Das Vorspiel des Krieges: Was wissen wir wirklich?

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Wien. Heidelberg. Berlin: ein israelischer Blick auf Deutschland
un/zugehörig

So und so viele Jahre an der Schule, dem Gymnasium und allerlei Universitäten habe ich hinter mir – und doch musste ich heute ganz zufällig über einen spannenden, mir bislang noch unbekannten Fund stolpern.

Gemeint ist ein Plakat, das ich in einem polnischen Buch gesehen und dessen Abbildung ich auf Wikipedia gefunden habe (also in einer Enzyklopädie, die nicht von oben herabkommt, sondern von unten mehr oder weniger ohne Vorschriften entsteht):

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Laut der Angaben auf Wikipedia handelt es sich um eine “Postkarte der polnischen Volksbüchereien vom Juni 1939”. Und die Erklärung hierzu lautet:

Die dicke Linie zeigt die “historische Westgrenze Polens”. Das polnische Territorium umfasst die Slowakei, Tschechien, Schlesien, Pommern, Westpreußen und Ostpreußen und grenzt bis an Berlin und Dresden. Die dünne Linie markiert die “heutige Westgrenze Polens” (Juni 1939).

Auf Google findet man mehr dergleichen. Freilich sprechen solche Dokumente nicht für “das” (damalige) polnische Volk, allenfalls ebenso wenig wie NS-Plakate, die kein ganz getreues Zeugnis vom deutschen Volk ablegen, in denen sich aber doch der Zeitgeist widerspiegelt.

Im Themenbereich “II. Weltkrieg” begegnet einem in Büchern, Filmen und Ausstellungen immer wieder das mehr oder weniger gleiche Repertoire an Visualisierungsmaterial. Kann es, wenn wir ehrlich sind, wirklich ein Zufall sein, dass dieses Plakat, hinter dem nicht nur ein Zeichner, sondern, sofern die Angaben auf Wikipedia stimmen, auch ein gewisser Zeitgeist steckt, kaum bei der öffentlichen Aufarbeitung eine Rolle spielt und mir so lange, und zwar gerade von “verlässlichen Quellen”, vorenthalten war? Mit anderen Worten: Warum wird das verheimlicht?

In irgendwelchen Büchern steht das alles zweifelsohne, aber eben nicht im kollektiven Gedächtnis, weil es sich kaum mit der sonst vorherrschenden Gedenkkultur verträgt, die keine Ergänzungen durch Gegennarrative duldet. Dieser “Fund” müsste eigentlich keiner sein.

Ich will das Thema gar nicht lange erörtern, denn mir geht es hier nicht darum, was es damals “wirklich” war und was gewesen wäre, wenn am 1. September 1939 kein Krieg ausgebrochen wäre. Was wir wissen, wissen wir; und was ich zeigen wollte, ist nur das manchmal doch erstaunlich große Ausmaß von dem, was wir nicht wissen – und manchmal auch nicht wissen wollen.

Um mit Henry David abzuschließen:

To know that we know what we know, and that we do not know what we do not know, that is true knowledge.

[Das Obige habe ich mir 2007, anlässlich meines ersten Besuches jenseits der Oder, in einem Heft notiert, dass ich jetzt wieder entdeckt habe.]

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Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

13 Kommentare

  1. So furchtbar neu ist das nicht, aber vielleicht bin ich da auch nicht repräsentativ – stammt doch meine Familie aus Polen, wie man am Namen unschwer feststellen kann (und ich hab mich mit dem Thema verschiedentlich beschäftigt).

    Wenn schon Wikipedia, dann auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fpolen

    Daß es auch einen polnischen Nationalismus gab, zumal zwischen den Weltkriegen, sollte nicht weiter überraschen (und es gibt ihn heute noch).

    Es wird nur nicht gern gesehen (wir leben im Zeitalter der PC), das auch auszusprechen. Allzuleicht wird das mißverstanden. Die damalige polnische Regierung war nicht gerade eine Versammlung unschuldiger Lämmer – schön illustriert mit dem Bild eines …äh … optimistischen (?) Bildes Großpolens im Beitrag (Tschechien und Slowakei als Teil Polens, nun ja).

    Aber ich glaube ja, Ihnen kam es darauf an, zu zeigen, daß es mehr Kriegstreiber damals gab als nur Hitlerdeutschland. Stimmt vollkommen. Nur hatten manche mehr Tinte im Füller als andere …

    • Es kommt mir auf meine Überraschung an, obwohl ich schon damals, also 2007, studierter Deutschlandhistoriker war. Nach so vielen Büchern, Lern- und Studienjahren hatte ich bis dahin trotzdem keine Ahnung, wie komplex die gesamte Lage war und dass sie eben nicht so eindeutig war wie es mir (uns?) immer vermittelt wurde (wird?).

  2. Bei solchen Zusammenhängen stellt sich die Frage, ob es “richtig” ist, um jeden Preis keinen Krieg ausbrechen zu lassen – also anzufangen?

    Die hintergründe und Grundlagen solcher Thematik ist natürlich viel komplexer und verworrener, als es jede Nachrkriegsaufarbeitung je hat geleistet (ich schreibe bewusst nicht “hat leisten können”).

  3. “Es kommt mir auf meine Überraschung an, obwohl ich schon damals, also 2007, studierter Deutschlandhistoriker war. ”

    Ja das ist schon faszinierend. Generell kann man einige Überraschungen erleben, wenn man sich Wikipedia Artikel und deren Quellen genauer vornimmt.

    Wir hatten, was die Zeit vor und zwischen den Kriegen betrifft, einen alternativen Geschichtsunterricht, mit vielen englischen Originalquellen. Ein sehr engagierter Lehrer versuchte uns unterschiedliche Perspektiven aufzuzeigen, jenseits des Lehrplanes. Sein geflügeltes Wort war: “Die Sieger schreiben die Geschichte”

    Ich erinnere mich gerne an lebhafte Diskussionen. Wir hatten – als Antagonisten zum ansonsten recht dominanten Lehrer – einen (2 Jahre älteren), tendenziell linken und belesenen Mitschüler, welcher kritische und intelligente Einwürfe machte. Die beiden fanden aber immer wieder zueinander.

  4. Muß die Frage nicht viel mehr lauten: Wieviel eindeutige Wahrheit will “zivilisierter” Mensch im geistigen Stillstand und nun “freiheitlichen” Wettbewerb wirklich be- und verarbeiten? 😉

  5. Wirklich, geht hier im ganzen Scilogs nur eines: Das Spiel, mit den Worten und Unwahrheiten, berührt nur die populistische Perepherie und verändert nicht das geringste Unwissen zu Verstand von menschenwürdiger Vernunft, immer im Sinne der Konfusion und der leichtfertig-“verantwortungslosen” Suppenkaspermentalität auf Schuld- und Sündenbocksuche 🙁

  6. Mit anderen Worten: Warum wird das verheimlicht?

    Der informierte Leser kennt die polnische Politik vor 1939, sie wird auch nicht ‘verheimlicht’, siehe bspw. hier:
    -> http://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_Polnische_Republik#Mai-Umsturz_und_Sanacja-Regime

    Polen war politisch ungünstig unterwegs, daran besteht kein Zweifel. – Warum dieser Sachverhalt heute in D keine besondere politische Rolle spielt? A: Ganz vermutlich deshalb, weil der aus sich heraus imperialistische Nationalsozialismus hier überschreibend wirkt, der damaligen polnischen Politik an Wichtigkeit nimmt. Wir erinnern uns zudem an das Aufeinanderprallen nationalsozialistisch-deutscher Panzer auf polnische Reiterschar.
    Polen hatte es versäumt in Einklang mit seinen Zielen angemessen gerüstet zu sein.

    MFG
    Dr. W

  7. To know that we know what we know, and that we do not know what we do not know, that is true knowledge. (“Herny” David)

    Epistemologisch hat es ein anderer mal auf den Punkt gebracht:

    There are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns – there are things we do not know we don’t know. (Köstlicherweise ist diese klare Aussage von einigen d-sprachigen Medien, die Süddoitsche ist hier an vorderster Front zu nennen, zerrissen worden, als Aussage eines rechten, alten, weißen, amerikanischen & verwirrten Mannes)

      • Der war ja nur nebensächlich. Ansonsten, ‘UN/ZUGEHÖRIG’ könnte ‘liberal’ meinen, konzeptionell und so?!

        MFG
        Dr. W

          • Aja, gut, eine Art Hommage, nichts Verkehrtes daran.
            An und für sich ist diese Zugehörig-Unzugehörig-Gleichung ansonsten liberaler Maßstab oder sollte es sein.

            MFG
            Dr. W (der immer noch u.a. Ihre Sprachlichkeit bewundert, die anscheinend spät angelernte)

  8. “Denn sie wissen nicht was sie tun”, oder “Ich weiß das ich nichts weiß” – ich glaube es nicht, dafür wird offensichtlich zuviel geheuchelt, gelogen und in Schuld- und Sündenbocksuche verborgen und betrogen. 🙂

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