Das deutsche »Wesen« – vielleicht ist doch was dran?

un/zugehörig

Für einen Vortrag, den ich in einigen Wochen halten soll, bin ich zu drei guten Büchern zurückgekehrt und dabei auf Passagen gestolpert, die nichts mit dem Vortrag, aber viel mit diesem Blog zu tun haben. Es handelt sich um Wilhelm Scherers “Geschichte der Deutschen Literatur”, die ich noch in Fraktur besitze; Victor Klemperers “LTI” sowie Hanna Arendts “Eichmann in Jerusalem”, die beide Hitlers Frakturverbot 1941 folgen und in Antiqua gedruckt sind. Mit sehr unterschiedlichen Betrachtungsweisen kommen alle drei darauf, über deutsche Eigenschaften, insbesondere die Gründlichkeit, zu sprechen.

Ich möchte mit dem chronologisch früheren Werk beginnen und zitiere zuerst Wilhelm Scherer, der wiederum auf Tacitus aufbaut:

Maßlosigkeit scheint der Fluch unserer geistigen Entwicklung. Wir fliegen hoch und sinken umso tiefer. Wir gleichen jenem Germanen, der im Würfelspiel all sein Besitztum verloren hat und auf den letzten Wurf seine eigene Freiheit setzt und auch die verliert und sich freiwillig als Sklave verkaufen läßt. “So groß” – fügt Tacitus, der es erzählt, hinzu – “ist selbst in schlechter Sache die germanische Hartnäckigkeit; sie selbst nennen es Treue.”

Treue! Hartnäckigkeit im Guten wie im Schlimmen! Vielleicht gibt es keinen Begriff, der für uns charakteristischer wäre.

Victor Kleperer, ein großer Kenner Scherers, schreibt in seiner Ligua Tertii Imperii (einem exzellenten Werk) seine eigene Beobachtung:

Damals zuerst leuchtete mir ein, daß Bestes und Schlimmstes innerhalb des deutschen Charakters doch wohl auf einen gemeinsamen und dauernden Grundzug zurückzuführen seien. Daß es einen Zusammenhang gebe zwischen den Bestialitäten der Hitlerei und faustischen Ausschweifungen deutscher klassischer Dichtung und deutscher idealistischer Philosophie.

[…]

»Entgrenzung« bedeutet die entscheidende Grundhaltung, die entscheidende Tätigkeit des romantischen Menschen, worin im Einzelnen auch immer sich sein romantisches Wesen äußern mag, in religiöser Sehnsucht, im künstlerischen Gestalten, im Philosophieren, im tätigen Leben, in Sittlichkeit oder in Verbrechertum. Jahrhunderte, bevor Begriff und Wort Romantik existieren, trägt jede deutsche Betätigung den Stempel des Romantischen.

[…]

Die drei Neuheiten [des nazistischen Antisemitismus] […] weisen […] auf den taciteischen Grundzug zurück, auf die germanische »Hartnäckigkeit selbst in schlechter Sache«. Antisemitismus als blutmäßige Gegebenheit ist unauslöschlich hartnäckig; […] Daß dann hierbei mit äußerster Grausamkeit verfahren wird, paßt wieder zur Grundeigenschaft des maßlos Hartnäckigen.

Und somit kommen wir auf Hanna Arendt, die wiederum Kleperer gelesen hat, und in “Eichmann in Jerusalem” (einem meist überbewerteten und dennoch ganz wertvollen Werk) am Beispiel Eichmann das typisch Deutsche beschreibt:

Viel von der gespenstisch peniblen Gründlichkeit, mit der die »Endlösung« in Gang gesetzt und gehalten wurde – einer Gründlichkeit, die auf Beobachter meistens als typisch deutsch oder doch als Charakteristikum des perfekten Bürokraten wirkt –, läßt sich auf die eigentümliche, in Deutschland tatsächlich sehr verbreitete Vorstellung zurückführen, daß Gesetzestreue sich nicht darin erschöpft, den Gesetzen zu folgen, sondern so zu handeln verlangt, als sei man selbst der Schöpfer der Gesetze, denen man gehorcht. Daraus entwickelt sich leicht die Überzeugung, mehr als seine Pflicht zu tun sei das mindeste, was man von sich verlangen müsse.

Und so kommen wir in die Gegenwart. Ist dem noch so? Gibt es noch die, wie Klemperer es sagen würde, traits éternels der Deutschen? Oder hat sich alles in den letzten Jahrzehnten verändert?


In eigener Sache: Jewish Heritage Tours in Berlin

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

15 Kommentare

  1. “Treue! Hartnäckigkeit im Guten wie im Schlimmen! Vielleicht gibt es keinen Begriff, der für uns charakteristischer wäre.”

    Wenn die “Deutschen” daraus etwas lernen, also weise würden, dann wäre das ja prima. Aber stattdessen, werden sie, aus berechtigter Angst vor gleichermaßen ÜBERTRIEBENEM Unvermögen (es könnte sich ja etwas wirklich Wahrhaftiges entwickeln, was alle anderen “Anstrengungen” in den Schatten der Bedeutungslosigkeit stellt?), als Sündenböcke, Lachnummern, usw., versucht zu typisieren, zu stilisieren, ins Boot der allgemeinen Bewußtseinsbetäubung zurück zu holen!?

    • Ja, die ignorante Arroganz des “Rechts des Stärkeren”, im nun “freiheitlichen” Wettbewerb um …, wirkt sich dort noch merk- und denkwürdiger aus 😉

  2. Könnte es sein, das jeder Mensch einen Prozess durchläuft, der irgendwann eben auch eine solche Symptomatik supportet oder hervorbringt? Gesetz den Fall, es stehem dem Subjekt entsprechende (Umgebungs)Bedingungen zur Verfügung.

    Also ist zu befürchten, dass die moderne Lebens-und Bildungsstrategie und darin enthaltener Erfolgszwang nahezu zwingend solche Symptomatik hervorbringen wird, welche dann im Falle des Eintretens ideologisch oder anderweitig wegkonditioniert werden muß.

    Wir lernen konsequent einer Vorschrift zu folgen – am Fließband am Werkstück und anderswo. Im Zuge der Erlernung/Entwicklung solcher bindenden Ablaufbedingungen scheinen sich Automatismen bezüglich Konsequenz zu verselbstständigen und zur allgemeinen Gesetzgebung im Geiste zu entwickeln.

    Und wäre nicht die Begebenheit, von Extern stammende “Gesetzgebung” zur eigenen zu machen prinzipiel schon erfüllte Anforderung zur Diagnose pychischer Störungen? (Schizophrenie).
    Und kann man nicht bei einem der bekannten deutschen Philosophen die Empfehlung lesen, eben sein Handeln eigener Gesetzgebung zu unterstellen? Im selben Werk sicherlich aber davon die Rede sei, wie wesendlich das “Externe” dabei sei – was soviel bedeutet, dass man eben doch ein bestehendes Regelwerk, in das man hineinwächst, entsprechend zu würdigen und nicht zu ignorieren. Ergo … ich lese Kant und brauch keine eigene Gesetzgebung – werde aber von ihm dazu aufgefordert. Letztlich bleibt nur eine Strategie: Denk nicht nach, denn es wurde bereits gedacht. Also macht man einfach und eignet sich diese unreflektierte Konsequenz an – automatisch.

    Am Fließband ist es genauso.

  3. Ist dem noch so?

    Ja, dem ist noch so. Auf Beispiel soll an dieser Stelle, auch um nicht zu polarisieren, verzichtet werden, aber zumindest der etwas internationaler Aufgestellte kann sich diese denken.

    Arendts Beobachtung wurde hier implizit auch zugestimmt.

    Das soll jetzt natürlich nicht heißen, dass Deutsche schlechte Menschen sind, jedes Volk oder jeder Bevölkerungsteil hat gewisse Eigenarten, die manchmal verborgen bleiben, weil sie sich nicht aufdrängen oder nur geringfügig vorhanden sind, manchmal ins Auge springen.

    MFG
    Dr. W

  4. Deutschland tut sich schwer mit innerer Freiheit , wenn sie formal gegeben ist , sucht der Deutsche vielleicht mehr als der Mensch aus anderen Völkern nach ungeschriebenen Gesetzen , die den Alltag und auch die potentiell besonderen Momente in ein möglichst enges Korsett zu schnüren trachten .

    Die Akribie dabei ist im Westen vielleicht nur in Teilen der USA genauso intensiv , dort dann allerdings umso heftiger.
    Ja , es ist noch viel übrig von dieser deutschen Überkonsequenz , aber sie wird weniger , und es gibt auch eine deutsche Tradtion des Werte-Liberalismus , der immer das Betreben hat , die Dinge nicht nur inhaltlich zu beurteilen , sondern auch nach den Mitteln , die jemand bereit , ist , anzuwenden.
    Nicht zufällig nahm die deutsche Katastrophe ihren Lauf , als der politische Liberalismus völlig am Boden lag , eine unangenehme Parallele zu heute , wenn auch nicht in dieser radikalen Form.

    • Vor allem sind die modernen Gesellschaftssysteme dem Doitschen primär angelernt, ohne oft wirklich verstanden zu haben, warum die besser sind.

      MFG
      Dr. W (der auch die Absetzung von Satzzeichen im “Doppelspace” einzuordnen vermag)

  5. Wo zeigt sich denn diese angebliche immer wieder hochgelobte deutsche Gründlichkeit/Hartnäckigkeit und das Wesen der Deutschen genau? Die Deutschen gewinnen keine Kriege, sind nicht die Reichsten, nicht die Fleißigsten, nicht die Glücklichsten, nicht die Intelligentesten und nicht die größten Bürokraten, nicht einmal die Arrogantesten.

    Fakt ist, alle Nationalisten fühlen sich unangemessen von Ihrer Nation überzeugt – sobald man so einer Gruppe angehört, findet man plötzlich alles ganz richtig was die machen (gibt ja auch Studien dazu, hab keinen Link). Bei allen Nationalitäten sehe ich das Gleiche.

    Da wir alle Nationalisten sind (haben ja unsern Pass allen noch?), fällt es auch nicht weiter auf wenn das eigene Verhalten unbegründet stolz ist. Das geht dann soweit, dass Deutsche den Holocaust der Deutschen Gründlichkeit zuschreiben (diesen in den Zusammenhang mit germanischer Treue zu bringen zeigt auch die Einstellung der Autoren).

    MMn ist das deutsche Wesen einfach das nationalitische Wesen eines jeden Menschens. Deutsche, die im Ausland gelebt haben, wissen das in der Regel auch.

    • Wo zeigt sich denn diese angebliche immer wieder hochgelobte deutsche Gründlichkeit/Hartnäckigkeit und das Wesen der Deutschen genau?

      Bspw. im Beamtentum, im Ingenieurswesen und generell in einer gewissen Rechtwinkligkeit des Denkens. Und natürlich gewinnen Deutsche auch Kriege, zuletzt gegen Milosevic, gegen Khadafi wollte man wohl nicht mitgewinnen.
      Auch bspw. die zeitgenössische Klimaprognostik scheint in deutschen Händen gut aufgehoben.

      MFG
      Dr. W

  6. Ein Vorhaben so intensiv durchsetzen zu wollen, dass der Grund und Anlass, aus dem es begonnen wurde, zur Nebensache wird oder sogar vergessen wird – das scheint mir eine menschliche Schwäche zu sein, die man auch bei anderen Kulturen findet.

    Wenn das bei den Deutschen besonders ausgeprägt ist, dann muss man sich natürlich die Frage stellen warum das so ist. Also welche gesellschaftlichen Verhältnisse, Erziehungsideale und -praktiken, umlaufenden Idee, sprachliche Eigenheiten usw. dazu führen.
    Die Frage ist natürlich nur wichtig, wenn diese Eigenschaften bei den Deutschen denn besonders ausgeprägt sind und es sich nicht nur um ein literarisches Klischee oder ein Vorurteil handelt. Natürlich gibt es dann Deutsche, die diesem Bild besonders gut entsprechen. Aber es gibt auch andere, deren Konsequenz “im gesunden Rahmen bleibt”.

    P.S.: Gibt es eigentlich auch Leute, denen man nachsagt, besonders inkonsequent zu sein, nur um mal einen deutlichen Kontrast zu haben?

  7. Gibt es eigentlich auch Leute, denen man nachsagt, besonders inkonsequent zu sein, nur um mal einen deutlichen Kontrast zu haben?

    Klar, bspw. wäre Berlusconi in D so wenig denkbar wie anderes in anderen Ländern undenkbar wäre.

    • Wo war Mensch, also ALLE, jemals inkonsequent – konsequent, nur in seiner kreislaufenden Schwach-, Stumpf-, Blöd- und Wahnsinnigkeit, für den nun “freiheitlichen” Wettbewerb um …, in Symptomatik des GEISTIGEN Stillstandes, seit der “Vertreibung aus dem Paradies”?!

      Also ich habe schon viele Berlusconis in D gesehen, bzw. sehe noch immer welche 🙂

      • Also ich habe schon viele Berlusconis in D gesehen, bzw. sehe noch immer welche (…)

        Sogar das scheint im Auge des Betrachters zu liegen: ob viele Multimilliardäre mit angeschlossenem Medienkonzern die Politik bestimmen.

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