Des Antisemiten kleiner Wegweiser

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Wien. Heidelberg. Berlin: ein israelischer Blick auf Deutschland
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Juden raus aus Palästina!Du möchtest ein zeitgemäßer, moderater Antisemit werden? Gute Entscheidung! Wir zeigen dir genau, wie du es machen kannst, und begleiten dich behutsam durch alle rhetorischen Herausforderungen.

(links im Bild: David Ben-Gurion. Für uns ein Faschist, Imperialist und allgemeiner Kriegszünder)

 

Was ist Antisemitismus im 21. Jahrhundert?
 
Antisemitismus ist ein etwas irreführender Begriff, der als Neologismus nicht das bedeutet, was seine Etymologie nahe legt. Im Sinne von gezielter Feindschaft gegen die Juden hat der Antisemitismus eine lange Geschichte, deren Wurzeln tief in die Zeit vor Wilhelm Marr hineinreichen, der den Begriff 1879 eingeführt hat. Die gedankliche Grundlage aller Formen des Antisemitismus ist das zweierlei Maß: Die Diskriminierung von Juden als solchen.
 
In der Vergangenheit haben wir dieses Ziel erreicht, indem wir über die Juden skrupellose Gerüchte verbreitet haben, um somit die Massen gegen sie zu verhetzen. Und ich sag dir: Das war ein gutes Stück Arbeit! Doch heute ist es anders. Denn die Juden selbst, hihi, haben unsere Arbeit weit leichter gemacht. Seitdem sie uns den Rücken gekehrt haben und das Leben in Palästina bevorzugen, können wir sie mühelos diskriminieren, indem wir einfach auf diese kollektive Achillesferse zielen.
 
Dein Ziel als Antisemit ist also, von den Juden zu erwarten, was von anderen Völkern nicht erwartet wird; von Juden zu verlangen, was von anderen Völkern nicht verlangt wird; und Juden nicht zuzugestehen, was anderen Völkern doch zugestanden wird. So kommt dein gesunder Judenhass am effizientesten zum Ausdruck. Die tatsächliche Arbeit – zwink, zwink – machen für dich auf dieser Basis schon andere vor Ort…
 
Wenn du Antisemitismus verbreitest, musst du also gut darauf aufpassen, dass es zu keinem Vergleich der Juden mit anderen Völkern käme. Das ist ganz wichtig, denn sonst würde es dir schwer fallen, dein Antisemitismus zu verheimlichen. Vermeide das also von vornherein und lasse dich nie auf kritische Fragen ein!
 
Um dir den Einstieg zu erleichtern, findest du im Nachstehenden die vier wichtigsten Punkte, mit denen wir heute arbeiten, um die Juden zu demütigen und ihnen auf Dauer zu schaden. Vor allem in der Politik ist heute am häufigsten von den Juden die Rede, da können wir also am besten angreifen. Ach, ich sag dir, du würdest dich totlachen, sobald du siehst, wie viel Juden dir dabei selber helfen! Wenn man dir Antisemitismus vorwirft, weise immer auf diese Juden hin 😉
 
Und vergiss nicht: Es ist unterm Strich egal, wie du Juden diskriminierst, solange du auf Juden als solche zielst!
 
Viel Erfolg wünscht dir
Dein Ausbildungsteam

1. Stichpunkt: Selbstbestimmung
 
Die meisten Juden meinen, wie jedes andere Volk auf Erden ein Recht auf Selbstbestimmung zu haben. Dieses Recht musst du den Juden unbedingt absprechen!
 
Finde zunächst eine Handvoll Menschen, die sich als Juden verstehen und trotzdem nichts mit dem jüdischen Volk zu tun haben wollen. Suche lange, es lohnt sich, denn wenn du sie hast, kannst du sie immer zur Schau stellen (ein kleiner Tipp: oft wollen sie auch zur Schau gestellt werden!).
 
Zittere nicht, extremistische Pamphlete heranzuziehen, um deine Position zu untermauern. Zum Beispiel die palästinensische Nationalcharta, Art. 20: "Das Judentum ist eine Religion und nicht eine unabhängige Nationalität".
 
Wir alten Kämpfer haben eigentlich nie wirklich verstanden, warum die Palästinenser sich überhaupt mit dem Selbstverständnis der Juden befassen. Palästinenser sind doch keine Antisemiten. Oder? Naja, wie auch immer. Hauptsache, du kannst dich auf die Palästinenser berufen (damit bringst du dich in Deutschland sehr schnell voran), wenn du Millionen Juden ihr Selbstverständnis absprichst. Denn was die Juden sind, bestimmen wir!
 
Wenn nötig, sage deinem Gesprächspartner, dass die Juden einfach zu heterogen sind, um ein Recht auf Selbstbestimmung zu haben, und dass sie schon deswegen auf eine Religion reduziert werden müssen. Die meisten Menschen nicken einfach zu und sind dann ebenfalls der Meinung, dass den Juden ihr Selbstverständnis einfach so entzogen werden darf.
 
Wenn jemand im Kreis zu meinen wagt, dass andere Völker doch genauso heterogen, manchmal sogar noch viel heterogener wären und dennoch nicht auf eine Religion reduziert würden, musst du diese gefährliche Diskussion vermeiden. Murmele dann, dass er "Begriffe verwechselt" oder so etwas, und wechsle dann das Thema.
 
Atheistische Juden sind für uns am gefährlichsten. Denen kannst du nie erzählen, dass ihre Nationalidentität eigentlich religiös ist. Wenn du also eine Einladung auf eine Party bekommst, wo z. B. Juden aus einem Kibbutz erwartet werden, sollst du sie um jeden Preis vermeiden. Die richtig sozialistischen Juden – von denen es heute, Gott sei Dank, weit weniger gibt als früher – wollen oft nichts mit einer der jüdischen Konfessionen zu tun haben, verstehen sich aber (aus ihrer Sicht: gerade deswegen) durchaus als Juden. Mit denen solltest du also nichts anfangen! Wenn du es nicht vermeiden kannst, murmele etwas über ihr "völkisches Gedankengut" oder so etwas, und wechsele schnell das Thema.
 
Scheue dich nicht davor, dich auf die Wissenschaften zu berufen. So lässt sich die Leugnung des jüdischen Volkes am besten verbreiten. Umso besser ist es, wenn du selber einen akademischen Titel besitzt. Die meisten Leute erblicken darin eine Garantie für Wissen, auch wenn sie nicht beurteilen können, ob du das Thema wirklich erforscht hast, und denken sich, dass die Wissenschaft schon in der Lage wäre, Millionen Juden zu diktieren, wie sie sich gefälligst zu verstehen haben. Bleib also jederzeit ruhig: Als Antisemit kannst du auf eine lange Tradition sehr guter Zusammenarbeit mit den Wissenschaften zurückblicken!
 
Und vergiss nicht: Wenn du dich oft genug wiederholst, wirst du früher oder später ernst genommen werden!
 
 
2. Stichpunkt: Jüdischer Nationalstaat
 
Bevor du die Juden in puncto Staat angreifen kannst, solltest du wissen, worum es den Juden dabei geht. Denn nicht jeder Staat ist gleich ein Nationalstaat.
 
In den USA oder etwa in Australien geht die Staatsräson vom Staat aus, von dem dann eine zwar fiktive, aber oft doch wirksame Staatsnation abgeleitet wird. Desgleichen z. B. im Königreich Belgien, das nicht nur, aber vornehmlich aus zwei Völkern besteht, die es – zumindest auf der Ebene der gemeinsamen Politik – zu einer belgischen Staatsnation zusammenzubringen sucht (wenn auch mit immer geringerem Erfolg).
 
Demgegenüber geht die Staatsräson eines Nationalstaats von einem Volk aus, das dem Staat gedanklich und chronologisch vorausgeht. Der Volksbegriff ist – wie alles, was die Welt der Menschen ausmacht – ein Konstrukt, das auf dem Bekenntnis zu mächtigen Narrativen basiert und folglich ein sehr reales Moment darstellt. Das in sich heterogene Volk bekundet sein Bedürfnis nach einem eigenen Staat, der wiederum dazu entsteht, um als Nationalstaat diesem Bedürfnis gerecht zu werden. Man denke in diesem Zusammenhang an die Erfahrungen der Griechen, der Deutschen, der Iren oder etwa an die Auflösung der Tschechoslowakei und die Entstehung einer slowakischen Republik 1993, nachdem das ihr vorausgehende Volk der Slowaken infolge der Überwindung des Kommunismus den völlig legitimen Anspruch auf einen eigenen Nationalstaat erhob und erfolgreich durchsetzte. Wenn du in Europa lebst, gibt es also gute Chancen, dass auch du in einem Nationalstaat lebst.
 
Nun bilden sich die Juden seit langem ein, sie wären ebenfalls zum eigenen Nationalstaat im eigenen Lande berechtigt. Damit wollen sie uns nur ärgern, denn sie wissen, dass eine solche Gleichberechtigung für uns unvorstellbar ist. Darum darfst du diese typisch jüdische Impertinenz nicht akzeptieren!
 
Glaube nicht denjenigen, die behaupten, der vermeintliche Judenstaat wäre nach dem Volk benannt, dessen Nationalstaat es angeblich sein soll. Erläutere deinen Zuhörern, dass diese phonetische Ähnlichkeit nur ein lustiger Zufall ist. Wenn du es richtig machst, kommt man schon von alleine zum Schluss, dass diese komische Namengebung eine unzulässige Usurpation eines christlichen Begriffs darstellt und, jaja, ein grober Verstoß gegen die Rechte der Kirche, das wahre Israel!

"Es ist das natürliche Recht des jüdischen Volkes, wie jedes andere ebenfalls im eigenen Staat unabhängig zu sein. […] Wir erklären hiermit die Errichtung eines jüdischen Staates im Lande Israels: Dieser ist der Staat Israels!", heißt es in der Gründungsurkunde des Staates, den alle Mitglieder des jüdischen Nationalrates, eines provisorischen Staatsrates, unterzeichnet haben: kommunistische, sozialistische, sozialdemokratische, bürgerliche, liberale, konservative, religiöse und sonstige Promi-Juden. Lass dich von dieser jüdischen Propaganda nicht beeindrucken!

Ignoriere stattdessen die Staatsproklamation und darüber hinaus auch alle Teile der israelischen Gesetzgebung, die das Selbstverständnis Israels als jüdischer Nationalstaat amtlich verankern. Es sei denn natürlich, sie sind nützlich, um die Juden anzugreifen 😉

Du kannst ihnen z. B. vorwerfen, dass ihr Staat eine unzulässige Einwanderungspolitik treibt, die Juden bevorzugt! Achte dabei nicht auf Leute, die dich mit der Behauptung verwirren wollen, dass auch andere Nationalstaaten Angehörige des jeweils staatstragenden Volkes explizit privilegieren wie Deutschland, Frankreich, Norwegen, Italien, Serbien, Irland, Griechenland, Finnland, Schweden, Spanien, Armenien, China, Japan, (Süd-)Korea, Ungarn, das Vereinigte Königreich oder etwa die Türkei.
 
Wirf den Juden ferner vor, dass ihr Staat keine richtige Demokratie sein kann, solange er ein enges Verhältnis zum jüdischen Kult führt. Die Armenier, die ihre Identität als Volk seit der Antike durch das Bekenntnis zur eigenen Konfession stiften, kannst du außer Acht lassen – ihr Land liegt eh viel zu weit entfernt, als dass irgendeinem deiner Zuhörer diese Parallele einfallen könnte. Ignoriere dann ruhig die Frechlinge, die dich auf andere Demokratien hinweisen möchten, welche sogar darüber hinausgehen wie etwa das Vereinigte Königreich, Dänemark, Norwegen oder Griechenland. Natürlich dürfen sich diese Staaten ganz amtlich zu einer bestimmten Konfession bekennen, mit der sich freilich nicht alle Staatsbürger, dafür aber das staatstragende Volk identifiziert. Das hat ja damit zu tun, dass es um Christen geht und nicht um Juden. Wir sind doch nicht blöd!
 
Wenn jemand behauptet, dass jüdische Souveränität im eigenen Lande kein Novum wäre und dich dabei auf die jüdische Geschichte verweist, sage ihm, dass die Juden nichts mit jenem Volk zu tun haben. Füge noch hinzu, dass du ja schon mehrmals erklärt hast, dass die Juden nur eine Religion sind. Und bleib ruhig: Die meisten Leute können solche Zirkelschlüsse sowieso nicht durchblicken…
 
Höre nicht zu, wenn man dir Märchen erzählt, z. B. wie viel die Juden angeblich hätten opfern müssen, um gegen vermeintlich zahlreiche und mächtige Feinde ihren Anspruch auf den vermeintlichen Nationalstaat durchzusetzen und um diesen bis in die Gegenwart aufrechtzuerhalten. Erkläre ihnen, dass die Juden als Religion das alles gar nicht nötig haben. Vor allem bei uns in Europa hätten sie doch ruhigen Herzens bleiben können 😉
 
 
3. Stichpunkt: Jerusalem
 
Wo sie seit Jahrtausenden ihren Mittelpunkt gehabt zu haben glauben, meinen die Juden ihre Hauptstadt haben zu dürfen. Dir obliegt es, ihnen das Gegenteil zu beweisen!
 
Erkläre den Juden, dass sie als Religion keine Hauptstadt brauchen, dass Tel-Aviv die eigentliche Hauptstadt ist und dass sie sich in Jerusalem nicht bevorzugen dürfen. Warne sie, dass sie in Jerusalem nur geduldet werden, solange sie jedem, der auf die Stadt Anspruch erhebt, genau dieselben Rechte einräumen wie sich selbst. Verweise dabei auf das Christentum oder auf den Islam. Wenn sie sich wehren, bezichtige sie (nach christlicher Tradition) des Mordes am Messias oder (nach islamischer Tradition) der Fälschung der heiligen Schrift.
 
Wenn sie mit der "Usurpation" Jerusalems trotzdem nicht einverstanden sind, wage den Juden die heikle Frage zu stellen, warum sie ihre beiden Tempel absichtlich auf jenem Berg bauen mussten, von dem aus Mohammed nachweislich seinen nächtlichen Besuch in den sieben Firmamenten begann. Ob sie die Muslime damit provozieren wollten?
 
Sollten sie noch immer nicht zur Einsicht kommen, frage sie auch, warum sie ihr Zentrum gerade dort errichten mussten, wo der nachweisliche Christ namens Jesus starb. Ob es im damaligen Israel nicht genug andere Städte gab?

Sollten sie noch immer jämmern, so musst du ihnen Aggression unterstellen und in aller Deutlichkeit drohen, dass sie den heiligen Frieden gefärden. Überhaupt solltest du tunlichst oft vom "Frieden" sprechen. Damit kannst du sie immer erpressen, denn die Juden, hihi, sind klug genug um zu wissen, dass über den Frieden immer nur die anderen entscheiden. Jawohl, nach jahrhundertelanger Existenz unter Schutzbriefen sind sie schon daran gewöhnt, für jedes Stück "Frieden" ganz viel zahlen zu müssen! 😉
 
Und wenn du nach alledem noch etwas Kraft hast, kannst du den Papst unterstützen! Erst vor kurzem äußerte er den völlig legitimen Wunsch, dass an bestimmten Orten, vor allem in Jerusalem, die jüdische Souveränität abgegeben und in die Hände des Kirchenstaates überführt wird. Ignoriere dabei die frechen Stimmen aus dem "jüdischen" Land, die daraufhin die Ausweisung des Papstes verlangten. Wenn nur lange genug unter Druck, teilen die rückgratlosen Juden ihre "Hauptstadt" dann doch noch mit anderen…
 
 
4. Stichpunkt: Der Kampf um Palästina
 
Damals – ach, das waren schöne Tage! – haben wir gesagt: Juden raus nach Palästina!
 
Das war noch in der Zeit, als "Palästinenser" ein neues Schipfwort für Juden war… Inzwischen sind sie dummerweise tatsächlich hingegangen. Darum muss es heute heißen: Juden raus aus Palästina!
 
Ja, der Kampf ums "jüdische" Land, zu dem die Juden natürlich keinerlei Bezug haben, ist die wohl bedeutendste Front, wo wir heute Antisemitismus verbreiten. Damals wie heute hilft uns dabei die weite Verbreitung der Unkenntnis: Die meisten Menschen und sogar die meisten Entscheidungsträger speisen sich bestenfalls aus Desinformationen und Halbwahrheiten. Und auch wir steuern natürlich etwas dazu bei…

Das wichtigste Mittel, das wir zur Verfolgung dieses Zwecks einsetzen und ausnutzen können, sind jene Menschen, die aus dem ganzen Orient und sogar aus dem Sudan als Arbeitskräfte ins zionistische Wirtschaftswunder zuströmten und sich viel später mit Teilen der Einheimischen zu einem neuen Volk zusammenschlossen. Nun gut. Als Nichtjuden haben sie ein Recht auf Selbstbestimmung. Und du wirst es nicht glauben, aber seit kurzem nennen sie sich… jawohl: ausgerechnet "Palästinenser"! Ja, heute steht das nicht mehr für Juden. So lustig ist die Geschichte.
 
Wir wissen natürlich, dass die Juden nur eine Religion bilden und keinswegs ein Volk, aber jetzt pass auf: Die Palästinenser sind hingegen auf jeden Fall ein Volk! Das ist heutzutage dank unserer Mitstreiter in der Wissenschaft – zwink, zwink – schon hinlänglich bewiesen. Ein recht junges Volk sind sie zwar, inzwischen knapp fünfzig Jahre alt, aber mit derartigen Leistungen! Da werden selbst die Juden neidisch.
 
Dabei musst du unbedingt verheimlichen, dass das völkerrechtliche Gebiet "Palästina", das unter den Osmanen nicht existierte und erst vom Völkerbund (lustigerweise als jüdische Heimstätte) errichtet wurde, eigentlich beide Ufer des Jordans umfasst und zu 75% von den regionsfremden Haschmiten beherrscht wird. Den gescheiterten Volksaufstand der Palästinenser gegen die haschemitische Fremdherrschaft 1970 darfst du nie erwähnen. Solltest du es trotzdem tun, so könnte dir jemand die Frage stellen, warum die Palästinenser die historische Teilung des Landes am Jordan nicht endlich akzeptieren. Es fiele dir dann sehr schwer zu erklären, warum ein judenreines Ostpalästina nicht ausreicht und die Juden auch in Cisjordanien zu bekämpfen sind. Darum: Nimm dich vor solchen Gesprächen in Acht!

Es ist empfehlenswert, so oft wie möglich von "palästinensischen Flüchtlingen" zu sprechen. Damit meinst du die unterschiedlichsten Volksgruppen, die im Rahmen des panarabischen Krieges gegen die Juden ihr Einwandrungsland wieder verließen und vergeblich auf den totalen Sieg warteten. Dass die damalige Generation kaum noch lebt, darf dich nicht stören, denn glücklicherweise lassen sich die Enkel und Urenkel von ihren Ländern noch als "Flüchtlinge" ausnutzen. Wenn man dich an eine Million Juden erinnert, die während des panarabischen Krieges gegen die Juden vertrieben und beraubt wurden, erkläre es als eine unvermeidliche, eigentlich Frieden stiftende Reaktion auf die jüdische Kriegsführung.

Aber jetzt pass auf: Du darfst bei diesem Thema nie wirklich von "Juden" sprechen! Obwohl du den Juden keinen eigenen Nationalstaat zugestehst, darfst du diesen Staat immer dann heranziehen, wenn du es zu deinen Zwecken ausnutzen kannst 😉
 
Bezeichne also den hundertjährigen Kampf gegen die Juden stets als einen Konflikt mit "Israelis"! Lass dich dabei nicht dadurch verwirren, dass der Staat erst 1948 gegründet wurde. Für dich können etwa auch die Opfer des landesweiten Pogroms 1929 keine Juden, sondern "Israelis" sein. Du siehst also, worum es geht: Solange wir von "Israelis" sprechen, können wir (aber das bleibt unter uns, ja?) die Tatsache vertuschen, dass die Mörder immer nur auf Juden zielen und nie auf israelische Palästinenser. Zudem kannst du so den Eindruck vermitteln, dass eine Million Palästinenser mit israelischem Pass dabei nicht ihre Brüder in Judäa, Samaria und dem transjordanischen Ostpalästina, sondern ausgerechnet die jüdischen Besatzer unterstützen würden.

Ist das nicht toll? Ich sag dir, wenn die Juden keinen eigenen Staat hätten, müssten wir das Wort "Israelis" selber erfinden!

Für deine weiteren Angriffe ist zudem auch die These von einer illegalen Besatzung ganz wichtig. Diese Taktik gehört zu unserem festen Repertoir, und wir betreiben sie schon seit langem. Wir konnten inzwischen sogar zahlreiche Juden in den Glauben verführen, dass sie im eigenen Land Besatzer wären! Aber pass auf: Wenn du diese These verbreitest, darfst du dich nie durch dumme Fragen verwirren lassen. Möchte man also wissen, von wem denn Judäa und Samaria weggenommen wurden (ob von den Haschemiten, den Briten, den Osmanen, den Mamluken, den Kreuzrittern, den frühen Kalifen, den Byzantinern, den Römern oder den Juden?), so musst du die Fragen ignorieren. Denn es ist uns vollkommen nebensächlich, wem das Territorium gehört hatte, bis es wieder an die Juden kam. Hauptsache, wir behaupten immer wieder, es muss jetzt "zurückgegeben" werden! Je öfter du es behauptest, umso größer sind die Chancen, dass man sich an diesen bizarren Gedanken gewöhnt 😉
 
Und ganz wichtig: Wenn du von einer Besatzung sprichst, erwähne mit keinem Wort das eh schon judenreine Ostpalästina! Ebenfalls darfst du keinen Menschen daran erinnern, dass im haschemitischen Ostpalästina – trotz des bestehenden "Friedensvertrags" – der Verkauf von Land an Juden bis zum heutigen Tage mit der Todesstrafe geahndet wird. Wenn also von "Frieden" die Rede ist, gehe immer davon aus, dass die Juden – und stets nur die Juden – dafür noch mehr, immer mehr Land abgeben müssen. Lass niemand auf die fantastische Idee kommen, dass auch die Palästinenser, die (aber das bleibt unter uns, ja?) doch viel mehr Land besitzen als die Juden, ebenfalls a bissl davon für den Frieden geben dürften. Das wäre für uns doch unvorstellbar, denn je judenreiner Palästina wird, umso besser ist es für uns!
 
Wirf den "Israelis" dann vor, dass sie – damit meinst du natürlich immer nur die jüdischen Israelis – seit etlichen Jahren nur noch unter Soldatenschutz in Judäa und Samaria leben können! Stelle das als Beweis für ihre Aggression als Besatzer dar! Wenn man dich darauf hinweist, dass ihr Leben erst seit Beginn des "Friedensprozesses" so stark bedroht wird, dass sie auf diesen Schutz angewiesen sind, erkläre die palästinensischen Mordtaten für einen legitimen Protest gegen die Provokationen der Besatzung! Die meisten Leute kommen nämlich nie auf die Idee, dass Juden genauso gut provoziert werden können. Diese Leute – das solltest du wissen – haben Recht: Nachdem die Juden sich jahrhundertelang an alle möglichen Schickanen gewöhnt haben, dürfen sie sich heute erst recht nicht mehr provozieren lassen. Oder? Na also!
 
Überhaupt ist die Verdrehung der Chronologie ein sehr gutes Mittel für uns. Sie ermöglicht dir, den "Israelis" – aber natürlich nie den israelischen Palästinensern, sondern immer nur den Juden – die Schuld für alle Sicherheitsmaßnahmen zu unterstellen, die der arabische Terror mit sich gezogen hat. Straßen müssen gesperrt werden? Die "Israelis" sind schuld! Krankenwagen müssen nach Terroristen durchsucht werden? Die "Israelis" sind schuld! Schwanger aussehende Frauen müssen auf Sprengstoff geprüft werden? Die "Israelis" sind schuld! Missbrauchte Häuser müssen niedergerissen werden? Die "Israelis" sind schuld! Und wenn die schon mal missbrauchte Häuser doch nicht niedergerissen, von dort aber eine Mutter mit vier Töchtern erschossen werden: Dann sind die "Israelis" erst recht schuld, dass die Familie da überhaupt leben durfte 😉

Dann musst du einfach abwarten, bis man daran zu erinnern versucht, dass bis zur umfassenden Bewaffnung der Palästinenser im Rahmen des Friedensprozesses (ein toller Name, wa?) keine dieser Maßnahmen notwendig war. Lass dich darauf nicht ein und behaupte auch weiterhin, dass dafür allein die "Israelis" verantwortlich sind. Früher oder später wird man dich fragen, wie sich die Juden denn sonst vor den kreativsten Terroristen der Welt schützen sollten. Sobald die Frage gestellt wird, sollst du die schockierteste Miene aufsetzen: Dass die Besatzer sich zu schützen bräuchten? Dass gerade die "Israelis" – zwink, zwink – sich schützen dürfen sollten?! Das ist doch unerhört! (Wenn du so sprichst, vermittelst du den Eindruck, dass du an der Seite der Schwachen stehst. Das sind für uns natürlich nie die Juden, err… die "Israelis".)

Nenne nun die Terroristen "Freiheitskämpfer" und teile die Terrorgruppen in "extremistische" und "gemäßigte" auf, damit wir einerseits die Extremisten kritisieren, andererseits aber zu gleicher Zeit und ohne Schwierigkeiten die Kampfeinsätze der Gemäßigten finanzieren können. Wenn man dir vorwirft, dass mit europäischem Geld Juden ermordet werden, erkläre ruhig, dass unsere Hilfsleistungen dem Friedensprozess dienen; erinnere daran, dass nicht wir, sondern Yitzhak Rabin selber den Begriff "Friedensopfer" eingeführt hat; und bleib ruhig: Die Juden sind schon längst darauf trainiert, edlen Zwecken zum Opfer zu fallen (manchmal doch nicht so bereitwillig wie früher, aber immerhin).

Noch besser wird es, wenn du dabei von unserer goldenen Regel Gebrauch machst: Wenn Juden Gewalt ausüben, sollst du es immer als Beweis für das Unrecht ihrer Präsenz in Judäa und Samaria ausnutzen. Aber Vorsicht! Das funktioniert selbstverständlich nicht in beiden Richtungen: Wenn Palästinenser Gewalt ausüben, mindert es, hihi, natürlich gar nichts an ihrem Bleiberecht! In diesen Fällen empfehlen wir dir nachdenkliches Kopfschütteln: Von links, ja, und dann nach rechts, ja, und jetzt zurück… so… genau!

Sobald du das vermeintliche Recht der Juden auf Selbstverteidung für null und nichtig erklärt hast, kannst du mit noch schwerer Artillerie angreifen. Verbreite die Meinung, dass die israelischen Siedlungen in Judäa und Samaria "stoppen" müssen! Sag allen Zuhörern, dass sie dort – natürlich, hihi, zugunsten des "Friedens" – keine Häuser mehr bauen dürfen! Damit meinst du natürlich nur die Juden und keineswegs die israelischen Palästinenser, die dort bei ihren Familien leben. Denn wir haben eine Faustregel: Siedlungen, in denen Palästinenser wohnen, sind immer legal; und Siedlungen, in denen Juden leben, sind natürlich immer illegal 😉

Aber jetzt pass auf: Die palästinensische Besieldung des cisjordanischen Westpalästina ist unbedingt zu verschweigen. Denn wir wollen doch nicht die Vorstellung erwecken, beide Völker wären da gleichberechtigt (das würde ja bedeuten, dass die Juden ein Volk wären). Dann musst du einfach warten. Die Juden denken meistens logisch: Früher oder später werden sie sich überlegen, ob es in diesem Fall nicht auch für die palästinensischen Siedlungen einen Baustopp geben müsste, damit das Verbot nicht spezifisch gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet und folglich als rassistisch zu bezeichnen wäre. Sobald aus jüdischer Seite ein allgemeines Bauverbot vorgeschlagen wird, kannst du sofort hochspringen und den Juden Rassismus und Faschismus vorwerfen! Wenn du es klug machst, wird kaum jemand merken, dass du die Idee selber vorgeschlagen hast…
 
Nachdem du dich zum erfahrenen Antisemiten ausgebildet hast, kannst du auch die Vertreibung aus Judäa und Samaria fordern. Nein, nein! Damit meinst du natürlich nicht die israelischen oder haschemitischen Palästinenser! Es geht doch immer – das solltest du eigentlich schon wissen – nur um die Juden… Und du wirst es nicht glauben, aber niemand wird dich als Antisemiten erkennen, wenn du Juden verbietest, in Judäa und Samaria zu leben. Dass bedeutet nicht, dass du jetzt genauso gut einem Schwarzen verbieten dürftest, in Washington D.C. zu leben. Wenn du so etwas sagen würdest, gäbest du dich als Rassisten zu erkennen. Aber einem Juden das Leben in Judäa zu verbieten? Das ist heutzutage, Gott sei Dank, kein Problem mehr. Allerdings solltest du es anders nennen, wenn du mit der Idee in der Öffentlichkeit auftrittst. Such dir ein schönes Wort aus, z. B. "Rückzug", "Umsiedlung" oder "Räumung". Hauptsache, es werden auch Judäa und Samaria judenrein. Natürlich, hihi, um des Friedens willen 😉

Wenn die Leute – das ist oft bei Philosemiten der Fall, und das sind nun mal die meisten Juden – dir nicht zuhören wollen, kannst du diese Idee als "Bevölkerungsaustausch" verkaufen. Verweise dabei auf Fridtjof Nansen, der 1922 den gegenseitigen Transfer von Millionen Menschen zwischen Griechenland und der Türkei bewerkstelligte und noch im selben Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Wenn man dich dann fragt, ob im Rahmen eines gegenseitigen Bevölkerungsaustausches nicht nur die Juden aus dem palästinensischen Staat, sondern auch die Palästinenser aus dem jüdischen Staat gehen müssten, musst du…
 
…Entschuldigung?
 
Ach, du weißt es schon?
 
Na also?
 
Ja, richtig: Sofort hochspringen und den Juden hysterisch Rassismus und Faschismus vorwerfen!
 

Abschiedsworte

Herzlichen Glückwunsch! Du hast es geschafft!

Du weißt jetzt offensichtlich genau, wie Juden als solche zu diskriminieren sind und wie man im politischen Diskurs gegen sie verhetzen kann. Du bist ein moderater Antisemit geworden.

Viel Spaß wünscht dir
Dein Ausbildungsteam

 

 

 

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

6 Kommentare

  1. zwei Anmerkungen

    1.
    Ein guter und wichtiger Beitrag, der in all seiner Differenziertheit auch ein einfaches Grundmotiv aufnimmt: “Der Jude” hat ein besserer Mensch zu sein! In Friedenszeiten verlangt der aufgeklärte Europäer “ohne Not bzw. wohlfeil, die Beachtung eines Standards, von dem man sich in Krisenzeiten doch allzu schnell selbst freisprechen würde und zum Teil freigesprochen hat (siehe Reaktionen auf den sog. Deutschen Herbst).
    Dies ist oft mehr als nur fehlende Vorstellungskraft oder mangelnde Empathie.
    Es ist ein als berechtigte Kritik daherkommender “Antisemitismus light”. Nur so kann man sich erklären, dass Israel durch double standards auch noch dafür bestraft wird, die einzige freiheitlich Demokratie und lebendige Zivilgesellschaft im Nahen Osten zu sein.

    2.
    Judentum – “nur” eine Religion, kein Volk, so offenbar die These mancher Verwirrter. Selbst wenn man alleine ins letzte Jahrhundert blickt: Soll den nicht einmal ein Holocaust genügen, um den Anspruch einer bloßen (!) Religionsgemeinschaft auf einen eigenen Nationalstaat zu begründen? Angesichts der allgemeinen Fiktionalität von Nationalstaatlickeit ist doch kein grausamerer und auch noch realer Narrativ denkbar, der eine Gruppe von Menschen zu einem Volk macht.

  2. @ Micha

    Danke. Leider gibt es hierzulande viel zu viele, die das – bestenfalls – nicht verstehen (wollen) und sich der Reflexion über den Charakter ihrer Ansichten entziehen. Darum habe ich mir gedacht, dass dieser Charakter sich vielleicht besser durch Satire spiegeln lässt.

  3. Satire

    Sholem Yoav!
    Ich sehe das Problem eher darin, dass Deinen Text als Satire verstehst, er aber gar keine ist. Leider! Du könnstest den Text unkorrigiert bei Altermedia einstellen und hättest seitenweise positive Kommentare darauf.

  4. @ Shabbes-Goi

    Oder bei Indymedia sowie bei zahlreichen salonfähigen Medien dazwischen (vielleicht mit Ausnahme der “Welt”?).

    So zu tun, als ob das doch nur Satire wäre, ist jedoch meine Art und Weise, mich hierzulande nicht vor der Umwelt erschrecken zu lassen.

    Das funktioniert meistens auch relativ gut, bricht allerdings spätestens dann zusammen, wenn der Broder mal so etwas schreibt wie den folgenden Text und einen somit an die Realität erinnert:

    http://www.welt.de/…7/Das-Undenkbare-denken.html

  5. Sehr treffend

    Mein Problem mit dem Text: An wen genau richtet sich der – an die sog. deutschen Nahostinteressierten, die Palästina sagen, aber Deutschland meinen oder gern so Sachen sagen wie “Auch Israel/ “die” Juden sollte(n) sich benehmen…” und die ganz fuchsig werden, wenn man die Frechheit besitzt, Hamas NICHT toll zu finden (die wenigen Kommentare in meinem Blog wurden von so einem Menschen verfasst – super!).
    – oder aber an Palästinenser selbst?
    Insgesamt ein provokanter, polemischer Text, dessen Aussagen ich nicht immer zustimmen kann – und auch nicht muss. Ich bin nicht so ganz sicher, ob Sie mit “den” Palästinensern – ob Volk oder nicht, ist mir erstmal egal – wirklich fair umgehen. Dennoch: Vielen Dank und weiterhin alles Gute!

  6. @ Printe

    Danke.

    Der Text richtet sich an Deutsche, die nicht immer wissen, was sie tun.

    Wegen “der” Palästinenser:

    Wer einen (ersten, zweiten…) Staat haben will, muss Volk sein. Es kann nicht sein, dass man – also etwa die palästinensische Seite – sich zu einem Volk verallgemeinert, solange es sich für einen lohnt (weil man dadurch Ansprüche erheben kann), aber anderen Verallgemeinerungen vorwirft, sobald das Volk-Sein sich für einen nicht mehr lohnt (weil man zur Rechenschaft gezogen wird).

    Mit anderen Worten: Wenn es “die” Palästinenser gibt, sobald es darum geht, (noch) einen Staat zu bekommen, dann gibt es “die” Palästinenser auch dann, wenn es z. B. zu einem Krieg kommt. Und wenn es beim Schlimmen nicht “die” Palästinenser gebe, dann darf es auch beim Guten nicht “die” Palästinenser geben. Denn wer Volk sein will, darf nicht nur die Vorteile genießen, sondern muss auch die Nachteile zu ertragen wissen.

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