fast vierjähriger Schreiberei und als solches enthält sie auch die Abrufe auf meinem ersten, privaten Blog (»Ein Jude in Deutschland«), das mir Anfang 2008 die Einladung in die »Scilogs« verschaffte.

Ist das viel? Wenig? So oder so bedanke ich mich bei euch – wohl wissend, dass Quantität kein gutes Maßstab für Qualität ist – für die mir geschenkte Aufmerksamkeit. Auch wenn ich hier vornehmlich schreibe, um meine intellektuelle Gesundheit zu erhalten, ist es natürlich angenehmer, zu wissen, dass man immerhin nicht nur für sich selbst schreibt, sondern dass seine Erzeugnisse auch für andere von Interesse sind.

 

 

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Same old, same old

    Herr Lichtmesz sieht Juden, die zu einem “Shoah-Gott” beten, der ihre “Kampfschmieden” anheize und die Deutschen von innen aushöhle.

    Der Briefautor schafft es, sekundären Antisemitismus, den alten deutschen Wahn vom Jüdischen, das das Deutsche von innen zersetzt und die aktuellen Staatsräson zu verbinden, der zufolge man als Deutscher Israel “exakt wegen der Erfahrung Hitler und der nationalistischen Exzesse in Deutschland” moralisch zurechtweisen dürfe und müsse.

    Damit befindet sich Lichtmesz zugleich mitten im tiefsten Sumpf des deutschnationalen Judenhasses wie im deutschen Mainstream.

    Stellst sich eigentlich nur noch die Frage, wieso Sie, Herr Sapir, ihm dafür ein zusätzliches Forum bieten.

  2. @ Moritz

    Ich sehe das ähnlich. Und mit dem Ghettoisierungsvorwurf konnte er sich offenbar auch nicht zurückhalten, also sind wir jetzt wieder bei “die Juden tun es doch auch”. Andererseits artikuliert er auch Einiges, worüber man nachdenken kann und soll, z. B. das mit dem Ersten Weltkrieg. “Darf” man wünschen, das alte Deutschland hätte jenen Krieg gewonnen?

    Seine Rede habe ich hier veröffentlicht, weil sie, wie ich finde, gehört gehört, wenn auch nicht aus den Gründen, die Herrn Lichtmesz vielleicht vorschweben.

    Eure Kommentare hierzu sind hier sehr erwünscht. Dass ich momentan keine Kraft habe, ihm eine Antwort zu schreiben, bedeutet freilich nicht, dass ihr es auch nicht tun solltet.

  3. @ Moritz

    Die bloße Existenz der antideutschen Fraktion bestätigt alles, was ich oben gesagt habe, weil sie die von mir kritisierte Ideologie exemplarisch und extremistisch auf die äußerste Spitze treibt: Israel muß leben, Deutschland soll sterben. Israel über alles, Deutschland verrecke. Warum? Wegen des Holocausts und allem, was daraus folgt, oder was man glaubt, daraus folgern zu müssen.

    Mir erscheint das von A-Z wahnwitzig, irrational und grotesk, und aus dem Munde von Deutschen geradezu pathologisch. Wenn es heute in Deutschland eine Fraktion gibt, die “vom Juden als Projektionsfläche” nicht nur nicht frei, sondern geradezu besessen ist, bis zur völligen politischen Blindheit, dann vor allem die antideutsche.

    Ich für meinen Teil leugne die Notwendigkeit dieses Nexus, und halte ihn für beide Seiten für grundschädlich.

    Meine Position ist dagegen: Israel und Deutschland sollen leben, beide nach ihrer Facon und gemäß ihrer Staatsräson. Ihre Beziehungen sollen entlang der politischen Vernunft verlaufen, aber nicht auf den Schlachtfelder der Komplexe und der moralischen Erpressungen ausgetragen werden. Das wäre common sense.

    Aber, und das sagte ich bereits, für mich bleibt die Lektion aus der deutschen Geschichte, daß das “right or wrong, my country” ein Irrweg ist, der ins Verderben führt. Und das sehe ich auch auf Israel zukommen. Solange mich niemand vom Gegenteil überzeugt, sind die von mir angeführten Kritikpunkte, und mögen sie so “umstritten” sein wie sie wollen, absolut legitim und gut begründbar, und werden auch nicht im Sinne es eines “tu quoque” angeführt, wie sich aus dem Kontext eigentlich ergeben sollte. Es geht hier auch nicht primär um moralische Verurteilung, sondern um Distanzierung, vor allem, wie gesagt, in Hinblick auf die deutschen Israelfahnenschwenker von PI bis JW.

    MLichtmesz

  4. @ Martin

    Auch ich möchte, dass Deutschland – nicht gleichzusetzen mit der Bundesrepublik – fortlebt, und in diesem Punkt finde ich unter den Antideutschen wiederum ebenfalls keine “Spielpartner”.

    Allerdings glaube ich – wissenschaftlich nachzuweisen ist derlei freilich nicht – dass der dritte Weg, von dem du sprichst, gerade aufgrund des Holocaust nunmehr nur durch Israel, keineswegs aber daran vorbeiführt.

    Deine Sehnsucht nach realpolitischer Normalität kann ich nachvollziehen, an der Normalität an sich gibt es m. E. jedoch nichts Schätzens-, geschweige denn Erstrebenswertes. Israel – nicht nur der moderne Staat – war nie “normal”; Deutschland gewissermaßen auch nicht. Das zieht bisweilen freilich auch Schwierigkeiten mit sich, ermöglicht aber wiederum aus meiner Sicht die jeweilige Größe, das erst recht Erstrebenswerte.

    (Damit will ich – um Missverständnissen vorzubeugen – nicht sagen, dass die Anormalität gut ist. Dass Israel jahrtausendelang unter höchst anormalen Umständen lebte und erst vor kurzem die Souveränität im eigenen Lande wiedererlangte, war zwar anormal, aber keineswegs gut. Es es also nicht die Anormalität an sich, in der das Erstrebenswerte liegt; aber die Normalität an sich ist ebenfalls nicht erstrebenswert.)

    Darum kann ich mir ein positives Erwachen des deutschen Nationalgeistes nicht in der Normalisierung, sondern, gerade umgekehrt, erst in der Verarbeitung des Holocaust zum Teil eines solchen Bewusstseins vorstellen. Denn die Fokussierung auf den Holocaust allein bis hin zum “Antideutschtum” ist genauso destruktiv wie der Versuch, am Holocaust vorbeizugehen, indem man ihn als noch eine Episode der Weltgeschichte betrachtet, unter die man einen Schlussstrich ziehen sollte. Wenn es einen goldenen Mittelweg gibt, dann nur zwischen diesen beiden Extremen, also durch die Substanz, die einerseits maßgeblich vom Holocaust geprägt und bestimmt ist, andererseits gerade aus ihm die Kraft für und den Willen nach einer Zukunft der Kultur schöpft:

    Israel.

    Und ja, freilich haben wir hier mit Projektionen zu tun. Deutschland und Israel sind für mich höchst wirksame Projektionsflächen. Aber als historisch gewachsene Substanzen, die mehr zu bedeuten haben als nur Bürokratie, sind sie schon per definitionem Projektionsflächen. Das meine ich aber sehr positiv, denn was ist die Projektion, wenn nicht eine Emanation des Geistes, der das, worüber wir hier reden, erst recht ins Leben ruft?

    Der Holocaust ist nicht das Einzige, woraus die deutsche Substanz entstanden ist, aber es zählt schon mit zum Wichtigsten und verbindet Deutschland, soweit es nicht nur ein technisches Staatsgebilde ist, über alles Vorherige hinaus nunmehr endgültig mit dem Jüdischen. Das kann, wie auf jedem Schicksalsweg, gut sein oder auch schlecht, aber es lässt sich nicht mehr rückwirkend “tilgen”. Der Wunsch nach Normalität und “Israelindifferenz” ist aber genau ein solcher Versuch, so zu tun, als ob das Deutsche sich von seiner eigenen Genese “abkoppeln” ließ.

  5. Hätte das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg gewinnen sollen?

    Der Historiker Niall Ferguson vertritt in seinem Buch The Pity of War (Der falsche Krieg) die These, wenn Deutschland den Ersten Weltkrieg gewonnen hätte, wäre die grobe Situation heute eine ganz ähnliche wie sie es tatsächlich ist: ein mehr oder weniger geeintes Europa unter deutscher Hegemonie, nur ohne Shoa. Ich zweifle an der Sinnhaftigkeit solcher kontrafaktischer Spekulationen. Die entscheidende Frage ist doch, warum der antisemitische Wahn in Deutschland hegemonial und ins Werk der Vernichtung umgesetzt wurde, warum er nicht wie bei der Dreyfus-Affäre in Frankreich zurückgeschlagen wurde. Spekulationen wie die Fergusons bedeuten letztlich nur eines: Eine monokausale, allein auf die “Schmach” von Versailles sich begründende Erklärung der Shoa, die ich für hoffnungslos vereinfachend und falsch halte.

  6. @ Moritz

    In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob man denn – wenn auch natürlich im rein hypothetischen, kontrafaktischen Rückblick – nur insofern für einen deutschen Sieg an der Westfront sein darf, als das angeblich die NS-Machtergreifung hätte vermeiden können.

    Will sagen: Ob die Entwicklung in Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg an sich noch keine Parteinahme für Deutschland, sondern – da es ja nun mal doch zu einem Krieg kam – nur gegen Deutschland zulässt?

  7. @Yoav

    Wow, irgendwie stecken die Juden doch wieder dahinter. Was soll man dazu sagen.

    Tja die Sezessionisten scheinen ein sehr gruseliges Weltbild zu haben, ich wußte nie so recht wo ich stehe, aber um so mehr ich mich mit “rechten” Ideen beschäftige um so mehr weiss ich das ich diese Ideen nicht teile. Aber dein Weltbild scheint nicht sehr anders zu sein, wahrscheinlich warst du mir immer sympathisch weil ich Amos Oz und Kishon auf dich projeziert habe.

    Ich weiß nicht wie Rechte das “Merkel-CDUSPD-Mafia-Netz” ablehnen und gleichzeitig ein wenig Neid für Italien empfinden können. Um das zu verstehen muss man wahrscheinlich Intellektueller sein. Wie es schon in einem wunderschönen Lied von Fabrizio De Andrè heißt “Intellettuali d´oggi idioti di domani”

    Gute Nacht

  8. @ Alex

    wahrscheinlich warst du mir immer sympathisch weil ich Amos Oz und Kishon auf dich projeziert habe.

    Haha, großartig! Mit Sicherheit das beste Unkompliment, das mir auf diesem Blog zuteil worden ist.

  9. verdammt ich hätte dich gerne wenigstens ein bisschen gekrängt, dann hat das wohl nicht geklappt. Was hast du gegen Amos Oz? naja ist ja auch egal.

    Eine gute Nacht

  10. “Ob die Entwicklung in Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg an sich noch keine Parteinahme für Deutschland, sondern – da es ja nun mal doch zu einem Krieg kam – nur gegen Deutschland zulässt?”

    Das ist natürlich eine Frage des Standpunktes. Wenn man sich auf der Seite des Rationalismus, des Materialismus und des Universalismus der Aufklärung verortet, also genau auf der Seite jener Zivilisation, die Wilhelm II. und die Deutschnationalen vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg als französische Dekadenz und Ausgeburt der angelsächsischen Krämerseele verurteilten, dann ist diese Frage leicht zu beantworten.

  11. Dank an Yoav für die Veröffentlichung von Lichtmesz’ Stellungnahme!

    Durch Yoavs Bemerkung, “nach vielen Recherchen, langen Beobachtungen und manchen Gesprächen in diesem Milieu” glaube er, “dass es den Sezessionisten innerlich und insgeheim doch lieber gewesen wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte”, sieht M. L. “eine zulässige Grenze überschritten”, weshalb er zum 9. Mai 1945 zu Protokoll gibt:

    “Unser Punkt ist aber, daß das Land unmittelbar und bis in die kleinsten Verästelungen an dem unverarbeiteten Trauma von 1945 leidet, das weder mit den Geschichtsbildern der Sieger, noch mit Weizsäckerformel zu fassen war, und daß hier ein Weg eines neuen Verständnisses gefunden werden muß, sofern Deutschland eine Zukunft haben soll.”

    q. e. d.

    “Angesichts bestimmter Maßnahmen Israels (Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten, Tötung von Zivilisten, Mauerbau, Ghettoisierung, etc) und so manchen unverblümten Kriegs- und Vertreibungsphantasien, die ich aus dem Munde rechtsgerichteter Israelis gehört habe, empfinde ich alles andere als “Neid” auf soviel nationales Selbstbewußtsein, sondern eher ein profundes Unbehagen und einen Grusel angesichts solcher Hybris, und das, Überraschung, exakt wegen der Erfahrung Hitler und der nationalistischen Exzesse in Deutschland.”

    In seinem antiwestlich motivierten Affekt gegen den jüdischen “Kolonialistenstaat” dupliziert der “deutsche Konservative”, indem er plötzlich sich zu “gruseln” vorgibt angesichts vermeintlich Hitler-gleicher Greuel, lediglich das, was – insbesondere unter Rot-Grün – auch auf regierungspolitischer Ebene frei geäußert wurde (namentlich durch Ministerin Wieczorek-Zeul). Sein Statement könnte jedes Palästina-Komitee der Republik bereichern.

  12. Versuch einer Antwort

    Die Ausführungen von Martin Lichtmesz bedürfen einer Erwiderung, damit nicht der Eindruck aufkommt, Herr Lichtmesz spreche für “die” politische Rechte in Deutschland. Vielmehr ist es so, daß auf der deutschen Rechten mindestens zwei Lager existieren – wenn nicht mehr: ein Israel-freundliches, zu dem ich mich auch zähle, und eines, daß gegenüber Israel und/oder Juden eine distanzierte bis feindliche Haltung einnimmt.

    Ich stimme mit manchem (aber nicht mit allem) inhaltlich überein, oder halte es zumindest für anregend, was der Kreis um Götz Kubitschek formuliert oder an Aktivitäten durchführt. Die inhaltlichen Positionen von Martin Lichtmesz gehören eher nicht dazu. Diese teile ich zum großen Teil ausdrücklich nicht.
    Zunächst einmal weise ich die Unterstellung zurück, die “heimischen Israel-Fahnenschwenker” seien “vertrottelt”, hätten eine Identitätsschwäche und würden sich “hinter Israel- und USA-Fahne verstecken, weil sie es nicht wagen, eine eigene Position einzunehmen”. Herr Lichtmesz kann es sich anscheinend nicht vorstellen, daß man sich mit Israel solidarisieren und zugleich deutscher Patriot sein kann, sowie daß nicht jeder nationalgesinnte Deutsche die USA als imperialistischen Feindstaat betrachten möchte. Ist es nicht möglich, daß sich jemand einfach Israel verbunden fühlt, weil einem Land und Leute sympathisch sind? Setzt Israel-Solidarität ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Nation voraus? Sind das Eintreten für nationale Interessenpolitik und Patriotismus ein Widerspruch zu einer pro-israelischen Haltung? Ich meine nein. Für mich gehört Israel kulturell zur “europäischen Familie”. Martin Lichtmesz selbst sagt, er leugne die Notwendigkeit des von antideutscher Seite formulierten Nexus (Israel muß leben, Deutschland soll sterben), argumentiert aber so, daß er die Antideutschen hierin voll bestätigt. Im übrigen verstecken sich auch die Islamkritiker à la PI nicht hinter anderen sondern vertreten einen dezidierten eigenen Standpunkt. Auch diese wissen durchaus “wo sie stehen und wer sie sind”.

    Leider ist der Vorwurf, daß Israel in der Sezession an den Pranger gestellt wird, nur zu berechtigt. Ich glaube zwar nicht, daß Martin Lichtmesz’ Anti-Israel-Obsession von allen Sezessionisten geteilt wird, ein Ruhmesblatt ist sie trotzdem nicht für die Zeitschrift. Die Stellungnahmen zu Israel von Herrn Lichtmesz fallen sehr einseitig, um nicht zu sagen feindselig aus. Er kritisiert die Tötung von palästinensischen Zivilisten, verurteilt – geschweige denn erwähnt – aber mit keinem Wort palästinensische Selbstmordanschläge und den Raketenbeschuß israelischen Territoriums durch die Hamas. Den Mauerbau, der eine leider unvermeidbare Schutzmaßnahme darstellt, haben die Palästinenser durch ihre Terrorakte verschuldet, nicht Israel. Zudem wird Israel die Verantwortung zugeschoben, daß es keinen Fortschritt im Nahostkonflikt gibt. Die Araber hätten längst Frieden haben können, wenn sie gewollt hätten. Behauptungen wie diese, daß “die islamische und arabische Militanz gegen Israel ganz klare, nachvollziehbare Ursachen hat, die in der aggressiven Politik Israels begründet liegen”, zeugen von einer ideologisch verzerrten Wahrnehmung der Realität. Man kann Israel keinen Vorwurf machen, daß es sein Überleben verteidigt. Es ist offenkundig, daß Herr Lichtmesz die bloße Existenz Israels für illegitim hält. Diese Position ist zum Glück bei deutschen Nicht-Linken nicht konsensfähig. Für mich jedenfalls steht die Legitimität Israels einschließlich des israelischen Anspruchs auf Jerusalem außer Frage.

    Es ist unbestritten, daß das politische Establishment in Deutschland ein Problem mit der nationalen Identität hat. Ebenso gibt es in der politischen Klasse einen weitverbreiteten Unwillen, eine Politik zu betreiben, die sich an den Interessen des eigenen Staatsvolkes orientiert. Schon die Begriffe “Nation”, “(nationales) Interesse”, “Staatsbürger”, “Volk” und “Souveränität” sind verpönt, wie ich aus eigenem Erleben nur bestätigen kann. Dafür kann man aber nicht Israel, die USA oder Yad Vashem verantwortlich machen. Auch greift hier der Erklärungsansatz mit der Psychologie der Niederlage m.E. zu kurz. Die politische Klasse in England z.B. ist nicht weniger verrottet als unsere, auch ohne Niederlage im Zweiten Weltkrieg.

Schreibe einen Kommentar