70 Jahre danach: Was aus Deutschland geworden

Wenn die Völker Europas des Kriegsausbruchs am 1. September 1939 gedenken, ist es Zeit, darüber zu reflektieren, was für ein Deutschland uns seitdem begleitet.

Ganz abgesehen von der Frage, wann welcher Krieg für wen begann, steht heute eines fest: Der Zweite Weltkrieg ist ein Sammelbegriff, der sich nicht durch eine Aufzählung der ihm gerechneten Bestandteile begreifen lässt, weil er viel mehr bedeutet als die eine oder andere Chronik. Er gehört aus eigener Macht heraus, als ein fast eigenständiges Wesen, zu den Fundamenten unserer Welt. Einerseits längst Teil der Vergangenheit, andererseits ewiglich wirksam: Der Zweite Weltkrieg ist, mit großem Z geschrieben, schlichtweg der Krieg.

Wie die Bibel Israel mythisierte und verewigte, so rettete ein anderes Meisterwerk (ob mit Anführungsstrichen oder nicht), ohne das die heutige Welt nicht zu verstehen ist, Deutschland aus der Normalität, aus der Banalität, aus den Krallen der Vergänglichkeit. Der Krieg hat Deutschland in ein Wesen verwandelt, das nicht mehr davon abhängt, was das konkrete, irdische Deutschland ist und tut. Denn dieser Krieg ist nur deswegen der Krieg, weil es damals um viel mehr ging als um einen Krieg: Was Weimar und Heidelberg nicht vermochten, erzielten Treblinka und Auschwitz: In den Menschenöfen von Topf und Söhne erlangte Deutschland die Unsterblichkeit à la Milan Kundera.

Als ich im Sommer 2008 an der Leo Baeck Summer University in Jewish Studies teilgenommen habe, hat mich Prof. Dr. Joachim Schlör mit dem Begriff der topographischen Fantasien bekannt gemacht: Was den Menschen spontan einfällt, was für Bilder und Vorstellungen in ihnen wach werden, wenn sie an "Polen", "Israel" oder "die USA" denken. Das Schöne und Vorzügliche an dieser Methode besteht darin, dass sie die sonst kaum greifbare Einprägung unseres kulturellen Erbes an die Oberfläche kommen lässt: Weg vom täuschenden Vorwand der Objektivität, um ans Eigentliche, an die Wahrheit zu gelangen.

Und diese Wahrheit ist, dass nur wenige Heran- und Erwachsene eine richtige Einstellung zu Südkorea oder zu Bolivien in sich bergen, aber fast jeder irgendeine in ihm wirksame Vorstellung von Deutschland mit sich trägt (ja, ich bin mir bewusst, wie eurozentrisch diese Perspektive ist). Das sind zumeist Vorstellungen, die sich nur zu einem relativ geringem Teil aus dem speisen, was man als die Realität der Bundesrepublik bezeichnen kann. Ihr eigentlicher Gehalt rührt woanders her.

Denn Deutschland wird nunmehr nicht einfach bereist wie etwa Dänemark. Ob aus den USA, Polen oder Israel: Es wird nach Deutschland zugleich gepilgert. Wenn auch nur unbewusst, kommt man unausweichlich mit dem Zweiten Weltkrieg in Kontakt, mit einem Schlüsselereignis, das unser aller Weltbild mitgestaltet. Das trifft, je nach Herkunft und Perspektive, zwar auch auf andere Länder zu. Deutsche erleben es wohl deutlicher, wenn sie Israel besuchen oder Polen. Doch auf dieser Leiter steht Deutschland über alles.

Durch jenes Tel-Aviv am Main fährt man nur durch, um anderswo hinzugelangen; dorthin, wo einem plötzlich, wenn auch nur kurz, ein anderes Deutschland begegnet, das über den Augenschein hinausragt. Nach Deutschland zu reisen, bedeutet nicht nur in ein konkretes Land, sondern innerlich auch in jenen Krieg, der vor langem endete und noch nicht abgeschlossen ist. Jeder Besuch bildet die Bereitschaft zu einer Auseinandersetzung. Ohne in diesem Deutschland je ankommen zu können, reist man nur in jenes Deutschland, strebt man stets nach dem Deutschland in sich selbst.

Dieses flüchtige Deutschland ist freilich (auch) negativ geprägt, als ginge es um eine Art Antichrist. Der Antichrist aber ist ein Faszinosum, das Böse eine Anziehungskraft – und eben daher rührt die andauernde Symbolträchtigkeit von jenem Deutschland, seine Bedeutung für die Nachwelt. Wo das großdeutsche Projekt des Holocaust angesprochen wird, da ist auch vom größten Kampf gegen ein mythisches Israel die Rede, vollbracht von einem Fleisch gewordenen Amalek; von der berauschenden Macht des Bösen, das in seinem Kern doch alles andere ist als banal; und von der anspruchvollsten Umwälzung der Moral, die sich des Menschen Seele je bemächtigte – und gerade in dem Moment prächtig scheiterte, als Himmler die vor ihm versammelten SS-Offiziere ausgerechnet dafür lobte, vor Leichen anständig geblieben zu sein, in denen sich für ihn eigentlich die neue Anständigkeit, die deutsche Moral, hätte verkörpern müssen.

An deutschem Wesen soll nichts mehr genesen – und dennoch keine Keule, im Gegenteil: Aus der gereiften Perspektive, die wir Nachgeborenen genießen, scheint aus Deutschland ein würdiges Pendant zu Israel geworden zu sein. Denn auch Israel ist nicht nur das, was einem begegnet, wenn man das heutige, irdische Israel besucht. Israel ist zugleich ein unerschöpflicher Begriff, der überall da zu finden ist, wo auf dem Regal Texte stehen wie Thomas Manns "Joseph und seine Brüder" – und wo etwa Tarantinos "Inglourious Basterds" gesehen wird, dort begegnet uns ein Stückchen von jenem Deutschland, das unabhängig von der Bundesrepublik eine eigene Existenz führt.

Diesem Deutschland entkommen auch diejenigen nicht, die noch nie in der Bundesrepublik waren. Im Gegenteil: Zu dieser Figur führt man, wie sonst zu Israel, unwillkürlich eine Beziehung, irgendeine, und zwar eine lebenslange: ob zum Guten oder zum Schlechten, ob von Hass, Liebe oder beidem geprägt. Dies symbolisches, ja fast schon mystisches Deutschland hat sich wegen des Krieges (oder dank ihm) aus der Geschichte losgelöst – und befindet sich nunmehr in guter Gesellschaft: Solange unsere Welt fortbesteht und unser kulturelles Erbe weitergetragen wird, wird Israel für immer und ewig auch ein Begriff bleiben, der über der Geschichte zu schweben scheint; ein Geschöpf der Menschen, das eigenständig mit ihnen und ihrer Welt korrespondiert. Und wie Israel, dessen symbolische Existenz sich vor langem von seinen konkreten Erfahrungen loslöste, ist jetzt Deutschland ebenfalls zu einem Begriff geworden, der geliebt wird oder gehasst, der anzieht oder abscheut, dem gegenüber man aber kaum gleichgültig sein kann.

Deutschland kam mithin wesentlich anders aus dem Krieg wieder raus als es ihn betreten hatte. Nicht nur, dass das Reich in drei Folgestaaten aufgeteilt wurde; es teilte sich auch der Deutschlandbegriff selbst in ein konkretes Deutschland, wo in Bälde eine Wahl zu einem demokratischen Parlament stattfindet, und ein symbolisches, ja, erst recht mythisches Deutschland: Wie Amerika, dessen Bedeutung weit über seine rein irdische, empirische Existenz hinausgeht, ist Deutschland nunmehr zu einer metaphysischen Größe geworden.

Was vor 70 Jahren begann, ist inzwischen zum Mythos geworden, zur neuen Bibel, anhand deren die Welt gedeutet wird – und die den Hauptdarsteller, Deutschland, unsterblich macht. Die Katastrophe machte Deutschland dem Boden gleich, doch sie war es, was "Deutschland über alles" Irdische erhob und es verewigte. Sie verlieh ihm eine überzeitliche Bedeutung, die es nie zuvor hatte. Das Menschengeschlecht ist um das Faszinisum Deutschland bereichert worden, weil erst die Tragödie von Treblinka das Tragische an Weimar enthüllen konnte.

Vielleicht hat es vor dem Krieg keinen echten Sonderweg gegeben, aber seit dem Krieg ist Deutschland ein richtiger Sonderfall – wie nur wenig andere. Es ist nicht nur ein Land, nein: Es zählt nunmehr zu den Grundmotiven unserer Kultur. "The Reich", "le Reich", "el Reich", "il Reich" usw. ist heute so weit im nichtdeutschen Ausland verbreitet wie nie zuvor. Und es fragt sich zuletzt:

Könnte der Deutschlandbegriff – wie im Fall Israel – auch nach Saecula und Millennia noch so wirksam bleiben?

Ob wir es wollen oder nicht: In unserem kollektiven Gedächtnis und in uns selbst läuft das letzte Reich doch noch einem tausendjährigen Bestehen entgegen.

 

 

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Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

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